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Belgische AKW sicher?

Von wegen! Aktuelles Gutachten ist kein Sicherheitsnachweis
(Foto: David J. Engel/ Fotolia)

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(11. Juli 2018 - aktualisiert am 18. Juli) „Belgiens Reaktoren sind sicher“ titelten die Aachener Nachrichten am 8. Juli mit Verweis auf eine Stellungnahme der Reaktorsicherheitskommission (RSK), eines Beratungsgremiums des Umweltministeriums. Doch in der Bewertung selbst findet sich diese Aussage nicht, vielmehr trifft sie der Leiter der Kommission eigenmächtig in einem Interview.

Die Kernaussage der Stellungnahme verfälscht; Zahlreiche darin gezogenen Schlüsse empirisch kaum abgesichert; Und gleich mehrere Autoren der Befangenheit verdächtig – sie arbeiten für Framatom, einem Unternehmen, das mit Brennelemente-Lieferungen vom Weiterbetrieb der belgischen Reaktoren profitiert.
Die Kritik ist schwerwiegend. Doch umso mehr wiegen die möglichen Folgen der Stellungnahme. Das Engagement der Bundesregierung für die Stilllegung der maroden Meiler droht mit ihr immer mehr eingeschränkt zu werden.

Stichhaltiger Sicherheitsnachweis für marode Meiler fehlt noch immer

Einen stichhaltigen Sicherheitsnachweis für die belgischen Reaktoren liefert die RSK-Stellungnahme, die sich den tausenden Rissen in den Reaktordruckbehältern (RDB) der AKW Tihange-2 und Doel-3 widmet, nicht. Eine zentrale Aussage ist die Feststellung, dass es "nachvollziehbar und plausibel" sei, dass es sich um herstellungsbedingte Risse in den RDB handelt – zweifelsfrei mit Versuchen nachgewiesen wurde dies nicht. Darüber hinaus werden einzelne Ergebnisse zu Materialuntersuchungen dargestellt. Doch der Bericht hebt selbst hervor, dass „die Frage bezüglich einer ausreichenden experimentellen Absicherung der Berechnungsmethoden“ offen bleibt – an verschiedenen Stellen (siehe auch Abbildung) relativieren die VerfasserInnen die Aussagekraft und empirische Validität der Untersuchungen. Die Städteregion Aachen, die zusammen mit über hundert Kommunen aus Deutschland, den Niederlanden und Luxemburg gegen die Rissereaktoren klagt, kritisiert die mangelhafte empirische Validität deutlich. „Das ist kein Nachweis der Sicherheit, das ist Augenwischerei. Man muss das Gutachten nur aufmerksam lesen! Der weitere Betrieb der Anlage ist auch weiterhin nicht zu verantworten!“, erklärt Städteregionsrat Helmut Etschenberg.

Inkonsistente Argumentation

Mehr noch: Die RSK-Stellungnahme und ihre Aneignung durch die Politik (BMU) ist merklich inkonsistent mit zahlreichen zuvor getätigten Aussagen und Bewertungen der Bundesregierung bzw. des Bundesumweltministeriums. Bislang vertrat die Regierung beispielsweise die Auffassung, dass Schmiederinge mit den entsprechenden Befunden bereits bei der Fertigung aufgrund von Sicherheitsbedenken zu verwerfen sind (vgl. Bundestags-Drucksache 18/13125). Für den Fall, dass die Risse herstellungsbedingt sind, wie es die RSK annimmt, hätten entsprechende Bauteile also nie verbaut werden dürfen.

Ausblendung kritischer Analysen renommierter MaterialexpertInnen

Unberücksichtigt in der RSK-Stellungnahme bleiben schwerwiegende Sicherheitsbedenken zahlreicher renommierter MaterialexpertInnen. Bei einer Konferenz in Aachen Mitte April dieses Jahres stellten sie ihre fundierten Analysen vor. Zu den dort auftretenden ExpertInnen gehörten Dr. Ilse Tweer und Prof. Walter Bogaerts, Prof. Wolfgang Renneberg sowie der US-amerikanische Chemiker Digby Macdonald, ein Nobelpreis-Kandidat und Experte für wasserstoffinduzierte Risse in Stahl. Statt die Erkenntnisse angemessen zu berücksichtigen spricht ihnen der Leiter der RSK, Rudolf Wieland, in einer von ihm vorangetriebenen Medienoffensive die „fachliche Befähigung zu wissenschaftlichen Analysen“ im Feld der Materialwissenschaft ab. Besonders brisant daran: Wieland selbst ist kein Materialwissenschaftler.

Unter AtomexpertInnen wird die offensive Öffentlichkeitsarbeit des Leiters der Kommission sehr kritisch betrachtet. Mit der Diffamierung der kritischen ExpertInnen und der Verfälschung der Kernaussage der RSK-Stellungnahme sei er deutlich über das Ziel hinausgeschossen. Ein Ordnungsruf an den RSK-Leiter von Seiten des BMU sei angemessen, meinen die einen. Andere fordern gar eine neue Leitung der RSK. Als Mitglied des TÜV-Nord befürchten einige gar eine gewisse Interessenkollission bei Wieland. Während er auf der einen Seite die Ergebnisse der Kommission vertreten soll, könne seine aktuelle intensive Medienarbeit auch dazu dienen, sich für Aufträge an Atomanlagen, insb. im Ausland, anzubieten.

Und nun? Stoppt die Bundesregierung Brennelemente-Lieferungen?

Ein stichhaltiger Sicherheitsnachweis wurde mit der Stellungnahme der RSK also nicht vorgelegt. Dennoch wird nun argumentiert, die Sicherheit der belgischen „Rissereaktoren“ sei nicht mehr zweifelhaft. Auch die Bundesregierung läuft Gefahr diese Lesart aufzugreifen – dies zeigt die Stoßrichtung einer aktuellen Pressemitteilung des BMU. Statt die Mängel hinsichtlich der Repräsentativität der Untersuchungen herauszustellen, heißt es darin, „die offenen Sicherheitsfragen der deutschen Experten [seien] weitgehend geklärt“. Damit droht sich das BMU in den Auseinandersetzungen um den Stopp der Brennelemente-Exporte selbst ein Bein zu stellen.

„Wir wollen verhindern, dass Kernbrennstoffe aus deutscher Produktion in Anlagen im Ausland, deren Sicherheit aus deutscher Sicht zweifelhaft ist, zum Einsatz kommen“,
heißt es im Koalitionsvertrag. Dieses Engagement in Richtung Belgien droht nun mit der heiklen Stellungnahme der Kommission zu versanden, obwohl damit auch weiterhin zahlreiche Fragen zur Sicherheit der maroden Meiler Tihange-2 und Doel-3 offen bleiben.

Fazit: „Die Rissereaktoren in Tihange und Doel sind nicht deshalb sicher, weil die Risse seit Herstellungsbeginn bestehen oder weil einige wenige – nicht repräsentative – Untersuchungen einen Teil der möglichen Beanspruchungstypen als unproblematisch einstufen. Es gilt weiterhin: Die maroden Meiler gehören stillgelegt!

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Belgischen Reaktoren den Saft abdrehen

Offener Brief:

Offener Brief unterzeichnet von Amis de la terre Belgique, .ausgestrahlt, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Friends of the Earth Flanders, Fin du Nucleaire, Umweltinstitut München und Wise Nederland.