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Bio-Revolution in Indien

(13.06.2018) In Indien haben sich mehrere Bundesstaaten auf den Weg gemacht, mit politischen Entscheidungen und finanzieller Förderung ihre Landwirtschaft komplett auf Bio umzustellen oder den Einsatz von Pestiziden zu verbieten. Am weitesten ist der kleine Bundesstaat Sikkim, in dem seit 2016 100 Prozent der Landwirtschaft Bio-Kriterien folgt. Letzte Woche gab nun auch der Bundesstaat Andhra Pradesh bekannt, dass die rund 6 Millionen Bauernfamilien des Staates spätestens ab 2024 ohne Pestizide arbeiten werden. Damit wickeln die indischen Bundesstaaten die Grüne Revolution aus den 1960er Jahren ab.

Sikkim, der Bio-Staat
Pawan Chamling, Ministerpräsident von Sikkim

Pawan Chamling ist seit 1994 Ministerpräsident von Sikkim. Das Bild stammt aus dem Flickr-Kanal von Indiens Premierminister Modi.

Sikkim, der zweitkleinste von Indiens 27 Bundesstaaten liegt im Himalaya und war bis 1975 ein eigenes Königreich. Seit 1994 regiert der Bauernsohn Pawan Chamling als Ministerpräsident. Schon 2003 beschloss das Landesparlament, die Landwirtschaft in Sikkim komplett auf Bio umzustellen.

Dieses Ziel wurde konsequent umgesetzt. Rund 60.000 landwirtschaftliche Betriebe wurden zertifiziert. Der Staat investierte in die Ausbildung der Bäuerinnen und Bauern und schaffte die Subventionen für Kunstdünger Schritt für Schritt ab. Stattdessen lernten die LandwirtInnen, wie sie mit Kompost ihre eigenen Dünger herstellen können. Bis 2016 hatte der ganze Bundesstaat auf Bio umgestellt.

Das sehr erfolgreiche Beispiel Sikkim hat in Indien große Aufmerksamkeit auf sich gezogen und einen Tourismusboom ausgelöst. Auch bei uns sorgt der erste Biostaat der Welt für Begeisterung. Doch Sikkim ist klein und die auf die Fläche bezogen sehr viel größere Bio-Revolution, die sich gerade in Indien vollzieht, wird bisher international kaum wahrgenommen. Dabei könnte sie die Welt stark verändern.

Die Agrarwende im Himalaya

Im Süden grenzt Sikkim an die Region Darjeeling, die für den Teeanbau berühmt ist. Darjeeling gehört zum Bundesstaat Westbengalen. Auch hier ist der Anteil der Bio-Landwirtschaft in den letzten Jahren stark gestiegen und liegt inzwischen bei rund 30%. Zum Vergleich: Österreich ist mit etwas über 20% Spitzenreiter in Europa.

Wie Sikkim liegt auch der Bundesstaat Uttarakhand im Himalaya und auch hier gibt es einen Parlamentsbeschluss, die Landwirtschaft zu 100% auf Bio umzustellen. Die politische Entscheidung wird mit Fördergeldern unterlegt, damit das Ziel auch erreicht werden kann. Denn es ist sehr viel zu tun: In Uttarakhand leben rund 1,6 Millionen bäuerliche Familien von der Landwirtschaft.

Doch die Agrarwende ist in Indien nicht auf die Bergregionen beschränkt.

Andhra Pradesh: Pestizidfrei bis 2024

Letzte Woche berichtete das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, dass der indische Bundesstaat Andhra Pradesh beschlossen hat, bis 2024 aus der Nutzung von chemisch-synthetischen Pestiziden komplett auszusteigen. Das ist weniger ambitioniert als eine Umstellung auf Bio. Trotzdem kommt es einer Revolution gleich.

Andhra Pradesh ist eine landwirtschaftlich geprägte Region, die große Mengen Reis, Hirse, Linsen und andere landwirtschaftlichen Massenprodukte produziert und sogar exportiert. Die Mehrheit der Menschen hier lebt von der Landwirtschaft: Über 6 Millionen Bauernfamilien werden in den nächsten Jahren lernen müssen, ohne Chemie auszukommen. In den nächsten sechs Jahren sollen dafür jährlich fast 400 Million Dollar aus Bundesmitteln investiert werden. Dagegen sehen alle Pestizid-Reduktionsprogramme in Europa alt aus. In wenigen Jahren ist damit in Indien eine zusammenhängende Region pestizidfrei, die größer ist als Österreich, Belgien und die Schweiz zusammen.

Die Entscheidung in Andhra Pradesh markiert eine echte Wende in der Agrarpolitik, denn bisher setzte der Bundesstaat auf Hochertragssorten, Freihandel und Chemieeinsatz.

Quelle: Wikimedia Commons

Im Bundesstaat Sikkim im Nordosten (dunkelgrün) wird seit 2016 nur noch ökologische Landwirtschaft betrieben.

Auch Uttarakhand (hellgrün) und das Königreich Buthan (gelb) streben 100% Bio an.

In Andhra Pradesh (rot) werden ab 2024 keine Pestizide mehr genutzt.

Indien wickelt die Grüne Revolution ab

Große Regionen Indiens verabschieden sich damit von der "Grünen Revolution" aus den 1960er Jahren. Damals wurden hochgezüchtete Sorten zusammen mit Pestiziden und Kunstdünger als großer Fortschritt verkauft, der die Menschen aus der Armut retten kann. Etwas später kam auch Gentechnik mit dazu. So wird in Indien z.B. viel genmanipulierte Baumwolle angebaut, die Glyphosat überlebt und/oder eigene Insektengifte produziert.

Mit der Grünen Revolution wurden die Erträge tatsächlich gesteigert. Doch die sozialen und ökologischen Kosten waren immens und das Ziel, aus der Armut zu entkommen, wurde nicht erreicht. Ganz im Gegenteil: Die vielen Produkte, die für die Aufrechterhaltung dieses Agrar-Systems gekauft werden müssen, machten die Bäuerinnen und Bauern abhängig von der Industrie und Banken.

Jetzt verabschieden sich nicht nur immer mehr Bäuerinnen und Bauern von der "Grünen Revolution", sondern ganze Regionen wenden sich mit politischen Beschlüssen davon ab und investieren in eine Agrarwende. Damit verlieren Bayer und die anderen globalen Player nicht nur einen großen Markt für Gentechnik und Pestizide, sondern es stirbt auch eine Lebenslüge: Den Armen der Erde helfen ihre Produkte nicht.

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