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Tschernobyl noch nicht gegessen: Radioaktivitäts-Grenzwert in Import-Pfifferlingen überschritten

Pfifferlinge sind beliebte Speisepilze. Bild: © herbert2512 | pixabay

Pfifferlinge, Foto: herbert2515, pixabay

(1.10.2019) Auch 33 Jahre nach Tschernobyl führt das Umweltinstitut stichprobenartig Messungen an Pilzen und Waldprodukten durch. In einer in einem Supermarkt in München gezogenen Probe von Import-Pfifferlingen aus Weißrussland haben wir eine erhöhte Radioaktivität von 866 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg) Caesium-137 gemessen.


Dieser Wert liegt knapp 50 Prozent über dem EU-weiten Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm und beträgt über das Achtfache des (derzeit noch) für Importe aus Japan zulässigen Wertes von 100 Becquerel pro Kilogramm. Der Handel ist verantwortlich für die Einhaltung der Lebensmittelgrenzwerte. Daher haben wir den Befund umgehend der Supermarktkette sowie den zuständigen Landesämtern für Lebensmittelsicherheit in Bayern und Nordrhein–Westfalen (Firmensitz) gemeldet. Unabhängig von unserer Meldung sind die Pilze der untersuchten Charge seit vergangenen Freitag, den 27.9. nicht mehr im Regal.

Sind alle Pilze aus Osteuropa verstrahlt?

Osteuropa ist groß. Die Menge des radioaktiven Niederschlages nach der Tschernobyl-Katastrophe, und damit auch die heutige Kontamination mit radioaktivem Caesium ist regional stark unterschiedlich. Zum Vergleich: In Weißrussland sind einige Gebiete geringer mit Radiocaesium belastet als Südbayern, andere Gebiete sind aber wiederum deutlich stärker betroffen. Wir haben weitere Proben derselben Importfirma gemessen. Diese ergaben 219, beziehungsweise 61 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg). Auch in Vorjahren lagen die Ergebnisse teils weit unterhalb des EU-Grenzwertes.

Auch das bayerische Landesamt für Umwelt untersucht jährlich 10 bis 40 Stichproben von Importpilzen auf Radioaktivität. In den Jahren 2016 bis 2018 wurde keine Grenzwertverletzung festgestellt. Der Handel muss jedoch sicherstellen, dass mindestens der EU-Grenzwert eingehalten wird – in jeder Packung.

Wie gefährlich sind die radioaktiven Pilze?

Der Verzehr von 700 Gramm der mit 866 Bq/kg belasteten Pilze (600 Bq) entspricht nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) mit 0,008 Millisievert in etwa der Strahlenbelastung eines Fluges von Frankfurt nach Gran Canaria. Das BfS will mit diesem Vergleich vermutlich ausdrücken, dass die Risiken einer Pilzmahlzeit für das Individuum gering sind. Dies mag zutreffen, wenn die restliche Nahrung unbelastet ist. Es gibt aber keine Schwelle, unterhalb der Radioaktivität gänzlich unschädlich ist. Die Dosis von 0,008 Millisievert bedeutet nach derzeitigem Kenntnisstand ein Risiko im Bereich von Eins zu einer Million, im Leben einen tödlichen Krebs zu entwickeln.

Gerade im Niedrigdosisbereich muss sich Strahlenschutz also auf große Bevölkerungsgruppen beziehen. Wenn alle Nahrungsmittel den Grenzwert von 600 Bq/kg erreichen würden, wären die gesundheitlichen Folgen in der Gesamtbevölkerung deutlich spürbar. In seiner allgemein gültigen Form ist der Radioaktivitäts-Grenzwert folglich zu hoch angesetzt. Des Weiteren ist zu bedenken, dass Individuen unterschiedlich reagieren können. Generell gilt das Minimierungsgebot: so wenig Strahlung wie möglich aufnehmen. Dies gilt insbesondere für ungeborenes Leben und Säuglinge. Denn während des Wachstums teilen sich die Zellen häufiger, für die Reparatur einer geschädigten Zelle bleibt dann weniger Zeit.

Das Umweltinstitut empfiehlt deswegen strengere Grenzwerte für Caesium-Aktivität in Lebensmitteln von 30 bis 50 Bq/kg für Erwachsene, 10 bis 20 Bq/kg für Kinder, stillende und schwangere Frauen, bei Babynahrung bis 5 Bq/kg.

Wie reagieren Händler und Behörden?

Nach unserer Messung haben wir sowohl bei den zuständigen Behörden beim Konzernsitz der betreffenden Supermarktkette als auch bei der konkreten Filiale angerufen. Die vermutlich belastete Charge an Pfifferlingen war am vergangenen Freitag ohnehin aus den Regalen genommen worden – für einen Rückruf war es nach Angaben der Konzernzentrale zu spät. Der Konzern möchte aber die betreffende Probe weiter auf ihre Herkunft analysieren sowie eine Stellungnahme seitens der Importfirma einfordern.

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat von die zuständige Münchner Lebensmittelkontrolle informiert. Pilze der vermutlich stark belasteten Charge waren offenbar ausverkauft. Stattdessen wurde eine Verdachtsprobe einer anderen Charge gezogen und beim Bayerischen Landesamt für Umwelt untersucht.

Das Untersuchungsergebnis liegt uns bisher nicht vor. Ob weitere rechtliche Schritte folgen, hängt nun davon ab, was das Gutachten der Behörde ergibt. Unsere Probe will die Behörde bisher nicht heranziehen. Wir fordern die Behörden dazu auf, wirksame Radioaktivitätskontrollen durchzuführen.

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Defizite im Strahlenschutz

Defizite im Strahlenschutz

Nicht nur in der Höhe des Grenzwertes für Radioaktivität sind Defizite in der aktuellen Strahlenschutzgesetzgebung zu verzeichnen. Ein Bespiel: nicht-tödliche Strahlenschäden wie etwa Missbildungen bei Neugeborenen, bleiben in den Risikobetrachtungen derzeit weitgehend unberücksichtigt. Diese können durch eine direkte Strahlenexposition des Embryos erzeugt werden, oder auf Strahlenbelastung der Eltern zurückgehen. Nur ein umfassendes Geburtenregister erlaubt die Untersuchung von Ursachen. Eine Auswertung des Mainzer Geburtenregisters weist darauf hin, dass Kinder von beruflich strahlenexponierten Personen deutlich häufiger Fehlbildungen aufweisen. Dennoch soll das Mainzer Modell dieses Jahr ersatzlos auslaufen. Stattdessen müssen Register dieser Art ausgeweitet werden. Es sind relevante Erkenntnisse zu erwarten, die in die Strahlenschutzgesetzgebung einfließen müssen. Zu einer Stellungnahme des BUND