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Pestizide im Bordeaux: Umweltschützerin vor Gericht

Die rothaarige Winzerstochter Valérie Murat steht in Libourne vor Gericht, weil sie Pestizide im Bordeaux-Wein gefunden hat.

Wegen Pestizid-Kritik vor Gericht: Winzerstochter Valérie Murat (Photo: @MargueritteMarié)

(15.12.2020; Update am 23.12.2020) Eine Woche vor Weihnachten begann der Prozess gegen die französische Umweltschützerin Valérie Murat. Sie hatte Pestizidrückstände in Weinen von mehr als zwanzig Weingütern im Anbaugebiet Bordelais nahe Bordeaux nachweisen können, die mit einem Label für besonders umweltfreundlichen Anbau (Haute Valeur Environnementale) ausgezeichnet sind. Für die Veröffentlichung der Messwerte steht sie nun vor Gericht. Der Fall hat erstaunliche Parallelen zum Verfahren gegen mich in Bozen in Südtirol. 

Bordeaux: Giftalarm und Greenwashing

Valérie Murat gründete im Jahr 2016 die Initiative „Alerte aux Toxiques!“ ("Giftalarm!"). Ihr Vater, selbst Winzer, war an einem Lungenkrebs gestorben, der von der französischen landwirtschaftlichen Sozialversicherung als Berufskrankheit anerkannt ist. Seitdem kämpft sie zusammen mit weiteren Anwohner:innen und einzelnen Winzerfamilien gegen den hohen Pestizideinsatz in der weltberühmten Weinbauregion rund um die Stadt Bordeaux. Sie beschäftigten sich unter anderem mit der Abdrift von Pestiziden auf Schulhöfe, gesundheitlichen Auswirkungen auf Winzer:innen und Rückständen im Wein. Der Streit um Pestizide im Bordelais schaffte es sogar in die deutschen Tagesthemen. Vor Ort jedoch sind Valérie und ihre Mitstreiter:innen für die mächtige Lobby des Bordeaux-Weins ein rotes Tuch.

Im Sommer 2020 nahm die Initiative sich des Themas Greenwashing an. Einige hochwertige Weine aus der Region werben mit einem Öko-Siegel, das nichts mit Bio-Landwirtschaft nach dem europäischen Recht zu tun hat. „Haute Valeur Environnementale“ (HVE), zu deutsch „hoher ökologischer Wert“, steht auf den Flaschen. Doch dahinter verbirgt sich konventioneller Weinbau mit dem Einsatz vieler Pestizide, die für die Umwelt und die menschliche Gesundheit schädlich sind. 22 Flaschen von HVE-Weingütern mit Preisen zwischen acht und 85 Euro schickten die Aktivist:innen an ein Labor und ließen sie auf Rückstände von Pestiziden untersuchen. In allen wurden sie fündig. Ingesamt 28 verschiedene Wirkstoffe konnten nachgewiesen werden, in einzelnen Flaschen waren es zwischen vier und 15 Stoffe. Darunter waren sehr viele, die im Verdacht stehen, ins menschliche Hormonsystem einzugreifen und die meisten sind schädlich für Wasserorganismen, viele mit langfristiger Wirkung. Diese Ergebnisse veröffentlichte die Initiative auf ihrer Homepage und in einem Dossier für die Presse.

Hexenjagd

Der Branchenverband für Bordeaux-Weine (Conseil Interprofessionnel du Vin de Bordeaux, kurz CIVB) behauptet nun, dass es sich bei der Veröffentlichung um Verunglimpfung handelt. Er verlangt von Valérie Murat eine Löschung der Veröffentlichung sowie 100.000 Euro Schadenersatz für den Verband und weitere Zahlungen an einzelne Weingüter. Zudem soll die ehrenamtliche Aktivistin Anzeigen in den Zeitungen bezahlen, die zuvor über die Rückstände in den Weinen berichtet hatten. Insgesamt summieren sich die Forderungen auf rund 450.000 €. Der sehr mächtige, von wohlhabenden alten Männern dominierte Lobbyverband CIVB fühlt sich von einer Frau aus einer Winzerfamilie besonders angegriffen. „Sie haben Angst vor mir,“ berichtet uns Valérie, „ich bin für sie wie eine Hexe, die verbrannt gehört.“

Besonders fürchtet die Weinlobby offenbar um den guten internationalen Ruf des Bordeaux. Deshalb findet der Gerichtsprozess auch nicht in der Metropole statt, obwohl sowohl der CIVB als auch „Alerte aux toxiques!“ dort ihren Sitz haben. Als Gerichtsstand wurde stattdessen die Kleinstadt Libourne inmitten des Weinbaugebiets gewählt. Die öffentliche Aufmerksamkeit soll möglichst gering gehalten werden und wer vor dem Gerichtsgebäude demonstrieren, den Prozess als Journalist:in verfolgen oder ihn als Abgeordnete:r beobachten möchte, muss nach der Anreise nach Bordeaux noch rund 30 Kilometer ins Landesinnere fahren.

Zum Auftakt organisierte Alert aux Toxiques trotzdem eine kleine Demo, bei der die Menschen sich vorher anmelden und Masken tragen mussten, um die Ausbreitung des Coronavirus nicht zu fördern. Rund 70 Personen kamen, um für eine gesunde Umwelt und das Recht auf freie Meinungsäusserung zu demonstrieren. Doch die Polizei sperrte die alle Straßen zum Gerichtsgebäude mit über 20 Beamt:innen ab. Die Behörden hatten eine militante "Aktion von Linksextremen" erwartet.

Die Stimmung vor Ort ist offenbar angespannt. Auch die Lokalpresse berichtete mit hoher Agressivität gegen Valérie und ihre Unterstützer:innen über den Fall. Und die sechs Anwält:innen des CIVB und der Chateaux präsentierten vor Gericht nicht etwa eigene Messergebnisse, sondern argumentierten ad hominem: Valérie sei von einem tief verwurzelten Hass auf Bordeaux-Wein angetrieben. 

Die Wahrheit auszusprechen ist kein Verbrechen

Trotz der aggressiven Stimmung verlief der Prozessauftakt selbst fair. Im vergleich zu meinem Prozess in Italien geht er zudem sehr schnell voran: Schon im Februar ist der nächste Termin, bei dem sogar schon ein erstes Urteil fallen könnte - weniger als sechs Monate nach Valéries Veröffentlichung. Die drei Richter:innen ließen trotz der Beschränkungen durch die Pandemie die Presse in den Saal und gaben der Verteidigung ausreichend Raum, auf die Anschuldigungen der Kläger zu antworten.

Der Einsatz von giftigen Pestiziden im konventionellen Weinbau ist ein Teil der Realität. Die Realität lässt sich nicht verstecken und die Wahrheit auszusprechen, ist kein Verbrechen. Durch den Prozess wird ganz Europa vom Pestizidproblem in seiner berühmtesten Weinbauregion erfahren. Denn obwohl Valérie ihren Aktivismus und den Prozess neben ihrem normalen Beruf stemmen muss, hat sie nicht vor, sich einschüchtern zu lassen. Dabei hilft ihr die Unterstützung beispielsweise durch den Regionalverband des alternativen französischen Bauernverbands Conféderation Paysanne oder das Umweltinstitut München.

Der Fall von Valerie Murat zeigt erstaunliche Parallelen zum Pestizidprozess in Südtirol. Aus dieser Erfahrung heraus können wir Valérie nicht nur ideell und finanziell unterstützen, sondern auch mit vielen praktischen Tipps für das Gerichtsverfahren und die Öffentlichkeitsarbeit. Wir versuchen zudem, die vielen Organisationen, die uns unterstützt haben, auf den Fall aufmerksam zu machen. Wenn auch Sie etwas tun wollen, verbreiten Sie diesen Artikel, damit auch in Deutschland möglichst viele Menschen vom Pestizidproblem im Bordelais und von den Methoden, mit denen vor Ort gegen Kritik vorgegangen wird, erfahren. Wenn das gelingt, geht die Strategie des CIVB nach hinten los.

Infomaterial
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