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Pestizideinsätze: Bringt die EU endlich Licht ins Dunkel?

Wie viele Pestizide landen auf den Feldern? Das weiß in ganz Europa niemand genau. (Bild: Jean Wimmerlin / unsplash)

Wie viele Pestizide landen auf den Feldern? Das weiß in ganz Europa niemand genau. (Bild: Jean Wimmerlin / unsplash)

(7.10.2021) Niemand weiß genau, welche und wie viele Pestizide in unserer Umwelt landen. Über diese wichtige Information besteht eine klaffende Wissenslücke – nicht nur bei Bürger:innen und Umweltschutzorganisationen, sondern auch in der Wissenschaft, der Politik und sogar bei den Behörden, die darüber entscheiden, welche Pestizidwirkstoffe für die Anwendung zugelassen werden. Das muss sich dringend ändern.

Geheimsache Pestizideinsätze

Möchte eine Wissenschaftlerin, eine Mitarbeiterin einer Umweltschutzorganisation oder ein Angestellter einer Naturschutzbehörde im US-Staat Kalifornien wissen, welche Mengen eines Pestizids innerhalb eines Jahres in einem bestimmten Bezirk eingesetzt wurden, so kann er oder sie diese Information in einer offiziellen, öffentlich zugänglichen Datenbank ganz einfach abfragen. Von so viel Transparenz sind wir in Europa weit entfernt. Denn hierzulande kommt man an genaue Informationen über Spritzeinsätze nur über zermürbende Auseinandersetzungen mit Behörden, die in aller Regel letzten Endes vor Gericht landen. So klagen wir selbst aktuell, um Daten über Pestizideinsätze in einem Biosphärenreservat in Brandenburg einsehen zu können.

Pestizide: Unberechenbares Risiko

Pestizide dürfen in der EU erst verkauft werden, nachdem verschiedene Behörden grünes Licht gegeben haben. Die Behörden prüfen die Auswirkungen der Stoffe auf Umwelt und menschliche Gesundheit und entscheiden dann darüber, ob die Ausbringung auf Äckern und Feldern erlaubt sein soll. Diese Prüfungen werden im Labor durchgeführt und beruhen auf bestimmten Annahmen darüber, unter welchen Bedingungen die Pestizide in der Realität ausgebracht werden. Doch ohne genau zu wissen, in welchen Mengen und in welcher Kombination Pestizide in der landwirtschaftlichen Praxis tatsächlich verwendet werden, ist eine realistische Einschätzung der Risiken für die menschliche Gesundheit sowie die Umwelt unmöglich. Gefährliche Cocktaileffekte können beispielsweise ohne Kenntnis über die reale Pestizidausbringung kaum eingeschätzt oder erforscht werden.

Informationen bleiben in der Schublade

Die Intransparenz der Behörden liegt indes nicht etwa daran, dass in Europa die entsprechenden Informationen nicht existieren. Denn seit 2009 ist jeder landwirtschaftliche Betrieb in der EU dazu verpflichtet, seine Spritzeinsätze zu dokumentieren. In den sogenannten „Spritzheften“ oder „Betriebsheften“ wird präzise erfasst, welche Pestizide wann und wo in welcher Menge und Kombination verwendet wurden. Die Hefte verschwinden aber meist ungelesen in der Schublade und dürfen nach drei Jahren vernichtet werden. Zentral erfasst werden die Dokumente durch die zuständigen Behörden nicht. Stattdessen lassen sich die Ämter die Hefte einzelner landwirtschaftlicher Betriebe nur gelegentlich zur Stichprobenkontrolle vorlegen. Diese wichtigen Dokumente werden größtenteils gar nicht angeschaut, geschweige denn flächendeckend kontrolliert oder gar veröffentlicht.

Wie aufwändig es ist, diese Dokumente so aufzubereiten, dass sie ausgewertet werden können, erfahren wir gerade selbst im Rahmen des laufenden Gerichtsverfahrens gegen unseren Mitarbeiter Karl Bär in Südtirol.

Völlige Ahnungslosigkeit über Pestizideinsätze
Tausende Tonnen an Pestiziden werden in der EU jedes Jahr ausgebracht, wie wir aus Verkaufsstatistiken wissen. Doch wie viele genau, bleibt ein Rätsel © Dusan Kostic / fotolia.com).

Tausende Tonnen an Pestiziden werden in der EU jedes Jahr ausgebracht, wie wir aus Verkaufsstatistiken wissen. Doch wie viele genau, bleibt ein Rätsel. (Bild: Dusan Kostic / fotolia.com)

In der Folge bleiben nicht nur Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftler:innen im Dunkeln über die Mengen der Pestizide, der unsere Umwelt tatsächlich ausgesetzt ist. Jeder und jede Einzelne von uns hat keine Möglichkeit, genau zu erfahren, welchen und wie vielen Pestiziden wir täglich ausgesetzt sind. Auch die regionalen Wasserversorger können ihrer Aufgabe nicht nachkommen, die Trinkwasserqualität zu garantieren, ohne zu wissen, nach welchen Substanzen sie suchen müssen.

Außerdem bleiben die Pläne der EU, im Rahmen der „Farm to Fork“-Strategie den Pestizideinsatz bis 2030 zu halbieren, zwangsläufig leere Versprechungen, solange es keine Transparenz gibt. Denn ohne den Status quo zu kennen, kann auch nicht kontrolliert werden, ob und wie sehr sich die Menge und Toxizität der Ackergifte in den nächsten Jahren tatsächlich reduziert.

Pestizid-Datenbank auch für Europa?

Diesem unhaltbaren Zustand könnte bald ein Ende gesetzt werden: Die Mitgliedstaaten der EU sollen in Zukunft verpflichtet werden, die Spritzhefte der Landwirt:innen tatsächlich einzusammeln, statistisch zu erfassen und die Daten für die Öffentlichkeit einsehbar zu machen. Infolge eines Reform-Vorschlags der EU-Kommission über Pestizid-Statistiken könnten auch wir in Europa uns dann im besten Fall über „kalifornische Zustände“ freuen. Jede:r von uns könnte dann ganz einfach in der Datenbank des Statistischen Amtes der EU (Eurostat) nachschauen, welche Pestizide wann, wo und in welchen Mengen verwendet wurden.

Wir fordern Transparenz
Insgesamt dreizehn Briefe an die aktuelle und zukünftige Bundesregierung haben wir verschickt, um die Offenlegung von genauen Daten über Pestizideinsätze zu fordern (Bild Umweltinstitut).

Insgesamt dreizehn Briefe an die aktuelle und zukünftige Bundesregierung haben wir verschickt, um die Offenlegung von genauen Daten über Pestizideinsätze zu fordern. (Bild: Umweltinstitut)

Doch bevor dieses Szenario Realität wird, müssen die europäischen Mitgliedsstaaten dem Vorschlag der Kommission zustimmen - und das will die Agrar-Lobby verhindern. Denn die Öffentlichkeit soll nicht erfahren, wie viel Gift die konventionelle Landwirtschaft in die Umwelt ausbringt. Um dem Einfluss der Chemiekonzerne etwas entgegenzusetzen, haben wir daher zusammen mit anderen Umweltorganisationen eine Reihe offene Briefe an die kommissarische Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und die Agrar-Verhandler:innen der Ampel-Koalition geschrieben. Darin fordern wir die Politiker:innen auf, der Öffentlichkeit in Zukunft Zugang zu genauen Informationen über Pestizid-Einsätze  zu ermöglichen. Ähnliche Briefe haben unsere Verbündeten in anderen EU-Ländern an ihre jeweiligen Regierungen geschickt. Auch einen zentralen Brief an die Vertretungen der Mitgliedstaaten auf EU-Ebene haben wir mitgezeichnet.

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