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Pestizideinsätze: Bringt die EU endlich Licht ins Dunkel?

Wie viele Pestizide landen auf den Feldern? Das weiß in ganz Europa niemand genau (Bild: Jean Wimmerlin / unsplash)

Wie viele Pestizide landen auf den Feldern? Das weiß in ganz Europa niemand genau (Bild: Jean Wimmerlin / unsplash)

(7.10.2021) Niemand weiß genau, welche und wie viele Pestizide in unserer Umwelt landen. Über diese wichtige Information besteht eine klaffende Wissenslücke – nicht nur bei Bürger:innen und Umweltschutzorganisationen, sondern auch in der Wissenschaft, der Politik und sogar bei den Behörden, die darüber entscheiden, welche Pestizidwirkstoffe für die Anwendung zugelassen werden. Das könnte sich jetzt ändern.

Geheimsache Pestizideinsätze

Möchte eine Wissenschaftlerin, eine Mitarbeiterin einer Umweltschutzorganisation oder ein Angestellter einer Naturschutzbehörde im US-Staat Kalifornien wissen, welche Mengen eines Pestizids innerhalb eines Jahres in einem bestimmten Bezirk eingesetzt wurden, so kann diese Information in einer offiziellen, öffentlich zugänglichen Datenbank ganz einfach abgefragt werden. Von so viel Transparenz sind wir in Europa weit entfernt. Denn hierzulande kommt man an genaue Informationen über Spritzeinsätze nur über zermürbende Auseinandersetzungen mit Behörden, die in aller Regel letzten Endes vor Gericht landen.

Informationen bleiben in der Schublade

Die Intransparenz der Behörden liegt indes nicht etwa daran, dass in Europa die entsprechenden Informationen nicht existieren. Denn seit 2009 ist jeder landwirtschaftliche Betrieb in der EU dazu verpflichtet, seine Spritzeinsätze zu dokumentieren. In den sogenannten „Spritzheften“ oder „Betriebsheften“ wird präzise erfasst, welche Pestizide wann und wo in welcher Menge und Kombination verwendet wurden. Die Hefte verschwinden aber meist ungelesen in der Schublade und dürfen nach drei Jahren vernichtet werden. Zentral erfasst werden die Dokumente durch die zuständigen Behörden nicht. Stattdessen lassen sich die Ämter die Hefte einzelner landwirtschaftlicher Betriebe nur gelegentlich zur Stichprobenkontrolle vorlegen. Diese wichtigen Dokumente werden größtenteils gar nicht angeschaut, geschweige denn flächendeckend kontrolliert oder gar veröffentlicht.

Wie aufwändig es ist, diese Dokumente so aufzubereiten, dass sie ausgewertet werden können, erfahren wir gerade selbst im Rahmen des laufenden Gerichtsverfahrens gegen unseren Mitarbeiter Karl Bär in Südtirol.

Pestizide: Unberechenbares Risiko

Pestizide dürfen in der EU erst verkauft werden, nachdem verschiedene Behörden grünes Licht gegeben haben. Die Behörden prüfen die Auswirkungen der Stoffe auf Umwelt und menschliche Gesundheit und entscheiden dann darüber, ob die Ausbringung auf Äckern und Feldern erlaubt sein soll. Diese Prüfungen werden im Labor durchgeführt und beruhen auf bestimmten Annahmen darüber, unter welchen Bedingungen die Pestizide in der Realität ausgebracht werden. Doch ohne genau zu wissen, in welchen Mengen und in welcher Kombination Pestizide in der landwirtschaftlichen Praxis tatsächlich verwendet werden, ist eine realistische Einschätzung der Risiken für die menschliche Gesundheit sowie die Umwelt unmöglich. Gefährliche Cocktaileffekte können beispielsweise ohne Kenntnis über die reale Pestizidausbringung kaum eingeschätzt oder erforscht werden.

Pestizid-Datenbank auch für Europa?

Diesem unhaltbaren Zustand könnte bald ein Ende gesetzt werden: Die Mitgliedstaaten der EU in Zukunft könnten verpflichtet werden, die Spritzhefte der Landwirt:innen tatsächlich einzusammeln, statistisch zu erfassen und der Öffentlichkeit in digitaler Form zur Verfügung zu stellen. Diese Option wird aktuell in Brüssel im Rahmen eines Reformvorschlags der EU-Kommission über landwirtschaftliche Statistiken diskutiert. Sollte der Vorschlag tatsächlich umgesetzt werden, so könnten auch wir in Europa uns über „kalifornische Zustände“ freuen. Jede:r von uns könnte dann ganz einfach in der Datenbank des Statistischen Amtes der EU (Eurostat) nachschauen, welche Pestizide wann, wo und in welchen Mengen verwendet wurden.

Völlige Ahnungslosigkeit über Pestizideinsätze
Tausende Tonnen an Pestiziden werden in der EU jedes Jahr ausgebracht, wie wir aus Verkaufsstatistiken wissen. Doch wie viele genau, bleibt ein Rätsel © Dusan Kostic / fotolia.com).

Tausende Tonnen an Pestiziden werden in der EU jedes Jahr ausgebracht, wie wir aus Verkaufsstatistiken wissen. Doch wie viele genau, bleibt ein Rätsel © Dusan Kostic / fotolia.com).

In der Folge bleiben nicht nur Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftler:innen im Dunkeln über die Mengen der Pestizide, der unsere Umwelt tatsächlich ausgesetzt ist. Jeder und jede einzelne von uns hat keine Möglichkeit, genau zu erfahren, welchen und wie vielen Pestiziden wir täglich ausgesetzt sind. Auch die regionalen Wasserversorger können ihrer Aufgabe nicht nachkommen, die Trinkwasserqualität zu garantieren, ohne zu wissen, nach welchen Substanzen sie suchen müssen.

Wir fordern Transparenz

Doch bevor dieses Szenario Realität wird, muss das EU-Parlament über den Vorschlag der Kommission abstimmen. Ob in Zukunft Transparenz über Pestizideinsätze in Europa herrscht, hängt also vom Abstimmungsverhalten der Parlamentarier:innen ab. Viele von diesen stehen unter dem Einfluss der Agrar-Lobby, die gerne verhindern will, dass die Öffentlichkeit erfährt, wie viel Gift die konventionelle Landwirtschaft in die Umwelt ausbringt. Wir müssen dagegen halten: Deshalb haben wir gemeinsam mit 20 anderen Umwelt- und Gesundheitsorganisationen einen Brief an alle Abgeordneten des zuständigen Landwirtschaftsausschusses des EU-Parlaments geschickt. Darin fordern wir die Politiker:innen auf, sicherzustellen, dass die Wahrheit über Pestizid-Einsätze in Zukunft jedem zugänglich gemacht wird.

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Wenn auch Sie nicht länger im Dunkeln bleiben wollen, teilen Sie unsere Meldung mit Freund:innen und Bekannten und in den sozialen Medien. Je mehr Öffentlichkeit wir für unser Anliegen schaffen, desto höher die Chance, dass wir die Europa-Abgeordneten zu einer Abstimmung in unserem Sinne bewegen können.

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