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Deutschland. Ein Rapsfeld?

ein rapsfeld.....der WAHNSINN!

© BgKan / pixelio.de

Rüdiger Graß ist Agrarwissenschaftler an der Universität Kassel, Fachgebiet Grünlandwissenschaft und Nachwachsende Rohstoffe. Im November plädierte Graß als Experte in der Bundestagsanhörung "Bioenergie/ Ressourcenkonkurrenz" für eine effiziente und ökologische Nutzung von Biomasse und forderte mehr dezentrale Strukturen. Die Münchner Stadtgespräche fragten zum Thema Energieeffizienz von Biomasse genauer nach.

Münchner Stadtgespräche: Herr Graß, macht es Sinn, Biomasse als Energieträger zu nutzen?
Graß: Die derzeitigen Umwandlungsverfahren haben noch eine sehr geringe Energieausbeute, im Treibstoffsektor liegen die Wirkungsgrade gerade mal bei 20, maximal 30 Prozent – das ist fatal. Im Biogassektor ist oft nur der Strom als Energieertrag anzurechnen, da die Wärme nicht genutzt wird. Das hat zur Folge, dass der Wirkungsgrad hier bei maximal 40 bis 50 Prozent liegt.

Wie soll Agroenergie zukünftig genutzt werden?
Biomasse sollte nicht primär im Treibstoffsektor verwendet werden. Es ist Unsinn, bei dem derzeitigen Kraftstoffverbrauch auf Agrosprit umzustellen. In unserem Treibstoffsektor ist es kaum möglich, sinnvoll regenerative Energien einzusetzen. Allein schon die Tatsache, dass wir in ganz Deutschland Raps anbauen müssten, nur um unseren Kraftstoffbedarf annähernd decken zu können, zeigt die Absurdität der ganzen Diskussion. Eine effiziente und ökologisch verträgliche Biomassenutzung ist derzeit nur mit der Produktion von Strom und Wärme sinnvoll, wodurch wir fossile Energieträger ersetzen können. Das hat auch das Sondergutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen ergeben. Damit einhergehen muss eine Systemänderung, die auch beinhaltet, dass wir unsere unsinnigen Verbrauchsgewohnheiten ändern.

Stellt zertifizierter Agrosprit eine Ausnahme dar?
Solange wir Motoren mit bis zu 14 Liter Spritverbrauch pro 100 km haben, ist von Effizienz im Treibstoffsektor sowieso keine Rede. Ein nachhaltiges Anbausystem ist nur bei Sprit aus Biogas möglich, der erste Schritt muss aber eine Veränderung unseres Verkehrssektors sein.

Lässt sich mit Biomasse zukünftig ganz Deutschland versorgen?
Wenn wir unsere Verbrauchsgewohnheiten nicht massiv ändern auf keinen Fall. Biomasse alleine hat nicht das Potential, ganz Deutschland zu versorgen. Es kommt eben auf den Energiemix an, also Biomasse, Solarenergie, Windkraft und Wasserkraft. Das Bewusstsein, dass es sinnlos ist, zu versuchen, umweltgerecht Energie zu erzeugen und gleichzeitig die gewonnene Energie zu verschwenden, ist bereits vorhanden. Wir müssen uns entscheiden. Machen wir so weiter wie bisher, importieren Bioenergie und zerstören die letzten Regenwälder, oder sind wir bereit umzudenken und unsere Gewohnheiten zu ändern.

© privat

Kann die deutsche Landwirtschaft überhaupt wettbewerbsfähig Biomasse produzieren?
Die Tatsache, dass andere Länder günstiger Biomasse verkaufen liegt vor allem daran, dass im Preis nicht die damit einhergehende Umweltbelastung und der Kostenaufwand berücksichtigt werden, wie zum Beispiel der CO2-Ausstoß durch Transport, Spritz- und Düngemitteleinsatz, die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts oder der Maschineneinsatz. Es darf nicht passieren, dass die positiven Aspekte des Klimaschutzes durch die negativen Auswirkungen bei der Biomasseerzeugung zu Nichte gemacht werden. Wenn man also den wahren Preis hinter der importierten Agroenergie sieht, dann kann die deutsche Landwirtschaft sehr wohl wettbewerbsfähig Biomasse produzieren.

Wie funktioniert energieeffiziente Biomasseproduktion auf kleinen Bauernhöfen?
Gerade diese Energieerzeugung ist oft effizient, da es sich aufgrund ihres hohen Wassergehalts sowieso nicht lohnt, Biomasse über Kilometer hinweg zu transportieren. Für Gemischtbetriebe, die weiterhin Nahrungsmittel produzieren und gleichzeitig die Gülle und selbstangebaute Energiepflanzen für die Biogasanlage verwenden, sehe ich große Chancen. Im Allgäu etwa gibt es schon jetzt viele Bauernhöfe, die ihre Hofkäserei und ihre Wohnräume mit Wärme aus der Biogasanlage bedienen. Im Sommer kann die Biogasanlage als Kühlung oder zur Getreide- und Heutrocknung dienen. Ein Beispiel für eine größere Anlage ist das Bioenergiedorf Jühnde, das über ein Wärmenetz verfügt, welches das ganze Dorf versorgt.

Wie sehen Sie die Entwicklung von Biomasse als Energieträger?
Ich bin verhalten optimistisch. Euphorien, wie die damalige Hochstimmung zu Beginn des Biogasbooms sind gefährlich, da man schnell die negativen Aspekte übersieht. Inzwischen erkennen die Landwirte selbst, dass die damals hochgelobten Maismonokulturen viele Probleme in sich bergen, weshalb man jetzt auch wieder davon abkommt. Wichtig ist, dass man den Energieversorgungsunternehmen und den Mineralölkonzernen, die vor allem Profitmaximierung vor Augen haben und die negativen Auswirkungen ignorieren, nicht das Spielfeld überlässt und die Wertschöpfung dezentral in den Regionen erzielt.

Dezember 2007