Facebook .
Twitter .
Menü
Home  trenner  Archiv Energie und Klima  trenner  Fachinformationen  trenner  Ethanolproduktion in Nicaragua
Tödlicher Biosprit

Die Renaissance des Zuckerrohranbaus in Nicaragua

EU und Bundesregierung fördern massiv die Beimischung von Biokraftstoffen. Am Beispiel Nicaragua zeigt sich, dass von „bio“ bei der Herstellung von Bioethanol nicht die Rede sein kann. Die gängigen Methoden des Zuckerrohranbaus schädigen die Gesundheit zahlreicher Menschen – oft mit tödlichen Folgen.

Text und Fotos: Heinz Reinke, Nicaragua Forum Heidelberg

In der Pazifikregion Nicaraguas boomt der Zuckerrohranbau. Die Anbauflächen werden jährlich ausgedehnt. Sowohl auf den Ländereien der Familie Pellas, rund um den Zuckerrohrbetrieb San Antonio bei Chichigalpa, als auch auf den Ländereien der Verarbeitungsanlage Sta. Rosa der Grupo Pantaleon bei El Viejo schlagen tausende von Saisonarbeiter im Akkord Zuckerrohr.

 

 

Mehr Zuckerrohr für mehr "Bio"-Sprit
Zuckerfabrik Monte Rosa

Zuckerfabrik Monte Rosa
© Heinz Reinke, Nicaragua Forum Heidelberg

Das Zuckerrohr dient immer öfter als Ausgangsstoff zur Produktion von Bioethanol. Entscheidend für die steigende Bioethanolproduktion ist die Beimischungsregelung der EU. Das Zuckerrohr spielt hierbei eine wichtige Rolle.

Zwar ist die Zuckerrohrproduktion Nicaraguas im Vergleich zu Brasilien und Mexiko gering, doch hat sie für das Land große wirtschaftliche Bedeutung. Mit 35.000 Beschäftigten und einem Exportvolumen in Höhe von 80 Millionen Dollar ist die zuckerrohrverarbeitende Industrie in der Pazifikregion der wichtigste Arbeitgeber.

Giftiger Zuckerrohranbau
Proteste der erkrankten und entlassenen Arbeiter.

Proteste der erkrankten und entlassenen Arbeiter.
© Heinz Reinke, Nicaragua Forum Heidelberg

Doch diese wirtschaftliche Bedeutung wird teuer erkauft. Denn die Anbaumethoden belasten Böden und Grundwasser. Und sie sind gesundheitsschädlich: Allein in Nicaragua leiden tausende Arbeiter und Teile der lokalen Bevölkerung an den Folgen der Zuckerrohrproduktion. An erster Stelle der Erkrankungen steht die chronische Niereninsuffizienz.

 
Proteste der erkrankten und entlassenen Arbeiter.

Die Konzentration der Todesfälle durch Nierenversagen in den Zuckeranbaugebieten Nicaraguas lässt nach einer aktuellen Studie der Boston University School of Public Health darauf schließen, dass die Methoden des Zuckerrohranbaus und das verunreinigte Grundwasser für die gehäften Fälle von Niereninsuffizienz verantwortlich sind.

Die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache: Die Organisation der Opfer, ANAIRC, spricht von bislang 3.500 Todesfällen und 8.000 Erkrankten in der Region. Die Sterblichkeit durch Nierenversagen ist in der Region zehnmal höher als in anderen landwirtschaftlichen Regionen. In der Klinik von El Viejo steht die Niereninsuffizienz an erster Stelle der erfassten Todesfälle, mit sechs bis zehn Toten pro Monat. Selbst junge Menschen ohne typische Risikofaktoren und Vorerkrankungen erkranken in den Anbaugebieten.

Insbesondere der jahrelange Einsatz von Pestiziden, so zum Beispiel von Toxaphen und des auf der schwarzen Liste stehenden Atrazin, sowie ungenügende Schutzmaßnahmen werden von den Geschädigten für die Erkrankungen verantwortlich gemacht. Die ArbeiterInnen und ihre Familien beziehen ihr Trinkwasser aus einfachen Brunnen inmitten der belasteten Anbauflächen. Das dürfte eine weitere Ursache der Erkrankungen sein.

Erst erkrankt, dann entlassen

Unbeschwerte Kinder in tödlicher Gefahr.
© Heinz Reinke, Nicaragua Forum Heidelberg

Die betriebseigenen Labore überprüfen die Blutwerte der Arbeiter inzwischen regelmäßig. Werden erhöhte Werte festgestellt, die eine chronische Schädigung der Niere anzeigen, werden die jeweiligen MitarbeiterInnen entlassen. Durch die daraus folgende prekäre ökonomische Situation der Familien und die kaum zu behandelnde Erkrankung entsteht für die Betroffenen eine albtraumhafte Situation, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Da die Erkrankung meist in einem fortgeschrittenen Stadium festgestellt wird, ist eine Heilung in der Regel ausgeschlossen. Dialyse und Transplantation sind können vom lokalen Gesundheitssystem nicht geleistet werden. Eine Linderung durch Medikamente ist nur schwer finanzierbar.

Die erkrankten und entlassenen ArbeiterInnen und ihre Familien haben zwei Verbände gegründet: Die Entlassenen des Betriebes Sta. Rosa schlossen sich in der ASTRAIRC zusammen, die des ingenios San Antonio in der ANAIRC. Von den mehreren hundert Zuckerrohrarbeitern, die über ein Jahr lang in Managua vor der Nationalversammlung kampierten, sind inzwischen etliche während ihres Aufenthalts im Protestcamp gestorben. Ein Großteil kehrte aufgrund der Krankheit nach Hause zurück und wartet dort auf den Tod.

Unternehmen streiten alles ab
Erkrankter Zuckerrohrarbeiter

Erkrankter Zuckerrohrarbeiter.
© Heinz Reinke, Nicaragua Forum Heidelberg

Die im Konsortium Nicaraguanischer Zuckerbesitz Ltd. (NSEL) zusammengeschlossenen Unternehmen setzen den protestierenden ArbeiterInnen auf unterschiedliche Weise zu und versuchen, deren Organisation unglaubwürdig zu machen. Internetseiten, Foren und Betriebsgewerkschaften werden benutzt, um die Entlassenen zu diskreditieren. Die monatlichen Lebensmittelpakete an ehemalige, erkrankte MitarbeiterInnen werden nicht als Entschädigung, schon gar nicht als Schuldeingeständnis gesehen. In ihren Kampagnen bestreitet das Konsortium alle Vorwürfe und präsentiert sich als Vorzeigebetrieb, der nahezu ausschließlich biologische Schädlingsbekämpfung betreibe.

Das Parlament hat sich mittlerweile mit dem Skandal beschäftigt und die Arbeitsschutzgesetzgebung für die in der Landwirtschaft beschäftigten ArbeiterInnen verschärft. Gemäß Gesetz 456 wurde die IRC als Berufskrankheit zwar anerkannt, allerdings als eine "mit vielfältigen Ursachen" - eine Formulierung, die Entschädigungsforderungen gegen die Familie Pellas, eine der reichsten und einflussreichsten Unternehmerfamilien in Nicaragua, erschweren dürfte.

Was zählt: Motoren oder Menschen?

Vor diesem Hintergrund scheint die derzeitige Diskussion um die Biokraftstoffrichtlinie der EU und deren Umsetzung in die so genannte Biokraftstoffquote der Bundesrepublik Deutschland verkürzt. Während der Agrotreibstoff hierzulande in Bezug auf die Verträglichkeit für Ottomotoren diskutiert wird und die jüngst eingeführte Zertifizierung primär ökologische Aspekte berücksichtigt, sterben in Nicaragua Menschen an den Folgen der Herstellung. Doch davon nehmen weder Gesetzgeber noch VerbraucherInnen Kenntnis. Die Verschärfung der Zertifizierungsrichtlinien der EU für den Import von Bioethanol ist überfällig. Auf der politischen Agenda stehen somit die Formulierung umfassender sozialer und umweltrechtlicher Kriterien, die Landgrabbing ausschließen und tödliche Produktionsformen verhindern.

„Es ist eine Katastrophe"

Interview mit Noel Mendoza, Vertreter der Geschädigten

Noel Mendoza, Vertreter der Niereninsuffizenzgeschädigten

Noel Mendoza, Vertreter der Niereninsuffizenzgeschädigten.
© Nicaragua-Forum Heidelberg

Was macht die Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern so gefährlich?
Bis kurz vor der Ernte wird ein Mix von Pestiziden verwendet (Counter, Furadan und Gramoxome, H.R.). Dann flammt man die Zuckerrohrfelder ab, damit die scharfen Blätter die ErntearbeiterInnen nicht schneiden. Beim Schneiden atmen wir dann die aufgewirbelte Asche und die Rückstände der Spritzmittel ein.

Wie viele Menschen sind erkrankt?
Nach unseren Untersuchungen sind in der Gemeinde El Viejo etwa 30 Prozent der Einwohner an Niereninsuffizienz erkrankt, also bei weitem nicht nur Zuckerrohrarbeiter. Auch junge Leute ohne Vorerkrankung sterben daran. Diese Situation ist alarmierend. Es ist eine Katastrophe, was sie mit dem Einsatz der Chemikalien angerichtet haben.

Gibt es keine Vorgaben des Gesundheitsministeriums zum Einsatz von Chemikalien?
Man kennt die Auswirkungen der in der Landwirtschaft eingesetzten Chemikalien. Aber giftige Pestizide, wie Furadan, das in der EU nicht zugelassen ist, werden dennoch eingesetzt.

Interview: Nicaragua-Forum Heidelberg