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Fragen & Antworten - Agro-Kraftstoffe - Soziale/Ökonomische Aspekte

Was bedeutet der Energiepflanzenanbau für die globale Ernährungssicherheit?

Satt werden oder Auto antreiben? Beides können nur die Menschen in den reichen Ländern.
© Deutsche Welthungerhife

Energiepflanzen-Plantagen stehen in direkter Konkurrenz zur Nahrungsmittelanbaufläche. Dies führt unweigerlich zu Nahrungsmittelverknappung und Preissteigerungen bei Lebensmitteln und geht vor allem zu Lasten der armen Bevölkerung. So führte die gestiegene Maisnachfrage amerikanischer Ethanolproduzenten bereits zu einer Verdopplung des Maismehlpreises in Mexiko ("Tortilla-Krise").
Die 800 Millionen Menschen, die ein Auto besitzen und dabei zugleich selbstverständlich satt sind, stehen mit ihrem Wunsch nach Agro-Treibstoffen in direkter Konkurrenz zu den über 850 Millionen Menschen, die wegen ihres geringen Einkommens kaum genug Nahrung kaufen können. Das Getreide, das umgewandelt in Ethanol für eine einzige Tankfüllung eines Oberklassewagens notwendig ist, könnte einen Menschen ein ganzes Jahr lang ernähren. Das Ziel der G8 den Welthunger zu halbieren ist also nicht realisierbar, wenn man die landwirtschaftliche Fläche durch Energiepflanzenanbau de facto reduziert. Schließlich muss ein Hektar Ackerland schon jetzt immer mehr Menschen ernähren: 1950 ernährte ein Hektar noch 1,7 Personen, im Jahr 2050 müssen bereits 7 Menschen von einem Hektar Ackerland leben.

Fördert der Anbau von Agroenergie-Pflanzen kleinbäuerliche Strukturen?

Entgegen aller Behauptungen der Industrie, lokale Gemeinschaften würden von dem Anbau der Energiepflanzen profitieren, da sie ihnen neue Einnahmequellen erschlössen, steuert die tatsächliche Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Das hat strukturelle Gründe. Denn um fossile Brennstoffe zu ersetzen, müssen Sprit-Pflanzen auf vielen Millionen Hektar wachsen. Zentralisierte Strukturen unter dem Einfluss multinationaler Konzerne sind die unweigerliche Folge. Die geballte Finanzmacht von Investmentfonds, Ölmultis, Agroindustrie- und Gentechnikkonzernen verspricht sich vom Umstieg auf Agro-Kraftstoffe Traumrenditen. Dieser Überbau ist in keiner Weise an kleinbäuerlichen Strukturen in intakten ländlichen Gemeinschaften, vielfältigen und nachhaltigen Fruchtfolgen, Mischkultur, Nützlingsförderung und fairem Handel interessiert.
Eine Folge sind Landvertreibungen und die Übernahme riesiger Flächen durch Großkonzerne. In vielen Ländern des Südens sind besonders Menschen in direkter Nachbarschaft der Agrosprit-Plantagen stark betroffen. Vielfach sind vor allem Kleinbauern von illegalen Enteignungen betroffen, damit zum Beispiel noch mehr Palmölmonokulturen entstehen können. In Kolumbien übernehmen diese schmutzige Arbeit vielfach rechtsgerichtete Todesschwadronen, die im Auftrag der Agrosprit-Konzerne tätig sind. Bauern, die sich weigern ihre Äcker aufzugeben, werden einfach erschossen. 113 Morde haben kolumbianische Menschenrechtler schon dokumentiert. Auch Sklavenhaltung ist weit verbreitet. So gibt es Schätzungen, dass allein auf brasilianischen Zuckerrohrplantagen rund 200.000 Menschen unter unsäglichen Bedingungen als Sklaven arbeiten. Katholische Geistliche in der Region sprechen daher statt von Agro-Kraftstoffen bereits von "Todessprit".
Laut Pro Regenwald verloren allein in Brasilien zwischen 1985 und 1996 5,3 Millionen Menschen unter Zwang ihr Land. Allen Versprechungen zum Trotz schaffen die Plantagen für die Bevölkerung nur wenige Arbeitsplätze, wie z.B. in Brasilien: Eine typische Eukalyptusplantage bietet auf 100 ha nur einen Arbeitsplatz, eine Soja-Monokultur zwei und eine Zuckerrohrplantage zehn Arbeitsplätze.

Werden Agro-Kraftstoffe finanziell gefördert?

Die Europäische Union will bis Ende 2007 zwei Prozent ihres Ölverbrauchs durch Biodiesel ersetzen und die Quote bis 2020 auf 20 Prozent steigern. Um dies zu erreichen, zahlt die EU den Bauern Beihilfen in Höhe von 45 Euro je Hektar für den Anbau von Energiepflanzen. Strom aus Biogasanlagen wird über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit 12 bis 17 Cent je Kilowattstunde vergütet. Nach einer Studie des Leipziger Instituts für Energetik und Umwelt werden deutsche Blockheizkraftwerke, die aus importiertem Palmöl Strom erzeugen, über das EEG mit jährlich rund 200 Millionen Euro subventioniert. "Bio"-Diesel war bisher komplett von der Mineralölsteuer befreit. Erst seit August wird er schrittweise besteuert, parallel gibt es eine Beimischungspflicht. Diese beträgt derzeit für Diesel und Benzin 1,2 Prozent.
Die Global Subsidies Initiative fand heraus, dass Agrartreibstoff-Subventionen allein in den USA derzeit jährlich zwischen 5,5 und 7,3 Milliarden Dollar betragen, Tendenz stark steigend. In Brasilien wurden allein 2006 über neun Milliarden US-Dollar in die brasilianische Ethanolindustrie investiert.

Welche Rolle spielen Großkonzerne beim Boom von Agro-Sprit?

Konzerne der Erdöl- und Automobilindustrie, des Getreidehandels, Investmentfirmen und Hedge-Fonds sind neben den großen Agrochemiekonzernen die größten Akteure des Agrosprit-Booms. Zukünftig rechnen sich auch Anbieter von gentechnisch verändertem Saatgut Marktchancen aus. In welchen Dimensionen sich der Run auf Agro-Sprit inzwischen abspielt, zeigt ein Beispiel aus den USA. Dort will der Ölkonzern BP ein komplettes Forschungszentrum für Energiepflanzen an der Universität Berkeley errichten. Schwerpunktmäßig sollen dort genmanipulierte Pflanzen entwickelt werden. Das Projekt ist rund 500 Millionen US-Dollar schwer.
Die Förderung von Agro-Treibstoffen führt zu einer globalen Verschmelzung der sowieso schon massiv konzentrierten transnationalen Konzerne aus dem Bereich Petrochemie, Finanzkapital, Gentechnik und dem Handel mit Agro-Produkten. Für die Automobilfirmen sind Agrartreibstoffe das perfekte Vehikel, um dem Druck von Umweltauflagen und der kritischen Öffentlichkeit für verbrauchsärmere Fahrzeuge zu entfliehen.

Wird durch Agro-Kraftstoffe der Anbau von Gentechnik-Pflanzen gefördert?

11,2 Millionen Hektar (fast 10 Prozent) aller genmanipulierten Pflanzen wurden 2007 zur Herstellung von Agro-Kraftstoffen wie "Bio"-Diesel oder Ethanol verwendet. Über 90 Prozent der Anbaufläche für transgene Energiepflanzen lag dabei in den USA. Hier wurden 7 Millionen Hektar Mais für die Ethanolproduktion und 3,4 Millionen Hektar Sojabohnen sowie 10.000 Hektar Raps für die Biodieselherstellung angebaut. Für die Biodieselproduktion wurden im Jahr 2007 in Brasilien 750.000 Hektar genmanipulierte Sojabohnen und in Kanada 45.000 Hektar transgener Raps angebaut.
Alle großen Gentechnikunternehmen sind dabei, entsprechend maßgeschneiderte Pflanzen zu entwickeln. Der Monsanto-Konzern plant zum Beispiel, besonders schnell wachsende Getreidesorten zu verkaufen.
Auch die Patentierung von Pflanzen wird durch den Agrosprit-Boom noch einmal befeuert. Nachdem der Run auf die Kontrolle über die wichtigsten Nahrungs- und Futtermittelpflanzen weitgehend abgeschlossen ist, kommen nun Pflanzen ins Visier der Konzerne, die bislang nur eine marginale Rolle spielten und finanziell als nicht attraktiv galten. Dazu gehören Cassava, Chinaschilf oder Switchgrass. An vielen Entwicklungen ist Monsanto beteiligt. Die Firma Mendel Biotechnology zum Beispiel, an der Monsanto Anteile hält, experimentiert mit transgenem Chinaschilf. Der Konzern plant zudem, 2009 in Brasilien mit genmanipuliertem, herbizidresistentem Zuckerrohr auf den Markt zu kommen. Aber auch die restlichen großen Genkonzerne haben Ambitionen. Der Schweizer Konzern Syngenta (Umsatz mit Pestiziden 2005: mehr als 6 Mrd. US-Dollar) entwickelt eine Maislinie mit einem implantierten Enzym (Alpha-Amylase), das die Ethanol-Gewinnung erleichtern soll. Cargill, eines der weltgrößten Unternehmen im Bereich Getreidehandel, arbeitet gemeinsam mit Monsanto an Gen-Mais, der sowohl als Treibstoff als auch als Tierfutter genutzt werden kann. Dupont (Saatgutumsatz 2006 mehr als 2,7 Mrd. US-Dollar) ist an einem Projekt beteiligt, zu dem der Konzern stärkehaltigeren Gen-Mais beisteuert.
Problematisch sind in diesem Zusammenhang auch Versuche, für den Anbau von Gen-Pflanzen, die als Energiepflanzen genutzt werden sollen, geringere Sicherheitsauflagen durchzusetzen.
Auch die Entwicklung genmanipulierter Bäume, die der Spritproduktion dienen sollen, wird durch die Ausdehnung des Agrokraftstoff-Sektors gefördert. Aus "optimierter" Zellulose der Genbäume soll zum Beispiel in Zukunft Ethanol gewonnen werden.

Werden Energiepflanzen auch in Deutschland angebaut?

Deutschland, ein Rapsfeld? Bei unserem Spritverbrauch können wir gar nicht so viel anbauen, wie wir benötigen.
© pixelio.de / BgKan

Deutschland besitzt eine Fläche von 35 Millionen ha (davon macht die landwirtschaftliche Nutzfläche 17 Millionen Hektar, die reine Ackerfläche 12 Millionen Hektar aus). 2007 wuchsen in Deutschland Energie- bzw. Spritpflanzen auf rund 1,75 Millionen Hektar. 2010 sollen es schon 2,5 Millionen Hektar sein. Raps für Biodiesel und Pflanzenöl-Kraftstoff ist heute mit einer Anbaufläche von 1,1 Millionen Hektar die bedeutendste Pflanzenart.

Kann unser Kraftstoffbedarf durch den Anbau von Energiepflanzen gedeckt werden?

Deutschland hat einen Kraftstoffverbrauch von 54 Millionen Tonnen pro Jahr. Bei einem Kraftstoffertrag (gemessen in Diesel-/Ottokraftstoffäquivalent) von ca.1,45 Tonnen Rapsdiesel pro Hektar müsste Raps auf ca. 38 Millionen Hektar Fläche angebaut werden, um den gesamten Jahresverbrauch Deutschlands an Kraftstoff durch Biodiesel zu ersetzen. Das ist mehr als die Gesamtfläche Deutschlands und mehr als das Dreifache der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Selbst wenn man nur den Dieselanteil am Gesamtverbrauch (52 Prozent) ansetzt ist klar: Eine Selbstversorgung Deutschlands mit Agro-Kraftstoffen ist nicht möglich.
Auch auf Europa übertragen bietet sich das gleiche Bild: Um nur 30 Prozent des gegenwärtigen europäischen Kraftstoffverbrauchs durch Sprit aus Pflanzen zu ersetzen, würde die komplette landwirtschaftliche Nutzfläche Europas benötigt.
Der derzeit einzige gangbare Ausweg aus der "Spritfalle" ist daher eine Reduktion des Kraftstoffverbrauchs. Dazu kann jeder beitragen, indem er die Nutzung seines Automobils auf das Nötigste reduziert und beim Autokauf Modelle mit dem geringst möglichen Verbrauch an Benzin oder Diesel wählt.