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Hintergründe zu dem geplanten Versuch

Die Universität Rostock will von 2009 bis 2012 einen Freilandversuch mit genmanipulierten Kartoffeln durchführen. Die Pflanzen sollen unter anderem Pharmazeutika produzieren. Einer Linie wurden Teile des Cholera-Bakteriums eingebaut. Daraus soll ein Impfstoff bzw. ein Impfstoff-Hilfsmittel erzeugt werden. Andere Kartoffelpflanzen sollen einen Impfstoff gegen die für Kaninchen tödliche Viruserkrankung RHD herstellen (vp60-Gen). Eine dritte Linie der Gentechnik-Kartoffeln soll den Stoff Cyanophycin produzieren. Daraus gewonnenes Polyaspartat könnte laut Antrag in der Waschmittel- und Bauindustrie Anwendung finden. Der Versuch soll an zwei Standorten stattfinden: Im so genannten „Gentechnik-Schaugarten“ in Üplingen (Sachsen-Anhalt) sowie in Thulendorf (Mecklenburg-Vorpommern).

Was sind Pharma-Pflanzen?
freilandversuche

Tabelle 1: Freilandversuche mit Pharma-Pflanzen: USA, Kanada, EU, Chile, Island, 1991 - 2008

Pharma-Pflanzen sind gentechnisch veränderte Pflanzen, die der Produktion von Pharmazeutika dienen. Sie sind durch gentechnische Methoden so manipuliert, dass sie zum Beispiel hochwirksame Antikörper, Impfstoffe oder Hormone herstellen. Statt in Sicherheitslabors, in denen die Medikamentenproduktion üblicherweise stattfindet, sollen Medikamente in Zukunft einfach auf dem Acker in genmanipulierten Pflanzen angebaut werden. Die Industrie verspricht sich davon traumhafte Renditen. Die Gesundheit von Mensch und Tier sowie gravierende negative Einflüsse auf die Umwelt sind bei diesen Plänen - wieder einmal - Nebensache.
Oft werden bei solchen Versuchen Gene von Mensch oder Tier verwendet. So auch bei einem Freilandversuch im Jahr 2007 mit genmanipulierten Erbsen, die ein Medikament gegen Schweinedurchfall produzieren sollten. Die Gene zur Bildung des entsprechenden Antikörpers stammten aus der Maus.
Für die Gewinnung von Pharmastoffen aus Pflanzen benutzt die Gentechnik-Industrie fast ausnahmslos zentrale Nahrungs- oder Futterpflanzen. So wurde rund die Hälfte aller bisherigen Freisetzungsversuche von Pharma-Pflanzen mit Mais durchgeführt. Daneben werden auch Soja, Raps, Reis, Gerste oder Kartoffeln genutzt.
Doch Gen-Pflanzen lassen sich in der freien Natur nicht kontrollieren. Durch Pollenflug oder Insektenbestäubung landen die künstlichen Genkonstrukte unweigerlich auf Nachbaräckern oder vermischen sich bei Transport oder Verarbeitung mit nicht manipulierter Ware. Über kurz oder lang können daher auch manipulierte Pflanzen, die Pharmazeutika produzieren, in die Lebensmittelkette und auf unsere Teller gelangen. Dies gilt es unbedingt zu verhindern, denn die gesundheitlichen Auswirkungen auf den menschlichen oder tierischen Organismus sind unvorhersehbar.
Trotzdem wurden weltweit bislang rund 400 Freilandversuche mit Pharma-Pflanzen durchgeführt. Rund 260 davon fanden in den USA statt, 90 in Kanada und rund 35 in Europa.

Pharma-Pflanzen in Deutschland

Der deutschlandweit erste Versuch mit Pharma-Pflanzen wurde von 2006 bis 2008 von der Universität Rostock durchgeführt. Dabei wurden zum größten Teil die gleichen gentechnischen Konstrukte verwendet wie bei dem aktuell geplanten.http://umweltinstitut.org/gentechnik/freisetzungsversuche/cholera-kartoffel-660.html

Im Jahr 2007 wurde ein weiterer Versuch auf dem Gelände der Genbank Gatersleben genehmigt. Dabei wurden Mäuse-Gene in Erbsen eingebaut. Die Pharma-Erbsen sollten ein Medikament gegen Schweinedurchfall produzieren.

No future

Doch immer deutlicher zeigt sich, dass Pharma-Pflanzen auf dem Acker keine Zukunft haben und auch Firmen die unkalkulierbaren Risiken des Freilandanbaus solcher Pflanzen realisieren. Die Zahl der Genehmigungen für Freisetzungsversuche sinkt stetig. Waren es im Jahr 2000 noch knapp 50 Versuche weltweit, so waren es im Jahr 2008 nur mehr zehn. Die Universität Rostock zeigt mit dem beantragten Versuch, dass sie resistent ist gegen eine weltweite Entwicklung der Vorsorge gegen die Risiken des Anbaus von Pharma-Pflanzen.
Die meisten Wissenschaftler scheinen dagegen verstanden zu haben, dass es keine Möglichkeit gibt, Pharma-Pflanzen im Freiland so anzubauen, dass eine Verschmutzung der Lebensmittelkette ausgeschlossen ist. So fordert auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen, ein wissenschaftliches Beratungsgremium der Bundesregierung, dass Pflanzen, die hochwirksame Pharmazeutika produzieren, ausschließlich unter kontrollierten Bedingungen in geschlossenen Systemen angebaut werden sollten.

Mahnung aus den USA

In den USA kam es bereits zu Kontaminationsfällen bei Freisetzungsversuchen mit Pharma-Pflanzen: Maispollen von einem Versuchsfeld mit Pharma-Mais verunreinigte benachbarte Maisfelder. Alle Pflanzen mussten entsorgt werden. In einem anderen Fall keimten nicht geerntete Körner eines Freisetzungsversuchs mit Pharma-Mais, der einen Impfstoff gegen eine Durchfallerkrankung bei Schweinen enthielt, in der Folgekultur (Soja) erneut. Der Mais wurde zusammen mit den Sojabohnen geerntet und kontaminierte ein Lagersilo. 13.500 Tonnen Sojabohnen mussten vernichtet werden.

Sicherheitsmaßnahmen unzureichend

Abbildung 1: Kartoffelbeeren
© www.wikipedia.de

Die Universität Rostock will in den kommenden Jahren genmanipulierte Pharma-Kartoffeln anbauen. Kartoffeln werden unter anderem von Insekten wie Hummeln oder sogar Bienen bestäubt. Eine Kontamination von Kartoffelbeeren bis in mehrere Kilometer Entfernung ist daher nicht ausgeschlossen. Aus diesen könnten wiederum transgene Kartoffelpflanzen entstehen. Jede Kartoffelbeere kann Hunderte von Samen enthalten, die mindestens zehn Jahre lang keimfähig im Boden überdauern können. Aus Schottland und England liegen Studien vor, in denen von einem hohen Aufkommen von Durchwuchspflanzen aus Kartoffelsamen in den Folgekulturen berichtet wird. Der vorgeschlagene Sicherheitsabstand zu konventionellen Kartoffelfeldern ist daher mit 20 Metern viel zu gering. Zudem ist bei Cyanophycin-Kartoffeln laut Antragstellerin von einer besseren Überwinterungsfähigkeit auszugehen. Die von der Universität vorgeschlagene einjährige Nachkontrollphase ist daher deutlich zu kurz.

Pharma-Kartoffeln „zum Anfassen“?

Am Standort Üplingen ist die Freisetzung in einem für die Öffentlichkeit zugänglichen Schaugarten geplant. In dem Gentechnik-Schaugarten sollen „Feldversuche zum Anfassen“ durchgeführt werden. Die geplanten Sicherheitsmaßnahmen tragen diesem Faktum in keiner Weise Rechnung. Das Risiko der Verschleppung von transgenem Material z.B. durch Schüler, die in dem geplanten Schaugarten über die „Vorzüge“ der Agro-Gentechnik informiert werden sollen, ist nicht kalkulierbar.

Unkontrollierbare Effekte

Abbildung 2: Deformierte Linie der Cyanophycin-Kartoffeln der Universität Rostock (rechts) (Quelle: http://edok01.tib.uni-hannover.de/edoks/e01fb06/511834926.pdf)

Insbesondere bei Cyanophycin-Kartoffeln kommt es offenbar zu massiven Änderungen des Pflanzenstoffwechsels. Die Antragstellerin selbst beschreibt reduziertes Wachstum, gefleckte Blätter, verfrühte Blüte, dickere Zellwände und kleine Knollen. Die Uni Rostock spricht von gravierenden Eingriffen in den Kohlenhydratstoffwechsel, einer möglichen „vollkommen neuen Zusammensetzung der Speicherzucker und Proteine“, die „gravierenden Einfluss auf das Umweltverhalten der transgenen Kartoffeln“ haben können, sowie dem Risiko von „abnormen Phänotypen“. Laut Berichten der Universität Rostock zeigten verschiedene Linien auch im Freiland einen geringeren Ertrag, eine schlechte Bestandesentwicklung und eine höhere Anfälligkeit gegenüber Krankheiten.

Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt

Bereits im Jahr 2006 war auf die Risiken der transgenen Kartoffeln für die Umwelt hingewiesen worden. Das Bundesamt für Naturschutz lehnte eine Zustimmung zum damaligen Versuch der Antragstellerin ab, da durch die transgenen Kartoffeln schädliche Auswirkungen auf den Menschen und die Umwelt zu erwarten seien. Auch nach Aussage der Antragstellerin können Nebenwirkungen beim Verzehr der vp60-Kartoffeln nicht ausgeschlossen werden. Bei Versuchstieren wurden „signifikante gewebsspezifische Effekte auf den Stoffwechsel“ gefunden. Die Verfütterung der Cyanophycin-Kartoffel an Ratten führte laut Antrag nach nur sieben Tagen zu „geringen gesundheitlichen Beeinträchtigungen“.

Impfstoff unwirksam

Ein Bericht der Antragstellerin aus dem Jahr 2006 kommt zu dem Schluss, dass der in den manipulierten Kartoffeln gebildete Impfstoff gegen die Kaninchenerkrankung RHD keinerlei Wirksamkeit besitzt: „Die orale Immunisierung mit transgenem Knollenmaterial führte nicht zur Ausbildung [...] eines Impfschutzes, obwohl die verabreichten Mengen deutlich über der ermittelten Minimalimpfdosis lagen.“ Ein Sinn des Versuchs mit diesen Pflanzen ist daher nicht ersichtlich.

Antibiotikaresistenzgene verbieten

Die genmanipulierten Kartoffelpflanzen enthalten Resistenzgene gegen in der Tier- und Humanmedizin wichtige Antibiotika wie Kanamycin und Neomycin (nptII-Gen). Kanamycin wird in der WHO-Liste der wichtigsten Medikamente als Reserveantibiotikum gegen mehrfachresistente Tuberkulose aufgeführt. Die Universität Rostock kann nicht einmal ausschließen, dass die Pflanzen zusätzliche Resistenzgene gegen die Antibiotika Streptomycin/Spectinomycin enthalten (aada-Gen). 2009 soll laut EU-Freisetzungsrichtlinie die Verwendung von Antibiotikaresistenzgenen ganz eingestellt werden.

Gentechnik-Filz

Mit der Freisetzung der genmanipulierten Kartoffeln soll erneut ein Netzwerk von Gentechnik-Lobbyisten mit Aufträgen versorgt werden. Mit der biovativ GmbH ist der kommerzielle Arm des Gentechnik-Vereins FINAB an dem Versuch beteiligt. Vorsitzende dieses Vereins ist die Projektleiterin der Universität Rostock, Prof. Inge Broer, die auch Gesellschafterin bei biovativ ist. Geschäftsführerin von biovativ ist wiederum Kerstin Schmidt, die in gleicher Funktion bei der Betreiberfirma des Gentechnik-Schaugartens in Üplingen tätig ist. Arbeitsbeschaffung für die Gentechnik-Netzwerke in Ostdeutschland kann nicht Sinn einer Freisetzung sein. 

Verschwendung von Steuermitteln

Tabelle 2: Fördermittel für Kartoffellinien in dem von der Universität Rostock beantragten Versuch

Die Entwicklung der verschiedenen beantragten genmanipulierten Kartoffellinien hat den Steuerzahler bislang mindestens zwei Millionen Euro gekostet. Der größte Teil der Fördermittel wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bereit gestellt, der Rest vom Landwirtschaftsministerium (BMELV).