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Aktionsbündnis protestiert:

Gen-Kartoffeln in Möttingen freigesetzt

demo in möttingen

Möttinger Aktionsgruppe auf einer Demonstration gegen Gentechnik in München im Januar 2004

Besonders viel von einer bestimmten Stärke enthalten sie, die genmanipulierten Kartoffeln, die die BASF Plant Science Holding GmbH von diesem Jahr an bis 2008 in Möttingen, Landkreis Donau-Ries freisetzen will. Zum Kochen und Essen sind sie nicht gedacht: Die gewonnene Kartoffelstärke soll laut BASF zur Produktion von feinem Papier eingesetzt werden, kann aber auch in der Textil- und Nahrungsmittelindustrie und zu anderen technischen Zwecken verwandt werden. Außerdem sind sie resistent gegen zwei Antibiotika und das Pflanzengift Imazomox. Dieses ist erst seit Juli letzten Jahres in der EU zugelassen. Und, besonders pikant: Das Patent gehört seit neuestem der BASF. So könnte der Konzern gleich zwei Produkte auf einmal verkaufen: Das genmanipulierte Saatgut mit dem Herbizid Imazomox im Doppelpack, ein schönes Geschäft, das jede Menge Profit verspricht.

Gefährliches Spiel mit lebenswichtigen Antibiotika

Weniger Schönes verspricht die genmanipulierte Kartoffel allerdings für Umwelt, Mensch und Tier. Denn sie enthält außerdem eine Resistenz gegen die Antibiotika Neomycin und Kanamycin, die unter anderem in der Tier- und Humanmedizin angewendet werden. Die EU verbietet in ihrer seit dem 17. Oktober 2002 gültigen Freisetzungsrichtlinie ab 2005 wegen der unnötigen Risiken die Anpflanzung von antibiotikaresistenten genmanipulierten Organismen, die kommerziell in den Verkehr gebracht werden, für Versuchszwecke ab 2009. Warum also sollen noch Versuche mit diesen Pflanzen gemacht werden? Ohnehin lassen sich die Ergebnisse dieser Untersuchungen nicht auf andere Kartoffellinien übertragen, die ohne Antibiotikaresistenzgene hergestellt werden. Jeder erneute gentechnische Eingriff nämlich kann die Pflanzen völlig verändern. Auch die Zentrale Kommission für Biologische Sicherheit (ZKBS) beim Robert-Koch-Institut empfiehlt auf die Anwendung von Antibiotikumresistenz-Genen in gentechnisch veränderten Pflanzen zu verzichten. Eine „saubere Anwendung“ der Gentechnik beschränke sich auf die Einführung der technologisch notwendigen und erwünschten Gene. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass über horizontalen Gentransfer diese Antibiotika-Resistenzgene weiterverbreitet werden. Außerdem verwendete die BASF für die Übertragung der fremden Gensequenzen einen Vektor, der ein Resistenzgen gegen Amikacin, ein Reserveantibiotikum zur Anwendung beim Menschen, besitzt. Teile dieser Gensequenzen könnten unbeabsichtigt mit übertragen werden. Sollte sich die Amikacin-Resistenz ausbreiten, wird die Medizin einer Option für die Behandlung von Erregern, die gegen gebräuchliche Antibiotika resistent sind, beraubt. Gemäß Paragraf 16 des Gentechnologie-Gesetzes darf nur dann eine Genehmigung für Freisetzung erteilt werden, „wenn (...) nach dem Stand der Wissenschaft im Verhältnis zum Zweck der Freisetzung unvertretbare schädliche Einwirkungen auf die in Paragraf 1 Nr. 1 bezeichneten Rechtsgüter nicht erwartet sind.“ Die Verwendung von Antibiotikaresistenz-Genen als Selektionsmarker spiegelt weder den Stand der Wissenschaft wider, noch genügt sie den EU-Vorschriften.

Doppelpack für Doppelprofit

Die Resistenz gegen das Pflanzengift Imazomox als Markergen, an dem das Saatgut leicht erkannt werden soll, widerspricht ebenfalls den Empfehlungen der Zentralen Kommission für biologische Sicherheit vom 1. Juli 1997. Wie bereits bei anderen Freisetzungen, steht zu befürchten, dass dieses Markergen schnell zur ökonomischen Hauptsache werden wird: Das Gen-Saatgut und das seit Anfang Juli 2003 in der EU zugelassene Pflanzengift Imazomox kann BASF dann im Doppelpack anbieten. Die Erfahrung mit den bisher eingesetzten Genpflanzen weltweit zeigt, das dies üblich ist. Wie andere Pestizide ist auch Imazomox ein gefährliches Gift: In der Richtlinie 2003/23/EG der Kommission vom 25.3.2003 steht im Anhang zur Zulassung von Imazomox: „Bei dieser Gesamtbewertung sollen die Mitgliedstaaten besonders auf eine potenzielle Grundwasserverschmutzung achten, wenn der Wirkstoff in Gebieten mit empfindlichen Böden und/oder schwierigen Klimabedingungen ausgebracht wird. Gegebenenfalls sind entsprechende Maßnahmen zur Risikobegrenzung zu treffen“.

Gefahr für ökologischen und gentechnikfreien konventionellen Anbau

Die Freisetzung genmanipulierter Pflanzen widerspricht den Zielen einer nachhaltigen ökologischen Landwirtschaft und Ernährung. Die begonnene Agrarwende und die Umstellung auf biologische Landwirtschaft wird durch Freisetzungen erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht, wie Erfahrungen aus Kanada belegen. Eine Übertragung der neuen gentechnisch eingebauten Eigenschaften auf andere Kartoffelpflanzen und eine Weiterverbreitung kann nicht ausgeschlossen werden. Die Annahme, dass die Pollen nur 10 m weit übertragen werden, ist nicht gesichert. Der vorgesehene Abstand zum nächsten Biotop von 130 m ist viel zu gering. Es gibt Untersuchungen, die einen deutlich weiteren Pollenflug bis zu 1000 m nachweisen. Kontrolluntersuchungen, ob ein Pollenflug über die Versuchsfläche hinaus stattfindet, sind bei diesem Versuch nicht vorgesehen. Über mögliche andere Umweltauswirkungen der genmanipulierten Kartoffeln – wie gesteigerte Ausbreitung und Wechselwirkungen mit anderen Pflanzen – macht BASF lediglich Annahmen, die nicht durch wissenschaftliche Analysen begründet werden.

Stillgelegte Flächen für nachwachsende Rohstoffe genutzt
ganz schöne wutbürger, diese möttinger

Demonstration gegen die Freisetzung am 8. Mai 2004 in Möttingen

Die Entwicklung genmanipulierter nachwachsender Rohstoffe stellt aus agrar- und umweltpolitischen Gründen einen Irrweg dar. Nicht nur, dass die Ausbringung genetisch veränderten Saatguts zu einer unkontrollierten und unwiderrufbaren Ausbreitung führt, von deren Folgen wir bislang keine Ahnung haben. Auch der Gedanke von weniger Chemie und mehr Umweltschutz, weniger Intensivbewirtschaftung und mehr Extensivierung in der Landwirtschaft wird dadurch ad absurdum geführt: Stärkekartoffeln dürfen nämlich als nachwachsende Rohstoffe auf für die Nahrungsproduktion stillgelegten Flächen angebaut werden. Für diese erhalten die Landwirte Ausgleichsprämien. Einen besonderen Impuls erhält die Verquickung von staatlichen Ausgleichszahlungen und erneuter Intensivbewirtschaftung von Stilllegungsflächen mit nachwachsenden Rohstoffkartoffeln allerdings erst durch transgene Kartoffelsorten, da alle Versuche der klassischen Mutationszüchtung mit amylosearmen Kartoffeln erfolglos waren. Betriebswirtschaftlich rechnen sich solche Kartoffeln für den Landwirt bereits heute nur, wenn Ausgleichszahlungen für die Stilllegungsflächen hinzukommen.

Widerstand in Möttingen

Das lokale Aktionsbündnis „Keine Gentechnik im Ries und anderswo“, dem der Demeter-Bund, das Umweltinstitut München e.V., Bündnis 90/Die Grünen, die ödp, der Bund Naturschutz Bayern e.V. und die Frauenliste angehören, organisierte eine Infoveranstaltung am 29. Januar 2004 in Möttingen. Mehr als 250 Zuhörer, darunter auch der Möttinger Bürgermeister Wiedenmann und ein Großteil des Gemeinderats, sowie Vertreter des Amtes für Landwirtschaft und des Bauernverbands folgten den Ausführungen von Umweltinstitut-Vorstand Harald Nestler.
Nach dieser Veranstaltung versuchte das Bündnis eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der BASF und Kritikern des Versuchs zu organisieren. Die BASF konnte sich jedoch nicht zu einer Teilnahme entscheiden. Stattdessen sammelten BASF-Mitarbeiter im Wirtshaus Unterschriften Möttinger Bauern für den Versuch, um einen Beschluss zur Errichtung einer gentechnikfreien Zone in Möttingen zu verhindern.

scheint gefährlich zu sein, dieses möttingen

Kontinuierliche Bewachung des Kartoffelfeldes mit Sicherheitsdienst, Flutlicht und Überwachungskamera, Mai 2004

5000 Einwendungen gegen den Versuch

Das Umweltinstitut hat für das Möttinger Aktionsbündnis eine Mustereinwendung erstellt. Am 12. März 2004 übergab dieses dem Bürgermeister in Möttingen 5.000 Einwendungen von Bürgern aus Möttingen und Umgebung. Dies ist ein großer Erfolg für das lokale Bündnis im Landkreis Donau-Ries, das sich nicht – wie letztes Jahr in Olching – der Unterstützung der Gemeinde und des Bürgermeisters erfreute. Die Bürgerinnen und Bürger haben mit ihrem Einwand ihre Ablehnung des Versuchs dokumentiert, sowie ihrer Sorge um den Erhalt der Natur und einer natürlichen Landwirtschaft Ausdruck verliehen. Das Umweltinstitut München e.V. forderte das Robert-Koch-Institut als Genehmigungsbehörde deshalb auf, die Sorgen und Wünsche der Verbraucher ernst zu nehmen und den Versuch zu verbieten, denn dieser Versuch dient ausschließlich den Interessen der Chemie- und Agrarkonzerne und stellt eine Gefahr für die natürliche Landwirtschaft dar.

Aktualisierte Fassung: 13.5.04