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Freisetzung in Olching

Gen-Kartoffel-Anbau trotz Protesten genehmigt

Susanne Schreckenberg und Harald Nestler vom Umweltinstitut München e.V. übergeben die Einwendungen im Februar 2003 an den Olchinger Bürgermeister, Siegfried Waibel (li.)

Im Dezember 2002, kurz vor Weihnachten, kam die Nachricht: Die Technische Universität (TU) München plant einen weiteren Freisetzungsversuch mit genetisch modifizierten Kartoffeln auf Gut Roggenstein.
Auf diesem westlich von München gelegenen Versuchsgut finden immer wieder solche Gen-Freisetzungsversuche statt. Anfang Februar beschlossen Bürgermeister und Gemeinderat, weitere Genversuche auf Gut Roggenstein abzulehnen.
Über 3.500 Einwendungen von Bürgerinnen und Bürgern hat das Umweltinstitut München e.V. zusammen mit der Gemeinde gegen das Vorhaben eingereicht. Doch Anfang April kam der Bescheid aus Berlin: Die Genkartoffeln dürfen angebaut werden. Mehr noch, um einer etwaigen Klage gegen den Bescheid vorzugreifen, ordnete das Robert-Koch-Institut den sofortigen Vollzug an. So können jetzt schon die ersten genetisch modifizierten Kartoffeln gesät werden.

Falsche Ortsangaben als Bagatelldelikt

Enttäuschend und erschreckend zugleich zeigt sich hier, wie mit der angeblichen Bürgerbeteiligung in der Praxis umgegangen wird: Im Vorfeld werden die Projekte schon soweit voran getrieben und es fließen so viele Gelder, dass der Beschluss quasi schon vor der Bürgerbeteiligung feststeht. Selbst falsche Angaben in den Anträgen verhindern die Genehmigungen nicht. Im Antrag wurde als Ortsangabe Emmering statt Olching genannt, ebenso in der internationalen Bekanntmachung. /1/
Für die Genehmigungsbehörden aber ist die Nennung der richtigen betroffenen Gemeinde Nebensache, schließlich sollte jedem Betroffenen die Ortsbezeichnung „Gut Roggenstein“ und „Flurstück 740/5“ bekannt sein: „Mit der Bezeichnung „Roggenstein“ war jedem Dritten und insbesondere Bürgern Olchings ein hinreichender Anstoß zur Prüfung einer eigenen Betroffenheit gegeben“ heißt es in der Genehmigung. Und weiter: „Schon angesichts der Vielzahl erhobener Einwendungen steht außer Zweifel, dass das Anhörungsverfahren diesem Zweck gerecht geworden ist“. (Auszug aus dem Genehmigungsbescheid Az. 6786-01-0135 S. 22)

Undurchsichtige Verquickungen von Industrie und Forschung

Die Entwicklung dieser Gen-Kartoffel sowie deren Freisetzung findet im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojektes mit dem Namen „Verbesserung der gesundheitlichen Qualität von Lebensmitteln durch Erhöhung und Modifikation des Carotinoid-Gehaltes“ statt. An diesem Forschungsprojekt sollen laut Antragsunterlagen der TU-München sieben Forschungsunternehmen sowie zehn Industrieunternehmen beteiligt sein. Allerdings wird aus diesen Unterlagen nicht ersichtlich, welche der Institute und Firmen wirklich an dem Versuch beteiligt sind. Es wird suggeriert, dass alle Beteiligten auf die Produktion der Gen-Kartoffel angewiesen sind. Dabei hat ein Unternehmen dem schon von sich aus widersprochen: Die Firma FROSTA AG weist darauf hin, dass sie im Rahmen des Forschungsprojektes ausschließlich mit konventionellen – also nicht gentechnisch veränderten – Karotten arbeite. Und sie bleibt nicht die Einzige, die nicht auf die Ernte des Genackers wartet. Unsere Nachforschungen ergaben, dass die Genkartoffel lediglich ein Teilprojekt ist. So arbeiten von den zehn genannten Industrieunternehmen nur zwei Firmen definitiv am Kartoffelversuch mit: Ein Saatgutunternehmen, welches das Saatgut für den Freisetzungsversuch bereitgestellt hat, sowie Bestfoods Deutschland (Unilever). Unilever beabsichtigt, die Genkartoffel auf ihre Verarbeitungsfähigkeit zu prüfen. Beispielsweise will das Unternehmen testen, wie diese sich zu Chips oder Püree verarbeiten lassen. Im Übrigen erhält Unilever für dieses Teilprojekt 50 Prozent Förderung vom Bundesforschungsministerium.

Das Robert-Koch-Institut hat es eilig

Obwohl doch weniger Firmen beteiligt sind als anfänglich suggeriert, ordnete das Robert-Koch-Institut den sofortigen Vollzug mit folgender Begründung an: „Die Versuche müssen innerhalb der Vegetationsperiode 2003 und den nachfolgenden Vegetationsperioden in ausreichender Anzahl und termingerecht der landwirtschaftlichen Praxis entsprechend durchgeführt werden. Eine Verzögerung der Anpflanzung würde nicht nur den Verlust einer Vegetationsperiode bedeuten, sondern würde auch die Ziele des BMBF geförderten Forschungsprogramms gefährden. Es würde für die Antragstellerin auch zu einem erheblichen Nachteil im internationalen Wettbewerb führen.“
Hier zeigt sich, mit welchem ökonomischen und zeitlichen Druck Genehmigungsanträge bearbeitet werden. Eingebettet in ein Gemeinschaftsforschungsprojekt wird versucht, unbeliebte Genprojekte voranzutreiben. Und die Strategie der Antragsteller scheint aufzugehen.
Interessant ist hier auch, mit welch unterschiedlicher Wertigkeit die Behörde urteilt. Einwendungspunkte, die die Zielsetzung des Freisetzungsversuches in Frage stellen, werden mit folgender Begründung abgelehnt: „Die Behörde trifft im Rahmen des vorliegenden Freisetzungsantrags keine Entscheidung über die zukünftige Nutzung der Ergebnisse der Freisetzung.“ Bei der Anordnung des sofortigen Vollzuges auf der anderen Seite, wird sehr wohl darauf geachtet.

Die Gemeinde Olching wehrt sich

Der Bürgermeister der Gemeinde Olching, Siegfried Waibel, ist mit dem Genehmigungsbescheid nicht einverstanden: „Die vorliegende Vermischung von Forschungs- und ökonomischen Interessen ist äußerst problematisch. Die Wahl der Fristen für die Auslegung der Antragsunterlagen über Weihnachten und den Lauf der Widerspruchsfrist für die Genehmigung über die Osterferien zeigen, dass die Möglichkeiten der Betroffenen, sich zur Wehr zu setzen, geschickt beschnitten werden sollen.“ Trotzdem will er alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um die Freisetzung noch zu stoppen. Die Gemeinde Olching will sich gegen den Genehmigungsbescheid zur Wehr setzen und hat am 15. Mai 2003 Klage eingereicht.

Mit öffentlichen Geldern Akzeptanz erzeugen

Es gibt viele Punkte, die gegen diesen Freisetzungsversuch sprechen, wie falsche und unzureichende Angaben, Verwendung alter Antibiotikaresistenz-Gene (sog. Marker), zu geringe Sicherheitsmaßnahmen usw. (Ausführlich können Sie die einzelnen Punkte bei uns auf der Homepage nachlesen oder wir schicken sie Ihnen auf Wunsch zu).
Was dieser Versuch aber auch deutlich macht ist, wie öffentliche Gelder missbraucht werden, um die Akzeptanz der Gentechnik in der Bevölkerung zu verbessern. Erreicht werden soll dies, indem Pflanzen so gentechnisch manipuliert werden, dass sie vermeintlich gesundheitsfördernde Wirkungen besitzen, also als „Functional Food“ vermarktet werden können. Damit, so hoffen Industrie und Politiker, würde der Widerstand in der Bevölkerung gebrochen werden.

Functional Food: Alibi für die Gen-Industrie

Die Gentechniker in Europa müssen sich dringend etwas Neues einfallen lassen, um ihre Methode den Verbrauchern schmackhaft zu machen. Denn immer noch lehnen die Verbraucher in fast allen EU-Ländern gentechnisch veränderte Lebensmittel ab: 2002 wieder bestätigt durch die neueste Umfrage von Eurobarometer /1/.
Das ist auch kein Wunder. Schließlich trägt der Verbraucher das volle Risiko, während die Industrie an den herbizid- und insektenresistenten Pflanzen (Gen-Pflanzen der „ersten Generation“) gut verdienen könnte, wenn der europäische Verbraucher aufgeschlossener für Gentechnik-Produkte wäre.
Die Idee, mit angeblich gesundheitsfördernden Kartoffeln ein Geschäft zu machen, liegt deshalb im Trend der Zeit. Lebensmittel, die als „Functional Food“ verkauft werden, also durch Zugabe von Inhaltsstoffen einen besonderen Effekt haben sollen, sind „in“. Die Lebensmittel sollen nicht einfach nur satt machen, sondern auch einfach zu konsumieren sein. Bunte Joghurts mit Calcium für den Nachwuchs, probiotische Bakterien für die Darmflora, Omegabrot für die Herzen stressgeplagter Manager suggerieren dem Käufer eine quasi medizinische Wirkung. In Großbritannien wird Frauen ab 40 das „Ladybrot“ angepriesen: Pflanzliche Hormone aus der Sojabohne sollen die Wechseljahre erleichtern.
Mit allerhand Werbetricks wird uns vorgegaukelt, dass unsere natürlichen Nahrungsmittel nicht gut genug sind und von Food- und Gen-Designern „optimiert“ werden müssen. Natürlich enthält nicht jede Pflanze alle Vitamine oder Mineralstoffe, die der Mensch braucht. Deswegen hat sich der Mensch seit jeher bemüht, sich abwechslungsreich zu ernähren. Mit Hilfe der Gentechnik soll das jetzt überflüssig werden. Gen-Pflanzen sollen ganze Gesundheitscocktails produzieren. Die Grenzen zwischen Lebens- und Arzneimittel verschwimmen. Wirken sollen die neuartigen Nahrungsmittel wie Medikamente; den strengen Anforderungen einer Arzneimittelprüfung aber werden sie nicht unterzogen.

Wie viel Vitamine braucht der Mensch?

© Umweltinstitut München e.V.

Dabei ist das Wissen über unseren wirklichen Ernährungsbedarf bei weitem noch nicht ausreichend. Schon allein über die Frage, wie viele Vitamine der Mensch eigentlich braucht, streiten sich seit Jahren die verschiedensten Fachgremien. Und immer wieder begleiten Irrtümer den Weg der Erkenntnis. Eine ganze Generation beispielsweise glaubte, dass Spinat besonders reich an Eisen sei, viele Kinder quälten sich mit dem grünen Brei. Später wurde festgestellt, dass man sich um eine Kommastelle vertan hatte.
Doch meistens ist es nicht ein fehlerhaftes Komma, das zum Irrtum führt, sondern schlichtweg unsere zurzeit zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Methoden, die uns Grenzen setzen. Häufig bestehen je nach Landesgrenzen unterschiedliche Empfehlungen wie beispielsweise bei der Menge an Vitaminen, die ein Erwachsener täglich zu sich nehmen muss. Immerhin wurde im Jahr 2000 erstmals ein wissenschaftlicher Konsens der Ernährungsgesellschaften Deutschlands, Österreichs und der Schweiz hinsichtlich der Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr erreicht. Vor Kurzem haben japanische Wissenschaftler ein neues lebenswichtiges Vitamin entdeckt, das Pyrrolochinolin-Chinon (PQQ), berichtet die Süddeutsche Zeitung am 29. April diesen Jahres.
So werden Ernährungsempfehlungen von Zeit zu Zeit immer wieder durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt und revidiert. Im Falle des vermeintlich eisenhaltigen Spinats hat das vermehrte Spinatessen, bis auf den angegriffenen Hausfrieden, den Kindern sicherlich nicht geschadet. Aber wie wird es sein, wenn ganze Generationen an gentechnisch veränderten Pflanzen auf Grund wissenschaftlicher Vermutungen entwickelt und in die Umwelt freigegeben werden?

Zusammenspiel der Inhaltsstoffe vernachlässigt

Ein weiteres Grundproblem dieser Vorgehensweise ist, dass die verschiedenen Komponenten einer Pflanze und ihre Wirkungen einzeln betrachtet werden. Dabei wirken die verschiedenen Substanzen in einem Organismus niemals isoliert: Je nach Kontext hat ein und derselbe Wirkstoff einen ganz anderen Effekt. Wer kennt nicht die verschieden anregende Wirkung von Tee und Kaffee? Der Wirkstoff Coffein (im Tee auch Teein genannt) ist dabei derselbe. Aber in der Kaffeebohne ist das Coffein an Kalium gebunden. Die Bindung wird im Magen schnell gelöst, so dass das Coffein bereits nach wenigen Minuten in die Blutbahn gelangt. Das Coffein im Tee hingegen entfaltet seine Wirkung langsam: Auf Grund einer Doppelfunktion der Gerbstoffe gerät es nur allmählich ins Blut.
Obwohl der Wissensstand über unsere Ernährung noch so gering ist, meinen die Wissenschaftler dennoch, sie könnten unsere Nahrungspflanzen „optimieren“. Und greifen in ein System ein, in denen Tausende verschiedener Stoffe miteinander wechselwirken, die zum Teil nicht identifiziert und schon gar nicht in ihrer kompletten Wirkungsweise und Regulation erkannt sind.

Freisetzungsversuch überflüssig

Im Falle der Zeaxanthin-Kartoffel sind noch viele Fragen offen:
• Welche verschiedenen Funktionsweisen haben die Carotinoide überhaupt?
• Wie wirken die verschiedenen Carotinoide miteinander?
• Wie wirken die verschiedenen Carotinoide in Verbindung mit anderen Stoffgruppen im Körper?
• In welchen Nahrungsmitteln sind welche Carotinoide vorhanden?
• Beugt eine erhöhte Zeaxanthinaufnahme wirklich Augenleiden vor?
• Wie hoch muss die tägliche Zeaxanthinaufnahme dafür sein?
• Was bewirkt eine zu hohe Zeaxanthinaufnahme?
• Von welchen Faktoren (anderen Vitaminen usw.) hängt die Wirkungsweise von Zeaxanthin sonst noch ab?
Alles Fragen, die noch nicht hinreichend untersucht wurden. Genau deswegen, so argumentieren die Wissenschaftler, müssten nun Untersuchungen mit den Gen-Kartoffeln erfolgen. Warum aber braucht man dazu ausgerechnet gentechnisch manipulierte Kartoffeln? Viele Fragen können durchaus mit anderen Untersuchungsmethoden geklärt werden. Freisetzungsversuche mit Zeaxanthin-Kartoffeln sind dafür nicht notwendig. Zudem lassen sich die Ergebnisse aus den ernährungsphysiologischen Untersuchungen mit diesen Gen-Kartoffeln nicht verallgemeinern: Jede gentechnisch neu hergestellte Pflanze – auch wenn sie nach dem gleichen Prinzip erzeugt wurde – birgt neue Überraschungen in sich. Letztendlich wird bei den Genkreationen mit vermeintlichen Vorteilen für den Konsumenten dieser das Risiko tragen und die Industrie das Geschäft machen.

Die Genkartoffel ist erst der Anfang

Die Genkartoffel ist nicht das einzige BMBF-geförderte Projekt, das sich mit vermeintlich gesundheitsförderlichen transgenen Pflanzen beschäftigt. In diesem Forschungsprojekt werden parallel zu transgenen Kartoffeln auch genetisch manipulierte Karotten mit mehr Carotinoiden hergestellt. Bisher ist es den Wissenschaftlern aber noch nicht gelungen, stabile carotinoidreichere Gen-Karotten zu erzeugen, die sich für einen Freisetzungsversuch eignen. Das kann sich aber in näherer Zukunft ändern. Dann kommen auch Freisetzungsversuche mit transgenen Karotten auf uns zu. Weiterhin finden sich in dem BMBF-Leitprojekt „Ernährung“ noch andere transgene Pflanzen wie Raps mit erhöhtem Vitamin E-Gehalt oder verändertem Fettsäuremuster.

Der Freisetzungsversuch wurde in der Nacht zum 24. Juni 2003 von Unbekannten zerstört.
Wie gings weiter?

Sicherheitsmaßnahmen gerichtlich durchgesetzt
2005: Bundesforschungsministerium verweigert Zahlungen
Unsere Pressemitteilung vom 31. Januar 2005: Genkartoffeln der TU München vor dem Aus

aktualisierte Fassung vom 9.7.03