Facebook .
Twitter .
Menü
Home  trenner  Archiv Gentechnik  trenner  Abgeschlossene Aktionen  trenner  Unserer Antwort

Am 13.3.2008 antwortet das Umweltinstitut München auf das Schreiben der KWS

Sehr geehrter Herr von der Ohe,

herzlichen Dank für Ihr Schreiben zur geplanten Freisetzung genmanipulierter Zuckerrüben. Mehr als 4000 Bürgerinnen und Bürger haben sich bislang an der Online-Aktion des Umweltinstituts München beteiligt und von Landwirtschaftsminister Seehofer und Ihrem Unternehmen den Stopp für das geplante Freilandexperiment mit gv-Zuckerrüben gefordert. In Ihrem Antwortschreiben versuchen Sie, die Bedenken der Öffentlichkeit bezüglich des Anbaus genmanipulierter Rüben zu zerstreuen. Laut Ihren Aussagen "stellen die Versuche keine Gefahr für Mensch, Natur und Umwelt dar". Das Umweltinstitut München begrüßt grundsätzlich, dass sich die KWS als Unternehmen der Agro-Gentechnik aktiv dem gesellschaftlichen Dialog stellt. Ihre Argumente müssen wir allerdings zurückweisen.

Ein Hintergrundpapier, das unsere Kritik an dem von Ihrem Unternehmen geplanten Freilandexperiment mit genmanipulierten Zuckerrüben ausführlich darstellt, finden Sie auf unserer Internetseite unter:
http://umweltinstitut.org/gentechnik/allgemeines-gentechnik/hintergruende_genruebe-542.html

Zu Ihrem Schreiben möchten wir zusätzlich folgende Punkte anmerken:

Glyphosat ist nicht unbedenklich

Zum Pestizid Roundup (Wirkstoff Glyphosat) schreiben Sie: 

"Es ist nicht giftig und schädigt weder Organe, Stoffwechsel oder Nachkommen von Säugetieren und Amphibien. Auch die einzelne Studie zu Wirkungen auf menschliche DNA und Gebärmutterzellen ist eine reine Laborstudie und hat keine Praxisrelevanz für Lebewesen."

Gerade neuere Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass Glyphosat bzw. Roundup neben gravierenden Auswirkungen auf die biologische Vielfalt auch negative gesundheitliche Folgen haben kann. Die Effekte können sowohl durch den Wirkstoff Glyphosat selbst als auch durch weitere in dem Pestizid enthaltene Stoffe verursacht werden. Diese sind oft toxischer als der Wirkstoff Glyphosat selber. Roundup wurde daher von der US-Umweltbehörde EPA in die zweithöchste Toxizitätskategorie (von vier Kategorien) heraufgestuft. So enthält Roundup neben Glyphosat unter anderem den Stoff POEA. In verschiedenen Studien erwies sich POEA in Versuchen als stärker toxisch als der Wirkstoff Glyphosat selbst (Cox 19981 , Martinez & Brown 19912). Von 38 in den USA zugelassenen Herbiziden, die Glyphosat als Wirkstoff enthalten, werden 14 Produkte vom Pesticide Action Network in Nordamerika als akut toxisch und daher als "PAN Bad Actor Product" eingestuft.
Neben den in unserem Hintergrundpapier zitierten Studien führten Glyphosat bzw. Roundup auch in anderen Untersuchungen bei Säugetieren zu negativen gesundheitlichen Folgen, zum Beispiel geringerer Gewichtszunahme, verringerter Libido und geringerem Ejakulatvolumen (Yousef et al. 19953, Cox 19954). Daneben werden auch krebserregende Effekte vermutet (Hardell & Eriksson 19995). Neue Studien fanden daneben Störungen im Enzymhaushalt6 von trächtigen Versuchstieren und deren Föten oder Störungen im Hormonhaushalt7. Auch die von Ihnen als irrelevant dargestellte Studie, die eine Schädigung menschlicher Plazentazellen feststellt, ist also nur eine unter vielen Untersuchungen, die Roundup ein gesundheitliches Risiko zuschreiben. Sie streiten die Relevanz dieser Untersuchung mit der Begründung ab, es handle sich um eine reine Laborstudie. Diese Aussage erschließt sich uns nicht. Sie erscheint uns als beliebig.
Dass auch in der Praxis gesundheitliche Effekte beim Menschen auftreten können, darauf weisen unter anderem Berichte aus Südamerika hin. Einem Bericht der Zeitschrift New Scientist (Bradford 20048) zufolge werden in Argentinien gesundheitliche Probleme auf den Einsatz von Roundup bei genmanipulierter Soja zurück geführt.

Herbizidresistente Gen-Pflanzen verwandeln Ackerland in Artenwüsten

Sie schreiben:

"Gerade die von Ihnen genannte britische Farm Scale Evaluations, ein Vier-Jahres-Forschungsprogramm unabhängiger Wissenschaftler, konnte die Sicherheit vieler umfangreicher Freilandversuche mit herbizidtoleranten Kulturpflanzen für Mensch, Natur und Umwelt belegen. Vor allem die gentechnisch veränderte Zuckerrübe zeigte sich hier in der Unkrautbekämpfung sehr effizient."

Wir stimmen mit Ihnen vollständig darin überein, dass die Unkrautbekämpfung in herbizidresistenten transgenen Zuckerrüben, wie Sie es nennen, "effizient" ist. Das Problem dieser Effizienz vergessen Sie in Ihrem Schreiben allerdings zu erwähnen.
Dieses liegt darin, dass eine Behandlung mit Pflanzentotalvernichtern wie Roundup/Glyphosat Ackerflächen weitgehend von allem reinigt, wovon Insekten und andere Lebewesen sich ernähren können bzw. Insekten direkt schädigt.
Ihre Interpretation der Farm Scale Evaluations halten wir daher für nicht nachvollziehbar. Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts lassen sich nicht mit fadenscheinigen Argumenten wegwischen:
Der Anbau herbizidresistenter gv-Zuckerrüben hat deutlich negative Auswirkungen auf das Ökosystem, vor allem auf die Vielfalt von Ackerkräutern und in der Folge auf die davon abhängige Fauna - selbst im Vergleich zum konventionellen pestizidbasierten Anbau. Auf Feldern mit herbizidresistenten Zuckerrüben wurden bei Ackerwildkräutern 34 Prozent weniger Blüten und 39 Prozent weniger Samen gezählt. Auch Wanzen, Schmetterlinge und Bienen traten in Feldern mit Gen-Rüben in deutlich geringerem Umfang auf.
Verschwinden diese Arten von den Feldern, fallen sie vom Speiseplan höherer Glieder der Nahrungskette. Solche Nahrungsketteneffekte könnten sich zu massiven Auswirkungen auf die biologische Vielfalt summieren.

Verbreitung von Zuckerrüben nicht kontrollierbar

Sie versuchen zu suggerieren, dass Auskreuzung bei Zuckerrüben keine Rolle spielt. Sie schreiben diesbezüglich:

"Die Zuckerrübe hat eine zweijährige Vegetationsperiode. Erst nach dem Winter bildet sie Blüten und Samen. Beim Zuckerrübenanbau wird die Frucht jedoch noch vor dem Winter und damit vor der Blüte geerntet. Dadurch ist ein Auskreuzen der Zuckerrübe auf verwandte Pflanzen praktisch nicht möglich."

Ihre Aussagen zum Auskreuzungsverhalten von Zuckerüben führen in die Irre. Wie Sie in Ihrem eigenen Freisetzungsantrag wahrheitsnäher als oben stehend darlegen, blüht bei Zuckerrüben typischerweise ein Teil der Pflanzen schon im ersten Jahr als so genannter Schosser. Eine einzige Schosserpflanze kann ca. eine Milliarde Pollen produzieren und über außerordentlich große Distanzen auskreuzen. Einer aktuellen Studie zufolge konnten Auskreuzungsereignisse noch in einer Entfernung von 9,6 Kilometern nachgewiesen werden. Zudem können Zuckerrüben in eine Vielzahl verwandter Nutzpflanzen (zum Beispiel Spinat, Mangold, Rote Bete oder Futterrüben) und wilder Verwandter auskreuzen und Samen bis zu 10 Jahren keimfähig im Boden ruhen. Daneben hat die Zuckerrübe Unkrauteigenschaften. Zum Beispiel können Erntereste der Zuckerrübe, die auf dem Feld verbleiben, erneut auskeimen. Diese Durchwuchspflanzen können wiederum zur Blüte gelangen und Samen produzieren und dadurch die transgene Eigenschaft weiter verbreiten. Auch an Feldrändern können sich Bestände von Rübenpopulationen bilden, die über Jahre hinweg Pollen und Samen produzieren und als Genpool für transgenes Material dienen. Selbst die EU-Kommission problematisiert daher den Anbau herbizidresistenter Zuckerrüben:

"[…] Es kann ohne weiteres als selbstverständlich gelten, dass der groß angelegte Einsatz eines Breitbandherbizids im Bereich von Ackerland eine großflächige und schwerwiegende Störung der Strukturen und Nahrungsketten zur Folge hätte, da die Nahrungsgrundlage aller Arten, die sich von etwas anderem als der Kulturpflanze ernähren, eliminiert würde - zumindest vorübergehend und örtlich begrenzt. […]"9

Ein weiterer wichtiger Faktor ist überdies, wie ein Dokument der OECD belegt, dass vor allem Honigbienen, aber auch andere Insekten an der Bestäubung von Zuckerrüben beteiligt sind.
Große Auskreuzungsdistanzen, Fremdbefruchtung, zum Teil durch Insekten vermittelt, lange Überlebensdauer der Samen im Boden und Unkrauteigenschaften der Nutzpflanze sind klassische Definitionsmerkmale für die Nicht-Koexistenzfähigkeit transgener Pflanzen. Selbst der industrienahe britische Forscher Jeremy Sweet folgert in einem Bericht für die EU daher, dass bei Zuckerrüben ein mittleres bis hohes Risiko bezüglich einer Auskreuzung über Pollen von Nutzpflanze zu Nutzpflanze (insbesondere in der Saatgutproduktion) und von der Nutzpflanze zu wilden Verwandten besteht.10 Die Studie schätzt damit das Kontaminationsrisiko bei Zuckerrüben höher ein als bei Mais.

Selbst wenn Sie davon ausgehen, in dem von Ihnen beantragten Freilandversuch aufgrund der begrenzten Fläche alle Schosser entfernen zu können, so ist dies bei dem von Ihnen angestrebten kommerziellen Anbau nicht im Geringsten zu erwarten.

Resistente Ackerkräuter, mehr Pestizide

Ihrer Behauptung, glyphosathaltige Pestizide würden zu ungleich weniger resistenten Unkräutern führen als andere Unkrautvernichtungsmittel, müssen wir widersprechen. Sie verweisen zur Illustrierung Ihrer These auf die gängige Datenbank, in der das Auftreten resistenter Unkräuter dokumentiert wird (http://www.weedscience.org/Summary/UspeciesMOA.asp?lstMOAID=12).
Wie dem geneigten Betrachter dort unmittelbar ins Auge fällt, ist eine Explosion von glyphosatresistenten Unkräutern ausgerechnet in den letzten Jahren zu beobachten, und dies zum allergrößten Teil in den USA und in Brasilien. Bei genauerer Betrachtung fällt zudem auf, dass es sich bei den Kulturen, in denen diese resistenten Unkräuter auftreten, vor allem um Soja, Baumwolle und Mais handelt. Es handelt sich also um genau die Pflanzen, bei denen Herbizidresistenz und Gentechnik eine sehr große Rolle spielen.
Wie erklären wir uns das nun? Sicher ist Ihnen bekannt, dass Glyphosat bis zur Entwicklung herbizidresistenter Gen-Pflanzen überwiegend in Spezialkulturen oder an Feldrändern zum Einsatz kam. Erst durch herbizidresistente transgene Pflanzen kann Glyphosat massiv in Ackerkulturen versprüht werden. Ihre Aussage,

"Resistenzbildung von Unkräutern bei Anwendung von Herbiziden ist davon abgesehen ein normaler und bekannter Vorgang und geschieht unabhängig davon, ob die Pflanzen mit Gentechnik oder klassischer Züchtung entstanden sind",

ist selbstredend grundlegend richtig. Jedoch beschleunigt sich durch den ungebremsten Einsatz von Totalherbiziden wie Roundup die Geschwindigkeit der Resistenzbildung um ein Vielfaches.
Wie Sie der oben genannten Datenbank entnehmen können, häuften sich die Resistenzen in den Anbauländern herbizidresistenter Gen-Pflanzen, insbesondere in den USA, bereits wenige Jahre nach der Markteinführung.
Die Gentechnikindustrie, unter anderem Ihr Partnerunternehmen Monsanto, hat daher bereits eine eigene Internetseite zur Problematik der Glyphosatresistenz ins Netz gestellt, samt einem Programm, das Ertragseinbußen berechnet, die durch Roundup-resistente Unkräuter entstanden sind (www.glyphosateweedscrops.org). Würde sie das tun, wenn es keine massiven Probleme gäbe?

Die zunehmenden Glyphosatresistenzen führen, bezogen auf die Ausbringung von Pestiziden, letztendlich zu einem gesteigerten Pestizideinsatz.
Der US-Agrarwissenschaftler Charles Benbrook wies nach, dass in den USA auf Äckern, auf denen herbizidresistente Gen-Pflanzen wie Mais oder Soja wachsen, nach wenigen Jahren deutlich mehr Pestizide eingesetzt werden als auf vergleichbaren konventionellen Äckern.11
Sie sehen abschließend, dass der Einsatz von Glyphosat und die darauf abgestimmten herbizidresistenten Gen-Pflanzen nicht die Frage lösen, die Sie in Ihrem Schreiben aufwerfen, nämlich nach

"weniger und unbedenklicheren Pflanzenschutzmitteln im landwirtschaftlichen Anbau".


Nutzung von Zuckerrüben zur Produktion von Agro-Sprit: Gentechnik durch die Hintertür

Sie argumentieren in Ihrem Schreiben zudem, dass

"über die Nutzung geeigneter Pflanzen der Anteil erneuerbarer Energien als Alternative zu den begrenzten, teuren und klimabelastenden fossilen Energien (Erdöl, Erdgas)"

möglicherweise sinnvoll erhöht werden könnte. Damit spielen Sie auf die Pläne Ihres Unternehmens an, Zuckerrüben (und wohl auch transgene Linien) als Rohstoff für die Ethanolproduktion zu verwenden. Damit bestätigen Sie unsere Befürchtungen, dass eine Ausdehnung des Anbaus so genannter Energiepflanzen zu einem Einfallstor für die Agro-Gentechnik werden könnte. Denn Zuckerrüben-Ethanol, das mit genmanipulierten Zuckerrüben erzeugt würde, wäre nicht kennzeichnungspflichtig. Wie im Bereich tierischer Produkte bliebe die gentechnikkritische Öffentlichkeit über die Verwendung von genmanipulierten Pflanzen, die in diesem Fall im Tank landen würden, im Dunkeln. Wir halten es nicht für gerechtfertigt, dass über die Sackgasse der so genannten Energiepflanzen weitere Belastungen für die Umwelt entstehen.


Wir fordern Sie aus diesen Gründen nochmals auf, die geplante Freisetzung glyphosatresistenter Zuckerrüben im Interesse der Gesellschaft, die derartige Produkte nicht wünscht, im Interesse einer zukunftsfähigen, nachhaltigen und giftfreien Landwirtschaft sowie im Interesse des Schutzes der Artenvielfalt sowie der Gesundheit von Mensch und Tier zu unterlassen. Gerade in dem Jahr, in dem die Mitgliedsstaaten der UN-Konvention über Biologische Vielfalt in Bonn tagen, wäre eine Freisetzung herbizidresistenter Gen-Pflanzen, die erwiesenermaßen zur Zerstörung ebendieser Vielfalt beitragen, im Gastgeberland ein schlechtes Signal.

Mit freundlichen Grüßen aus München,

Andreas Bauer
Umweltinstitut München e.V.

1Cox, C. (1998): Glyphosate (Roundup). Journal of Pesticide Reform 18 (3), 3-17, aktualisiert April 2003.
2Martinez, T. T. & Brown, K. (1991): Oral and pulmonary toxicology of the surfactant used in Roundup herbicide. Proceedings of the Western Pharmacology Society 34, 43-46.
3Yousef, M. I., Salem, M. H., Ibrahim, H. Z., Helmi, S., Seehy, M. A. & Bertheussen, K. (1995): Toxic effects of carbofuran and glyphosate on semen characteristics in rabbits. J. Environ. Sci. Health, B30(49), 513-534.
4Cox, C. (1995): Glyphosate, Part 1: Toxicology. Journal of Pesticide Reform, 15(3): 14-20.
5Hardell, L. & Eriksson, M. (1999): A case-control study of non-Hodgkin lymphoma and exposure to pesticides. Cancer, 85/6: 1353-1360.
6Daruich J, Zirulnik F, Gimenez MS (2001). Effect of the herbicide glyphosate on enzymatic activity in pregnant rats and their fetuses. Environ Res. 2001 Mar;85(3):226-31.
7Walsh LP et al. (2000). Roundup inhibits steroidogenesis by disrupting steroidogenic acute regulatory (StAR) protein expression. Environ Health Perspect.;108(8):769-76.
8Bradford, S. (2004): Argentina's bitter harvest. New Scientist, 17 April 2004.
9"Verheimlichte Risiken - Was die Europäische Kommission wirklich über Gen-Pflanzen denkt."
10Eastham K., Sweet, J. (2002): Genetically modified organisms (GMOs): The significance of gene flow through pollen transfer. Environmental Issue Report 28
11Benbrook, CM (2004): Genetically Engineered Crops and Pesticide Use in the United States: The First Nine Years. http://www.biotech-info.net/technicalpaper7.html