Facebook .
Twitter .
Menü
Home  trenner  Archiv Gentechnik  trenner  Fachinformationen  trenner  Genanbau: Falsche Zahlen
Falsche Zahlen über Gentechnik-Anbauflächen

Gentechnik-Industrie macht sich größer

Grafik 1, Quelle ISAAA

Bäuerliche Technikkultur, Grüne Technowelle, Erfolgsgeschichte, unvergleichlicher Siegeszug: Mit diesen Worten kommentierten Gentechnikbefürworter und ein Großteil der Medien die Veröffentlichung der Statistik zum weltweiten Anbau von Gentechnik-Pflanzen 2004. Wie der International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications (ISAAA)1 Anfang Januar 2005 bekannt gab, vergrößerte sich die Anbaufläche genmanipulierter Pflanzen im vergangenen Jahr um fast 20 Prozent (das entspricht umgerechnet 13 Millionen Hektar) auf nunmehr 81 Millionen Hektar. Die Medien übernahmen diese Zahlen, wie seit Jahren, ungeprüft.

Grund dafür ist vor allem der Mangel an alternativen Datenquellen: ISAAA ist die einzige Organisation, die den globalen Anbau der Genpflanzen in einem jährlich erscheinenden Bericht umfassend dokumentiert. Die Statistik der Lobbyorganisation sollte aber nur unter größter Vorsicht als Referenz dienen. Denn ein Blick auf Ausrichtung von ISAAA und die von ihr veröffentlichten Daten lassen die Meldungen über einen weltweiten Boom der Agro-Gentechnik in einem etwas nüchterneren Lichte erscheinen. Zum anderen entlarvt die Statistik aber auch die falschen Versprechungen der Gentechnikindustrie, und zeigt, wie gering die eigentliche Akzeptanz dieser hochriskanten Technologie ist.

ISAAA – Sprachrohr der Gentechnikkonzerne

Das zentrale Problem der von ISAAA vorgelegten Daten zur Anbaufläche von Genpflanzen ist zunächst, dass nicht dokumentiert wird, woher die Informationen für die Statistiken stammen. ISAAA versichert lediglich, die Daten aus allen Ländern sorgfältig bearbeitet zu haben und verweist auf verschiedene, nicht näher konkretisierte Regierungsinstitutionen und Organisationen. Dies ist vor allem deswegen relevant, weil ISAAA keineswegs als unparteiisch angesehen werden kann. Die Organisation wurde von den größten Gentechnik-Konzernen der Welt gegründet und wird bis zum heutigen Tag von diesen finanziert. Unter den Geldgebern finden sich neben Lobbyverbänden auch alle prominenten Firmen aus diesem Sektor, unter anderem Bayer Crop Science, Monsanto, Syngenta, Pioneer und Dupont. Zahlreiche ehemalige Führungskräfte dieser Konzerne sind in den Führungsetagen von ISAAA tätig, deren Direktor Clive James eine der zentralen Figuren des internationalen Gentechnik-Lobbyismus ist. Als Reisender in Sachen Gentechnik propagiert er auch die Zulassung der international geächteten „Terminator-Pflanzen“, deren Erntegut durch ein „Selbstmord-Gen“ nicht mehr keimfähig ist und deshalb von Landwirten nicht nachgebaut werden kann.2
Das alleinige Anliegen von ISAAA ist laut Selbstauskunft im Internet die globale Verbreitung gentechnisch veränderter Pflanzen, vor allem in den so genannten Entwicklungsländern. Die Zentrale der Organisation befindet sich in den USA an der Cornell Universität, New York. ISAAA unterhält Dependancen in Kenia, Großbritannien, Japan und auf den Philippinen.

Was ist dran an den Zahlen von ISAAA?

Grafik 2, Quelle ISAAA

Dass etliche der Angaben der Lobbyorganisation über den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen einer Überprüfung nicht standhalten, zeigen alternative Quellen, die für einige Länder zur Verfügung stehen. So gab ISAAA die Fläche, auf der in Südafrika insektenresistente Bt-Baumwolle wächst, für das Jahr 2003 mit 100 000 Hektar an. Die europäische Industrievereinigung „Agricultural Biotechnology” und ein Team der Universität Reading (Großbritannien) schätzten den Anbauumfang im selben Jahr jedoch auf lediglich 5000 bzw. 3000 Hektar.3 Auch in Spanien und Rumänien werden nach anderslautenden Angaben nicht, wie in der ISAAA-Statistik ausgewiesen, auf 100 000 Hektar GVO (gentechnisch veränderte Organismen) angebaut, sondern auf 60 000 bzw. 58 200 Hektar.

2004 – ein Jubeljahr für die Agro-Gentechnik?

Obwohl für das Jahr 2004 durchaus von einem Zuwachs der GVO-Anbaufläche ausgegangen werden muss, ist die weltweite Akzeptanz der Genpflanzen bei weitem nicht so umfassend, wie von der Lobbyorganisation behauptet. Dies lässt sich ohne Schwierigkeiten anhand der von ISAAA selbst veröffentlichten Daten darlegen. Zuwächse gab es demnach nur in wenigen Ländern, die Zahl der Anbauländer verringerte sich sogar.
• Der Anbau gentechnisch veränderter Nutzpflanzen findet in lediglich 17 Ländern statt. Im Vergleich zu 2003 ist dies sogar ein Anbauland weniger, da die indonesische Regierung den Anbau von Gen-Baumwolle nach katastrophalen Ergebnissen wieder verboten hat. Auch Bulgarien hat sich aus dem Gentechnikrennen verabschiedet. Als neues GVO-Anbauland kann ISAAA dagegen Paraguay begrüßen.
• 96 Prozent des Anbaus (umgerechnet 77,4 Millionen Hektar) finden nach wie vor in nur fünf Ländern statt, nämlich den USA, Argentinien, Kanada, China und Brasilien. Rund 60 Prozent der Flächen, 47,6 Millionen Hektar, befinden sich in einem einzigen Land, den USA, und insgesamt rund 94 Prozent in Nord- und Südamerika. (Grafik 1)
• Keine Neuigkeiten gibt es auch bei den zur Verfügung stehenden Pflanzen und deren Eigenschaften. Soja, Mais, Raps und Baumwolle sind die einzigen gentechnisch veränderten Pflanzen, die in nennenswertem Umfang angebaut werden. (Grafik 2)
• Auf dem Markt für gentechnisch veränderte Pflanzen gibt es lediglich zwei verschiedene Eigenschaften: 72,2 Prozent der angebauten Genpflanzen sind resistent gegen Pestizide, 19,4 Prozent, die so genannten Bt-Pflanzen, produzieren ein Insektengift, das aus einem Bakterium (Bacillus thuringiensis) stammt. Die restlichen 8,4 Prozent besitzen beide genannten Eigenschaften zugleich. Diese prozentuale Verteilung ist seit Jahren weitgehend konstant.
In weiter Ferne sind dagegen die Wunderpflanzen, die die Industrie seit vielen Jahren verspricht: Genpflanzen mit Kälteresistenz, Virus- und Bakterienresistenz, Dürreresistenz oder angeblich für den Verbraucher interessanten Eigenschaften. Nur auf Hawaii werden in geringem Umfang, der nicht einmal in die Statistik eingeht, virusresistente Papaya angebaut. (Grafiken 3, 4)
•Paraguay, nach ISAAA-Angaben mit 1,2 Millionen Hektar die weltweite Nummer sechs beim Anbau von Genpflanzen, hat im Oktober 2004 den Anbau von gentechnisch veränderter Soja nur unter Druck zugelassen: Seit Jahren war es dort auf etwa 40 bis 50 Prozent der Sojaflächen zur illegalen Aussaat herbizidresistenter Gensoja gekommen. Die Gentechnik-Industrie, allen voran Monsanto, hatte Paraguay deswegen stark unter Druck gesetzt, um eine Zulassung von GV-Soja zu erreichen. Denn ohne Rechtsrahmen ist es den Unternehmen nicht möglich, die für Gentechnik-Pflanzen fälligen Patentgebühren von den Landwirten einzutreiben.

Argentinien: ein Entwicklungsland?

Grafik 3, Quelle ISAAA

Wie mit kleinen Veränderungen an statistischem Material die Realität manipuliert werden kann, zeigt insbesondere die Bewertung, die ISAAA über die Akzeptanz der Gentechnologie in den Entwicklungsländern abgibt: Der Siegeszug der Gentechnik in der Landwirtschaft manifestiert sich demzufolge vor allem in einem starken Zuwachs der Flächen dort. Fast ein Drittel der Laborpflanzen, so ISAAA, werden mittlerweile in Entwicklungsländern angebaut. Damit wird suggeriert, dass Gentechnik die Wunderwaffe gegen den Hunger in der Welt sei und vor allem den Armen der Welt hilft: Diese These wird von den Agrarmultis seit Jahren stereotyp in der Öffentlichkeit verbreitet.
Wer nun aber denkt, die armen Länder Afrikas oder Asiens hätten die neue Technologie in großem Stil in der Landwirtschaft adaptiert und diese würde nun den Hungernden der Welt zugute kommen, sieht sich jedoch getäuscht. Zu den Entwicklungsländern zählt die ISAAA Länder wie Argentinien, Brasilien, Indien und China. Allein in Argentinien befinden sich 20 Prozent aller Flächen mit gentechnisch veränderten Pflanzen. Die Landwirtschaftsstrukturen vor allem in Südamerika haben aber mit kleinbäuerlicher Landwirtschaft, wie sie in Entwicklungsländern üblich ist, nicht das Geringste zu tun. Gensoja wird in Südamerika in großflächigen und umweltzerstörenden Monokulturen von Großgrundbesitzern, die in diesen Ländern die politische und finanzielle Oberschicht bilden, angebaut. Diese Oberschicht wird von ISAAA zu Bauern aus der Dritten Welt umdeklariert – ein psychologisch geschickter Schachzug.

Hungerbekämpfung durch Gentechnikanbau: glatt gelogen

Die These, dass Gentechnik ein Mittel zur Hungerbekämpfung ist, kann mit Hilfe der ISAAA-Statistik selbst widerlegt werden: In allen vier von ISAAA genannten „Entwicklungsländern“ werden Genpflanzen nämlich keineswegs für die Ernährung der Bevölkerung angebaut. In Argentinien und Brasilien wächst fast ausschließlich Gensoja, in Indien und China nur genmanipulierte Bt-Baumwolle: Beide Pflanzenarten dienen aber mitnichten als Nahrungsmittel, sondern werden entweder als Tierfutter in die Industriestaaten exportiert oder zu Textilien verarbeitet. In Argentinien stieg die Zahl der Hungernden seit der Einführung des Gensoja-Anbaus sogar stark an. Dies ist mehr als logisch, wenn man bedenkt, dass inzwischen auf 50 Prozent der
argentinischen Äcker Gensoja wächst, ein reines Exportprodukt. Auch ein Land wie Deutschland wäre nicht in der Lage, die Ernährung seiner Bevölkerung zu sichern, wenn auf der Hälfte seiner landwirtschaftlichen Flächen reine Exportprodukte wachsen würden.

„Mega“mäßig übertrieben

Grafik 4, Quelle ISAAA

Noch einen weiteren Propagandatrick hat sich ISAAA für das Jahr 2004 einfallen lassen: Weltweit identifiziert die Organisation jetzt 14 „Mega-Anbauländer“. Mit dem Prädikat „Mega-Anbauland“ werden Staaten geadelt, die GVO-Anbau auf mehr als 50 000 Hektar nachweisen können. Zu diesem Kreis zählt die Organisation neben Staaten wie den USA oder Argentinien auch Spanien, das einzige Land der EU, in dem kommerzieller GVO-Anbau in nennenswertem Umfang stattfindet. In Spanien wird Bt-Mais jedoch nur auf 60 000 Hektar angebaut. Angesichts einer landwirtschaftlichen Nutzfläche von 24 Millionen Hektar in ganz Spanien ist dies aber keineswegs „mega“. Aufgrund eines „Rundungsfehlers“ wird aus dieser relativ unscheinbaren Fläche zudem die imposant erscheinende Zahl von 0,1 Millionen Hektar, eine Vergrößerung um 66 Prozent.
Laut derselben Statistik wird auch in Rumänien auf 0,1 Millionen Hektar Gensoja des Konzerns Monsanto angebaut. Nach Auskunft des rumänischen Landwirtschaftsministeriums umfasst die Fläche jedoch nur 58 200 Hektar, ein weiterer „Rundungsfehler“, der den tatsächlichen Anbau fast um das Doppelte übersteigt. Und selbst die knapp 500 000 Hektar Bt-Baumwolle in Indien machen das Land, in dem allein Baumwolle auf neun Millionen Hektar Fläche angebaut wird, zu keinem „Mega-Anbauland“. Bei oberflächlicher Betrachtung klingt eine Zahl von 14 „Mega-Anbauländern“ dagegen ungemein eindrucksvoll und genau so, wie es die von den Industrieunternehmen lancierte PR wünscht: Sie vermittelt demjenigen, der keine Hintergrundinformationen besitzt das Gefühl, dass die Genpflanzen ohnehin „überall sind“ und man angesichts der überwältigenden „Gentechnikwelle“ diese nicht mehr vermeiden kann.

Die ISAAA-Statistik kritisch nutzen

Es sind vor allem kleine Verdrehungen und subtile Verfälschungen, die das Datenmaterial von ISAAA zum globalen Anbau von Genpflanzen außerordentlich fragwürdig machen.
Von gentechnikkritischen Organisationen wird aus diesem Grund seit Jahren angeregt, unabhängige Informationen aus den einzelnen GVO-Anbauländern zu sammeln und diese den ISAAA-Daten gegenüber zu stellen. Doch scheitert dieses Vorhaben an den hohen Kosten für die Durchführung einer solchen alternativen Datenerhebung. Darum wird es auch in absehbarer Zukunft keinen anderen Weg geben, als die Zahlen von ISAAA unter Vorbehalt zu verwenden und die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen, auf die Übertreibungen, Fragwürdigkeiten und Propagandatricks des Reports deutlich hinzuweisen.

Quellen

1 www.isaaa.org
2 Ashok B. Sharma: ISAAA Chief for Pragmatism on Transgenic Regulator, Financial Express, 16.8.2004 www.financialexpress.com
3 Claire Robinson: The GM Bubble, Science in Society, Issue 22, 2004, www.i-sis.org.uk

Umweltnachrichten, Ausgabe 101 / Mai 2005