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Freisetzung herbizidresistenter Zuckerrüben 2008 - 2011

Gentechnik - kommt nicht in die Rübe!

"Neben den modernen Züchtungsmethoden [...]
setzen wir gerade bei der Zuckerrübe auf den Fortschritt
in der Grünen Gentechnik."

(KWS-Vorstandssprecher Philip von dem Bussche, 2006)

1. Zusammenfassung

Erstmals seit 2002 sollen in Deutschland wieder genmanipulierte Zuckerrüben im Rahmen eines Freilandversuchs angebaut werden.
Die Planta GmbH, eine Tochter des deutschen Saatgutkonzerns KWS, plant, von 2008 bis 2011 genmanipulierte, herbizidresistente Zuckerrüben an zunächst vier verschiedenen Standorten in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen (2 Standorte) und Sachsen-Anhalt auszubringen. Die Freisetzung wurde im so genannten vereinfachten Verfahren beantragt: Im Fall einer Genehmigung könnte in den Folgejahren eine beliebige Anzahl weiterer Gen-Äcker hinzukommen. . Die manipulierten Rüben wurden von der KWS gemeinsam mit dem Gentechnik-Konzern Monsanto entwickelt. Da ein Antrag auf kommerziellen Anbau in der EU von der KWS und Monsanto schon vor mehreren Jahren eingereicht wurde1, ist klar: Ziel der Freisetzung ist es, den kommerziellen Anbau genmanipulierter Zuckerrüben in Deutschland und Europa zu ermöglichen.
Die Rüben enthalten unter anderem ein Resistenzgen gegen Totalherbizide mit dem Wirkstoff Glyphosat. Diese werden von Monsanto unter dem Namen Roundup vertrieben.
Der Anbau genmanipulierter Zuckerrüben ist aufgrund der Biologie der Pflanze hochriskant und würde gentechnischer Verunreinigung über einen langen Zeitraum und groß Distanzen Tür und Tor öffnen.

2. Antrag auf Freisetzung herbizidresistenter Zuckerrüben 2008 - 2011
Der aktuelle Antrag

Die KWS/Planta GmbH hat die Freisetzung genmanipulierter Zuckerrüben an den vier Standorten

  • Dreileben (Sachsen-Anhalt)

  • Höckelheim (Niedersachsen)

  • Thulendorf (Mecklenburg-Vorpommern)

  • Wetze (Niedersachsen)

beantragt (RKI Nr. 6786-01-0192). Es sind zwei unterschiedliche Versuchsreihen geplant. Deren Größe soll je 1000m2 bzw. 5000 m2 betragen. Da an einigen Standorten beide Versuchsreihen durchgeführt werden sollen, könnten die genmanipulierten Rüben pro Standort auf bis zu 6000 m2 wachsen.

Vereinfachtes Verfahren - einfach an der Rechtssituation vorbei

Offenbar plant die KWS nach dem ersten Anbaujahr 2008 eine erhebliche Ausdehnung der Versuche. Schon auf dem Deckblatt des Antrags wird von vorerst acht Standorten (durch das BVL handschriftlich auf vier reduziert) gesprochen. Die möglichen zusätzlichen Standorte sollen dann im Rahmen des so genannten vereinfachten Verfahrens nachgemeldet werden. Die KWS könnte dadurch, ohne nochmalige Anträge, beliebig viele weitere Versuchsflächen im gesamten Bundesgebiet mit den Gen-Rüben bepflanzen. Die Bundesregierung plant im Rahmen der Novelle des Gentechnikgesetzes, bei vereinfachten Verfahren und nachgemeldeten Standorten die Beteiligung der Öffentlichkeit praktisch zu streichen. Aus dem Antrag der KWS geht überdies hervor, dass das Unternehmen das vereinfachte Verfahren nicht aufgrund bereits durchgeführter Vorversuche in Deutschland beantragt hat. Vielmehr ist der Saatgut-Multi der Auffassung, dass die Sicherheit der transgenen Rübe bereits feststehe. Die KWS hat ihren Antrag daher vorrausschauend so gestellt, dass er auf die Regelungen im neuen Gentechnikgesetz, das derzeit erst beraten wird, abgestimmt ist. Das Unternehmen beantragt die Freisetzung der genmanipulierten Rüben also in einem derzeit nicht gültigen Verfahren, im Hinblick darauf, dass dieses bald auch Gesetz ist. Die zuständige Genehmigungsbehörde, das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) will den Antrag bis zum Stichtag, an dem das Gesetz in Kraft tritt, als normales reguläres Verfahren behandeln. Nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes soll der Antrag dann wieder zum vereinfachten Verfahren erklärt werden.

Freilandversuch mit der Gen-Rübe H7-1 von 1999 - 2006

Schon 1999 war ein Versuch mit der herbizidresitenten Gen-Rübe H7-1 genehmigt worden. Damals wurde der Versuch vom Monsanto-Konzern durchgeführt (RKI Nr. 6786-01-0094)2. Dieses Freilandexperiment sollte ursprünglich bis 2006 fortgeführt werden. Das offizielle Standortregister weist jedoch schon im dem Jahr 2005 keine der beantragten Flächen mehr aus.
Durchgeführt wurde die Freisetzung auf 30 Standorten, die Größe der Freisetzungsfläche betrug jeweils 10 Hektar.
Ziel des Feldversuchs war laut Antrag die "Durchführung von Prüfungen im Rahmen des Zulassungsverfahrens für das Herbizid Roundup&Mac226; Ultra zur Anwendung in diesen gentechnisch veränderten Zuckerrüben und von notwendigen Untersuchungen für die Sortenzulassung sowie die Feststellung agronomischer Merkmale."3

3. Freisetzungsversuche mit genmanipulierten Zuckerrüben in Deutschland

Nach Kartoffeln, Raps und Mais sind Zuckerrüben die Pflanzen, mit denen in Deutschland die meisten gentechnischen Freisetzungsversuche durchgeführt wurden. Der aktuell beantragte Versuch von KWS/Planta wäre bereits der 25. dieser Art. Nach Agrevo/Bayer (sieben Versuche) hat die KWS/Planta mit bislang fünf Anträgen die meisten Freilandexperimente dieser Art durchgeführt. Der Monsanto-Konzern führte bislang vier Versuche durch. Der größte Anteil der Freisetzungen fand in den 1990er Jahren statt (siehe Grafik 1). Im Jahr 2002 wurde letztmals ein Antrag auf Freisetzung genmanipulierter Zuckerrüben durch den Monsanto-Konzern eingereicht.

Grafik 1: Anträge für Freisetzungsversuche mit transgenen Zuckerrüben in Deutschland, nach Jahr des geplanten Anbaubeginns

Insgesamt wurden seit 1993 17 Anträge für den Anbau herbizidresistenter Rüben bewilligt, sieben für transgene Rüben mit einer Resistenz gegen die Viruskrankheit Rizomania. In einem weiteren Versuch wurde Zuckerrüben ein Bakterienresistenz-Gen eingepflanzt. Der Schwerpunkt der Versuche mit virusresistenten Zuckerrüben war Anfang bis Mitte der 1990er Jahre. Die Gen-Rüben waren oftmals gleichzeitig mit der Resistenz gegen Totalherbizide ausgestattet. Von Firmen wie der KWS wurden die Herbizidresistenz-Gene anfangs als reine "Markergene" dargestellt. Damit sollten schon damals geäußerte Bedenken ausgeräumt werden, die Agro-Konzerne wollten mit den entsprechenden Gen-Pflanzen Verkaufsförderung für umweltbelastende Pestizide betreiben.

4. Risiken

Herbizid-Resistenz:
Die genmanipulierten Rüben der KWS besitzen eine Resistenz gegen das Totalherbizid Roundup. Jüngere wissenschaftliche Ergebnisse zeigen deutlich, dass dieses, entgegen langjähriger Meinung, massive Schäden verursacht und auch auf den Menschen gravierende Auswirkungen hat. Die Effekte können sowohl durch den Wirkstoff Glyphosat als auch durch weitere in dem Pestizid enthaltene Stoffe wie Netzmittel oder Synergisten verursacht werden.

  • Roundup wirkt in hohem Maße tödlich auf Amphibien wie z.B. Frösche:
    Forscher der Universität Pittsburgh wiesen nach, dass die Chemikalie innerhalb von drei Wochen 98 Prozent aller Kaulquappen, die mit dem Pestizid in der von Monsanto vorgeschlagenen Dosis behandelt wurden, tötet. Innerhalb eines einzigen Tages starben auch 79 Prozent aller Frösche.4 Neben Amphibien, die direkt auf den Feldern mit Roundup in Berührung kommen, können auch Kaulquappen oder Frösche betroffen sein, die in Oberflächengewässern leben.

  • Roundup wirkt sich negativ auf die menschliche Plazenta aus:
    selbst in Konzentrationen, die weit unterhalb der landwirtschaftlich üblichen Dosis liegen.6 Die Überlebensrate von Plazentazellen wurde bereits bei einer zehnmal geringeren Dosis herabgesetzt. Dies könnte die erhöhte Rate von Schwangerschaftsaborten und Frühgeburten in ländlichen Gebieten erklären, die eine US-Studie bereits 1997 ermittelt hatte. Der Einsatz von Pestiziden, auch von Glyphosat, stand bereits damals unter Verdacht, Hauptverursacher dieser Effekte zu sein.7

  • Roundup schädigt Organe, Nachkommen und Stoffwechsel von Säugetieren:
    In verschiedenen Studien wurden die Auswirkungen des Pestizids auf Versuchstiere wie Ratten getestet. Jüngere Veröffentlichungen weisen dabei deutlich auf gravierende Effekte auf Stoffwechsel, innere Organe und die Reproduktion bei Säugetieren hin.8

  • Glyphosat kann beim Menschen gentoxisch wirken:
    Eine Studie kolumbianischer Wissenschaftler ergab, dass das Pestizid auch die menschliche DNA schädigt.9

  • Roundup gefährdet das Grundwasser:
    Die dänische Regierung verbot im Jahr 2003 den Einsatz von Roundup in Teilen des Landes, nachdem nachgewiesen worden war, dass sowohl Roundup als auch der Metabolit AMPA des Pestizids ins Grundwasser eingetragen werden. Die Studie folgerte daraus, dass Risiken für Ökosysteme in Gewässern bestehen könnten.10

Freisetzungsversuche mit Gen-Pflanzen, die den bedenkenlosen Einsatz von Glyphosat ermöglichen, sind unverantwortlich. Gen-Pflanzen, die gegen Glyphosat resistent sind, dürfen keine Anbau-Zulassung erhalten.

5. Ökologische Risiken

Hohes Auskreuzungsrisiko
Die Zuckerrübe ist eine zweijährige Pflanze. Blüten- und Samenbildung findet daher üblicherweise erst im zweiten Vegetationsjahr statt. Da Rüben zur Nahrungs- und Futtermittelerzeugung im ersten Jahr geerntet werden, kommen die Pflanzen beim Anbau in der Regel nicht zur Blüte und es wird kein Pollen gebildet. Typischerweise blüht aber ein Teil der Pflanzen schon im ersten Jahr als so genannte Schosser.
Zuckerüben werden hauptsächlich durch den Wind, aber auch durch Insekten bestäubt (Vigouroux et al, 1999).11 Wie die meisten Windbestäuber produzieren Zuckerrüben gewaltige Mengen an Pollen (ca. eine Milliarde pro Pflanze). Die Pollen der Zuckerrübe werden zudem zu einem hohen Prozentsatz über weite Entfernungen verfrachtet: In einer Distanz von 700 Metern fanden Wissenschaftler noch zwei Prozent, einer anderen Studie zufolge in 800 Metern Entfernung sogar sechs Prozent der ursprünglichen Pollenmenge (Treu & Emberlin 2000). Pollen von Zuckerrüben lassen sich jedoch noch in weit größeren Entfernungen vom Ausgangsfeld nachweisen. Älteren Studien zufolge wurde Zuckerrüben-Pollen noch in 5 km Entfernung von der Quelle nachgewiesen (Smith 1980),12 und es existierten Schätzungen, dass Pollen mindestens acht Kilometer weit transportiert werden kann. Neuere Forschungsergebnisse weisen jedoch darauf hin, dass selbst diese Auskreuzungsdistanzen noch untertrieben sind: Einer aktuellen Studie zufolge konnten Auskreuzungsereignisse sogar noch in einer Entfernung von 9,6 Kilometern nachgewiesen werden. Die Wissenschaftler konnten zudem zeigen, dass das Verbreitungsrisiko von Zuckerrüben über Samen viel höher ist als bisher angenommen.13

Ein wichtiger Faktor ist überdies, wie ein Dokument der OECD belegt, dass vor allem Honigbienen, aber auch andere Insekten wie Tripse und Wildbienen an der Bestäubung von Zuckerrüben beteiligt sind.14 Transgenes Material würde daher auch im Honig benachbarter Imker auftauchen. Insgesamt fanden Wissenschaftler 129 verschiedene Insektenarten, die Zuckerrübenblüten besuchen (Free et al., 1975).15

Zuckerrüben kreuzen in eine Vielzahl anderer Pflanzenarten aus
Die Gattung Beta (zu denen die Zuckerrübe gehört) wird in vier Unterarten aufgeteilt: Corolinnae, Procumbentes, Chenopodiaceae und Nanae. Zuckerrüben können mit nahezu allen Unterarten hybridisieren.16
Bei Zuckerrüben kann zudem eine Einkreuzung in andere Nutzpflanzen der selben Art erfolgen, zum Beispiel in Spinat, Mangold, Rote Bete, Gelbe Beete und Futterrüben.17 Diese Kreuzungen können befruchtungsfähige Nachkommen hervorbringen.
Zusätzlich gibt es in hiesigen Breiten zahlreiche Wildarten der Beta-Rüben. Dass Einkreuzungen von Zuckerrüben in Wildrübenbestände auftreten können, wurde bereits 1999 nachgewiesen (Bartsch et al. 1999). Auch die Nachkommen solcher Kreuzungen sind in der Regel fertil. An mindestens einem der von der KWS vorgesehenen Standorte, dem nahe Rostock gelegenen Thulendorf, können solche Wildrübenarten auftreten. Im Antrag heißt es dazu: "Wildarten der Gattung Beta wachsen im Mittelmeerraum und vereinzelt im Ostseeraum als Unkraut auf den Feldern oder auf Brachland." (S.22)

Zuckerrübe als Unkraut
Wurzel und Krone der Zuckerrübe können, wenn sie nach der Ernte auf dem Feld verbleiben, erneut auskeimen. Wenn sie den folgenden Pestizidanwendungen entgehen, kommen diese so genannten Durchwuchspflanzen auch zur Blüte und produzieren Samen, der wiederum die transgene Eigenschaft verbreiten kann. Bei Folgefrüchten wie Erbsen oder Kartoffeln können Unkraut-Zuckerrüben gut gedeihen, da in diesem Fall keine "passenden" Pestizide zur Verfügung stehen. Zuckerrübensamen können bis zu 10 Jahren keimfähig im Boden ruhen. Nach Højland und Pedersen (1994)18 finden sich in 25 Prozent aller britischen Äcker Samen solcher Unkraut-Zuckerrüben. In manchen Gebieten besteht nach Eastham und Sweet (2000)19 eine nahezu flächendeckende Verbreitung. Die Kontrolle solcher Bestände bereitet nach Angabe der Autoren große Mühe.
Auch können sich an Feldrändern, entlang der Transportwege etc. ruderale Bestände von Rüben- und Wildpopulationen bilden, die über Jahre hinweg Pollen und Samen produzieren. In Anbaugebieten der USA konnten sich verwilderte Zuckerrüben-Pflanzen bereits vollständig in der Natur etablieren. Verwilderte Kreuzungen von Zuckerrüben mit anderen Nutzpflanzenarten oder wilden Verwandten können daher als Genpool für transgenes Material dienen. Über solche genetischen Brücken könnten transgene Rüben über einen sehr langen Zeitraum in der Natur verbleiben.
Dass sich das Erbmaterial genmanipulierter Pflanzen über lange Zeit hinweg in der Natur etablieren kann, wurde erst unlängst wieder in einer kanadischen Studie gezeigt.20
Auch die EU-Kommission problematisiert daher den Anbau herbizidresistenter Zuckerrüben. In der Verteidigungsschrift im WTO-Streitfall stellt sie fest:

"Außerdem haben Kulturpflanzen wie Raps und Rüben wild wachsende Artgenossen, mit denen sie hybridisieren können. Damit führt die Gegenwart dieser verwandten Arten zur Hybridbildung und zur Einbringung der Gene in diese Wildarten. Die wild wachsende Population kann dann als potenzielles räumliches oder zeitliches Reservoir für Transgene dienen, oder zu einem Unkraut zwischen HT-Kulturpflanzen werden." 21

Die genannten Eigenschaften machen Zuckerrüben zu einer Pflanze mit einem vergleichbar hohen Verbreitungsrisiko wie Raps. Von Freisetzungsversuchen oder gar kommerziellem Anbau genmanipulierter Zuckerrüben sollte daher unbedingt Abstand genommen werden.

Ökologische Folgen des Anbaus herbizidresistenter Zuckerrüben
Im Rahmen der britischen "Farm Scale Evaluations" wurde bereits vor einigen Jahren nachgewiesen, dass der Anbau herbizidresistenter gv-Zuckerrüben negative Auswirkungen auf das Ökosystem hat.22 Bei den Untersuchungen zeigten sich negative Effekte auf die Vielfalt von Ackerkräutern und in der Folge auf die davon abhängige Fauna - selbst im Vergleich zum konventionellen pestizidbasierten Anbau schnitt der Anbau herbizidresistenter Gen-Rüben schlecht ab.
So wurden auf Feldern mit herbizidresistenten Zuckerrüben bei Ackerwildkräutern 34 Prozent weniger Blüten und 39 Prozent weniger Samen gezählt. Auch Wanzen, Schmetterlinge und Bienen traten in Feldern mit Gen-Rüben in deutlich geringerem Umfang auf. Zuckerrübenfelder sind jedoch z.B. als ökologische Nischen für Wanzen wichtig. Wanzen sind wiederum eine wichtige Nahrungsquelle für andere Tiere, insbesondere Vögel. Schon im Jahr 2000 hatten Wissenschaftler bei der Untersuchung von herbizidresistentem Mais Schäden an der Insektenpopulation festgestellt, insbesondere bei bestimmten Spinnenarten und Motten.23 Verschwinden diese Arten von den Feldern, fallen sie vom Speiseplan höherer Glieder der Nahrungskette. Solche Nahrungsketteneffekte könnten sich zu massiven Auswirkungen auf die biologische Vielfalt summieren.

Selbst die EU-Kommission ist sich dieses Problems bewusst:

"...die Einführung einer Resistenz gegenüber wichtigen Herbiziden bei bestimmten Arten kann auf jeden Fall zu einer starken Verbreitung und erheblichen Auswirkungen führen."24

Abschließend stellt sie fest:

"[…] Es kann ohne weiteres als selbstverständlich gelten, dass der groß angelegte Einsatz eines Breitbandherbizids im Bereich von Ackerland eine großflächige und schwerwiegende Störung der Strukturen und Nahrungsketten zur Folge hätte, da die Nahrungsgrundlage aller Arten, die sich von etwas anderem als der Kulturpflanze ernähren, eliminiert würde - zumindest vorübergehend und örtlich begrenzt. […]"

Im Zuge des Schutzes der Biodiversität, zu dem sich Deutschland im Rahmen der Konvention über die Biologische Vielfalt verpflichtet hat, sollte daher nachhaltig vom Anbau herbizidresistenter Gen-Pflanzen abgesehen werden.25

Schädigung von Böden
Der Einsatz herbizidtoleranter Pflanzen in Verbindung mit dem entsprechenden Herbizid Glyphosat beeinflusst nach Aussage verschiedener Wissenschaftler die Mikroflora und -fauna im Boden. Offenbar werden zum Beispiel Pilze gegenüber Bakterien begünstigt. So stellten Forscher fest, dass in Böden, die wiederholt mit Glyphosat behandelt wurden und auf denen glyphosatresistente Sojapflanzen angebaut wurden, verstärkt Fusarienpilze auftreten.26
Laut EU-Kommission wäre es sogar "recht bemerkenswert, wenn eine solch intensive Nutzung eines chemischen Stoffes NICHT zu Veränderungen der mikrobiellen Gemeinschaften führte."27

Steigerung des Pestizideinsatzes bei herbizidresistenten Pflanzen
Der US-Agrarwissenschaftler Charles Benbrook wies auf der Basis von Daten des US-Landwirtschaftsministeriums nach, dass in den USA auf Äckern, auf denen herbizidresistente Gen-Pflanzen wie Mais oder Soja wachsen, nach wenigen Jahren deutlich mehr Pestizide eingesetzt werden als auf vergleichbaren konventionellen Äckern.28 Hauptgrund ist die Zunahme und schnelle Evolution von Ackerkräutern, die ebenfalls gegen Totalherbizide resistent werden. Ähnlich stellt sich die Lage auch in Argentinien dar. Der Pestizideinsatz im Soja-Anbau schnellt seit der Einführung von Monsantos Roundup-resistenter Soja nach oben.29
Das Konzept, mittels solcher transgener Pflanzen den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren, kann daher als gescheitert angesehen werden.


In dem von der KWS gestellten Antrag auf Freisetzung der genmanipulierten Zuckerrüben finden sich kaum Hinweise auf Sicherheitsmaßnahmen, die eine Verbreitung der Gen-Pflanzen verhindern könnten. Da die so genannten Schosser, d.h. Rübenpflanzen, die bereits im ersten Anbaujahr Blütenstände bilden, laut Antrag entfernt werden, ist die KWS der Ansicht, dass es keiner weiteren Maßnahmen bedürfe, um benachbarte Äcker vor einem Eintrag transgenen Materials zu schützen. Weder Sicherheitsabstände zu anderen Zuckerübenfeldern noch die Anlage einer Mantelsaat sind daher vorgesehen. Bedenklich ist insbesondere, dass die KWS nicht plant, eine Verschleppung der Rübensamen (z.B. durch Vögel) durch geeignete Maßnahmen wie Sicherheitsnetze zu unterbinden. Das transgene Saatgut könnte daher ohne Schwierigkeiten verbreitet werden - aufgrund der beschriebenen Biologie der Zuckerrübe ein äußerst riskantes Vorgehen. Denn falls die Samen in anderen Äckern keimen und zur Blüte gelangen, könnten sie erneut zu einer Quelle gentechnischer Kontamination werden. Die Problematik solcher "Schosser" wird sogar von der KWS selbst gesehen. Im Antrag heißt es: "Es ist vorstellbar, dass Glyphosat-tolerante Schosser Pollen in Zuckerrüben-Anbaufeldern produzieren. Dieser Pollen könnte andere Schosser auf dem gleichen Feld oder angrenzenden Feldern befruchten und fertile Hybride hervorbringen." (S. 22)

6. Die Kleinwanzlebener Saatzucht AG (KWS)

Die Firma KWS ist mit mehr als 40 Tochter- und Beteiligungsgesellschaften in 70 Ländern Deutschlands größtes Saatgutunternehmen und unter den fünf größten Saatgutherstellern weltweit. 2005/06 betrug der Umsatz der KWS 505 Mio. €. Die KWS züchtet und produziert Saatgut von Zuckerrüben, Mais, Raps, Sonnenblumen, Feldsaaten, Getreide, Körnerleguminosen und Kartoffeln.

Gerade im Bereich der Zuckerrübe setzt der KWS-Konzern auf genmanipulierte Pflanzen, wie Vorstandssprecher Philip von dem Bussche bei der letzten KWS-Hauptversammlung im Jahr 2006 noch einmal bekräftigte: "Neben den modernen Züchtungsmethoden, die auch in Europa unangefochten sind - wie Genomforschung oder Markertechnologie - setzen wir gerade bei der Zuckerrübe auf den Fortschritt in der Grünen Gentechnik."30

Die gentechnische Forschung der KWS wird von ihrer 100prozentigen Tochtergesellschaft, der im Jahre 1984 gegründeten PLANTA Angewandte Pflanzengenetik und Biotechnologie GmbH, durchgeführt. Die KWS/Planta arbeitet an folgenden gentechnischen Eigenschaften und Pflanzen:

  • Mais: Insektenresistenz und Herbizidtoleranz

  • Kartoffel: Resistenz gegen Krautfäule (Phytophthora)

  • Weizen: Pilzresistenz

  • Zuckerrübe: Virusresistenz, Pilzresistenz, Verarbeitungsqualität, Herbizidtoleranz

Die genmanipulierte Zuckerrübe H7-1, die gemeinsam mit Monsanto entwickelt wurde, wird seit 2007 kleinräumig in den USA angebaut. Mit großflächigem kommerziellem Anbau in den USA ist ab 2008 zu rechnen, da einige der großen Zuckerfabriken dazu gebracht werden konnten, die genmanipulierten Rüben zu verarbeiten. Die gesamte Anbaufläche für Zuckerrüben in den USA beträgt 560.000 ha. Neben der Verarbeitung zu Rübenzucker für den US-Markt werden auch Zuckerrübenschnitzel als Futtermittel in die EU importiert. Am 24.10.07 hat die EU-Kommission die Zulassung für die Vermarktung von Lebens- und Futtermittel aus dieser Zuckerrübe, nicht aber für den Anbau erteilt. Vom Anbau der Gen-Rüben in den USA erwartet sich die KWS deutliche finanzielle Impulse. Vorstandsmitglied Dr. Hagen Duenbostel am 31. Oktober 2007: "Die Einführung von herbizid-toleranten Zuckerrüben in Nordamerika wird daran [d.h. am Ausbau des Zuckerrübensegments der KWS, UIM] den wesentlichen Anteil haben...."31
Aktuell besitzen die Gründerfamilie Giesecke/Büchting zusammen mit dem Unternehmer Arend Oetker mit 56,3 Prozent mehr als die Hälfte der Aktien des Saatgutunternehmens, 10,6 Prozent gehören der Tessner Beteiligungs GmbH, die restlichen 33,1 Prozent sind im Streubesitz. Der Streubesitz verteilt sich unter anderem auf verschiedene Großbanken (Deutsche Bank, Hypo Vereinsbank) und Unternehmen wie die Südzucker AG.

Aus den Augen, aus dem Sinn: Gen-Rüben für den Tank
Der Zeitpunkt, zu dem die KWS nun versucht, herbizidresistente Zuckerrüben auf den Markt zu bringen, verwundert zunächst. Denn gentechnisch veränderte Lebensmittel sind in Deutschland nicht verkäuflich. Das gilt auch für aus Zuckerrüben gewonnene Produkte wie Kristallzucker oder Zuckerrübensirup. Aufschluss über die mögliche Nutzung kommerziell angebauter genmanipulierter Zuckerrüben gibt jedoch das Engagement des Unternehmens im Bereich der Agro-Kraftstoffe bzw. bei der Gewinnung von Biogas. Schon seit einiger Zeit macht sich die KWS dafür stark, Zuckerrüben zur Produktion von Ethanol anzubauen. "Unschlagbar stark - Zuckerrübe und Bioethanol!" findet die KWS die Verbindung von Rübe und Benzin in ihrer Firmenbroschüre "Bioethanol aus Zuckerrüben - Chancen für den Zuckerrübenanbau."32 Zuckerrüben eignen sich aus Sicht des Konzerns besonders aufgrund der hohen Biomasseerträge als Rohstoff für die Ethanol-Erzeugung. Auch an der Gewinnung von Biogas aus Zuckerrüben forscht die KWS intensiv.33 Umweltverbände befürchten bereits seit längerer Zeit, dass eine Ausdehnung des Anbaus so genannter Energiepflanzen zu einem Einfallstor für die Agro-Gentechnik wird. Denn Zuckerrüben-Ethanol als Benzinersatz oder Biogas, das mit genmanipulierten Zuckerrüben erzeugt wird, wäre nicht kennzeichnungspflichtig. Wie im Bereich tierischer Produkte könnte die Agro-Gentechnik auch bei einer solchen Nutzung vor den Augen der kritischen Öffentlichkeit verborgen werden.

1http://www.transgen.de/zulassung/gvo/19.doku.html
2http://www.bvl-berlin.de/cgi/lasso/fsl/display.lasso?azrki=6786-01-0094
3s. o.
4Relyea, R (2005): The Impact of Insecticides and Herbicides on the Biodiversity and Productivity of Aquatic Communities. Ecological Applications, 15(2), 2005, pp. 618-627
6Benachour N. et al. (2007): Time- and Dose-Dependent Effects of Roundup on Human Embryonic and Placental Cells. Archives of Environmental Contamination and Toxicology, Volume 53, Number 1.
7David A. Savitz (2005): Male Pesticide Exposure and Pregnancy Outcome. American Journal of Epidemiology Volume 146, Number 12, pp. 1025-1036
8Siehe u.a.:
Beuret CJ, Zirulnik F, Giménez MS (2005): Effect of the herbicide glyphosate on liver lipoperoxidation in pregnant rats and their fetuses. Reprod Toxicol. 2005 Mar-Apr;19(4):501-4.
Benedetti AL, Vituri Cde L, Trentin AG, Domingues MA, Alvarez-Silva M. (2004): The effects of sub-chronic exposure of Wistar rats to the herbicide Glyphosate-Biocarb. Toxicol Lett. 2004 Nov 2;153(2):227-32.
Benedetti AL, Vituri Cde L, Trentin AG, Domingues MA, Alvarez-Silva M. (2004): The effects of sub-chronic exposure of Wistar rats to the herbicide Glyphosate-Biocarb. Toxicol Lett. 2004 Nov 2;153(2):227-32.
Dallegrave E, Mantese FD, Coelho RS, Pereira JD, Dalsenter PR, Langeloh A. (2003): The teratogenic potential of the herbicide glyphosate-Roundup in Wistar rats. Toxicol Lett. 2003 Apr 30;142(1-2):45-52.
9Paz-y-Miño, C. et al. (2007). Evaluation of DNA damage in an Ecuadorian population exposed to glyphosate. Genetics and Molecular Biology 30, 456
10Leaching of Glyphosate and Amino-Methylphosphonic Acid from Danish Agricultural Field Sites Kjæra J. et al. (2005): J. Environ. Qual. 34:608-620.
11Vigouroux, Y., Darmency, H., Gestat de Garambe, T. & Richard-Molard, M. (1999). Gene flow between sugar beet and weed beet. In: Gene Flow and Agriculture: Relevance for Transgenic Crops. Lutman, P. (ed). BCPC Symposium Proceedings No. 72.
12Smith GA (1980): Hybridization of crop plants. Soc. Agron. Crop Sci. Soc. America : 601-616.
13Fénart, S., Austerlitz, F., Cuguen, J., Arnaud, J.-F. (2007): Long distance pollen-mediated gene flow at a landscape level: the weed beet as a case study. Molecular Ecology. Volume 16 Issue 18 Page 3801-3813, September 2007.
14OECD (2001): Consensus document on the biology of Beta vulgaris L. (Sugar beet). http://www.olis.oecd.org/olis/2001doc.nsf/LinkTo/env-jm-mono(2001)11
15Free J.B., Williams I.H., Longden P.C. and Johnson M.G. 1975. Insect pollination of sugar beet (Beta vulgaris) seed crops. Annals of Applied Biology, 81: 127-134.
16http://www.agbios.com/dbase.php?action=ShowProd&data=T120-7
17http://www.oeko.de/oekodoc/225/2004-018-de.pdf
18Højland J.G. and Pedersen S. 1994. Sugar beet, Beetroot and Fodder Beet (Beta vulgaris L. subsp. vulgaris): Dispersal, establishment and interactions with the environment. The National Forest and Nature Agency, Copenhagen, Denmark. 73p.
19Eastham K., Sweet, J. (2002): Genetically modified organisms (GMOs): The significance of gene flow through pollen transfer. Environmental Issue Report 28
20I. WARWICK, A. LEGERE, M.-J. SIMARD, T. JAMES (2007). Do escaped transgenes persist in nature? The case of an herbicide resistance transgene in a weedy Brassica rapa population. Molecular Ecology 2007.
21"Verheimlichte Risiken - Was die Europäische Kommission wirklich über Gen-Pflanzen denkt." http://www.greenpeace.de/fileadmin/...greenpeace_verheimlichte_risiken.pdf
22www.defra.gov.uk/environment/gm/fse/
23Oellrich et al 2000, zitiert in: www.efsa.europa.eu/EFSA/PRAPER_Conclusion/praper_ej27_conclusion_glufosinate_en1.pdf
24Verheimlichte Risiken - Was die Europäische Kommission wirklich über Gen-Pflanzen denkt.
25ebd.
26Kremer, R.J. et al (2000): Herbicide Impact on Fusarium spp. and Soybean Cyst Nematode in Glyphosate-Tolerant Soybean.
27s.o., (Absatz 246)
28Benbrook, CM (2004): Genetically Engineered Crops and Pesticide Use in the United States: The First Nine Years. http://www.biotech-info.net/technicalpaper7.html
29Benbrook, C.M. (2005) Rust, Resistance, Run Down Soils,. and Rising Costs - Problems Facing Soybean Producers in. Argentinia, Technical Paper Number 8. http://www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/gentechnik/Benbrook-StudieEngl.pdf
30www.kws-saat.de/aw/KWS...Ausfuehrungen_von_Philip_von_dem_Bussche_6891728/
31www.kws.de/go/id/cipm/
32www.kws.de/global/show_document.....
33www.kws.de/global/show_document.....