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Bunte Tomaten

Ludwig Watschong

Ludwig Watschong ist Demeter-Gärtner. Auf 3000 Quadratmeter Land baut er Bio-Saatgut für die Dreschflegel GbRmbH an – ein Zusammenschluss von Biobetrieben in ganz Deutschland, der Saatgut vermehrt, züchtet und vertreibt. Watschong ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er lebt und arbeitet im hessischen Oberweser-Arenborn.


Münchner Stadtgespräche: Herr Watschong, was wächst in Ihrem Garten?
Ludwig Watschong: Hauptsächlich Gemüse, alte Sorten und Arten. Zum Beispiel zwei verschiedene Gartenmelden, eine violette und ein vollrote. Das hat man früher wie Spinat gegessen. Und als der Spinat auf den Markt kam, hat er sechs, sieben Pflanzen verdrängt, die ähnlich schmecken. Gewürz- und Heilkräuter habe ich auch mehrere, beispielsweise zwei verschiedene Sorten Echinacea. Insgesamt baue ich für Dreschflegel etwa 50 Sorten an und arbeite an zehn anderen, die vielleicht noch mit verkauft werden sollen.

Die Arbeit für Dreschflegel ist Ihr Haupterwerb?
Ja, inzwischen schon. Als die Einnahmen aus dem Saatgutgeschäft noch nicht so groß waren, habe ich noch als Koch gearbeitet. Ausgebildet bin ich als Heilpraktiker.

Was macht Dreschflegel?
Ein Hauptziel ist, dass wir biologisches Saatgut nach strengen Richtlinien anbauen. Es ist uns wichtig, dieses Saatgut nicht nur einmal nachgebaut zu haben, so wie es andere machen, damit es Bio ist. Wir wollen vielmehr in der Züchtungsarbeit Pflanzen biologisch betreuen. Es soll eine lange biologische Tradition der Sorte geben, die wir verkaufen. Zudem kümmern wir uns um alte Sorten und Arten und machen verloren gegangenes Kulturgut bei den Pflanzen wieder lebendig, indem wir es anbauen, züchterisch bearbeiten und dann den Gärtnern anbieten.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Das sind Arten, die früher angebaut wurden und heute als Kulturpflanze nicht mehr bekannt sind, wie etwa die Kerbelrübe oder die Haferwurz. Und dann gibt es von Arten, die wir kennen, unbekannte Sorten. Zum Beispiel gab es früher noch andersfarbige Möhren, weiße, gelbe, rote. Wir kümmern uns drum, solche Sorten auf den Markt zu bringen.

Warum machen Sie das?
Es geht uns um die Vielfalt. Und es gibt ästhetische Aspekte. Wenn Sie einen Salat aus verschiedenfarbigen Tomaten machen, hat das einen besonderen Reiz. Und man findet auch immer wieder Sorten mit anderen Aspekten, etwa Pflanzen, die einen ganz besonderen Geschmack haben.

Ein Tipp, vielleicht für den Kräutertopf auf dem heimischen Balkon?
Die Würzsilie, die den Geschmack von Muskatnuss hat. Eine Pflanze, die vergessen war und die wir wieder mobilisiert haben.

Warum sind alte Arten und Sorten vergessen worden?
Weil das Pflanzen sind, die im Anbau schwieriger zu handhaben sind. Oder die Züchter haben irgendwann aufgegeben. Vor 100 Jahren noch gab es überall Betriebe, die Saatgut produziert und in ihrer Region verkauft haben. Aber es wurden immer weniger, die Firmen wurden größer, haben andere aufgekauft, und dann brauchte man die riesige Palette natürlich nicht mehr. Heute produzieren die großen Konzerne Saatgut gar nicht mehr in Deutschland. Das kommt mit Flugzeugladungen aus dem Ausland, wo es auf riesigen Flächen mit billigen Arbeitskräften hergestellt wird.

Haben verschiedene Sorten eine Bedeutung hinsichtlich der Boden- und Klimaverhältnisse in verschiedenen Regionen?
Vielfalt ist von Nutzen, um die regionale Anpassung herauszufinden. Wenn Sie eine Puffbohne oder ein Radieschen anbauen wollen, dann bieten wir zehn Sorten an. Die Leute nehmen dann diese zehn Sorten und bauen sie bei sich an. Die am besten wächst, passt dann am besten.

Neben der Saatgutvermehrung und der Züchtung spielt auch die politische Arbeit bei Dreschflegel eine Rolle. Was sind die Ziele?
Wir haben mit Freunden den Dreschflegel e.V. gegründet, der zum Beispiel im pädagogischen Bereich einiges macht. Wir wollen, dass Gärtner lernen, wie man Saatgut nachbaut, damit sich Saatgut in verschiedenen Regionen an die Gegebenheiten anpasst. Dafür veranstalten wir Saatgutseminare, bei denen man Grundlagen in Biologie und Züchtung lernt. Wie selektiert man die Pflanzen auf dem Acker, wie drischt, reinigt und lagert man Saatgut? Das ist ein politischer Aspekt, weil wir wollen, dass die Evolution der Kulturpflanzen weiter geht. Und das geschieht nicht, wenn nur wir das machen.

Sind gentechnisch manipulierte Pflanzen in der deutschen Landwirtschaft ein Problem für Dreschflegel?
Wir sehen das Problem seit vielen Jahren, und sind auch seit vielen Jahren da politisch aktiv. Bei Selbstbestäubern gibt es kaum Probleme. Bei insektenbefruchteten Pflanzen wird im Bereich des Flugradius der Insekten alles gekreuzt. Und bei Windbestäubern ist es absolut uneinschätzbar. Es ist also zum Beispiel beim Mais möglich, dass überall genveränderter Pollen runterkommt und andere Pflanzen bestäubt.

Welche Auswirkungen auf die Arbeit von Dreschflegel hat das?
Wir überlegen, was wir tun können. Wir können nicht ausschließen, dass wir kontaminiertes Saatgut verkaufen, außer wir lassen gentechnische Untersuchungen machen. Aber wenn ich 500 Gramm Mais ernte, dann lohnt es sich nicht, 100 Gramm davon einzuschicken und dafür 300 Euro zu bezahlen. Gerade bei der Vielzahl von Sorten, die wir anbieten, ist das kaum machbar.

Juni 2007