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Interview

"Frontalangriff der Gentechnikkonzerne"

pat mooney

Der Kanadier Pat Mooney erhielt 1985 den Alternativen Nobelpreis für seinen Einsatz zum Schutz der biologischen Vielfalt in der Dritten Welt.
© Orla Conolly

Pat Mooney ist neben der indischen Physikerin Vandana Shiva einer der führenden Experten auf dem Gebiet des Schutzes der biologischen Vielfalt. Er kämpft seit Jahrzehnten gegen die zunehmende Kontrolle multinationaler Konzerne über das Saatgut, das am Anfang unserer Nahrungskette steht. Im Herbst 2004 verhinderte er ein Reispatent für den Agrarkonzern Syngenta, das diesem weltweite Kontrolle über viele Nahrungspflanzen eingeräumt hätte.
Das Umweltinstitut München e.V. hatte im März dieses Jahres Gelegenheit, mit Pat Mooney über Patente auf Pflanzen, Terminator-Technologie und die Übernahme der irakischen Landwirtschaft durch die Agrarkonzerne zu sprechen.

Umweltinstitut München e.V. (UIM): Mr. Mooney, lassen Sie uns mit etwas Historie beginnen. Ich habe neulich ein Buch entdeckt, das Sie um 1980 geschrieben haben, Saat-Multis und Welthunger - Wie die Konzerne die Nahrungsschätze der Welt plündern. Sie beschreiben darin, wie die Saatgutkonzerne versuchen, die Kontrolle über die Grundlagen der Welternährung zu erlangen. Mich hat dabei sehr überrascht, dass bereits damals ein ähnlicher Trend wie heute zu beobachten war. Es sind dieselben Konzerne, dieselben Mittel, mit denen sie vorgehen, und dieselben Ziele. Was hat sich dennoch in den letzten 25 Jahren geändert?

Pat Mooney: Einiges hat sich zum Guten, einiges zum Schlechten entwickelt. Eine schlechte Neuigkeit ist, dass die genetische Erosion, das Verschwinden der biologischen Vielfalt, unvermindert voranschreitet und sich sogar beschleunigt. Schlecht ist zudem, dass wir in der Gesetzgebung von Züchterrechten, also einer eher sanften Form von geistigen Eigentumsrechten, zu einem reinen Patentsystem gelangt sind, in dem sogar Genompatente möglich sind. Diese gehen in ihrem Wirkungskreis weit über die menschliche Vorstellungskraft hinaus. Als der oberste Gerichtshof der USA im Jahr 1980 - mit einer knappen Entscheidung von fünf gegen vier Stimmen - Patente auf lebende Organismen erlaubte, haben die Richter sich garantiert nicht vorstellen können, welche Entwicklung sie damit in Gang setzen. Wäre die damals abzusehen gewesen, hätten sie neun zu null dagegen entschieden.
Ein weiterer Punkt ist die zunehmende Konzentration und Verschmelzung der Industrie. In den 1970er Jahren fing diese Entwicklung in der Saatgutindustrie an. Heute hat sie die komplette Nahrungsmittelkette erfasst. Die ‚Life-science Industrie', die dadurch entstanden ist, kontrolliert die Pharmakonzerne, die Agrochemiekonzerne, die Lebensmittelindustrie, die Saatgutindustrie, und heute zusätzlich die Nanotech-Industrie. Die Grundtendenz ist die gleiche geblieben: Machtkonzentration.
Doch es gibt auch gute Neuigkeiten: Seit den 1990er Jahren beobachten wir, zumindest bei den Gemüsesorten, wieder einen Anstieg der Vielfalt. Es gibt eine Bewegung hin zum Konzept "Biodiversität". Was daraus folgt, ist in manchen Gebieten eine höhere Zahl an Saatgutunternehmen, kleinen Firmen von zwei bis drei Mitarbeitern. Ich kann mindestens 95 Ländern aufzählen, in denen es Initiativen zum freien Saatguttausch auf der Ebene der indigenen Gemeinschaften gibt. Das gab es vorher nicht. Es gibt mittlerweile einen internationalen Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen (ITPGR = International Treaty On Plant Genetic Resources), der rechtlich bindend ist. Er ist in vielen Punkten sehr schwach, hat aber auch einige starke Seiten, die hilfreich sein können.
Darüber hinaus gibt es inzwischen ein starkes öffentliches Bewusstsein für die Problematik von Pflanzenpatenten, das sicher dafür verantwortlich ist, dass das Neem-Patent zurückgewiesen wurde und Sygenta sein Reisgenompatent zurückgezogen hat.

UIM: Stichwort Syngenta-Patent: Könnten Sie in einigen Sätzen erklären, worum es bei dem sogenannten Genompatent von Syngenta geht?

Mooney: Wir hörten zuerst im Oktober 2004 von diesem Patent. Eine befreundete Organisation erzählte uns davon. Wir begannen zunächst zu recherchieren, um einen Überblick zu bekommen. Deswegen hat es auch bis Januar gedauert, bevor wir uns schließlich an die Öffentlichkeit wandten. Den betreffenden Patentantrag hatte der Syngenta-Konzern beim Europäischen Patentamt (EPA) und dem US-Patentamt eingereicht. Wir mussten schnell handeln, denn wenn dieses Patent erst einmal zugelassen worden wäre, hätte es zehn Jahre oder mehr dauern können, um es wieder zu Fall zu bringen.
Nach seiner Zulassung hätte das Patent im schlimmsten, aber wahrscheinlichsten Fall drei Bereiche umfassen können: Zunächst beansprucht die Patentschrift die Gene für das Blühen von Reis, die die Firma zuvor sequenziert hatte. Das ist natürlich absolut zentral, denn ohne Blüte bildet der Reis auch kein Korn, und es hätte sehr weitreichende Folgen für alle zukünftigen Züchtungsbemühungen gehabt. Reis ist darüber hinaus das Hauptnahrungsmittel für die Hälfte der Weltbevölkerung.
Zweitens beanspruchte Syngenta dieselben Gensequenzen auch in mindestens 39 anderen Nahrungspflanzen, vom Weizen bis zur Banane und damit für die Hälfte aller Nahrungspflanzen. Doch das Patent wäre sogar noch weitergehend gewesen: Syngenta sagt in der Patentschrift, es könne ja noch andere Pflanzen mit dieser Gensequenz geben, die wir nur noch nicht kennen. Selbst auf diese noch unentdeckten Arten erhob das Patent Anspruch.
Wir hatten Gelegenheit, mit Syngenta im Februar im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung in Bern zu sprechen. Das war für den Konzern natürlich eine Situation, in der er nicht gewinnen konnte. Nach der Veranstaltung erhielten wir eine Mitteilung von Syngenta, in der es hieß, das Patent solle in den Entwicklungsländern zurückgezogen werden, nicht aber in den Industriestaaten. Tags darauf traf ich Vertreter von Syngenta in Berlin, die mir sagten, dass sie ihre Position bis zum nächsten Tag klären würden. Am nächsten Morgen erhielt ich einen Anruf: Sie teilten mir mit, dass sie das Patent überall auf der Welt zurückziehen würden.
Wir waren froh, dass Syngenta zu diesem Ergebnis kam, obwohl es unklar war, ob das EPA das Patent, wie es in dem Antrag formuliert war, zugelassen hätte. Mög-licherweise wäre ein Teil der Ansprüche nicht zugelassen worden. Aber selbst eine Einschränkung hätte uns aus drei Gründen nicht behagt: Einige der115 Länder, in denen das Patent eingereicht wurde, hätten dieses vollständig akzeptieren können. Denn das EPA hat keinerlei Verpflichtung, seine Bedenken an andere Patentämter, die sich sehr stark an der Entscheidung in Europa orientieren, weiterzuleiten. Andere Länder hätten es auf diese Weise automatisch akzeptieren können. Nehmen wir das Beispiel Nairobi: Das kenianische Patentamt ist im zweiten Stock eines Spielcasinos untergebracht. Es hat nicht die geringste Möglichkeit, irgendwelche Nachforschungen anzustellen. Das einzige, was die Mitarbeiter wissen ist: Wenn sie das Patent bewilligen, bekommen sie Geld. Das macht es für jedes Drittweltland sehr verführerisch, Patente zu erteilen. Aus diesem Grund war es sehr wichtig, dass das Patent in allen Ländern und vor allem beim Europäischen Patentamt zurückgezogen wurde. Zweitens existieren noch zahlreiche andere Patentansprüche dieser Art. Die Tatsache, dass sich eine Firma DNA-Sequenzen, die auch jeder andere Mensch sehen kann und die zentral für eine Pflanze oder ein Tier sind, patentieren lassen kann, existiert nach wie vor. Nach unseren Informationen gibt es zur Zeit 14 Multigenom-Patentanträge, die jederzeit eingereicht werden könnten. Wir sind immer noch sehr besorgt über die Möglichkeit, diese unglaublich umfassenden Patentansprüche zu erheben. Problem Nummer Drei: Wir hatten bezüglich des Patentanspruchs von Syngenta an das EPA, an die Weltorganisation für geistiges Eigentum WIPO (World Intellectual Property Organisation), und an die Firma selbst geschrieben. Alle haben sehr schnell geantwortet und sind auf unsere Bedenken eingegangen. Zusätzlich hatten wir aber sowohl an die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO (Food and Agricultural Organisation) geschrieben als auch an den Verbund der Internationalen Agrarforschungsinstitute CGIAR. Diese Institutionen sind die beiden zentralen Einrichtungen, die Wächter über die Ernährungssicherung der Erde und die Landwirtschaft in der Dritten Welt. Beide haben nicht mit einer Silbe auf unser Schreiben reagiert, weil ihnen das zu politisch war. Wir haben sie dann nochmals gebeten, und sie haben sich immer noch nicht dazu geäußert. Das ist absolut nicht hinnehmbar.

UIM:
Denken Sie, dass diese Institutionen Angst vor der Streichung von Geldern, z.B. durch die US-Regierung hatten, wenn sie sich kritisch über einen großen Gentechnikkonzern äußern?

Mooney: Ich denke, sie haben vor allem deshalb geschwiegen, weil sie dumm sind. Die Führungsebenen beider Institutionen sind erbärmlich feige und haben überhaupt keine Kompetenz, mit einer solchen Situation umzugehen. Das gleiche gilt für die WIPO und das Europäische Patentamt. Alle stehen unter enormem Druck, den Firmen freie Fahrt zu gewähren. Doch die beiden letztgenannten haben der Angelegenheit wenigstens ihre Aufmerksamkeit geschenkt. Die Führungsetagen von FAO und CGIAR dagegen hatten dazu entweder keinen Mut oder sind intellektuell überfordert. Denn selbst nachdem Syngenta das Patent zurückgezogen hatte, hätte die FAO sagen können: Wir mussten das Thema erst mit der WIPO diskutieren, und wären danach an die Öffentlichkeit gegangen. Aber selbst dafür waren sie zu feige. Sie begreifen einfach nicht, dass ihre Glaubwürdigkeit gewachsen wäre, wenn sie sich kritisch geäußert hätten.

UIM:
Vielleicht hängt das ja damit zusammen, dass in der CGIAR, dem Verbund der Internationalen Agrarforschungsinstitute, die Syngenta-Stiftung sitzt?

Mooney: Selbst eine rechtslastige Führung der CGIAR hätte genug Sachverstand oder zumindest gesunden Menschenverstand haben müssen, um diesen gravierenden Vorgang richtig einzuschätzen. Leider hat es dazu nicht gereicht. Es ist eine Tragödie, dass die Syngenta-Stiftung in der CGIAR sitzt, das sollte nicht erlaubt sein. Aber nicht einmal die Syngenta-Stiftung hätte gegen die berechtigte Kritik dieses Vorgehens von Syngenta opponiert oder sich deshalb aus der CGIAR zurückgezogen. Was die CGIAR hätte machen sollen und nach wie vor tun sollte, ist, Syngenta aus der Organisation hinauszuwerfen. Es ist absolut nicht hinzunehmen, dass eine konzerngesteuerte Stiftung in einer öffentlichen politischen Institution sitzt.

UIM: Könnte man zusammenfassend sagen, dass Syngenta versucht hat, das Patent heimlich, wie ein Dieb in der Nacht, durchzubringen, und auf einmal drehte jemand das Licht an und Syngenta stand da und sagte: Hoppla, entschuldigen Sie vielmals!

Mooney: Ganz genau. Und sie werden es wieder versuchen. Syngenta wird versuchen, den Eindruck zu erwecken, dass sich die Firmenphilosophie geändert hat. Dass die Patente bereits vor Jahren eingereicht wurden, und es ein solches Patent heutzutage nicht mehr geben würde. Das ist natürlich keine befriedigende Antwort, denn auch ein Kurswechsel kann ja wieder zurückgenommen werden. So können sie ständig solche Kritik umschiffen. Patente brauchen manchmal Jahre, bis sie genehmigt sind. Jeder dieser Konzerne hat die Tendenz, beim Thema Patente so weit wie möglich zu gehen und die Grenze des Möglichen immer weiter zu schieben. Das wird auch immer so bleiben. Denn wenn ein Patent dieser Art erst einmal zugelassen ist, werden auch andere dieser Art zugelassen werden. Deshalb halten sie den Druck immer aufrecht, und das Objekt dieses Drucks ist die weiche und sich ständig wandelnde Masse der Politiker. In dieser Situation werden sie eines Tages gewinnen. Es ist nicht genug, wenn wir nur aufmerksam sind. Wir müssen die Spielregeln ändern.

UIM: Neben der Nanotechnologie und dem Syngenta-Patent hat sich die ETC Group in letzter Zeit intensiv mit der sogenannten Terminator-Technologie beschäftigt. Der jüngste Vorstoß, das Moratorium für die Entwicklung von Terminator-Pflanzen zu torpedieren, kam von ihrer eigenen, also der kanadischen Regierung.

Mooney: Ich war nie weniger stolz, ein Kanadier zu sein, als während der letzten Wochen. In der Tat kommen hier zwei Dinge zusammen. Erst Syngenta mit einer Art Terminator-Patent, dann die Terminator-Technologie selbst. Um etwas auszuholen: das sogenannte Terminator-Patent wurde 1998 erteilt. Die öffentliche Reaktion gegen Terminator-, also Suizidgen-Technologien, war aber dermaßen überwältigend, dass Konzerne wie Syngenta oder Monsanto beteuerten, dass sie diese Technologie nicht anwenden würden. Monsanto war diesbezüglich sehr klar: Sie verpflichteten sich sogar, diese Bestätigung jährlich zu erneuern. Das heißt jedoch auf der anderen Seite, sobald der Konzern diese Verpflichtung nicht erneuert, ist sie hinfällig. Daher ist es ein nicht sehr belastbares Versprechen. Die Vereinten Nationen entschieden auf der Grundlage der Biodiversitätskonvention, ein Moratorium für jede Weiterentwicklung der Terminator-Technologie zu verhängen, sei es in Bezug auf Freisetzungsversuche oder auf Kommerzialisierung. Allerdings ist das Moratorium ein ´gentlemen´s agreement´. Es gibt keinen rechtsverbindlichen Beschluss. Das Problem ist: Regierungen sind keine Gentlemen, und wir haben diesem ´gentlemen´s agreement´ nie getraut. Wir wussten auch, dass es starken Druck von Seiten der Konzerne gibt, speziell von Monsanto, die Regierungen dazu zu bringen, ihren Standpunkt bezüglich des Moratoriums zu ändern. Und plötzlich tauchte das Thema letzten Monat auf, als es in Bangkok ein Treffen des wissenschaftlichen Gremiums der Biodiversitätskonvention gab. Dort treffen sich eigentlich Wissenschaftler, um auf wissenschaftlicher Ebene darüber zu beraten, wie man auf die Gefährdungen der biologischen Vielfalt reagieren soll. Die kanadische Regierung kam jedoch mit einem ganz spezifischen Ziel zu der Konferenz: Sie wollte das Moratorium beenden. Sollte das nicht gelingen, wollte sie jeden anderslautenden Beschluss der anwesenden Wissenschaftler blockieren. Im Vorfeld der Konferenz gab es daher eine diplomatische Initiative der kanadischen Regierung: Sie schickte Vertreter zu den Regierungen der Entwicklungsländer, die fragten: "Unterstützt ihr unseren Vorschlag?" Kanada bot den Regierungen im Gegenzug Unterstützung für die Erforschung der Terminator-Technologie an, falls sie das Moratorium zu Fall brächten. Sie sagten also: helft uns, das Moratorium zu beenden, wir bezahlen. Das ist reine Bestechung. Zum Glück bekamen wir eine Kopie des Positionspapiers der kanadischen Regierung zugespielt, als wir gerade in Bangkok angekommen waren. Wir haben es sofort an die anwesenden Delegierten und die Medien weitergegeben. Daraufhin zeigten uns die Vertreter der Entwicklungsländer die Faxe, die sie von der kanadischen Regierung bekommen hatten. Die Offensive hatte einen monatelangen Vorlauf gehabt. Auf der Konferenz wurden die kanadischen Vertreter dafür in der Luft zerrissen. Trotzdem wurden sie ins Komitee für die Erarbeitung der Abschlusserklärung gewählt. Dieses tagt hinter verschlossenen Türen, und Kanada hat dort erneut sehr hoch gepokert und den Ländern erneut Geld angeboten. Als das Dokument dann zur Verabschiedung ins Plenum ging, waren auf einmal alle Punkte, die Kanada gefordert hatte, in der Abschlusserklärung. Beendung des Moratoriums für die Terminator-Technologie, freie Fahrt für Freisetzungsversuche und Kommerzialisierung. Und so musste in letzter Minute etwas geschehen. Vor allem Österreich hat darauf bestanden, dass das Moratorium in Kraft bleibt, aber auch Schweden und Norwegen.
In Kanada wurde aufgrund dieser Vorkommnisse ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingesetzt, der der Frage nachgehen soll, wie und warum die Regierung so gehandelt hat. Das ist ein Schritt, der Mut macht.

UIM: Welches Interesse hatte Kanada an diesem Vorstoß?

Mooney: Dafür gibt es drei Gründe. Zuallererst: Die US-Regierung hat die Biodiversitätskonvention nicht unterzeichnet, wie so viele Verträge. Daher kann sie nur als Beobachter teilnehmen und nicht als vollständiges Mitglied. Kanada gehört dagegen zu den Erstunterzeichnern. Daher fragte die US-Regierung, ob Kanada als enger Nachbar diesen Auftrag für sie übernehmen könnte.
Zweitens gibt es natürlich den Druck der Konzerne, die auch in Kanada sitzen. Monsanto, Dupont, Syngenta, sie alle wollen Terminator-Technologie, sie wollen, dass das Moratorium aufgehoben wird.
Drittens gibt es innerhalb der Regierung und der Behörden einflussreiche Leute, die die Terminator-Technologie wollen, obwohl sie das nie öffentlich zugeben würden. Es gibt eine große Anzahl Wissenschaftler in Kanada, die für die Regierung arbeiten und die sehr offen dafür sind. Sie lieben jede neue Technologie. Im Grunde hat Kanada bisher jede neue Technologie geliebt, sei es die Atomtechnologie oder was auch immer. Alles ist ein Spielzeug, das man probieren muss. Als das Spiel der kanadischen Regierung ans Licht kam, ging die Absurdität jedoch erst richtig los. Kanadische Diplomaten stellten sich vor die Kamera und sagten: Wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis von Bangkok, wir sind froh, dass das Moratorium in Kraft geblieben ist - eine vollständige Umkehrung sowohl ihrer Position vor und während der Konferenz als auch ihres Verhandlungspapiers. Die gleichen Leute kamen hinterher zu uns und machten uns Vorwürfe, wie schändlich wir uns betragen hätten.

UIM: Geht es nur um die Terminator-Plattform, die das US-Unternehmen Delta&Pine Land Company zusammen mit dem US-Landwirtschaftsministerium entwickelt und patentiert hat oder entwickelt jeder Konzern - Syngenta, Bayer, Dow, Dupont - seine eigene Terminator-Technologie ?

Mooney: Jeder der genannten Konzerne arbeitet daran und will seine Terminator-Technologie kommerzialisieren. Das erste Patent, das auf diese Technologie erteilt wurde, wurde der Firma Delta&Pine und dem Landwirtschaftsministerium der USA erteilt. Es läuft immer noch auf diese beiden Inhaber. Monsanto versuchte, Delta&Pine wegen dieses Patents zu kaufen. Aufgrund der Monopolgesetze in den USA wurde dem Konzern die Übernahme allerdings untersagt. Monsanto hat aber sein eigenes Terminator-Patent, das sogar ein Jahr vorher erteilt wurde. Und es gibt noch etwa ein Dutzend Terminator-Patente, von Syngenta, Dupont, BASF und einigen anderen. Mittlerweile gehen die Unternehmen so vor, dass sie sich aufgrund der negativen Schlagzeilen keine Patente mehr erteilen lassen, die klar als Terminator-Patente zu identifizieren wären. Stattdessen reichen sie mehrere Patente ein, die zusammengenommen ein Terminator-Patent ergeben. Für die Konzerne ist diese Technologie einfach zu verlockend. Wie kann man einen Konzern glücklicher machen, als wenn man jedes Jahr Saatgut kaufen muss. Daher werden sie weiterhin Druck ausüben, um ihr Ziel zu erreichen. Der andere Grund ist, dass eine völlig neue Generation von gentechnisch veränderten Pflanzen, die so genannten Pharmapflanzen, auf die Zulassung warten. Sie produzieren Medikamente für die Pharmaindustrie. Sie wissen, dass das gefährlich ist und die Öffentlichkeit sich dem widersetzen wird. Die Lösung für sie ist, zu sagen: Keine Sorge, wir haben Selbstmordgene in diese Pflanzen eingefügt, und daher können sie nicht in Nachbarfelder auskreuzen. Das ist ein weiterer Grund, warum Firmen die Terminator-Technologie wollen.

UIM: Können Sie uns ein wenig darüber berichten, was Sie über den Erlass 81 im Irak wissen?

Mooney:
Erlass 81 ist ein drakonisches Gesetz. Die US-Militärregierung im Irak hat ein Gesetz erlassen, das dem Land Sortenschutzrechte für Pflanzen auferlegt. Das Gesetz sagt, dass keine der Pflanzensorten, die im Irak zugelassen und registriert sind, nachgebaut werden darf. Das klingt zunächst relativ harmlos. Wenn wir uns jedoch die Hilfslieferungen mit Saatgut, die von der EU oder den USA während der letzten anderthalb Jahre geleistet wurden, oder die Nahrungsmittelhilfe, von der sieben Prozent als Saatgut verwendet werden, betrachten, ist die Lage dramatisch. Denn schon heute sind alle diese patentierten und geschützten Getreidesorten im Land. Jetzt müssen die Saatgutkonzerne nur noch ins irakische Patentamt in Bagdad spazieren und sagen: Gebt uns die Rechte auf die Pflanzensorten, die bereits im Land sind. Das führt letzten Endes dazu, dass die Bauern von der Wiederaussaat von Saatgut, nach dem sie nicht gefragt haben, abgehalten werden. Das ist ein unvorstellbar grausames Gesetz.

UIM: Denken Sie nicht, dass die irakischen Bauern dagegen Widerstand leisten werden?

Mooney: Natürlich werden sie das, aber welche Aussichten hat das, wenn einem Menschen mit Maschinengewehren gegenüberstehen? Es ist einfach unfassbar, in einer Krisensituation, wie sie im Irak bezüglich der Ernährungssituation herrscht, eine dermaßen restriktive Gesetzgebung zu verhängen, die verhindert, dass die Bauern Lebensmittel erzeugen können. Es ist unglaublich, dass die Menschen dieser zusätzlichen Bedrohung ausgesetzt werden. Jetzt kommt es darauf an, wie das Militär dieses Gesetz durchsetzt. Sie können das mit Waffengewalt tun. Für uns ist das kein Fall, der vor das Europäische Patentamt gehört, sondern vor die Genfer Konvention. Das ist ein Kriegsverbrechen, nicht nur gegen die Menschen im Irak, sondern gegen die gesamte Zivilisation, denn die Getreidevielfalt im Irak ist überlebenswichtig für die Menschheit.

UIM: Könnte die neue irakische Regierung Erlass 81 außer Kraft setzen?

Mooney: Ich denke nicht, dass sie das kann. Wir müssen daher über die Vereinten Nationen und über die Genfer Konvention Druck auf die Regierungen der USA und des Irak ausgeüben, damit dieses Gesetz zurückgezogen wird. Wir sollten darüber hinaus Syngenta, Monsanto und Bayer klamachen: "Schaut, was ihr anrichtet." In Ländern wie dem Irak darf es keine Rechtsansprüche auf Pflanzensorten geben. Gleichzeitig muss der irakischen Regierung vermittelt werden, dass Industriesaatgut, wie immer es in den Irak gekommen ist, von den Bauern frei genutzt werden kann. Im Hinblick auf die öffentliche Meinung würden die Konzerne es nicht wagen, dieser Forderung zu widersprechen. Sie würden zumindest sagen: "wir erklären ein Moratorium für dieses Gesetz, wir werden keinen Sortenschutz auferlegen, zumindest bis der Krieg vorüber ist und Frieden im Land herrscht." Auch wenn das Jahrhunderte dauern wird.

UIM: Kann öffentlicher Druck helfen?

Mooney: Ja, das glaube ich. Der Irak ist kein kommerziell interessantes Ziel für die Agrokonzerne, und wird es in absehbarer Zukunft auch nicht werden. Sie verlieren daher nur, wenn sie dieses Gesetz durchsetzen, anstatt die Möglichkeit zu nutzen, "Mr. Nice Guy" zu spielen.

UIM: Der Irak ist kein lukratives Pflaster für die Unternehmen, da gebe ich Ihnen recht. Aber ist er nicht vielleicht ein Mosaikstein des Plans, den man als "schleichende Kontamination" bezeichnen könnte, und der darin besteht, möglichst große Teile der Welt mit gentechnisch veränderten Pflanzen zu kontaminieren, damit die EU ihre restriktive Gentechnikgesetzgebung aufgeben muss und gezwungen ist zu sagen: "Es ist vorbei. Wir können nichts mehr dagegen machen."?

Mooney: Sicher. Aber es macht zunächst keinen Unterschied. Die Kontamination geht - ohne dass Patente dabei eine Rolle spielen - über die Nahrungsmittelhilfe weiter. Die Kontamination des Irak wird daher auch fortgesetzt werden, wenn Erlass 81 ausgesetzt wird. Ich würde die These leicht abwandeln: Es ist sehr im Sinne der Unternehmen, dass Kontamination möglichst großflächig stattfindet, und Konzerne wie Monsanto sind über die heutige Situation hocherfreut. Dies war aber nicht die ursprüngliche Strategie. Bevor die großen Konzerne das Spielfeld betraten, sah es so aus: Es gab eine sehr schlechte und schlampige Technologie kleiner Unternehmen. Die Großkonzerne mussten nach der Übernahme dieser Firmen der Wall Street beweisen, dass diese markttauglich sind und so brachten sie die unausgereifte Technologie vollkommen übereilt auf den Markt. Die Konzerne waren überzeugt, dass sie die Technologie beherrschen und es keine Probleme mit der Öffentlichkeit gibt. Daher waren sie geschockt, dass die Gesellschaft, besonders in Europa, so ablehnend reagierte. Damit hatten sie nicht gerechnet. Sie hatten nicht gedacht, dass sie Kontamination als Konzept benötigen würden, sie dachten einfach, sie bekommen, was sie wollen. Erst seit der negativen Reaktion der Öffentlichkeit müssen sie auf dieses Konzept zur Verbreitung der Technologie zurückgreifen.
Erlauben Sie mir noch eine letzte Anmerkung zum Thema Terminator-Technologie: Wenn wir nicht sehr bald, in den nächsten vierzehn Monaten, ein dauerhaftes Moratorium oder ein definitives Verbot dieser Technologie herbeiführen, wird sie nicht mehr zu verhindern sein. Man kann sehr genau sehen, an welchen Stellen in diesem Zeitraum Druck ausgeübt wird. Im März 2006 findet in Spanien ein Treffen der Biodiversitätskonvention statt, und im Mai eine Vollversammlung der Mitgliedsstaaten. Dort wird es einen Frontalangriff aller Gentechnikkonzerne geben, mit Unterstützung der Regierungen aus Kanada, Australien, Neuseeland, Brasilien und Argentinien, um das Moratorium zu Fall zu bringen. Vielleicht werden sie gewinnen. Wir haben noch genau 14 Monate, um unsere jeweiligen Regierungen zu überzeugen, dass es nicht mehr nur ein de-facto-Moratorium geben soll, sondern ein offizielles Moratorium oder ein vollständiges Verbot. Wenn uns das nicht gelingt, werden wir wahrscheinlich verlieren. Der Zeitrahmen ist sehr eng, und wenn wir zögern, werden wir verlieren.