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Störfallmeiler Temelín

Störfallmeiler Temelín

Seit dem Start des international umstrittenen tschechischen Atomkraftwerks Temelín im Oktober 2000 überschlagen sich die Störfall-Meldungen. Der Meiler läuft noch immer im Probebetrieb, obwohl er planmäßig im Juni 2001 ans Netz hätte gehen sollen. Während die Kritiker die Störfälle als Beweis nehmen, dass das AKW nicht betriebsfähig ist, sehen die Betreiber sie als durchaus normal in der Testphase an, da es für dieses russisch-amerikanische Novum keinerlei Erfahrungswerte gibt.

84 Sicherheitsmängel stellte die internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) 1996 bei dem hier zugrundegelegten russischen Reaktordesign (Typ WWER-1000/320) fest. Elf davon in der sicherheitstechnisch bedeutsamsten Kategorie III, bei der die Vorsorge unzureichend ist und unmittelbare Verbesserungen notwendig sind. Trotz diverser Bauänderungen und Verbesserungen des bekanntermaßen riskanten Typs WWER-1000 entspricht das AKW längst nicht dem sog. westlichen Standard. In Deutschland wäre es nicht genehmigungsfähig. Die neuartige Mischung aus russischer Bauweise und aufgesetzter amerikanischer Sicherheitstechnik scheint keine ideale Lösung zu sein. Selbst das russische Ministerium für Atomenergie lehnt heute laut einem Bericht des österreichischen Nachrichtenmagazins "Profil" vom 21.5.2001 "jede juristische und moralische Verantwortung" für das AKW ab, da das Werk nun kein rein sowjetischer Typ mehr sei.

Temelín ist in mehrfacher Hinsicht ein Sonderfall:
Bauzeit

Der Beschluss der damaligen CSSR-Regierung, in Temelín vier Reaktorblöcke des Typ WWER-1000 zu bauen, fiel bereits 1980. Die Baugenehmigung, zunächst für zwei Blöcke, wurde 1986 erteilt, Baubeginn war 1987. Nach der politischen Wende beschloss die Prager Regierung 1993 zwar den Weiterbau, aber aufgrund des Stromverbrauchrückgangs auch eine Verkleinerung der Anlage von vier auf zwei Blöcke. Die amerikanische Firma Westinghouse bekam den Zuschlag, die Leittechnik und den Brennstoff zu liefern. 1999 wurde erneut über einen Baustopp abgestimmt, die Regierung entschied sich wieder für einen Weiterbau. Am 9. Oktober 2000 wurde der Probebetrieb gestartet, die Aktivierung des Meilers begann.

Kosten und Wirtschaftlichkeit

Zu Planungsbeginn wurde die gesamte Anlage mit 28 Milliarden Kronen kalkuliert. Bis heute hat sich der Betrag bereits verdreifacht, die bislang angefallenen Kosten liegen bei 89 Milliarden Kronen, knapp sechs Milliarden Mark. Eine weitere Verteuerung ist zu erwarten.

Zwischen 1996 und 1998 wurden verschiedene Konzepte für eine staatliche Energiepolitik erstellt. Selbst unter der Annahme, dass die Kapazität des fertiggestellten AKW restlos ausgenutzt wird, kann sich laut Expertenbericht nicht die gesamte Investition, sondern lediglich die Fertigstellung der Anlage amortisieren 1. Die Betreiber hoffen, einen Teil der Kosten durch Strom-Export wieder hereinzuholen. Doch auch diese Hoffnung scheint zu schwinden: Der deutsche Energieriese E.on kündigt derzeit seine Verträge mit der tschechischen Betreiberfirma CEZ, die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) und auch der französische Energiekonzern Electricité de France (EdF) erwägen ebenfalls, sich zurückzuziehen. Die anhaltenden Proteste und der Druck der Öffentlichkeit haben hier offenbar ein Umdenken der Energieversorger bewirkt.

Bauart

Nicht nur der russisch-amerikanische Bau/Technik-Mix, auch die Turbine in Temelín ist ein Prototyp. Bislang wurden von der Herstellerfirma nur Turbinen bis zu 500 Megawatt (MW) Leistung gebaut, für Temelín wurde erstmals eine mit 1000 MW Leistung gefertigt. Die Turbine ist insgesamt 56 Meter lang und 1600 Tonnen schwer. Die Welle allein hat einen Durchmesser von fast einem Meter, mit den Turbinenschaufeln beträgt der Durchmesser sogar knapp fünf Meter. Mit dieser riesigen Turbine gibt es noch keinerlei Erfahrung. Im Mai diesen Jahres bemerkte man eine Verformung der Welle um 0,28 Millimeter, verursacht durch mehrfach aufgetretene Vibrationen. Das AKW wurde abgeschaltet, die Welle zum Hersteller in Reparatur gebracht. Ob sie überhaupt reparabel ist, ist ungewiss.

Genehmigungsverfahren

Das deutsch-tschechische Umweltabkommen von 1996 sieht vor, dass die Vertragspartei, auf deren Hoheitsgebiet eine Tätigkeit mit erheblichen grenzüberschreitenden Beeinträchtigungen beabsichtigt ist, eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) durchführt. Die Genehmigung für Temelín wurde bereits 1986, also lange vor dem Abkommen erteilt, deshalb gab es weder auf deutscher noch auf tschechischer Seite eine UVP.

Einwendungen zum Verfahren

Das Umweltinstitut München e.V. hat das Verfahren an sich abgelehnt und ein atomrechtliches Genehmigungsverfahren der gesamten Anlage nach europäischem Standard mit Beteiligung der Öffentlichkeit gefordert, in dem nicht nur die Umweltverträglichkeit, sondern auch die Sicherheit des Reaktors geprüft wird. Die Risiken, die vom Atomkraftwerk (AKW) Temelín ausgehen, stellen keine interne Angelegenheit der Tschechischen Republik dar. Im Katastrophenfall wären auch Nachbarländer betroffen, u.a. Deutschland, dessen nächstliegender Grenzpunkt nur 59 km vom Kraftwerk entfernt liegt. Die Anlage Temelín bleibt in ihrer Auslegung weit hinter den Sicherheits-Standards der Europäischen Union (EU) zurück. Schwere Unfälle mit erheblicher Freisetzung von radioaktivem Material können nicht ausgeschlossen werden. Deshalb lehnen wir die Fertigstellung des AKW Temelín ab und fordern die Regierung der tschechischen Republik auf, das AKW nicht in Betrieb gehen zu lassen und die Inbetriebnahmevorbereitungen unverzüglich abzubrechen. Es gibt für Tschechien aus wirtschaftlicher Sicht keine zwingende Notwendigkeit, die Anlage Temelín in Betrieb zu nehmen.

Beispiele von Sicherheitsmängeln

  • Die Sicherheitseinrichtungen des Frischdampfsystems sind außerhalb des Containments auf der sog. 28,8-Meter-Bühne zusammen mit den Frischdampf- und Speisewasserleitungen in einem Raum untergebracht. Da beim Versagen von Rohrleitungen Folgeschäden an benachbarten sicherheitstechnisch relevanten Komponenten bzw. Einrichtungen eintreten können, ist eine räumliche Trennung der Leitungs-Systeme unabdingbar. Das bestehende System ist nicht akzeptabel.
  • Die Wirksamkeit der Rohrausschlagsicherung bezieht sich auf idealisierte Bruchannahmen. Das unterstellte Spektrum von Bruchannahmen und dadurch bedingter möglicher Folgeschäden ist unzureichend, die Konstruktion der Rohrausschlagsicherung scheint deshalb nicht ausreichend robust. Darüber hinaus ist das Aufschweißen von Halteplatten auf die drucktragende Wand keine zeitgemäße Ausführung und deshalb nicht als Schutz geeignet.
  • Es wurde kein anlagenspezifischer Nachweis erbracht, dass die für die Beherrschung bestimmter Leckstörfälle erforderliche Funktion der Frischdampf-Abblase- und Frischdampf-Sicherheitsventile bei Wasserbeaufschlagung gewährleistet ist. Darüber hinaus wurde auch kein fehlerhaftes Verbleiben eines dieser Ventile in Offenstellung unterstellt. Damit sind wesentliche Sicherheitsaspekte nicht beachtet. Die Anforderungen an die Analyse von Auslegungsstörfällen sind nicht erfüllt.
  • Ein Zwischenkühlkreislauf zwischen dem nuklearen Bereich und dem Nebenkühlwassersystem fehlt. Für diesen Fall vorzusehende besondere qualitätserhöhende Maßnahmen und Überwachungsmaßnahmen sind nicht erkenntlich.
  • WWER-1000-Anlagen weisen bekanntlich eine erhöhte Empfindlichkeit der kernnahen Schweißnähte des Reaktordruckbehälters für Neutronenversprödung auf. Es wird nicht nachgewiesen, dass dieser selbst von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) als "erheblich" eingestufte Mangel für die Anlage Temelín ausgeschlossen werden kann.
  • In der näheren Umgebung der Atomanlage verlaufen drei Gasfernleitungen, die im Falle eines Reaktor-Unfalls eine erhebliche zusätzliche Sicherheitsgefahr darstellen.

    Die Beispiele geben nur einen kleinen Einblick in die mangelhafte "Sicherheitstechnik" des Reaktors. Wer ernsthaft ein zweites Tschernobyl verhindern will, muss sich dafür einsetzen, dass Temelín nicht in Betrieb gehen darf. Gleichzeitig müssen auch alle noch in Betrieb befindlichen WWER-1000 Reaktoren vom Netz genommen werden, da diese - selbst für die atomenergie-freundliche IAEO - ein Sicherheitsrisiko darstellen. Ökologische wie auch ökonomische Gründe sprechen eindeutig gegen Temelín. Temelín muss geschlossen werden, noch bevor es ans Netz geht und möglicherweise erheblichen Schaden anrichten kann.

Ende 2000 dann wurde ein UVP-Verfahren für 78 Bauänderungen, die nach Inkrafttreten des tschechischen UVP-Gesetzes (1992) beantragt wurden, mit deutscher Beteiligung eingeleitet. Im sog. Protokoll von Melk vom 13. Januar 2000, vereinbarten der tschechische Ministerpräsident Zeman, der österreichische Bundeskanzler Schüssel und der deutsche Europa-Kommissar Verheugen eine "umfassende Prüfung der Umweltauswirkungen" des AKW Temelín, ausgerichtet an den geltenden EU-Richtlinien, insbesondere hinsichtlich der Beteiligung der Nachbarstaaten. Dennoch ist das Ganze eine Farce: Die Ergebnisse der Prüfung nämlich sollen keine rechtlichen Folgen für das laufende Genehmigungsverfahren haben.

Viele Organisationen haben deshalb zum Boykott aufgerufen. Trotz des fehlenden Rechtsanspruchs reichten einige Verbände Einwendungen ein, so auch das Umweltinstitut München e.V. (nachzulesen auf unserer homepage). Damit halten wir uns die Möglichkeit offen, gegebenenfalls an einer Erörterung der Einwendungen teilzunehmen. Zumindest übermitteln wir damit unsere Hauptkritikpunkte - sowohl am Verfahren als auch an der gesamten Anlage - der tschechischen Regierung.

Literatur:

1 Kommission für die Prüfung der Umweltauswirkungen des Kernkraftwerks Temelín: "Bewertung der Umweltauswirkungen des KKW Temelín, vorgelegt im Rahmen der freiwilligen und über den üblichen Standard hinausgehenden Vorgangsweise laut Artikel V. des Melker Protokolls", Prag, April 2001

Umweltnachrichten Ausgabe: 92/2001