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Geplanter Anschlag auf Forschungsreaktor in Sydney

Atomanlagen als terroristische Zielscheiben?

Ende August, gut zwei Wochen vor Beginn der olympischen Spiele 2000 in Sydney, Australien, schockierten Meldungen über einen geplanten Anschlag auf einen Atomforschungsreaktor die Öffentlichkeit. Die betroffene Forschungsanlage liegt am süd-westlichen Stadtrand von Sydney in Lucas Heights, ca. 40 km vom Stadtzentrum und ca. 25 km vom Olympiastadion entfernt und bot sich damit als geeignetes Objekt, das für terroristische Zwecke missbraucht werden könnte.

Der Forschungsreaktor HIFAR (High Flux Australien Reactor) ging 1958 in Betrieb und war ursprünglich gedacht für die Entwicklung der australischen Energieversorgung via Atomstrom. Heute produziert der Reaktor vorwiegend Radioisotope für medizinische Zwecke und ist mit seinen 10 MW Leistung die einzige in Betrieb befindliche Atomanlage in Australien. Auch wenn es "nur" ein relativ kleiner Forschungsreaktor ist, ein terroristischer Anschlag mit radioaktiven Freisetzungen in der Folge wäre während der Olympischen Spiele eine Katastrophe gewesen, da Sydney zusätzlich mit x-tausenden Touristen und AthletInnen aus aller Welt bevölkert war.

Verdacht auf Anschlag

Eher zufällig, bei einer Razzia gegen einen mutmaßlichen Menschenschmugglerring, war die neuseeländische Polizei im März dieses Jahres auf eine afghanische Terroristengruppe gestoßen. In einem Haus in Auckland wurde ein Kommandozentrum mit Konferenztischen und Landkarten entdeckt, darunter ein Stadtplan von Sydney, auf dem der Reaktor mit seinen Zu- und Abfahrtswegen deutlich markiert war. Der Verdacht drängte sich auf, dass die Gruppe einen Anschlag auf den Atomreaktor während der olympischen Spiele geplant hatte. Erhärtend kam dazu, dass die Verdächtigen dem Umfeld des derzeit weltweit meistgesuchten Terroristen Osama bin Laden zugeschrieben wurden, der sich im südlichen Afghanistan versteckt halten soll. Die ZDF-Presseschau vom 28. August verwies auf Berichte, denen zufolge bin Laden ein Netzwerk von Anhängern im pazifischen Raum aufgebaut und Späher nach Sydney geschickt haben soll. Zudem kam erschwerend hinzu, dass Afghanistan - das Gastgeberland von bin Laden - von den Sydney-Spielen ausgeschlossen war. Im Mai wurde die Angst vor einem Anschlag verstärkt, als ein Mann festgenommen wurde, der in seinem Haus in der Nähe des olympischen Dorfes große Sprengstoffvorräte gebunkert hatte.

Regierung beschwichtigt

Obwohl eine mögliche Gefährdung von den Veranstaltern der Olympiade heruntergespielt wurde und auch die australische Regierung bemüht war zu beschwichtigen, waren Polizei, Sicherheitskräfte und sogar der australische Geheimdienst auf den Plan gerufen. Einen ähnlichen Anschlag wie die Bombenexplosion im Centennial Olympic Park während der olympischen Spiele 1996 in Atlanta oder die Geiselnahme von israelischen Sportlern 1972 in München wollte man auf jeden Fall vermeiden.

Mit dem "Lock Down" begann Anfang September die heiße Phase der größten Sicherheitsoperation, die Australien je erlebt hat. Die olympischen Stätten wurden hermetisch abgeschottet. "Von Hunden bis zu Hubschraubern, von Marinetauchern bis zu Mannschaftswagen - alle und alles wird eingesetzt" erfuhren die Medien. Die Hinweise auf einen möglichen Anschlag wurden weitaus ernster genommen, als der Öffentlichkeit vorgespielt wurde.

Auch rund um das Reaktorgelände wurden die Sicherheitsvorkehrungen zusätzlich erhöht. Die Regierung bekräftigte, dass diese ausreichten, einen Anschlag auf den Reaktor während der Spiele zu verhindern und es nicht notwendig sei, die Anlage abzuschalten. Dass im Hintergrund dazu aber heftige Diskussionen stattfanden, wurde der Öffentlichkeit verschwiegen. Es gab durchaus ernsthafte Überlegungen, den Reaktor - so wie in Atlanta geschehen - während der Spiele abzuschalten.

Abschaltung des Reaktors in Atlanta

Die Abschaltung des Forschungsreaktors während der Olympiade in Atlanta ging an der Öffentlichkeit ziemlich vorbei. Der Reaktor bot allerdings aufgrund seiner brisanten Lage ein noch höheres Risiko als der in Sydney: Er lag inmitten des Campus, auf dem die SportlerInnen während der Atlanta-Spiele untergebracht waren. Aber nicht nur die zentrale Lage, auch die katastrophalen Zustände im Reaktor haben letztlich zur Abschaltung und auch zur vorsorglichen Entfernung von abgebrannten Brennstäben geführt. Nicht entfernt dagegen wurden die im Reaktor ebenfalls gelagerten Cobalt-Kapseln, die bei einer Zersprengung ein hohes radioaktives Gefährdungspotenzial haben.

Die Angst vor einem Anschlag wuchs, als ein Nuklearsicherheitsmanager der Umweltbehörde Georgias eine Aktennotiz mit dem Vermerk "URGENT request" an die extra für die Zeit der Spiele dort stationierte "Atompolizei" schickte. In der Notiz, die in der Zeitschrift "Die Woche" vom 24. Mai 1996 als Ausriss abgedruckt war, wurde darauf verwiesen, dass die Gefahr terroristischer Aktionen ernsthaft bestehe. Ziel der Aktionen sei, das Cobalt in und außerhalb des Reaktorgebäudes zu verbreiten. Eine Studie wurde eingeleitet, in der die Folgen einer Verbreitung der radioaktiven Substanzen abgeschätzt werden sollten, um mögliche Handlungsszenarien für den Ernstfall vorbereiten zu können. Zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen wurden getroffen und letztlich konnte ein Anschlag auf den Reaktor während der Spiele verhindert werden.

Was wird das nächste Ziel sein?

Auch wenn das radioaktive Potenzial eines Forschungsreaktors deutlich geringer ist als das eines Leistungsreaktors, wäre ein Anschlag mit radioaktiver Freisetzung eine Katastrophe für die Umgebung der jeweiligen Anlagen. Nukleare Forschungseinrichtungen, die anders als Atomkraftwerke oft inmitten oder am Rand von Großstädten, in Forschungs- oder Universitätseinrichtungen, gelegen sind, stellen eine ernsthafte Gefahr bezüglich terroristischer Anschläge dar. Gerade Großereignisse wie die olympischen Spiele oder Weltmeisterschaften bieten Terroristen willkommene Gelegenheiten, ihre kriminellen Anliegen an die Weltöffentlichkeit zu bringen und die Regierungen der Gastgeberstaaten zu erpressen.

In München wird sehr wahrscheinlich das Eröffnungsspiel zur übernächsten Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2006 stattfinden. Wenn der in Bau befindliche neue Forschungsreaktor FRM-II in Garching bis dahin in Betrieb gegangen ist, könnte auch er ein begehrliches Ziel für einen Terroranschlag sein. Sollte der Betrieb bis dahin nicht aufgenommen sein, weil Auflagen seitens der Bundesregierung Bauänderungen am FRM-II notwendig machen könnten und damit den Betriebsbeginn verzögern würden, könnte das im Juli dieses Jahres abgeschaltete Atomei wieder aktiviert sein, da dies noch nicht stillgelegt, sondern lediglich "außer Dienst" gestellt wurde. Das Garchinger Forschungsgelände liegt am nördlichen Stadtrand von München, nur wenige Kilometer vom Olympiastadion entfernt, womit die lokalen Randbedingungen für einen Anschlag also noch "günstiger" als in Sydney wären.

Der Garchinger FRM-II ist nicht nur wegen seiner Nähe zur Stadt München und dem Münchner Großflughafen im Erdinger Moos ein Risiko. Er ist auch international umstritten, da er weltweit als einzige neue Atomanlage nach dem Willen der Anlagenbetreiber und der bayerischen Staatsregierung mit hoch angereichertem Uran (HEU), also waffenfähigem Brennstoff, betrieben werden soll. Deshalb wird von der Bundesregierung derzeit geprüft, ob eine Design-Änderung, eine Umrüstung von HEU auf niedrig angereichertes Uran als Brennstoff (LEU), möglicherweise noch vor Inbetriebnahme als Auflage für eine Genehmigung durchzuführen sei.

Zur Gefahr eines möglichen Terroranschlags käme beim FRM-II - sollte er mit HEU fahren - zusätzlich die Gefahr der Proliferation, also der illegalen Weiterverbreitung von waffenfähigem Brennstoff dazu. Nicht zuletzt deshalb fordert das Umweltinstitut München e.V. und weltweit renommierte WissenschaftlerInnen, das unsinnige Projekt FRM-II zu stoppen und statt dessen innovative, menschenfreundliche Forschungstechnologien zu fördern. Die Risiken von Atomanlagen - auch von "kleinen" Forschungsreaktoren - sind nicht zu verantworten.

Umweltnachrichten Ausgabe: 89/2000