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Tschernobyl-Kongress in Basel:

Gesundheitsfolgen für Kinder in Weißrussland

Am 15. Februar 2003 fand an der Medizinischen Fakultät der Univeristät Basel ein eintägiges Symposium zu den Folgen von Tschernobyl für die Gesundheit von Kindern statt. Eingeladen waren überwiegend Wissenschaftler aus Weißrussland (Belarus). Organisatoren waren die Professoren Fernex und Nidecker, beide von der Medizinischen Fakultät der Universität Basel. Auch unser Mitarbeiter Alfred Körblein war dort mit einem Vortrag vertreten.

Prof. Fernex berichtete einleitend von Untersuchungen von Dr. Bandazhevsky aus Belarus, die zeigen, dass sich Cäsium in einzelnen Organen wie den Nieren, dem Herz und den Muskeln mehr als 10-fach anreichert. Die Dosisabschätzungen beziehen sich dagegen in der Regel nur auf die mittlere Cäsium-Konzentration im Körper. Damit wird das Risiko stark unterschätzt.

Prof. Nesterenko aus Belarus hat in seinem Institut „Belrad“ bisher schon über 200.000 Ganzkörpermessungen des Cäsiumgehalts bei Kindern und Erwachsenen durchgeführt. Er sprach in seinem Vortrag über Möglichkeiten, die Cäsiumbelastung von Kindern durch Verabreichung von Pektin (ein Apfelextrakt) mit der Nahrung zu reduzieren.
Frau Dr. Bandazhevskaya, Minsk, wies nach, dass die Cäsiumbelastung von Kindern mit erhöhtem Blutdruck einher geht. Auch hier zeigte sich die positive Wirkung von Pektingaben.

Dr. Dubrova von der Universität Leicester, England, studierte den Einfluss von radioaktiver Bestrahlung auf Mutationen im genetischen Code. Dazu wurde die Häufigkeit von Minisatellit-Mutationen bei Kindern aus hochkontaminierten Regionen von Belarus und der Ukraine untersucht. Sie lagen deutlich höher als bei Kindern aus nichtbelasteten Regionen. Auch Kinder von Eltern, die hohen radioaktiven Belastungen ausgesetzt waren, zeigten erhöhte Mutationsraten. Einflüsse auf die Erbinformation finden sich auch bei den Bewohnern der hochkontaminierten Regionen um das sowjetische Atombombentestgebiet Semipalatinsk in Kasachstan.

Prof. Goncharova aus Minsk berichtete von genetischen Effekten bei Mäusen nach chronischer radioaktiver Bestrahlung in verschieden hoch kontaminierten Regionen um den Tschernobyl Reaktor. Die Mutationsrate hing ab von der Höhe der Belastung und nahm von Generation zu Generation zu. Je länger also eine Mäusepopulation unter Bedingungen chronischer Bestrahlung lebte, desto häufiger traten Genmutationen auf. Die Häufigkeit von Chromosomenaberrationen erlaubt, das Krebsrisiko zu prognostizieren.

Prof. Lazjuk, Belarus, berichtete von seinen Untersuchungen zu Fehlbildungen bei Neugeborenen und bei Föten, die aus legalen Abtreibungen stammten. Er verglich die Fehlbildungsraten vor und nach Tschernobyl, einmal in den höherbelasteten Gebieten Weißrusslands, und dann in einer niedriger belasteten Kontrollregion. In beiden Gegenden war die Fehlbildungsrate nach Tschernobyl (1987-2000) höher als vor Tschernobyl (1983-1985), aber der Anstieg war in der höher kontaminierten Untersuchungsregion genauso hoch wie in der Kontrollregion. Deshalb wurden andere Ursachen als radioaktive Strahlung für den zeitlichen Anstieg der Fehlbildungsraten verantwortlich gemacht.

Alfred Körblein, Umweltinstitut München, berichtete von Studien zur Perinatalsterblichkeit bei Neugeborenen in Deutschland und der Säuglingssterblichkeit in Polen nach Tschernobyl. Er findet einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Sterblichkeit von Neugeborenen und der um sieben Monate verzögerten Cäsiumbelastung der Schwangeren (Umweltnachrichten 91/01). Das lässt auf einen schädigenden Einfluss der Strahlung auf den Embryo während der Organentwicklung im zweiten und dritten Schwangerschaftsmonat schließen.

Prof. Okeanov, Belarus, stellte Daten aus dem nationalen Krebsregister von Belarus dar. Er vergleicht den zeitlichen Trend der allgemeinen Krebsrate vor und nach Tschernobyl in den einzelnen Gebieten (oblasts) von Belarus. Während der jährliche Anstieg in den Jahren 1990-2000 im Mittel etwas geringer war als in 1976-1985, war die Zunahme im höchstbelasteten Gebiet Gomel ca. doppelt so hoch wie vor Tschernobyl.

Prof. Gres aus Belarus berichtete von Katarakten (grauer Star) und Linsentrübungen bei Kindern aus Belarus. Die Häufigkeit von Linsentrübungen nimmt mit der Ganzkörperbelastung durch radioaktives Cäsium zu. In einem Kollektiv von 289 Kindern, die stärker radioaktiv belastet waren, hatten 72% chronische Gastritis. Auch eine Degeneration der Schleimhäute, eine Zunahme von chronischer Bronchitis und von chronischen Entzündungen der Harnwege gegenüber dem weißrussischen Durchschnitt wurden beobachtet.

Dr. Vorontsova, Belarus, untersuchte Blutproben aus höher und niedriger kontaminierten Gebieten von Belarus, und zwar aus Hoiniki (Gomel) mit 190-560 kBq/m² Cs-137 und Braslav (Viterbsk) mit 40 kBq/m². Die Konzentration von Schilddrüsen-Autoantikörpern war in der höher kontaminierten Region signifikant größer als in der niedriger kontaminierten Region.

Dr. Veliseeva, Belarus, berichtete von Untersuchungen in einer Klinik aus Minsk an Kindern, unter andern solchen, die aus den hoch kontaminierten Gebieten um den Tschernobyl-Reaktor evakuiert worden waren (Tschernobyl-Gruppe). Der Gesundheitszustand dieser Kinder verschlechterte sich im Verlauf von 5 Jahren (1997-2001) deutlich. Waren im Jahr 1997 noch 36 von 1701 Kindern gesund (2,1%), so waren es im Jahr 2001 nur mehr 3 von 856 (0,35%). 76,4% aller Krankheiten betrafen den Magen-Darmtrakt.
Fehlbildungen erhöhten sich zwischen 1997 und 2001 um 60%, wobei den größten Anteil die Herzfehlbildungen ausmachten (56% im Jahr 1997 und 79% im Jahr 2001).
Die Tumorrate in der Allgemeinbevölkerung stieg um den Faktor 1,5 (von 109 auf 162 pro 100.000 pro Jahr), aber in der Tschernobyl-Gruppe um den Faktor 2,8 (von 470 auf 1333 pro 100.000 pro Jahr).

Die Berichte der weißrussischen Wissenschaftler widersprechen den Behauptungen der offiziellen, für den Strahlenschutz zuständigen Organisationen, z.B. der Internationalen Strahlenschutzkommission und der Weltgesundheitsorganisation, dass Tschernobyl selbst in den hauptbetroffenen Gebieten Weißrusslands und der Ukraine außer eines Anstiegs von Schilddrüsenkrebsen keine nachweisbaren Folgen auf die kindliche Gesundheit gehabt habe. Das Symposium eröffnete damit die seltene Gelegenheit, Informationen aus erster Hand zu erhalten und wertvolle Kontakte zu schließen.

Umweltnachrichten, Heft 98 / Mai 2003