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Eigene Untersuchung:

Krebsrate bei Kindern im Umkreis bayerischer Atomkraftwerke

Die Krebsrate bei Kindern ist in der Umgebung der drei bayerischen Standorte von Kernkraftwerken (KKW) signifikant um 20% gegenüber der Krebsrate im restlichen Bayern erhöht (p=0,0014). Das Ergebnis basiert auf den Daten der Krebsinzidenz bei Kindern in den bayerischen Landkreisen für die Jahre 1983 bis 1998. Als KKW-Region wurden um jedem Standort jeweils drei Landkreise festgelegt. Die Krebsrate in der KKW-Region wurde mithilfe einer gewichteten Regressionsrechnung mit der Krebsrate in den restlichen bayerischen Landkreisen verglichen. Als einzige weitere Einflussgröße wurde im Regressionsmodell die Bevölkerungsdichte berücksichtigt.

Einführung

Bei der Veröffentlichung der Ergebnisse der sogenannten Michaelis-Studie, so benannt nach dem Leiter des Instituts für Medizinische Statistik und Dokumentation in Mainz, an dem das deutsche Kinderkrebsregister geführt wird, wurde gesagt, weitere Arbeiten zu diesem Thema seien nicht mehr notwendig, da diese Studie keine erhöhten Krebsraten in der Nähe deutscher Kernkraftwerke fand (1). Allerdings ergab meine Neuauswertung der gleichen Daten vor drei Jahren eine signifikante Erhöhung der Krebsrate bei Kleinkindern um 53% im Nahbereich der Kernkraftwerke, wenn allein die 15 Standorte von Leistungsreaktoren, nicht aber die 5 Standorte von Forschungsreaktoren und stillgelegten Reaktoren in die Untersuchung einbezogen werden (2). Eine Arbeit des Bundesamts für Strahlenschutz vom November 1995 (3) hatte ebenfalls keine Auffälligkeit bei kindlichen Krebsraten um die 5 Standorte von bayerischen kerntechnischen Anlagen ergeben. Auch dieser Befund kehrte sich ins Gegenteil um, wenn nur die Standorte von Kernkraftwerken, nicht aber der kleine Forschungsreaktor in Garching (4 MW) und der schon 1985 stillgelegte Versuchsreaktor in Kahl (16 MWel) in die Auswertung mit einbezogen wurden. Daten aus den bayerischen Landkreisen (4) ergaben ebenfalls eine signifikante, 30%-ige Erhöhung der Krebsrate bei Kindern (p < 0,001) (5). Kürzlich bekam ich vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) auf Anfrage neue Daten der Krebsrate bei Kindern in den bayerischen Landkreisen von 1983 bis 1998 zugeschickt (6). In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, ob sich auch mit dem erweiterten Datensatz eine erhöhte Krebsrate bei Kindern um bayerische Kernkraftwerke errechnet.

Daten und Methoden

Die Daten der Krebsinzidenz bei Kindern unter 15 Jahren kommen vom Mainzer Kinderkrebsregister. Daten zur Bevölkerungsdichte wurden vom bayerischen Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung bezogen.

In der Michaelis-Studie wurden die Krebsraten in den Regionen um die Kernkraftwerke mit denen in geeignet gewählten Vergleichsregionen abseits der Kernkraftwerke verglichen. Dieses Verfahren hat gegenüber dem Vergleich mit dem Landesdurchschnitt den Vorteil, dass auf standortspezifische Besonderheiten Rücksicht genommen werden kann, führt aber zu einer größeren Unsicherheit beim Vergleich der Inzidenzen, da sich die statistischen Streuungen (Varianzen) im Untersuchungs- und im Vergleichsgebiet addieren. Je größer das Vergleichsgebiet, desto kleiner ist die zugehörige Varianz, was den Nachweis eines möglichen Effekts erleichtert. Auch bedeutet die Wahl eines Vergleichsgebiets immer eine gewisse Willkür. So könnte ein Vergleichsgebiet zwar außerhalb der 15 km Zone um das KKW liegen, aber in Windrichtung, wo es womöglich ebenfalls Emissionen des KKW ausgesetzt ist.

Die vorliegende Untersuchung verzichtet auf die Festlegung von Vergleichsgebieten. Stattdessen wird mit Hilfe einer varianzgewichteten Regressionsanalyse die Krebsrate in den Landkreisen um die KKW-Standorte mit der in den restlichen bayerischen Landkreisen verglichen. Als KKW-Region wurden um jeden Standort 3 Landkreise ausgewählt: der Standort-Landkreis, der unmittelbar benachbarte Landkreis, und - wegen der vorherrschenden Windrichtung - der sich östlich anschließende Landkreis. Im einzelnen sind das die Landkreise Landshut-Stadt, Landshut-Land und Dingolfing, Schweinfurt-Stadt, Schweinfurt-Land und Hassberge, und Dillingen, Günzburg und Augsburg-Land. Für die Regressionsrechnung werden diese Landkreise mit einer Indikatorvariablen (KKW) gekennzeichnet, und das Zusatzrisiko dort aus den Daten geschätzt. Da sich in den Daten auch eine Abhängigkeit der kindlichen Krebsrate von der Bevölkerungsdichte zeigte, wurde auch diese berücksichtigt. Weil die Daten aller 96 Landkreise in die Regression eingehen, kann beim Signifikanztest eine gegenüber der statistischen Erwartung erhöhte Streuung in den Daten (Overdispersion) berücksichtigt werden. Das Ergebnis des Signifikanztests ist damit konservativer, als bei dem Verfahren, das in der Michaelis-Studie verwendet wird.

Das Regressionsmodell hat die Form:

SIR = C1 + C2*URB + C3*KKW

Dabei ist SIR die standardisierte Inzidenzrate, also das Verhältnis zwischen der beobachteten und der aufgrund des bayerischen Durchschnitts erwarteten Zahl von Krebsfällen. URB ist die Bevölkerungsdichte (in Einwohnern pro km²) und KKW ist eine Indikatorvariable, welche die Landkreise um die Kernkraftwerke kennzeichnet. C1-C3 sind Parameter.

Ergebnisse

Die Regressionsrechnung mit dem Programm STATGRAPHICS ergibt die in der folgenden Tabelle angegebenen Schätzwerte für die Parameter C1 bis C3, die zugehörigen Standardabweichungen (sigma), die t-Werte und die (einseitigen) p-Werte.

Parameter

Schätzwert

sigma

t-Wert

p-Wert

C 1

0,9557 0,0221 43,34 0,0000

C 2

0,000040 0,000016 2,524 0,0067

C 3

0,1991 0,0646 3,080 0,0014

Die Krebsrate bei Kindern ist im Untersuchungsgebiet, den Landkreisen um die 3 bayerischen Standorte von Leistungsreaktoren Gundremmingen (KKB), Isar (KKI) und Grafenrheinfeld (KRB) hochsignifikant um ca. 20% gegenüber der in den restlichen bayerischen Landkreisen erhöht (p=0,0014). Auch die Bevölkerungsdichte hat einen signifikanten Einfluss auf die Krebsrate (p=0,007).

Abbildung 1 zeigt das relative Risiko an den drei Standorten von bayerischen Kernkraftwerken mit dem 90% Vertrauensbereich, dazu das relative Risiko um alle bayerischen KKW und um die beiden Standorte von Siedewasserreaktoren (KKI, KRB), jeweils zusammengefaßt. In Tabelle 1 sind die zugehörigen beobachteten (O) und erwarteten (E) Fallzahlen um die Standorte und in den einzelnen Landkreisen, das relative Risiko RR=O/E und der einseitige p-Wert aus der Poissonverteilung angegeben. Um die Standorte Gundremmingen und Isar, beides Standorte von Siedewasserreaktoren, ist die Erhöhung der Krebsrate auch einzeln signifikant (p=0,002 bzw. p=0,030). Faßt man beide Standorte zusammen, so beträgt die Erhöhung 27% und ist hochsignifikant (p=0,0004).

Abb1: Relatives Krebsrisiko für Kinder um die bayerischen Kernkraftwerke Isar (KKI), Grafenrheinfeld (KKG) und Gundremmingen (KRB), um alle bayerischen KKW und um die beiden Standorte von Siedewasserreaktoren (SWR) KKI und KRB zusammengefaßt. Der Fehlerbalken zeigt den 90% Vertrauensbereich.

 
Landkreis
 

OBS

EXP

RR

p-value

LA  
19
 
 
14,9
 
 
1,277
 
 
0,1719
 
LK LA  
48
 
 
42,2
 
 
1,138
 
 
0,2034
 
DGF  
36
 
 
26,5
 
 
1,358
 
 
0,0454
 
SW  
18
 
 
14,9
 
 
1,210
 
 
0,2409
 
HAS  
32
 
 
30,1
 
 
1,064
 
 
0,3861
 
LK SW  
36
 
 
37,2
 
 
0,968
 
 
0,5998
 
LK A  
95
 
 
65,9
 
 
1,441
 
 
0,0004
 
DGL  
32
 
 
29,6
 
 
1,049
 
 
0,4196
 
GZ  
47
 
 
38,9
 
 
1,208
 
 
0,1139
 
   
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
KKI  
103
 
 
83,6
 
 
1,233
 
 
0,0167
 
KKG  
86
 
 
82,1
 
 
1,047
 
 
0,3352
 
KRB  
173
 
 
134,4
 
 
1,287
 
 
0,0004
 
alle KKW  
362
 
 
300,1
 
 
1,206
 
 
0,002
 
SWR  
276
 
 
217,9
 
 
1,266
 
 
0,000
 

Tab.1: Beobachtete (OBS) und erwartete (EXP) Zahlen von Kinderkrebsfällen in den Landkreisen um die Standorte der bayerischen Kernkraftwerke, relatives Risiko (RR) und einseitiger p-Wert (Poissonverteilung). Darunter gepoolte Auswertungen für die einzelnen Standorte, also Isar (KKI), Grafenrheinfeld (KKG) und Gundremmingen (KRB), für alle KKW-Standorte und für die beiden Standorte von Siedewasserreaktoren (KKI und KRB).

Diskussion

In der Diskussion, die sich an die Veröffentlichung der Ergebnisse in den Medien anschloss, wurde unter anderem gesagt, es sei nicht einzusehen, dass der Forschungsreaktor in Garching nicht in die Untersuchung einbezogen werde, da er ja höhere radioaktive Abgaben habe als ein typischer Leistungsreaktor.

Wie aber aus dem Bericht des Bundesumweltministeriums "Umweltradioaktivität und Strahlenbelastung im Jahr 1996" hervorgeht, lagen die Ableitungen radioaktiver Stoffe mit der Abluft aus bayerischen Kernkraftwerken bei radioaktiven Edelgasen in der gleichen Größenordnung wie beim Forschungsreaktor Garching, aber bei Aerosolen, bei Jod-131, Kohlenstoff-14 und Tritium um bis zu 4 Größenordnungen höher.

Von offiziellen Stellen, insbesondere vom Bayerischen Umweltministerium, wurden alle bisherigen Befunde, die erhöhte Krebsraten um Kernkraftwerke ergaben, nicht ernst genommen. In den letzten Verlautbarungen des BfS werden die Zahlen zwar akzeptiert, allerdings wird gesagt, die Art der Untersuchung, eine ökologische Studie, erlaube prinzipiell keine Kausalschlüsse. Interessant ist nur, dass die negativen Ergebnisse der amtlichen Studien, die ja ebenfalls vom ökologischen Studientyp sind, sehr wohl herangezogen werden, um die Unbedenklichkeit der Kernkraftwerke zu beweisen.

Literatur

1. Kaletsch U, Meinert R, Miesner A, Hoisl M, Kaatsch P, Michaelis J. Epidemiologische Studien zum Auftreten von Leukämieerkrankungen in Deutschland. IMSD-Technischer Bericht, Juli 1997
2. Körblein A, Hoffmann W. Childhood Cancer in the Vicinity of German Nuclear Power Plants. Medicine & Global Survival, August 1999, Vol.6: 18-23, bzw:
www.ippnw.org/MGS/V6N1Korblein.html
3. Van Santen F, Irl C, Grosche B, Schötzau A. Untersuchungen zur Häufigkeit kindlicher bösartiger Neubildungen und angeborener Fehlbildungen in der Umgebung bayerischer kerntechnischer Anlagen. BfS-Bericht vom November 1995
4. Van Santen F, Grosche B, Schoetzau A, Irl C, Brachner A. Morbidität und Mortalität infolge bösartiger Neubildungen in Bayern. BfS-Bericht, Oktober 1995
5. Körblein A. Krebsrate bei Kindern im Umkreis bayerischer Kernkraftwerke. Umweltnachrichten 91/2001: 26-28
6. Jahraus H, Grosche B. Fortschreibung des Berichts Inzidenz und Mortalität bösartiger Neubildungen in Bayern. BfS-Bericht vom Juni 2001

Umweltnachrichten, Heft 92 / August 2001 (Überarbeitet Nov. 2006)