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Neuauswertung:

Krebserkrankungen bei Kindern um deutsche Atomkraftwerke

Die Krebsrate bei Kleinkindern unter 5 Jahren ist im 5-km Nahbereich von deutschen Kernkraftwerken signifikant um 53% erhöht (p=0,0034). Das ist das wichtigste Ergebnis einer Auswertung von Daten des Deutschen Kinderkrebsregisters in Mainz durch unseren Mitarbeiter Dr. Alfred Körblein.

Die in Deutschland vielbeachtete Studie des Mainzer Instituts für Medizinische Statistik und Dokumentation (IMSD) zum Thema Kinderkrebs um Kernkraftwerke (1) gilt auch international als die umfangreichste diesbezügliche Untersuchung. Sie umfaßt 20 Standorte von kerntechnischen Anlagen (KTA) in Deutschland und einen Beobachtungszeitraum von 16 Jahren (1980-1995). Das Risiko für Kinder unter 15 Jahren, in der Umgebung von kerntechnischen Anlagen an Krebs zu erkranken, wurde darin gerade so hoch ermittelt wie in geeignet gewählten Vergleichsregionen (relatives Risiko RR=0,99). Wegen des großen Umfangs der Studie sahen die Autoren der Studie die Frage nach einer möglichen Erhöhung der Krebsrate bei Kindern um Kernkraftwerke als ausreichend geklärt an; weiteren Forschungsbedarf gäbe es nicht.
Bei einer genaueren Durchsicht der Arbeit zeigen sich allerdings Ungereimtheiten. So war die Leukämierate bei Kleinkindern im Nahbereich der KTA in der ersten Phase der Studie (KKW-1), die den Zeitraum 1980-1990 umfaßte, noch dreimal so hoch wie in den Vergleichsregionen abseits der KTA. Wie ist erklärlich, daß durch die Verlängerung der Untersuchungszeitraums die Erhöhung unauffällig wird? Aus den Daten geht hervor, daß in den Jahren 1991-1995 12 Leukämiefälle hinzugekommen sind, während aufgrund der mittleren Inzidenzrate in Westdeutschland nur 6,3 erwartet worden waren. Im Vergleichsgebiet wurden im gleichen Zeitraum 4 Fälle beobachtet und 6,1 Fällen erwartet. Daraus errechnet sich ein signifikant erhöhtes relatives Risiko von RR=2,9 (p=0,044) für 1991-1995. Dass die Erhöhung im Gesamtzeitraum trotzdem nicht signifikant ist, liegt an zwei methodischen Änderungen in der zweiten Phase der Michaelisstudie (KKW-2) gegenüber der ersten, die in der Zusammenfassung der Studie nicht erwähnt werden: Erstens wurde die Größe der Vergleichsgebiete geändert, und zweitens der zweiseitige anstatt des einseitigen Tests angewandt. Allein dadurch wird ein nach der bisherigen Vorgehensweise sehr deutlich signifikantes Ergebnis (RR=2,9; p=0,002) zu einem unauffälligen Ergebnis (RR=1,49; p=0,058).
Neben den 15 deutschen Standorten von Leistungsreaktoren zur Stromerzeugung umfaßte der IMSD-Bericht auch die Kernforschungszentren Karlsruhe und Jülich, den seit 1985 stillgelegten Versuchsreaktor in Kahl und zwei Leistungsreaktoren, die nur kurze Zeit in Betrieb waren: Mülheim-Kärlich mit nur wenigen Monaten Probebetrieb, und den Hochtemperaturreaktor in Hamm mit etwa 400 Volllasttagen. Schließt man nur die 15 Standorte der in Betrieb befindlichen Leistungsreaktoren (KKW) in die Auswertung ein, so errechnet sich bei Kindern unter 15 Jahren im Nahbereich (0-5 km) der KKW eine signifikante Erhöhung der Krebsrate um 22% (p=0,047), um Siedewasserreaktoren sogar um 40% (p=0,021). Bei Kleinkindern unter 5 Jahren sind die Krebsraten im Nahbereich der KKW um 54% erhöht (p=0,0034), um Siedewasserreaktoren um 70%. Die Leukämien sind bei Kleinkindern im Nahbereich mit 76% noch deutlicher erhöht (p=0,012) (2).
Die KKW-2 Studie enthält auch Daten für die Standorte von kerntechnischen Anlagen in der ehemaligen DDR für 1991-1995. Auch dort errechnet sich im 15 km Umkreis eine signifikante Erhöhung der Krebsrate bei Kindern unter 15 Jahren um 25% (p=0,045).
Eine weitere Studie wurde 1995 vom Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) für die 5 bayerischen Standorte kerntechnischer Anlagen erstellt (3). Sie ergab, wie die Arbeit des IMSD, keine Auffälligkeiten bei kindlichen Krebsfällen. Aber auch hier waren neben den 3 Standorten von Atomkraftwerken (Gundremmingen, Isar, Grafenrheinfeld) zwei weitere Standorte in die Untersuchung einbezogen worden: der 1985 stillgelegte Versuchsreaktor in Kahl und der Forschungsreaktor in Garching, dessen thermische Leistung mit 4 MW 1000-mal kleiner ist als die eines üblichen Leistungsreaktors. Wie schon bei der IMSD-Studie zeigt sich eine deutlich signifikante Erhöhung der Krebsrate um 35% im 15-km Umkreis dann, wenn nur die 3 KKW-Standorte berücksichtigt werden (p=0,0043). Die Erhöhungen der Krebsrate an den beiden Standorten Gundremmingen und Isar sind sogar einzeln signifikant.
Im Juni 2001 wurden vom Bundesamt für Strahlenschutz die Daten der Krebsinzidenz bei Kindern in Bayern in den Jahren 1983-98 veröffentlicht (4). Mit Hilfe dieser Daten lässt sich zeigen, dass die Krebsrate in insgesamt 9 Landkreisen um die 3 bayerischen KKW-Standorte Gundremmingen, Isar und Grafenrheinfeld (jeweils 3 Landkreise um jeden KKW-Standort) gegenüber den restlichen bayerischen Landkreisen erhöht ist. Die Erhöhung beträgt 20% und ist hochsignifikant (p=0,0018) (5).
In keiner der offiziellen Studien wird eine Auffälligkeit der Inzidenz von Krebs- oder Leukämieraten bei Kindern in der Umgebung von kerntechnischen Anlagen festgestellt. Dagegen ergeben die Reanalysen derselben Daten in jedem Fall statistisch auffällige Ergebnisse, wenn sich die Auswertung nur auf die Standorte von in Betrieb befindlichen Kernkraftwerken beschränkt.

Die Ergebnisse der Neuauswertung der IMSD-Daten hat Körblein, zusammen mit dem Bremer Epidemiologen Wolfgang Hoffmann, in der Fachzeitschrift "Medicine and Global Survival" vom August 1999 veröffentlicht. Die Arbeit ist hier zu finden.

Quellenangaben:

1. Kaletsch U, Meinert R, Miesner A, Hoisl M, Kaatsch P, Michaelis J. Epidemiologische Studien zum Auftreten von Leukämieerkrankungen in Deutschland. IMSD-Technischer Bericht, Juli 1997
2. Körblein A, Hoffmann W. Childhood Cancer in the Vicinity of German Nuclear Power Plants. Medicine & Global Survival, August 1999, Vol.6: 18-23, bzw.: www.ippnw.org/MGS/V6N1Korblein.html
3. Van Santen F, Irl C, Grosche B, Schötzau A. Untersuchungen zur Häufigkeit kindlicher bösartiger Neubildungen und angeborener Fehlbildungen in der Umgebung bayerischer kerntechnischer Anlagen. BfS-Bericht vom November 1995
4. Jahraus H, Grosche B. Fortschreibung des Berichts Inzidenz und Mortalität bösartiger Neubildungen in Bayern. BfS-Bericht vom Juni 2001
5. Körblein A. Krebsrate bei Kindern im Umkreis bayerischer Kernkraftwerke. Umweltnachrichten (Mitgliederzeitung des Umweltinstitut München e.V.) 91/2001: 26-28

Überarbeitet Oktober 2003