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Leukämie um Atomkraftwerke

Keine Entwarnung für Krümmel

Kürzlich wurden die Ergebnisse der bislang größten deutschen Studie zu Leukämien und Lymphomen um norddeutsche Atomkraftwerke der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Ergebnis der Studie war laut Pressemeldung der Süddeutschen Zeitung vom 10. April 2003, dass Atommeiler nicht Auslöser von Leukämie seien. Die Durchsicht der Arbeit zeigt aber, dass für akute lymphatische Leukämien, die am ehesten mit radioaktiver Strahlung in Verbindung gebracht werden, genau das Gegenteil der Fall ist. Diese sind im Nahbereich der Atomanlagen signifikant um den Faktor 3,4 erhöht.

Anlass der Fall-Kontroll-Studie zu Leukämie und bösartigen Lymphomen in Norddeutschland (NLL-Studie) war die weltweit höchste Rate von Leukämieerkrankungen bei Kindern in unmittelbarer Nähe des Kernkraftwerks Krümmel und des Kernforschungszentrums GKSS.

Der Tenor der Pressemeldungen war Entwarnung. So lautete die Überschrift des Artikels in der Süddeutschen Zeitung vom 10. April 2003 „Atommeiler nicht Auslöser für Leukämie“. Auf meine Bitte wurde mir die Studie wenige Tage danach zugeleitet.
Meine Durchsicht der NLL-Studie ergab, dass darin nicht nur Leukämien bei Kindern untersucht wurden, sondern auch Leukämien und Lymphome bei Erwachsenen. Außerdem konzentrierte sich die Untersuchung nicht auf den Standort Krümmel, wo im Zeitraum 1980-1995 acht Leukämiefälle im Nahbereich auftraten, viermal mehr als erwartet. Es wurden drei weitere Atomkraftwerke (Brunsbüttel, Brokdorf und Stade) in die Studie mit einbezogen, bei denen im gleichen Zeitraum nur 2 Fälle vorkamen. Für alle Standorte zusammengenommen ist die Erhöhung der Leukämierate bei Kindern nicht mehr auffällig.
Die Strahlenexposition wurde in jedem Einzelfall nach der diesbezüglichen allgemeinen Verwaltungsvorschrift (AVV) bestimmt. Für die Datenanalyse wurden die Personen nach Strahlenexposition in drei Kategorien eingeteilt und mit einer „unbestrahlten“ Vergleichsgruppe verglichen. Für alle Leukämien und Lymphome bei Erwachsenen ergibt die Studie kein erhöhtes Risiko in der höchsten Expositionskategorie. Allerdings ist die Erhöhung für die Untergruppe der akuten lymphatischen Leukämien (ALL) bei Männern in Kategorie 3 signifikant (p=0,0354). Für Frauen werden keine verwertbaren Zahlen genannt. Genau die ALL sind es aber, die am ehesten mit ionisierender Strahlung in Verbindung gebracht werden. Die Erhöhung geht jedoch in der Gesamtzahl aller Fälle unter, weil die ALL bei Erwachsenen nur 5% aller in die Studie aufgenommenen Diagnosen ausmachen. Das relative Risiko steigt in den drei Expositionskategorien monoton an: Die so genannten odds ratios betragen 1,63 in Kategorie 1, 2,47 in Kategorie 2 und 3,43 in Kategorie 3. Obwohl das Risiko in Kategorie 3 mehr als 3-fach erhöht ist, ist die Erhöhung wegen der Verwendung des zweiseitigen Tests gerade nicht mehr signifikant (p=0,0707). Auch der in der Studie genannte p-Wert für den Trendtest (p=0,055) wäre - einseitig getestet - signifikant (p=0,028). Das Ergebnis wäre sicher noch viel deutlicher ausgefallen, wenn statt der Aufteilung in vier Kategorien (nicht exponiert, Expositionskategorien 1, 2, 3) der Zusammenhang zwischen ALL-Inzidenz und Expositionsmaß linear modelliert worden wäre, im Einklang mit der Annahme einer linearen Dosis-Wirkungsbeziehung für ionisierende Strahlung.

Die akuten Leukämien werden in der NLL-Studie unterteilt in akute lymphatische (ALL) und akute nicht lymphatische (ANLL) Leukämien. Die beiden Diagnosen werden nur einzeln ausgewertet. Bei ANLL zeigt sich, wiederum bei Männern, eine Erhöhung des Risikos in allen drei exponierten Gruppen. Sie ist aber nur signifikant in der niedrigst exponierten Gruppe (Kategorie 1) und beträgt dort 168% (p=0,0129). Fasst man alle 3 Expositionskategorien zusammen, so errechnet sich eine Erhöhung um den Faktor 2. Wegen der relativ hohen Fallzahl (N=42) ist die Erhöhung wahrscheinlich signifikant; ein p-Wert wird aber in der Studie nicht genannt. Eine Berechnung des p-Werts war mir nicht möglich, da in das Regressionsmodell neben der Strahlenexposition 13 weitere Einflussgrößen (Confounder) eingehen, aber die diesbezüglichen Daten nicht aufgeführt werden.

Für alle akuten Leukämien (ALL und ANLL) bei Männern zusammengefasst errechnet sich eine Erhöhung des Risikos in den exponierten Gruppen gegenüber der nicht exponierten Gruppe um 110% (odds ratio 2,1). Wegen der relativ großen Fallzahl (N=62) ist die Erhöhung sicher signifikant (p<0,05), wahrscheinlich sogar hochsignifikant (p<0,001). Leider wurden in der NLL-Studie p-Werte für zusammenfassende Analysen nicht genannt.

Angesichts dieser auffälligen Befunde bei akuten Leukämien kann nicht behauptet werden, dass, wie die Süddeutsche Zeitung vom 10. April 2003 schreibt, die Häufung von Blutkrebsfällen in der Umgebung des AKW Krümmel nicht auf radioaktive Strahlung zurückzuführen sei. Im übrigen ist es angesichts kleiner Fallzahlen schon schwer genug, einen bestehenden Zusammenhang nachzuweisen. Praktisch unmöglich ist es, das Gegenteil zu beweisen, dass also ein Zusammenhang ausgeschlossen werden kann.

Umweltnachrichten, Heft 98 / Mai 2003