Facebook .
Twitter .
Menü
Home  trenner  Archiv Radioaktivität  trenner  Fachinformationen  trenner  Presseberichte 1986
Presse-Berichterstattung ab 1986

Tschernobyl-Unfall: Kein Ende in Sicht!

Am 26. April 1986 war das unfassbare geschehen, was selbst Kritiker der Atomtechnik eigentlich nur als Theorie wahrhaben wollten.

Eine "Eil"-Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) unter Berufung auf die sowjetische Nachrichtenagentur TASS setzte am 28.4.86 um 19.32 Uhr, also fast drei Tage nach dem Ereignis, die Berichterstattung in Gang: Im AKW Tschernobyl in der Ukraine "sei ein Schaden an einem Atomreaktor aufgetreten". In der Folge erlebten wir eine extrem verwirrende Nachrichtenflut: Die widersprüchlichsten Botschaften aufgrund von Informationssperren bzw. Nachrichtenausdünnungen der UdSSR, konträre Expertenmeinungen und Bewertungen der völlig unklaren Faktenlage auf internationaler Ebene, verwirrende Strahlenmesswerte, für den Laien unverständliche Begriffe und Einheiten und schließlich ein Kompetenzwirrwarr zwischen Bund und Ländern in der BRD trugen zur restlosen Verunsicherung der Bevölkerung bei. Die Bürgerinnen und Bürger waren einem Hin und Her zwischen Beschwichtigung und Panikmache ausgesetzt. Die nicht für möglich gehaltene aber erfolgte Katastrophe mit all ihren grenzüberschreitenden Auswirkungen durfte keinesfalls das Konzept der "sauberen" Atomenergie in Frage stellen. Eine Gefahr für die Bundesbürger wurde von offizieller Seite immer vehement verneint.

Tschernobyl ist bis heute in der Presse, die Meldungen sind nach wie vor widersprüchlich. Die Rat- und Hilflosigkeit im Umgang mit dem Katastrophenreaktor sind national wie international enorm groß, eine Bewältigung der Unfallfolgen ist noch in weiter Ferne. Wir verfolgen die Tschernobyl-Berichterstattung seit 1986. Die desolate Informationspolitik ist sicher vielen noch gut im Gedächtnis, die Meldungen im einzelnen aber kaum mehr in Erinnerung. Um sich das Unglaubliche noch einmal vor Augen zu führen, haben wir der Anfangszeit besonders viel Raum gegeben.

Ausgewertet wurden: Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, taz, Münchner Merkur, Schrot & Korn.
Wir danken der taz für die kostengünstige Bereitstellung der Ausgaben des ersten Jahres nach Tschernobyl, da uns für diesen Zeitraum kein eigenes Tageszeitungsarchiv zur Verfügung steht.
Die Fotos von Alexander I. Salmygin und Wladimir Schinkarenko wurden entnommen aus dem Buch "Tschernobyl: Die Wahrheit" von Wladimir M. Tschernousenko, Hamburg 1992

26.4.86

Um 1.23 Uhr am 26. April 1986 ereignete sich in Tschernobyl die bisher größte Katastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie. Ein großer Teil des radioaktiven Inventars von Block 4 wurde bei der Explosion und dem zwei Wochen dauernden Reaktorbrand in die Atmosphäre geschleudert. Die radioaktive Wolke verbreitete sich in den folgenden neun Tagen über die Ukraine, Weißrußland große Teile Rußlands, die Türkei, Polen, Skandinavien, fast den ganzen Nahen Osten, Mitteleuropa bis hin nach Grönland und Neufundland. Der radioaktive Fallout der Wolke ist heute noch in Böden, Sedimenten, Wildfleisch, Früchten und Pilzen eindeutig nachweisbar. (Umweltnachrichten 67/96)

30.4.86

Bei dem am Montag bekannt gewordenen Unfall in einem der vier Reaktoren der sowjetischen Atomzentrale bei Tschernobyl in der Ukraine handelte es sich um das schwerste Unglück, das in einem Atomkraftwerk geschehen kann. Der Reaktorkern ist geschmolzen und große Mengen des radioaktiven Inventars der Anlage wurden freigesetzt. Die sowjetischen Behörden erklärten eine Dreißig-Kilometer-Zone rund um den Ort Tschernobyl und die 30.000 Einwohner zählende Industrie-Stadt Pripiat zur Sicherheitszone und ließen angeblich mehrere zehntausend Menschen evakuieren. ... sowjetische Botschafter in Schweden und der Bundesrepublik Deutschland (baten) um technische Hilfe durch Reaktor-Experten. Die Art der Anfragen deutet darauf hin, daß der Reaktor offensichtlich noch gestern mittag brannte, und die Verantwortlichen in Tschernobyl sich nicht in der Lage sehen, den Brand alleine zu löschen und die weitere Verbreitung radioaktiver Spaltprodukte zu verhindern. Brandherd sind große Mengen Graphit, reiner Kohlenstoff, welcher Konstruktions-Bestandteil dieser ausschließlich in der Sowjetunion verwendeten Reaktor-Linie vom Typ eines "graphitmoderierten Siedewasserreaktors" ist und der sich bei dem Unfall wegen der hohen Temperaturen entzündete. In Stockholm ... habe man nach schwedischen "Erfahrungen" mit Bränden in solchen Reaktoren gefragt. In Bonn berichtete ein Experte des "Atomforums",(er wurde) gefragt, "was um Himmelswillen man tun könne", wenn Graphit brenne. Andere Mitglieder der sowjetischen Botschaft baten ... um Medikamenten-Lieferungen und die Entsendung von Strahlenschutz-Experten. ... Die sowjetische Regierung hielt auch weiterhin an ihrer Nachrichtensperre über die Katastrophe fest. Dafür beeilte sich Forschungsminister Riesenhuber festzustellen, daß der deutschen Bevölkerung keine Gefahr drohe ... . Vermutungen über ein Reaktor-Unglück waren zuerst in Schweden laut geworden, als in zweien der dortigen Kernkraftwerke fünfmal höhere Strahlungs-Werte gemessen wurden als normal und dies in einem Atommeiler Alarm ausgelöst hatte. Finnische Behörden hatten gleichzeitig noch zehn mal höhere Strahlen-Belastung gemessen als in Schweden. Ein Verantwortlicher des Schwedischen Institutes für Strahlenschutz schätzte, daß das Unglück am Samstagvormittag begonnen habe, obgleich die Moskauer Medien dies erst am Montag in knappen Meldungen bekannt gaben. ... Im Zusammenhang mit der Atom-Katastrophe meldete sich gestern auch die Internationale Atomenergie-Organisation in Wien zu Wort. Ein Sprecher betonte, daß die Behörde für ihre Mitglieder nur eine Beratungsfunktion ausübe. "Es gibt keine internationale Konvention, daß ein Land im Falle eines Reaktor-Unglücks andere Staaten oder uns informieren muß", sagte er. ... (taz)

30.4.86

Die radioaktiven Strahlen könnten bei anhaltendem Ostwind auch die Bundesrepublik erreichen. Die Experten in den unzähligen Meßstationen des Landes konnten zwar am Dienstag keine erhöhten Strahlenwerte erkennen. ... Am Dienstagnachmittag hieß es im Deutschen Wetteramt, es herrsche ein schwacher Nordostwind. ... Sollte dieser Wind anhalten, könnten Luftmassen aus dem nördlichen Schwarzmeerraum in zwei bis drei Tagen Deutschland erreichen. Eine Aussage über die Radioaktivität dieser Luftmassen sei jedoch nicht möglich. ... (taz)

30.4.86

Noch sind die Informationen über den genauen Hergang der Reaktorkatastrophe widersprüchlich, nur eines gilt als sicher: nahe der neuen Industriestadt Pripjat in der Kleinstadt Tschernobyl, rund 100 Kilometer nördlich von Kiew, ereignete sich der bisher größte Atom-Unfall in der Geschichte der Atom-Industrie. Der Reaktorkern ist geschmolzen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurde ein großer Teil der darin enthaltenen Radioaktivität - ein hundert- bis tausendfaches des Strahlungspotentials der Bombe in Hiroshima - freigesetzt. Der Reaktor ist eine spezifisch sowjetische Entwicklung vom Typ RBMK-1000, ein Tausend-Megawatt-Siedewasser-Reaktor. Sein Konstruktionsprinzip unterscheidet sich grundsätzlich von den im Westen aber auch in anderen Ostblockstaaten gebauten Atommeilern. Die uranhaltigen Brennelemente, in denen die durch Neutronenstrahlung ausgelöste Kernspaltung abläuft, sind nicht gemeinsam in einem großen, mit Wasser gefüllten Druckbehälter untergebracht, sondern jedes Brennelement steckt in einer sogenannten Druckröhre. Das hat den Vorteil, den Brennstoff bei laufendem Betrieb jederzeit auswechseln zu können, eine Eigenschaft, die für die Gewinnung militärisch brauchbaren Plutoniums von Vorteil ist. Zur Verbilligung der Herstellung des Bombenstoffes wählten die sowjetischen Atomplaner deshalb diese Reaktorlinie, die militärischen und zivilen Nutzen kombiniert. Insgesamt 1690 der Druckröhren enthielt der Unglücksreaktor, eingepackt in einen großen Graphit(Kohlenstoff-)Block, der notwendig ist, um die beim Uran-Kernzerfall frei werdenden Neutronen zu "bremsen", damit sie mit der richtigen Geschwindigkeit auf andere Kerne treffen, um diese zu spalten. Durch jede einzelne Röhre wurde Wasser gepumpt, das sich auf rund 300 Grad aufheizt und direkt zum Antrieb einer Dampfturbine dient. Dieser Abtransport der überschüssigen Energie, das Hauptkühlsystem, muß in der Nacht von Freitag auf Samstag ausgefallen sein, gleichzeitig mit ihm die Unterbrechung der Kettenreaktion durch das Einfahren von "Steuerstäben" zwischen die Druckröhren. Damit, so nimmt Lothar Hahn, Reaktorsicherheitsexperte des Öko-Instituts an, "war es vorbei". Wahrscheinlich haben sich in der Folgezeit, bisherigen Vermutungen zu Folge am vergangenen Samstagvormittag die Brennstäbe so weit aufgeheizt, daß sie zu schmelzen begannen und radioaktive Gase explosionsartig entwichen. Von diesem Zeitpunkt an war jede Kühlung unmöglich. Insgesamt 190 Tonnen Uran könnten so zusammen mit den daraus entstehenden Spaltprodukten auf über 1000 Grad erhitzt worden sein, erhebliche Teile müssen verdampft sein, der Rest fließt als glühende Masse zusammen. Wie groß die Menge freigesetzter radioaktiver Stoffe bisher schon war, ist vor allem abhängig von der Stabilität des Reaktorgebäudes, ob nur eine starke Betonkonstruktion oder außerdem eine Schutzhülle aus Stahl um den Reaktor gebaut war. Beides freilich kann bei Fortdauer der Kettenreaktion den massenhaften Austritt der strahlenden Stoffe nur verzögern, nicht verhindern. Als erstes entweichen die leicht flüchtigen radioaktiven Edelgase wie Krypton, in Schweden wurden aber schon am Sonntag strahlendes Cäsium, ein weiteres Uran-Spaltprodukt, gemessen, das nur bei hohen Temperaturen frei wird. Gestern meldeten die schwedischen Behörden dann, daß schon insgesamt 15 Substanzen meßbar seien, darunter auch die nur sehr schwer flüchtigen Elemente Strontium, Thorium und Neptunium, Substanzen, die nur bei höchsten Temperaturen verdampfen. ... (taz)

2.5.86

Auch fünf Tage nach der schweren Havarie in zweien der vier Reaktoren der ukrainischen Atom-Zentrale Tschernobyl hielt die sowjetische Regierung gestern an ihrer Nachrichtensperre über das Unglück fest. Spärlich und widersprüchlich dringen Informationen über das Katastrophengebiet nach außen. Ähnlich verhielt sich auch die Bundesregierung und die ihr untergeordneten Stellen. Widersprüchlich, ungenau und verwirrend informierte sie die Öffentlichkeit über die Erhöhung der radioaktiven Strahlung in der BRD und Westberlin, die in Folge der vom ukrainischen Unglücksreaktor ausgehenden radioaktiven Wolke auftrat. Die höchste Belastung erfuhr wahrscheinlich die Bevölkerung Süd-Schwedens, wo nach Niederschlägen die Strahlung um das Hundertfache die Normalwerte überstieg. ... Immens gefährdet war und ist auch die polnische Bevölkerung. ... Alarm löste auch ein Kärntener Landrat am Mittwoch aus, als dort die gemessenen Werte ständig stiegen. Besonders betroffen waren auch die DDR und vor allem in der BRD die Region südlich der Linie Stuttgart/Nürnberg. Regierungssprecher in Bonn und Ost-Berlin erklärten jedoch gleichlautend, daß zu keinem Zeitpunkt irgendeine Gefahr für die Bevölkerung bestanden hätte, weil die erhöhte Strahlung stets unterhalb sogenannter Grenzwerte gelegen habe. Sie gaben jedoch keine Möglichkeit, diese Aussage zu überprüfen, weil am Mittwoch gar keine und am Donnerstag widersprüchliche Messwerte veröffentlicht wurden. So hieß es am Mittwoch, die Werte in Berlin würden das Doppelte der Normal-Belastung betragen. Tatsächlich lagen sie aber um das zehn- bis fünfzehnfache über dem Normalwert. Ähnlich in München: Am Mittwoch hieß es, die Belastung habe um das sechs- bis siebenfache über Normal gelegen. Gemessen wurden aber auch Werte bis zum 45fachen der normalen Umgebungsstrahlung. In Berlin sanken die Werte bis gestern morgen wieder auf Normal-Wert, wogegen sie in Südbayern konstant überhöht blieben. Vor allem in Kreisen kritischer Wissenschaftler ... lösten die ohne detaillierte Begründung abgegebenen Unbedenklichkeitserklärungen über die Strahlenbelastung große Empörung aus. So bezeichnete der Physiker Lothar, Hahn, Atom-Experte des Öko-Instituts, die Informationspolitik der Bundesregierung als "kriminell". "Glaubt ihnen kein Wort!", lautete seine Aufforderung an die Bundesbürger. ... Die Ängste stimuliert hatte die Anweisung des Bundesverkehrsministeriums an das Zentralamt des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach, keine Meß-Werte zu veröffentlichen. ... Dessen stellvertretender Leiter ... widersprach jedoch der Behauptung, es gebe eine Nachrichtensperre. Vielmehr beziehe sich die Anweisung nur auf Laien, die die Werte ohnehin nicht einordnen könnten, die Presse hätte alle Zahlen bekommen. Die Auswertung solcher Zahlen konnte aber auch die Presse nicht leisten. Mal bezogen sich die Angaben auf die gesamte Umgebungsstrahlung aus der Luft, mal auf die beiden radioaktiven Substanzen ... Jod 131 und Cäsium. Auch der vielbenutzte Vergleich mit der "Normalbelastung" wurde nicht differenziert. Obwohl allgemein bekannt, wurde in den Erklärungen kein Unterschied zwischen den Gefahren natürlicher und künstlicher Radioaktivität gemacht. Letztere entsteht durch die Spaltprodukte des Urans, die - in Partikeln eingeatmet - zu wesentlich stärkeren Gesundheitsbelastungen führen als die natürliche Umgebungsstrahlung aus dem Boden und Gebäuden. Nicht minder verwirrend waren die verwendeten Recheneinheiten. Mal wurde die Gesamtstrahlung in der Einheit Becquerel pro Kubikmeter angegeben (1 Bq = 1 Atomkernzerfall pro Sekunde), mal in Curie oder Millicurie (1 Curie = 3.700.000.000.000 Atomkernzerfälle pro Sekunde) . Zur Berechnung der Strahlenbelastung des Menschen zog der Berliner Senat statt der bekannten Einheit Millirem die neue Einheit Mikro-Sievert vor (12 Mikrosievert = 0,01 Millirem). Die bayerische Landesregierung entscheid sich dagegen für die Einheit Milli-Röntgen. Das Ergebnis war aber stets das Gleiche: Keine Gefahr für die Bevölkerung. Die "leichte Erhöhung" der Strahlung wird aber möglicherweise noch bis Freitag anhalten. Erst dann wird sich, so erklärte der Sprecher des Wetterdienstes, nach Berechnungen der Meteorologen die Windrichtung drehen. Besondere Verhaltensmaßregeln seien nicht erforderlich. Zwar werde ein Teil der Radioaktivität auch hier bei Regen ausgewaschen. Es wäre aber "unsinnig, wegen ein paar Regentropfen sofort zu duschen oder die Kleider zu wechseln." (taz)

2.5.86

Der Unfallreaktor im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl ist "zum Stillstand gebracht worden", die "Kettenreaktion der Fusion des Nuklearbrennstoffs findet nicht mehr statt", hieß es in einem Kommuniqué der ständigen Vertretung der UdSSR bei der "Internationalen Atombehörde" in Wien. Das muß nach Auffassung eines Vertreters dieser Behörde aber nicht bedeuten, daß der Unfall unter Kontrolle ist. Das festzustellen seien weitere Informationen nötig. In einer für die Westpresse aufbereiteten Meldung wurde von der UdSSR betont, daß die Strahlung des Reaktors gesunken sei. Offiziell gibt Moskau nur zwei Tote und 197 Verletzte zu, von denen sich 18 in einem "kritischen Zustand" befinden sollen. Auch in den Nachbarländern gaben sich die Regierenden optimistisch. Schon in seiner Botschaft an den Präsidenten der USA war Gorbatschow am Donnerstag auf Entwarnungskurs gegangen. Auf das Angebot der USA, Hilfe zu leisten, ging er mit keinem Wort ein. Ein ähnliches schwedisches Angebot wurde zurückgewiesen. Den westlichen Medien wurde vom sowjetischen Außenministerium vorgeworfen, "irreführend und aufbauschend" berichtet zu haben. Es gebe "im Westen eine Kampagne, die die Daten nicht anerkennen will, die die sowjetische Regierung nennt." Zum Beweis, alles im Griff zu haben, wurde am Mittwoch ein Bild veröffentlicht, das den Reaktor nach der Explosion zeigt und darstellen soll, daß die Brände, von denen im Westen berichtet wird, gar nicht existieren. Man braucht nicht Experte zu sein, um zu vermuten, daß hier an den Bildern retuschiert wurde. Die Aufnahmen der amerikanischen Spionagesatelliten belegen in diesem Zusammenhang das Gegenteil. Fotos, die von US-Aufklärungssatelliten geschossen wurden, zeigen nach Informationen von NBC und CBS Flugzeuge und Hubschrauber, die die Atomanlagen umkreisen und offenbar Chemikalien und Sand abwerfen, um das Feuer unter Kontrolle zu bringen. ... Ein Hörfunk-Korrespondent des Moskauer ARD-Studios hat ... aus inoffiziellen Moskauer Quellen erste Einzelheiten über die Ursachen des Unglücks erfahren. Danach soll es am Kraftwerk einen plötzlichen, bisher unerklärlichen Stromabfall gegeben haben. Dadurch seien wichtige Aggregate außer Betrieb gesetzt worden. Die sofort eingeschaltete Notstromversorgung habe versagt, deshalb sei die zentrale Kühlpumpe ausgefallen. Die Ersatzpumpe habe nicht gestartet werden können. Als Folge sei in dem Reaktor in kürzester Zeit eine Überhitzung eingetreten. Diese Situation habe dann zu einer Überkonzentration an Wasserstoff geführt und eine Explosion ausgelöst. Dadurch sei der Brand ausgebrochen. Denselben Quellen zufolge habe es eine Kernschmelzung eines der Brennstäbe in dem Reaktorblock gegeben. Die Zerstörungen an dem Gebäude des Reaktorblockes rührten von einer Explosion her, die radioaktive Strahlung hingegen von der Kernschmelzung des Brennelements. ... (taz)

3.5.86

Nach Angaben britischer Diplomaten in Moskau hat die Sowjetunion am Mittwoch alle Atomkraftwerke des Tschernobyl-Typs ausgeschaltet. Von der Entscheidung sollen die Hälfte der insgesamt 39 in der Sowjetunion betriebenen Atomkraftwerke betroffen sein. Für die Dauer der Unterbrechung hat dies einen fünf-prozentigen Rückgang der gesamten sowjetischen Stromproduktion zur Folge. Atomkraftwerke produzierten bislang neun Prozent des gesamten sowjetischen Strombedarfs. Wie aus sicherer Quelle bekannt wurde, hat der sowjetische Minister für Atomenergie, ..., am Freitag vor westlichen Diplomaten eingestanden, daß es sich bei dem Unfall in Tschernobyl um die bisher schwerste Katastrophe seit der Nutzung der Atomkraft handelte. Der Minister bestätigte auch die Errichtung einer Sperrzone um Tschernobyl mit 30 Kilometer Radius. Mittlerweile hat die UdSSR England, das seit dem Brand eines Graphit-Reaktors in Windscale 1959 Erfahrungen auf diesem Gebiet hat, um technischen Beistand gebeten. Die DDR-Führung nahm die Katastrophe zum Anlaß, nachdrücklich auf die Einhaltung der Sicherheitsrichtlinien beim Bau ihrer AKWs zu dringen. ... (taz)

3.5.86

Nur wenige Wochen vor der Katastrophe in Tschernobyl hat das offizielle Organ des ukrainischen Schriftstellerverbandes, ... auf Probleme und Mängel in der Kernkraftanlage aufmerksam gemacht. ... Die Autorin ... erklärte, daß geringe Moral, schlechte Ausbildung, Unvermögen und schlechte Organisation der leitenden Kader den Bau und Betrieb des Katastrophenkraftwerks schon seit Jahren begleitet haben. Die Anlage in Tschernobyl habe bis 1988 mit einem fünften und sechsten Reaktor zum größten Atomwerkkomplex der Welt ausgebaut werden sollen, ... . Bereits 1985 habe sich aber gezeigt, daß dieses Ziel wegen der genannten Probleme nicht erreicht werden könne. An seiner Leistung gemessen ist Tschernobyl das fünftgrößte Kernkraftwerk der Welt. ... (taz)

3.5.86

... Die einzelnen Meßstationen sind vom Innenministerium aufgefordert, ihre Ergebnisse nicht herauszugeben, sondern durch das Ministerium verkünden zu lassen, damit, ... "keine falschen Werte herausgegeben werden." ... Als hoch gelten meist die Meßergebnisse vom Vortag und wurden z.B. in Berlin erst bekannt gegeben, nachdem sie wieder gefallen waren. So konnte man sich am Mittwochmorgen im Radio über niedrige Werte informieren. Als sie im Laufe des Tages auf das vierzigfache gestiegen waren, erfuhr man nichts. Erst als sie von der Marke 41 Bq ... wieder abfielen, erfuhr man von einer fallenden Tendenz. So "stabilisieren" sich in der offiziellen Sprachregelung Werte oder "fallen", nur im Nachhinein sind sie gestiegen. ... (taz)

6.5.86

Die Sowjet-Regierung ist offensichtlich nicht mehr in der Lage, für alle auch dem Westen zugänglichen Äußerungen ihrer Funktionäre über die Reaktor-Katastrophe im ukrainischen Tschernobyl eine einheitliche Sprachregelung durchzusetzen. Während die Moskauer Nachrichtenagentur am Sonntag noch immer den Vorwurf erhob, die Berichterstattung der westlichen Medien über das Unglück sei "eine Giftwolke des Anti-Sowjetismus" erklärte der hochrangige Sowjetfunktionär Georgy Arbatov, ...: "Der Unfall war wie eine Atombomben-Explosion in der Atmosphäre". ... Beinahe beiläufig hatte Jelzin am Sonntag erwähnt, daß die Strahlung in der Region bis Freitag noch 200 Röntgen PRO STUNDE betragen habe. Für Menschen, die dieser Strahlung mehrere Stunden ausgesetzt sind, ... , gebe es kaum Überlebenschancen. Die hohe Strahlung läßt zudem darauf schließen, daß zum Zeitpunkt der ersten Explosion und Freisetzung radioaktiver Substanzen die Verseuchung noch um ein Vielfaches höher gewesen sein muß. Am Montag erklärte Jelzin dann, der Reaktor in Tschernobyl selbst gebe keine Strahlung mehr ab, weil darüber jetzt eine "Schutzschicht" liege. Hubschrauber hätten Säcke mit Sand, Bor und Blei abgeworfen. Weiterhin behauptete Jelzin, auch die radioaktive Wolke würde sich allmählich auflösen und die Strahlungswerte für den Menschen seien nun wieder ungefährlich geworden; ... . Die Entseuchung der Gegend sei, so Jelzin, inzwischen von speziell ausgebildeten Armee-Einheiten begonnen worden. Die insgesamt 49.000 evakuierten Bewohner der vier umliegenden Ortschaften hätten zum größten Teil Arbeitsstellen in landwirtschaftlichen Betrieben gefunden. Jelzin hielt gleichzeitig an der Behauptung fest, bei dem Unfall seien nur zwei Menschen getötet worden und bis Sonntag seien 154 Menschen in Krankenhäuser eingeliefert worden. ... Einige der Strahlenopfer sind in ein Moskauer Spezial-Krankenhaus eingeliefert worden. Das berichtete der US-Strahlenmediziner Robert Gale, der von den Sowjet-Behörden um Hilfe bei Knochenmarkstransplantationen gebeten wurde und nach Moskau gereist war und dort am Samstag seine Arbeit aufnahm. ... (taz)

7.5.86

... (Der bayerische Umweltminister Alfred) Dick ... kritisiert die Strahlenschutzkommission, die am Sonntag den "für ihn unverständlichen Grenzwert" von 250 Becquerel pro Kilogramm Gemüse festgelegt hatte, ohne dies mit den Ländern abzustimmen. Er frage sich, ob der hessische Grenzwert für Milch von 20 Becquerel pro Kilogramm "praktikabel" sei, und gibt zu bedenken: "Wenn wir jetzt auch noch mit Cäsium anfangen, können wir bald kein Fleisch mehr essen." ... Er esse jedenfalls seinen Salat noch, beruhigt der Umweltminister nicht nur seinen Nachbarn und setzt nach: "Schließlich ißt ja niemand ein Kilo Schnittlauch am Tag!" ... (taz)

7.5.86

Elf Tage nach dem schweren Unglück in dem Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine ... (wurde) erstmals eine Reportage aus dem Katastrophengebiet (veröffentlicht)... und ... bekannt (gegeben), daß das AKW-Unglück durch eine Explosion ausgelöst wurde, der ein Brand folgte. ... Das Ausmaß des Reaktorunglücks von Tschernobyl ist zunächst offenbar unterschätzt worden, ... . 100 Menschen seien von Strahlung verseucht worden. ... 18 der Verletzten seien in kritischem Zustand. Einer der beiden Toten, von denen bisher schon amtlicherseits die Rede war, habe tödliche Verbrennungen erlitten. Der zweite Arbeiter sei von einem Trümmerteil erschlagen worden. ... Offenbar bereitet es den sowjetischen Spezialisten immer noch Schwierigkeiten, sich dem hochgradig strahlenverseuchten Reaktor zu nähern. ... die sowjetische Handelsmission ... (hat) beim Kerntechnischen Hilfsdienst in Karlsruhe angefragt, ob sie zwei Spezialfahrzeuge mieten oder kaufen kann. Dabei handelt es sich um einen Schaufellader und eine Planierraupe, die beide über Funk ferngesteuert und mit Fernsehkameras bestückt werden können. ... Jelzin nennt andere Zahlen: ... Bei dem Unglück seien zwei unmittelbar am Unglücksort arbeitende Personen getötet worden. Etwa 200 Menschen seien verletzt worden. 20 von ihnen seien schwerer Bestrahlung ausgesetzt gewesen. "Es kann sein, daß diese Zahl noch auf 30 oder 40 steigt, aber sicher nicht mehr," sagte Jelzin. Rund 49.000 Personen seien aus Tschernobyl und drei weiteren Siedlungen evakuiert worden. ... (taz)

9.5.86

Im AKW Tschernobyl wird fieberhaft gearbeitet. Die Situation bleibt dramatisch: Der geschmolzene Reaktorkern ist offenbar durch das Betonfundament der Anlage gebrochen. Tausende von freiwilligen Helfern versuchen, "die Situation unter Kontrolle" zu bekommen. Aus Hubschraubern werden Säcke mit Sand, Lehm, Blei und Bor auf das beschädigte Reaktorgehäuse abgeworfen, um es "darunter zu begraben", ... . Experten bemühen sich darum,. einen Tunnel unter den beschädigten Reaktor zu treiben. Man will offenbar unter den Reaktorkern gelangen, um dort Bor anzubringen, mit dessen Hilfe dann die immer noch laufende Kettenreaktion in den Brennstäben unter Kontrolle gebracht werden soll. ... (taz)

9.5.86

Die Strahlenschutzkommission ... hat ... den Grenzwert für Cäsium-137 von 100 Becquerel pro kg Frischgemüse aufgehoben. "Wir brauchen das nicht mehr", erklärte der Vorsitzende der Kommission, Prof. Erich Oberhausen, ... . Der Grenzwert war erst in der letzten Woche festgelegt worden. ... Der Strahlenmann räumte ein, daß sich die Gesamtstrahlenbelastung "um einen gewissen Prozentsatz" erhöhe, dies sei "unschön", aber keine Katastrophe. Damit wäre die Gemüseernte gerettet und nach den Worten eines Strahlenschutzspezialisten des Ministeriums "in vier Wochen alles gegessen". ... (taz)

10.5.86

Aufgrund widersprüchlicher Angaben der sowjetischen Behörden und westlicher Experten war es am Freitag unklar, ob der Brand in dem AKW in Tschernobyl gelöscht und die Kettenreaktion im Reaktorkern zum Halten gebracht werden konnte. Der Generaldirektor der Internationalen Atombehörde, Hans Blix, erklärte ..., der Brand im Reaktor sei zwar gelöscht, die Temperatur in dem Reaktor sei aber noch ziemlich hoch. ... Demgegenüber erklärte der hohe ukrainische Regierungsbeamte Iwan Pliutsch ..., die Löscharbeiten würden fortgesetzt und der Brand sei noch nicht gelöscht. ... (taz)

10.5.86

Sowjetische Freiwillige graben unter dem schmelzenden Kern des Reaktors in dem verzweifelten Versuch, das Durchfressen des Reaktorkerns in die Erdkruste zu verhindern. ... Die 5000 Tonnen Blei, Sand, Zement und andere Materialien, die in den letzten Tagen durch Hubschrauber über dem Reaktor abgeladen wurden, drücken den Reaktor zusätzlich nach unten. Aus verschiedenen Quellen ist ziemlich sicher, daß freiwillige Arbeiter unterhalb des Reaktors versuchen, einen Tunnel zu graben, der eine Gastasche anzapfen soll. Würde der schmelzende Kern auf die Gastasche treffen, könnte dies zu unabsehbaren Konsequenzen, sprich zu einer Explosion mit ungeahnten Folgen führen. ... (taz)

13.5.86

Mehr als zwei Wochen nach der Reaktorkatastrophe im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl scheint die Gefahr für eine Kernschmelze gebannt. ... Die sowjetischen Behörden haben am Sonntag angekündigt, daß der zerstörte 4. Kraftwerksblock in Tschernobyl wieder in Dienst gestellt werden soll. ... (taz)

14.5.86

Die Sowjetunion hat am Montagabend eingestanden, daß das Reaktorunglück im ukrainischen Tschernobyl inzwischen sechs Tote gefordert hat. ... Jemelianow, stellvertretender Direktor des Wissenschaftlichen Instituts für Erforschung und Verwirklichung von Energietechnik teilte mit, daß die gefährlichsten, bei dem Unfall freigesetzten radioaktiven Substanzen (werden) noch "hunderte von Jahren" strahlen ... . Er nannte in diesem Zusammenhang vor allem Cäsium, Kobalt und Xenon. Der Unglücksreaktor werde daher völlig zubetoniert und müsse jahrhundertelang derart geschützt bleiben. Damit widerlegt Jemelianow eine Meldung von dpa, wonach der Unglücksreaktor wieder repariert und ans Netz gehen sollte. ... (taz)

15.5.86

In achtzehn Tagen um die Welt / Die radioaktive Wolke hat nach Angaben des französischen Strahlenschutzdienstes die Erde einmal umkreist und ist wieder über Westeuropa angekommen. Die meisten strahlenden Partikel hätten sich, ..., während der Weltumkreisung abgesetzt. ... (taz)

17.5.86

Der dramatischste Tag in Tschernobyl war der Sonntag, der 4. Mai. ... nach Ausbruch des Brandes und der Explosion, die das Kühlsystem beschädigte, (hatte sich) unterhalb des betroffenen vierten Reaktors ein Teich aus ausgelaufenem, verseuchtem Wasser gebildet. Unterhalb des Unglücks-Reaktors, unterhalb der Betondecke, gab es also noch einen Kellerraum, in dem das auslaufende Kühlwasser sich staute. Da in den vorausgegangenen Tagen aus Hubschraubern über 5000 Tonnen Dämm-Material auf das Reaktorgebäude abgeworfen worden waren, befürchteten die Rettungsmannschaften, daß die Betondecke dem Druck nicht mehr standhalten könnte und mitsamt dem schmelzenden Kern in das radioaktiv verseuchte Kühlwasser sacken könnte. Man wußte von zwei Schaltern in dem mit dem Wasser gefüllten Raum, mit deren Bedienung das Wasser in einen Tank abgeleitet werden konnte. Deshalb wurden Ananenko und zwei Kollegen, ..., mit Taucheranzügen in das radioaktiv verseuchte Wasser geschickt, um die Schalter zu finden. ... Sein Vorgesetzter habe ihn gebeten, sich in das verseuchte Wasser zu wagen, man habe ihm gesagt, er könne dies auch ablehnen. "Aber wie konnte ich da, wo ich doch der einzige in der Schicht war, der wußte, wo sich die Schalter befanden", sagte Ananenko. (taz)

17.5.86

... Mittlerweile sind 13 Opfer zu beklagen. ... (taz)

22.5.86

Soldaten aus Afghanistan in Tschernobyl / ... Aufgabe der Soldaten sei es zur Zeit, durch Aufräumarbeiten am Kernkraftwerk die Einbetonierung des explodierten Reaktors samt einem Kühlsystem vorzubereiten. Außerdem würden sie noch immer damit beschäftigt sein, durch Erdwälle eine Vermischung des radioaktiven Kühlwassers mit dem Pripjatfluß zu verhindern, um nicht die Trinkwasserversorgung von Kiew zu gefährden. Soldaten, die in unmittelbarer Nähe des Reaktors eingesetzt werden, sind nach diesem Bericht nun in Schichten à sechs Stunden tätig und werden vor und nach dem Einsatz von Ärzten untersucht. In der Regel sind die Soldaten 10 bis 14 Tage am Unglücksort und kehren dann wieder zu ihren Einheiten in Afghanistan zurück. ... (taz)

23.5.86

Während der Explosion des vierten Reaktors im Atomkraftwerk Tschernobyl sind im AKW wissenschaftliche Experimente durchgeführt worden. ... Über die Art und den Umfang der "wissenschaftlichen Experimente" wollte er (der stellvertretende Vorsitzende des staatlichen Komitees für Nuklearaufsicht, Viktor Sidorenko) sich nicht weiter äußern, betonte aber ausdrücklich das Wort "Experimente". Der Reaktor habe im Rahmen einer jährlichen Überholung mit nur sieben Prozent seiner Kapazität gearbeitet. "Dabei kam es plötzlich zu einer unkontrollierbaren Erhöhung der Reaktorkapazität", berichtete Sidorenko. Innerhalb von zehn Sekunden habe sich die Reaktorleistung auf 50 Prozent erhöht. ... bei Routinearbeiten sei es "zu einem plötzlichen Anstieg des Spaltprozesses" gekommen, woraufhin das Kühlwasser verdampft sei. Der Druck habe das Sicherheitsbehältnis gesprengt, so daß "Luft an den Reaktor kam und durch eine chemische Reaktion zwischen den Röhren aus Zirkonium Wasserstoff entstand." Daraufhin kam es zu der Explosion. ... (taz)

26.5.86

... neue Version über das Reaktorunglück von Tschernobyl: ... der Reaktor (sei) offenbar nach der Eingabe falscher Steuerbefehle außer Kontrolle geraten. Ein Ingenieur am Bedienungspult habe nach Angaben westlicher und sowjetischer Spezialisten wahrscheinlich die Stäbe, die die nukleare Reaktion steuern sollten, ihn eine falsch Position gebracht. Nur so sei es zu erklären, daß der Reaktor in der Nacht zum 26. April plötzlich von sieben Prozent auf die Hälfte seiner normalen Leistung hochgefahren worden sei. ... Als der Ingenieur bemerkt habe, daß durch seine Manipulationen das Gleichgewicht der Reaktion gestört worden sei, habe er weitere Stäbe bewegt. Daraufhin habe sich eine Sektion in der Nähe der Reaktorspitze rapide aufgeheizt; durch die Erhitzung habe letztendlich auch das Kühlsystem versagt. Wasserstoff sei freigesetzt worden und in die Halle über dem Reaktorkern eingedrungen. Dort sei es zu einer heftigen Explosion gekommen, durch die Erschütterung sei ein 200 Tonnen schwerer Kran auf den Reaktorkern gestürzt und habe riesige Schäden angerichtet. Dann sei ein zweiter Brand in den Graphitblöcken im Reaktorkern ausgebrochen. Unterdessen beträgt die Temperatur im zerstörten Reaktorkern nach Angaben des sowjetischen Verteidigungsministeriums noch immer rund 200 Grad Celsius. Reaktor drei und der havarierte Reaktor vier wurden mit einem Rohr verbunden, so daß zu Kühlungszwecken weiterer Stickstoff zugeführt werden kann. ... einige Bereiche des Reaktorgeländes seien noch immer so stark verseucht, daß mit Atemschutzgeräten und mit Schutzanzügen ausgerüstete Arbeiter sich dort nur für wenige Minuten aufhalten können. ... (taz)

27.5.86

Einen Monat nach der Explosion im vierten Reaktorblock des Atomkraftwerks von Tschernobyl ist die Gefahr noch nicht gebannt. ... Der mit dem vierten zusammengekoppelte dritte Kraftwerksblock ist offenbar schwerer beschädigt, als dies bisher offiziell zugegeben war. ... nicht nur der zerstörte Reaktorblock (soll) mit einem Betonfundament versehen werden ..., sondern auch die Schutthalde aus radioaktiven Trümmern, die durch die Explosion entstanden ist. ... der genaue Standort des verbliebenen Spaltmaterials des Unglücksreaktors sei immer noch unbekannt. Informationen über die mögliche Verseuchung des Grundwassers, die am Montag in Moskau auftauchten, seien solange aus der Luft gegriffen, bis die Rettungsmannschaften den Reaktorkern tatsächlich unter Kontrolle haben. Trotz dieser Erfahrungen halten die sowjetischen Verantwortlichen bisher an ihrem Plan fest, den ersten und zweiten Reaktorblock noch in diesem Jahr wieder einzuschalten und Strom aus Tschernobyl ans Netz zu liefern. Aus Moskau verlautet inzwischen, daß die Einwohner der Ortschaft Pripjat, der Stadt, in der die meisten Beschäftigten des Atomkraftwerks wohnten, mit Sicherheit in ihre Häuser zurückkehren könnten. Damit widersprechen diese Informationen Berichten aus der vorigen Woche, wonach der Ort unmittelbar neben dem Atomkraftwerk für lange Zeit unbewohnt bleiben müsse. Die meisten der 92.000 Evakuierten aus dem 30-km-Umkreis um das Kraftwerk herum sind in den Nachbarrayons untergebracht. Für Tausende würden nun Wohnungen gebaut, die Landarbeiter sind anderen Kolchosen und Sowchosen zugeteilt. Tausende von Kindern sind in die südliche Ukraine verschickt. ... (taz)

28.5.86

Inzwischen hat sich die Zahl der Todesopfer nach dem GAU in Tschernobyl auf 19 erhöht. ... es (könne) noch "Jahre" dauern ..., bis die evakuierte Sperrzone rund um den Reaktor wieder besiedelt werden könne. ... (taz)

31.5.86

Das Reaktorunglück hat neue Opfer gefordert. 23 Menschen sind mittlerweile gestorben, 35 schweben in Lebensgefahr. (taz)

5.6.86

Die Sicherheitszone um den Reaktor Tschernobyl ist im weißrussischen Verwaltungsgebiet Gomel erweitert worden. ... zusätzlich zu den schon vorher 26.000 evakuierten Menschen (seien) in diesem Gebiet nun weitere Evakuierungen notwendig ... . ... Der Vizepräsident des sowjetischen Instituts für Biophysik, Leonid Iljin, gab die Zahl der Toten mit 25 am Dienstag bekannt. ... 30 weitere Menschen seien in Lebensgefahr. Weiterhin sollen nach Iljin insgesamt 18.000 Menschen nach der Katastrophe aus der Umgebung von Tschernobyl für zwei bis drei Tage in Krankenhäusern untersucht worden sein, weil sie über Beschwerden geklagt hätten. (taz)

16.6.86

... der Direktor und der Chefingenieur des AKWs Tschernobyl (wurden) entlassen. Ihnen werden "Verantwortungslosigkeit und Unfähigkeit" zum Vorwurf gemacht sowie mangelnde Einschätzung der Gefahr und schlechte Organisation hinsichtlich der Beseitigung der Unfallfolgen. ... (taz)

5.7.86

Aus dem havarierten Atomkraftwerk Tschernobyl ist ... "vor einigen Tagen" eine beträchtliche Menge radioaktiv verseuchten Wassers ausgetreten. ... ein Lastwagen (war) auf ein Rohr aufgefahren, mit dem das unter dem Reaktor 4 angesammelte verseuchte Wasser abgeleitet wurde. Vier Arbeiter versuchten daraufhin, das Leck, aus dem das Wasser mit einer Geschwindigkeit von 110 Litern pro Sekunde austrat, abzudichten. Wie viel Wasser insgesamt austrat, wurde nicht mitgeteilt. ... (taz)

10.7.86

... in Tschernobyl (ist) "die schwierigste Phase jetzt vorbei". Das Hauptproblem sei mittlerweile nicht mehr die radioaktive Strahlung, sondern die Lebensmittelversorgung der nach dem Reaktorunglück Evakuierten. Besondere Probleme hätten die Bewohner von 48 Dörfern im Gebiet von Gomel (Weißrußland), die evakuiert worden waren. ... Nach der Katastrophe sollen rund 100.000 Menschen aus einem Umkreis von 30 Kilometern um das Atomkraftwerk evakuiert worden sein. In der Presse hieß es, daß die 52.000 Einwohner der an Tschernobyl angrenzenden Ortschaft Pripjat nie wieder in die Heimat zurückkehren dürfen. ... (taz)

18.8.86

UdSSR legt Bericht über die Katastrophe von Tschernobyl vor, ... / ... Darin wird als Ursache des Unglücks erneut grobe Fahrlässigkeit des Bedienungspersonals angegeben, das gegen insgesamt sechs Sicherheitsbestimmungen verstoßen habe. ... Allerdings sei die Katastrophe keineswegs nur auf menschliches Versagen zurückzuführen. Das gesamte Reaktorsystem habe versagt, da keinerlei technische Vorkehrungen gegen Manipulationen durch das Personal vorhanden gewesen seien. Die sowjetische Bedienungsmannschaft hatte laut dem vorgelegten offiziellen Bericht Manipulationen am Sicherheitssystem des Reaktors vorgenommen, um ein Turbinen-Experiment durchführen zu können, ohne dabei durch eine mögliche Aktivierung von Sicherheitseinrichtungen gestört zu werden. Als es dann während des Experiments zu einem Ausfall des Hauptkühlsystems kam, führten diese Verstöße gegen das "handling" zu der Katastrophe. Der Bericht nennt im einzelnen folgende sechs Verstöße:

  • Zum Zeitpunkt des Ausfalls des Hauptkühlsystems waren nur sechs Regelstäbe betriebsbereit, obwohl zur Bewältigung einer solchen Panne mindestens 30 notwendig gewesen wären.<7p>

  • Das automatische Kontrollsystem, das das Energieniveau des Reaktors regeln soll, war außer Betrieb, was zur Destabilisierung des Reaktorkerns führte.

  • Der Fluß der Kühlflüssigkeit wurde behindert, weil nach dem Zuschalten zweier zusätzlicher Umwälzpumpen im Kühlsystem Luftblasen auftraten.

  • Die automatische Abschaltvorrichtung war außer Betrieb gesetzt.

  • Auch das Notkühlsystem war abgeschaltet.

  • Ein Sensorsystem, das Wasser- und Dampfdruck prüft, war ebenfalls nicht eingeschaltet.

Nach dem Ausfall des Hauptkühlsystems konnte sich so radioaktiver Dampf bilden, der mit dem Graphit reagierte, der der Steuerung des radioaktiven Zerfalls dient. Es bildete sich dann Wasserstoff, der explodierte und das gesamte Reaktorgebäude zerstörte. Dabei ist dann nach Aussagen westlicher Wissenschaftler zumindest ein Teil des Reaktorkerns durchgeschmolzen. Wie es ... in dem sowjetischen Report weiter heißt, seien 50 Millionen Curie oder 3,5 Prozent des radioaktiven Materials des Reaktorkerns freigesetzt worden, was einem Vielfachen der atomaren Strahlung der Hiroshima-Bombe entspreche. Der Schaden des Unfalls wird in dem Bericht mit rund 6 Milliarden DM angegeben. Etwa 1000 Quadratkilometer Land seien radioaktiv verseucht worden und mehr als 100.000 Menschen hätten evakuiert werden müssen. Bisher sind nach offiziellen Angaben 31 Menschen an den Folgen der Verstrahlung nach dem Reaktorunglück gestorben. (taz)

10.12.86

Die Endphase der Einbetonierung des Reaktorblocks in Tschernobyl verlief dramatischer als bisher bekannt. Die Armeezeitung Roter Stern berichtete ..., daß Soldaten unter großer Strahlung riesige radioaktive Brennelemente mit den Händen in den Reaktorschlund geworfen hätten. Die Strahlung sei so groß gewesen, daß ferngesteuerte Geräte versagt hätten. Auf dem Reaktorblock hätten Dutzende von Tonnen radioaktiven Abfalls und Brennmaterials gelegen, schrieb der militärische Einsatzleiter in Tschernobyl, ... . Man habe das Material entfernen müssen, um den Reaktorblock endgültig zu verschließen. Zunächst hätten sich fünf Freiwillige für "das Experiment" gemeldet. Sie seien von einem Hubschrauber abgesetzt worden. Der erste Freiwillige habe die Aufgabe gehabt, radioaktives Graphit in den Reaktorschlund zu werfen und sich eine Minute und 13 Sekunden dort aufgehalten. In dieser Zeit sei er einer Strahlung von 3,6 rem ausgesetzt gewesen. ... (taz)

16.12.86

Die UdSSR will im nächsten Jahr mit der Wiederansiedlung von Bewohnern in der 30-km-Zone um den Unglücksreaktor Tschernobyl beginnen. Die Situation habe sich normalisiert, hieß es in einem Bericht der Parteizeitung Prawda ... . 14 Dörfer sollen in einer ersten Phase wieder besiedelt werden, doch sei es noch offen, wieviele Menschen überhaupt zurück wollten. Viele Bewohner hätten das Gebiet bzw. die Ukraine verlassen. Deshalb müsse man sich schon jetzt um Fachkräfte für landwirtschaftliche Großbetriebe, Schulen und Krankenhäuser bemühen, ... . ... Nicht nur die zwei weiter vom Unglücksreaktor entfernten Kraftwerksblöcke I und II sind "reaktiviert", auch der Zwillingsblock III des Unglücksreaktors soll wieder ans Netz gehen. Nach unbestätigten Informationen aus Moskau ist der Verseuchungsgrad um das Kraftwerk herum noch so hoch, daß die in Reaktorblock I und II beschäftigten Techniker zwei Wochen im Kraftwerk bleiben müssen, weil man ihnen die tägliche Busfahrt vom Wohnort zum Reaktor ersparen will. (taz)