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Presseberichte 1999-2005

Tschernobyl-Unfall: Kein Ende in Sicht!

6./7.3.99

Der ehemalige Direktor des ukrainischen Unglückskraftwerks Tschernobyl hat vor einem neuen Atomunfall wegen des Jahr-2000-Problems in der ehemaligen Sowjetrepublik gewarnt. ... Er warf der ukrainischen Regierung vor, die Probleme in Atomanlagen bei der Computerumstellung auf das Jahr 2000 zu verharmlosen. Ein plötzlicher Stop von Atomkraftwerken sei ebenso vorstellbar wie ein gefährlicher Unfall, bei dem radioaktives Material in die Umwelt gelangen könnte. ... (SZ)

8.3.99

"Ich hätte nie gedacht, daß ein Unfall, wie er in Tschernobyl geschah, jemals passieren könnte. Einfach, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß jemand einen Reaktor derart saublöd auslegt, die Anlage dann in einen so instabilen Zustand fährt - und damit auch noch einen gefährlichen Versuch macht." Das Zitat stammt von Adolf Birkhofer, bis Dezember Vorsitzender der deutschen Reaktorsicherheits-Kommission. ... Der hastig errichtete und ständig nachgebesserte Betonmantel, der Sarkophag, bietet keinen dauerhaften Schutz. Zwei Hauptgefahren drohen: Schwere Teile des Betonmantels könnten ins Innere stürzen und dort eine radioaktive Staubwolke aufwirbeln. Eindringendes Wasser könnte in Verbindung mit dem strahlenden Inventar erneut eine Kettenreaktion auslösen. Eine zweite Explosion wäre möglicherweise die Folge. Die Dachkonstruktion des Sarkophags basiert nur auf zwei Trägern, die wiederum auf alten Lüftungsschächten ruhen - eine windige Konstruktion, die ein Erdbeben oder Orkanböen möglicherweise nicht überstehen würde. Außerdem dringt Regenwasser durch Fugen und Spalten ein, das die Korrosion der Beton- und Stahlteile verstärkt. Ferner hat die Westwand des Gebäudes eine bedrohliche Schräglage. ... Die G-7-Staaten haben sich 1995 mit der Ukraine auf ein "Memorandum of Understanding" geeinigt, das umfangreiche Mittel für die Sanierung des Sarkophags vorsieht. Insgesamt sind in einem auf sechs Jahre angelegten Programm eine Dreiviertel-Milliarde Dollar angesetzt, überwiegend zu erbringen von den G-7-Staaten und der Europäischen Kommission; die Hälfte des Betrags gilt derzeit als gesichert. Nachdem der Reaktorkern in Block vier geschmolzen war, ergoß sich hochradioaktives Magma in Richtung der Fundamente und verfestigte sich in verschiedenen Räumen. Die Kenntnisse über die chemischen und physikalischen Eigenschaften dieser mit anderem Abfall und Bautrümmern vermischten Massen sind noch unzureichend. Irgendwann wird man vielleicht damit beginnen, das Material mit ferngesteuerten Geräten herauszuholen, aber das wird nicht in den nächsten Jahren geschehen. Naheliegender ist der Plan, einen zweiten Sarkophag über dem alten Gebäude zu errichten. ... (SZ)

10.3.99

Die EU-Kommission hat die Ukraine aufgefordert, den dritten Reaktorblock des Atomkraftwerkes von Tschernobyl umgehend wieder abzuschalten. ... er (stelle) eine Gefahr "für die internationale Gemeinschaft wie für die Angestellten" der Anlage dar. Internationale Expertengutachten stellten eindeutig fest, daß die "einzig akzeptable Lösung für Tschernobyl die dringende Stillegung" sei, ... (taz)

30.3.99

Die Stromproduktion im einzigen noch arbeitenden Reaktor des Atomkraftwerks von Tschernobyl ist ... nach einem Defekt halbiert worden. ... Reaktor drei in Tschernobyl arbeitete wegen einer Fehlfunktion in einem Generator nur noch mit halber Kraft. ... Auch in einem zweiten ukrainischen Atomkraftwerk in Riwne wurde ein Reaktor nach einer Panne abgeschaltet. ... (SZ)

30.3.99

... Die Ukraine hat zugesagt, die seit dem weltweit bisher schwersten Nuklearunfall vor 13 Jahren als Sicherheitsrisiko geltende Anlage in Tschernobyl bis zum Jahr 2000 zu schließen. Die Behörden erklärten, daß die Zahl der Störfälle in den fünf ukrainischen Atomkraftwerken zugenommen habe, weil die Kraftwerke sich keine modernen Sicherheitsvorkehrungen leisten könnten. In zwei Atommeilern geht der Brennstoff zur Neige. (SZ)

16.4.99

Ein krebskranker Franzose will den ukrainischen Staat wegen des Atomunfalls von Tschernobyl auf Schadenersatz verklagen. Der 44jährige Handwerker führt seine Krankheit auf eine radioaktive Verstrahlung während eines Urlaubs in Tirol wenige Wochen nach dem Unfall zurück, ... Der Kläger leidet an Schilddrüsen-Krebs, der 1993 entdeckt wurde. ... (taz)

 

Ca. 10 km von der Unglücksstelle entfernt: Niedergegangene Teile aus dem Reaktor vor Ort vergraben und mit Sand abgedeckt. Foto: Christina Hacker

26.4.99

Auch genau 13 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl ist noch unklar, was genau mit der strahlenden Ruine passieren soll. Nun brachten ukrainische Forscher eine neue waghalsige Methode ins Spiel: Sie wollen neben dem Reaktor eine ein Kilometer tiefe Grube in den Boden graben, den Meiler hineinrutschen lassen, das Loch auffüllen und versiegeln. Das berichtet das Journal Nuclear Engineering International. Die Forscher argumentieren, dies sei die billigste Lösung - sie koste etwa 1,5 Milliarden Dollar. Die Ruine ist bislang von einem Mantel aus Stahl und Beton umgeben, dem "Sarkophag". Er wurde auf den Trümmern des Meilers errichtet, hat Risse und gilt als auf Dauer zu instabil. Bislang wurden daher zwei Lösungen diskutiert: eine Verstärkung des Sarkophags, was auf einen zweiten Mantel herausliefe, oder einen direkten Abbau und schrittweise Entsorgung des Strahlenmülls. Früher oder später müßte auch ein zweiter Mantel abgerissen und entsorgt werden - was unterm Strich noch mehr verstrahlten Müll bedeuten würde. ... (taz)

12.5.99

Tschernobyl-Kran strahlt in Spanien / ... Der über 50 Meter hohe stählerne Gigant ... diente bis vor drei Jahren direkt neben dem Katastrophenreaktor von 1986. In der Zeit nach dem Unglück wurde der Kran teilweise direkt über dem offenen Reaktor zur Betonförderung eingesetzt. Dann kaufte die englische Verleihfirma Baldwins die Maschine. Der Kran trat die Reise an. Erst kam er in Großbritannien zum Einsatz. Vor einem Jahr sollte er in Deutschland angeliefert werden. Als Greenpeace durch einen anonymen Brief über die mögliche Verseuchung der Maschine informiert wurde, zog Baldwins zurück. Jetzt ging der Stahlkoloß im Hafen von Aviles in Asturien von Bord. Die spanische Nuklearbehörde CNS kennt keine Bedenken. "Wir können 100prozentig versichern, daß der Kran frei von jeder Radioaktivität ist", ... . ... die spanische Zweigstelle der deutschen Liebherr AG (schreibt): "Es ist absolut unmöglich, eine Maschine, die in Tschernobyl zum Einsatz gekommen ist, zu dekontaminieren". Der verseuchte, hochaktive Staub habe sich nicht nur an der Oberfläche festgesetzt, sondern sei in das gesamte Hydraulik- und Pneumatiksystem eingedrungen. "Die Strahlenbelastung durch diesen Staub kann bis zu 1000 Jahre dauern". ... (taz)

 
Blick vom Hubschrauber auf den Kran und die Arbeiten am Sarkophag (September 1986)
Foto: Wladimir Schinkarenko
21.5.99

Über eine Million Menschen werden an einem bislang einmaligen schwedischen Forschungsprojekt teilnehmen, das sich mit den Folgen der Tschernobyl-Niederschläge in weit vom Katastrophenort entfernt liegenden Gegenden beschäftigt. Zu Beginn der Studie in diesem Jahr werden alle SchwedInnen im Alter von bis zu sechzig Jahren, die jemals in einer der dreizehn betroffenen Provinzen gelebt haben, in einem speziellen Krebsregister erfaßt. ... Die ForscherInnen der Universität Linköping hoffen, auf diese Weise endlich die Frage beantworten zu können, welche gesundheitlichen Auswirkungen die sog. Schwachstrahlung hat und ob sie einen meßbaren Anstieg von Krebserkrankungen herbeiführt. Um an Vergleichszahlen zu kommen, werden in der Studie Einwohner, die in Gebieten mit besonders starkem radioaktivem Niederschlag leben, mit denen verglichen, die in vom primären Tschernobyl-Niederschlag kaum belasteten Regionen wohnen. ... Die erste Etappe werde das Jahr 1996 zur Basis haben. ... "Zehn Jahre sind eigentlich ein zu kurzer Zeitraum, um ein erhöhtes Krebsrisiko nachweisen zu können, wir werden also vermutlich langfristig weiterarbeiten müssen und die Register auch in Zukunft abgleichen müssen." ... (taz)

10./11.6.99

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat in Kiew der schnellstmöglichen Schließung des Katastrophenreaktors von Tschernobyl den Vorrang gegeben. ... "Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, wenn der Reaktor eines Tages in die Luft fliegt". Indirekt sprach Schröder sich dafür aus, die Forderung Kiews nach einem Milliardenkredit des Westens als Ausgleich für die endgültige Abschaltung zu erfüllen. Die führenden Industrienationen (G-7) hatten der Ukraine 1995 als Gegenleistung für die Schließung des Unglücksreaktors zugesagt, die Fertigstellung von zwei Atomreaktoren sowjetischer Bauart zu finanzieren. Nach Protesten in der rot-grünen Koalition wollte Schröder mit Umweltminister Jürgen Trittin in Kiew jedoch versuchen, die Ukraine noch von Gas- oder Kohlekraftwerken zu überzeugen. Der ukrainische Staatschef Leonid Kutschma beharrte indes auf der Zusage der G-7, "sonst werden wir Tschernobyl nicht schließen". ... (SZ)

8.7.99

Das erste gerichtlich anerkannte Tschernobyl-Opfer in Deutschland ist tot. ... (Klaus) Neukirch hatte zum Zeitpunkt der Tschernobyl-Katastrophe 1986 in Mühlhausen die Reinigung von radioaktiv verseuchten Lastern zu kontrollieren, die aus der Ukraine zurückgekommen waren. ... ein Putztrupp (habe) die Laster ohne Schutzanzüge reinigen müssen. Mehrere Beteiligte starben an Krebs. ... (taz)

20.7.99

Bei Kontroll-Arbeiten im letzten funktionstüchtigen Atomreaktor in Tschernobyl sind zwei Arbeiter durch erhöhte Gamma-Strahlung belastet worden. ... Die Gamma-Strahlen seien aus einem defekten Strahlenschutzcontainer entwichen, ... Die Dosis habe zwischen 10 und 90 Millisievert gelegen. Zulässig sei pro Jahr eine Strahlung von lediglich 50 Millisievert. ... Erst am Donnerstag hatte es eine Funktionsstörung im Reaktor gegeben. Dabei wurde die Aufhängung einer der Druckröhren, in denen sich die Brennstäbe befinden, beschädigt. (SZ)

3.8.99

Seit der Katastrophe von Tschernobyl ... ist die Zahl bösartiger Schilddrüsentumoren bei Kindern und Jugendlichen in der Ukraine deutlich gestiegen. Den schon seit langem bestehenden Verdacht haben nun Wissenschaftler der Universität Kiew bestätigt. ... (SZ)

18./19.9.99

Ein europäisches Konsortium mit Unternehmen aus Frankreich, Belgien und Italien wird eine Wiederaufarbeitungsanlage für flüssigen Atommüll aus dem ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl bauen. ... Der Bau der Anlage gilt als Voraussetzung für die endgültige Schließung des Atomkraftwerks. Der Auftrag hat einen Wert von ... 34,1 Millionen DM. Die Anlage wird von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung ... finanziert, Bauherr ist die ukrainische Nuklearbehörde Energoatom. Der Bau soll 2001 abgeschlossen sein. Die Anlage soll flüssigen Atommüll aus den vier Tschernobyl-Reaktoren aufnehmen, der zur Zeit in neun Tanks untergebracht ist. Zehn Jahre lang soll sie 2500 Kubikmeter Müll jährlich verarbeiten. ... (SZ)

20.9.99

Erste Geburt in Tschernobyl nach dem Reaktorunglück von 1986 / ... Das Kind ist gesund, mehrere Ärzte und Strahlenexperten haben es eingehend untersucht. ... Doch sei die Geburt erst drei Wochen später registriert worden, weil die Eltern aus Angst vor den Behörden das Kind nicht melden wollten. Denn in einem Umkreis von 15 Kilometer um das Atomkraftwerk darf niemand ständig leben. Die Zone ist stark verstrahlt, sie gilt als "für jede Form von Leben ungeeignet". Schwangeren ist das Betreten der Zone streng untersagt. ... Anfang der 90er Jahre begannen vor allem ältere Leute, in ihre Holzhäuser in der Zone und zu ihren Gärten zurückzukehren. Sie fanden sich in den Übergangsheimen, Barackensiedlungen oder Plattenbauten, in die sie einquartiert worden waren, nicht zurecht. Die Behörden zählten mehr als 1500 in den Dörfern der Umgebung, zu zwei Drittel Frauen. Rund vier Dutzend ließen sich wieder in Tschernobyl selbst nieder. Die Behörden duldeten die Rückkehr, sie eröffneten sogar wieder das Melderegister für Tschernobyl und die anderen Dörfer der Umgebung. Zu den Alten kamen zunehmend junge Leute und nahmen verlassene Häuser in Besitz, Folge der wachsenden Arbeitslosigkeit und der Wohnungsnot in den großen Industriezentren. Hinzu kamen Flüchtlinge aus dem Kaukasus und Ukrainer, die von den einheimischen Behörden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in Mittelasien vergrault worden waren. Auch hier duldeten die Behörden die Hausbesetzungen, denn sie konnten den "Neusiedlern" keine Alternative anbieten. ... (SZ)

 
Unterhalb des Reaktors (Block 3) von Tschernobyl
Foto: national nuclear security administration
7.12.99

Der letzte noch funktionierende Reaktorblock des ukrainischen Atomkraftwerks Tschernobyl ist nach fünf Tagen Reparaturpause wieder ans Netz gegangen. ... Reaktor drei ... war am 1. Dezember nach nur sechs Tagen am Netz abgeschaltet worden, nachdem Inspekteure ein Leck in einem Rohr des sekundären Kühlwasserkreislaufs entdeckt hatten. Anfang Juli war der Reaktor für fünfmonatige Reparaturen geschlossen worden. ... Die Reaktorblöcke eins und zwei sind wegen schwerwiegender technischer Defekte dauerhaft abgeschaltet. Die Ukraine beharrt trotz internationaler Proteste auf dem Weiterbetrieb von Tschernobyl, um den akuten Strommangel im Land zu mindern. Die Regierung verlangt für die international vereinbarte Stilllegung von Tschernobyl im Jahr 2000 Ersatzleistungen. ... (SZ)

13.1.00

Die ukrainische Regierung hat die Ausarbeitung eines Konzepts in Auftrag gegeben, mit dem ein Teil des Gebiets um das 1986 havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl rekultiviert werden soll. Das Konzept soll bis 2005 vorliegen und Studien über den möglichen Anbau von Kartoffeln in einem rund 20 Kilometer von Tschernobyl entfernten Gebietsstreifen umfassen. Ukrainische Forscher hatten 1999 ihr Projekt zur Züchtung strahlenresistenter Kartoffeln vorgestellt. Eine Agenturmeldung über das Regierungsvorhaben hatte für Aufregung gesorgt, weil sie den Eindruck erweckte, als seien die Besiedlung der Sperrzone und der Kartoffelanbau bereits beschlossen. Nach dem Unfall von Tschernobyl 1986 war ein Gebiet im Umkreis von 30 Kilometern zur Katastrophenzone erklärt und evakuiert worden. Wissenschaftler entdeckten dort später mutierte Pflanzen und Tiere. (SZ)

4./5.3.00

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ... hat Spuren hinterlassen - in ganz Deutschland, aber vor allem in Bayern. Wissenschaftler vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit ... haben jetzt alarmierende Ergebnisse veröffentlicht. Sie weisen darauf hin, dass die Zahl der Totgeburten im Jahr nach dem Atomunfall in einigen Regionen Bayerns signifikant zugenommen hat. Wissenschaftler behaupten schon seit geraumer Zeit, dass die perinatale Mortalität in Deutschland 1987 ... um rund fünf Prozent höher lag als sonst.... Zu diesen Gebieten (mit der stärksten radioaktiven Bodenbelastung) gehört neben Ostdeutschland und West-Berlin auch Bayern. Dort war 1987 die Säuglingssterblichkeit um 8,5 Prozent höher, als den Statistiken zufolge wahrscheinlich gewesen wäre. ... Eine besonders hohe Zahl von Totgeburten gab es in der Stadt Augsburg sowie in den Landkreisen Berchtesgaden und Garmisch-Partenkirchen. Sie lag dort 1987 mehr als doppelt so hoch wie erwartet. ... (SZ)

27.3.00

Widerstand gegen atomare Ersatzreaktoren für Tschernobyl nimmt zu / ... K2/R4 sind zwei fast fertig gestellte Atomkraftwerke russischen Bautyps. Die G7-Länder hatten sich 1995 dazu bereit erklärt, Alternativen für die Abschaltung des Katastrophenreaktors Tschernobyl zu finanzieren und dabei diese beiden Reaktoren ins Auge gefasst. Im Rahmen zahlreicher Prüfungen stellte sich allerdings heraus, dass bei K2/R4 erhebliche Probleme im Sicherheitsbereich bestehen, Kostenpläne nicht richtig aufgestellt wurden und die Ukraine auch aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten kaum in der Lage sein wird, Kredite für die Fertigstellung zurückzuzahlen. Die Finanzierung des 1,7 Milliarden Dollar schweren Projektes soll über Kredite der Osteuropabank in London erfolgen sowie über staatliche Bürgschaften verschiedener G7-Länder. Die Ukraine ist nur bereit, Tschernobyl endgültig zu schließen, wenn K2/R4 finanziert wird, ... . Innerhalb der Regierungen der G7-Länder ist die geplante Beteiligung umstritten. ... In den Niederlanden, England und Österreich hatte es in den letzten Monaten ... scharfe Kritik an der geplanten Förderung gegeben. ... Angesichts des Widerstandes aus Deutschland betonte Frank (stellvertretender Direktor der Osteuropabank), dass die Stilllegung von Tschernobyl aber auch durch die Finanzierung nichtatomarer Kraftwerke erreicht werden könne. ... (taz)

30.3.00

Die Ukraine hat ... einen ersten konkreten Beschluss zur vollständigen Abschaltung des Katastrophen-Atomkraftwerks Tschernobyl gefasst. Das Kabinett in Kiew verabschiedete ... eine Regelung, wonach der letzte Reaktorblock bis Jahresende vom Netz gehen muss. Voraussetzung sei aber, dass die internationalen Finanzzusagen eingehalten werden. Das Energieministerium bekam den Auftrag, binnen drei Monaten einen Bericht über die technischen und finanziellen Aspekte einer Abschaltung vorzulegen. Die führenden Industrienationen und die Ukraine haben vereinbart, dass Tschernobyl im Jahr 2000 ganz abgeschaltet wird. Kiew verlangt aber zuvor einen Kredit über 400 Millionen Dollar von der Osteuropa-Bank zur Fertigstellung von zwei Atomkraftwerken als Ersatz. Mehrere europäische Staaten - darunter Deutschland - lehnen dies ab und wollen stattdessen Gas- oder Kohlekraftwerke bauen lassen. (SZ)

31.3.00

... Die sieben führenden Industrienationen (G7) hatten nach der Reaktor-Explosion in Tschernobyl, die bis heute mindestens 8000 Menschen das Leben gekostet hat, zum einen versprochen, 1,5 Milliarden DM für den Beton-Sarkophag zu bezahlen, der die Reste von Tschernobyl für alle Zukunft einschließen soll. Zum zweiten, und das ist der strittige Punkt derzeit, hatte die G7 in Form einer Absichtserklärung Kredite über 3,5 Milliarden DM für den Bau von Ersatzkraftwerken zugesagt. Ursprünglich sollten damit die beiden Atommeiler Khmelnitzky Block 2 und Rovno Block 4 ... (K2R4) gebaut werden. Die Osteuropabank, offiziell Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), ... hat ... den Regierungen der G7-Staaten einen "Sachstandsbericht" übermittelt, ... . Das Schreiben gibt keine Empfehlungen, aber der ganze Tenor lässt nur den Schluss zu, dass die EBRD keine Möglichkeit sieht, Darlehen für K2R4 auszuzahlen. ... Mittlerweile scheint auch die Regierung in Kiew selbst zu sehen, dass es möglicherweise wirtschaftlicher ist, Energie zu sparen, als neue Kraftwerke zu bauen. ... Überdies sei sich der Premier(minister) auch der begrenzten Möglichkeiten der Ukraine bewusst, Schuldendienst für Auslandskredite zu leisten. Hinzu komme, so schreibt die EBRD mit Blick auf Deutschland und Italien, dass ein Teil der G7-Staaten mit Bürgschaften für die Teilfinanzierung der beiden Meiler zögere. ... Schon vor einem Jahr hieß es bei der Osteuropabank, "das wichtigste ist für uns, dass Tschernobyl ganz abgeschaltet wird". Inzwischen verschärft Verschleiß die Sicherheitslage: Der Luftspalt zwischen den Brennstäben und dem umgebenden Reaktorblock wird immer kleiner, berichtet Greenpeace unter Berufung auf die ukrainische Atomaufsicht unwidersprochen. Und wenn sich der Luftspalt ganz geschlossen hat, kann der Brennstab nicht mehr herausgezogen werden. Tritt dieser Effekt bei mehreren Brennstäben ein, wird der Reaktor unkontrollierbar. Den Reaktor abzuschalten aber kostet der Ukraine Geld für Energie-Importe, das sie nicht hat. ... (SZ)

22./23./24.4.00

14 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl ... soll in einer großen Geberkonferenz in Berlin über die Finanzierung einer neuen Schutzhülle für den Unfallreaktor beraten werden. Die Staats- und Regierungschefs von 60 Ländern werden zu dem Treffen im Juli eingeladen. Der so genannte Sarkophag, der den havarierten Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerks notdürftig umschließt, ist brüchig. Ein Einsturz wird befürchtet. Einen akzeptablen Vorschlag für die schadlose Beseitigung des geschmolzenen Reaktors gibt es bis heute nicht. ... Die Kosten für eine neue Schutzhülle wurden auf weit über eine Milliarde Mark geschätzt. (taz)

25.4.00

In Folge der Aufräumungsarbeiten nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl sollen mehr als 15.000 Menschen getötet worden sein. Etwa 50.000 Menschen seien arbeitsunfähig geworden, sagte der Präsident der Tschernobyl-Liga, die die Aufräumungsarbeiten in dem ukrainischen Atomkraftwerk und der Umgebung übernommen hatte, ... . ... die Zahl der Invaliden durch das Unglück (hat sich) seit 1991 verzwölffacht. ... 30 Menschen starben auf der Stelle, Zehntausende wurden evakuiert. Schätzungen zufolge waren fünf Millionen Menschen in der Ukraine, Weißrussland und Russland der Radioaktivität ausgesetzt. Genaue Opferzahlen wurden von den Behörden nie angegeben. Experten zufolge wurde nach der Explosion in Tschernobyl das 500-fache an Radioaktivität der über Hiroschima abgeworfenen Atombombe gemessen. Unmittelbar nach der Katastrophe war der Unglücksreaktor mit einem Mantel aus 250.000 Tonnen Beton eingeschlossen worden, um die radioaktive Strahlung einzudämmen. Inzwischen ist dieser "Sarkophag" einsturzgefährdet und stellt ... erneut eine Gefahr für ganz Europa dar. ... (SZ)

26.4.00

... Zur Zeit wird (der letzte Tschernobyl-Reaktor) alle paar Wochen an- und ausgeschaltet: Jedes Mal stellen sich kurz nach dem Anfahren kleinere technische Probleme heraus. Im Moment ist er am Netz. ... (taz)

26.4.00

... Der russische Vizeregierungschef ... sagte ..., von insgesamt 86.000 Menschen, die bei den Lösch- und Aufräumarbeiten eingesetzt wurden, seien 55.000 gestorben. Davon seien 15.000 Russen gewesen. Auffällig ist die hohe Selbstmordrate von mehr als einem Drittel bei diesen Todesfällen. ... In Weißrussland, das am schlimmsten verstrahlt wurde, setzt der autoritär regierende Präsident Alexander Lukaschenko inzwischen jedoch wieder auf eine Besiedelung der evakuierten Gebiete. Wer aus anderen GUS-Staaten in diese Region umsiedele, solle "binnen einer Woche" die weißrussische Staatsangehörigkeit erhalten können, sagte er ... bei einem Besuch in der so genannten Todeszone. ... (dpa)

27.4.00

... Die Erfahrungen in der Umgebung von Tschernobyl bestätigen, was seriöse Strahlenbiologen erwartet haben: Die Häufigkeit von Schilddrüsenkrebs bei Kindern, der normalerweise sehr selten vorkommt, zeigte in den Hauptbelastungsgebieten 1995 ein Maximum und nimmt seither ab. Nicht, weil das Risiko geringer wird, sondern weil die überlebenden Kinder erwachsen werden. Unter den Erwachsenen ist die Anzahl der jährlichen Neuerkrankungen bis zur Jahrtausendwende bereits auf das Sechsfache des Mittelwerts aus dem Jahrzehnt vorn 1986 angestiegen, besonders in der Altersstufe unter 40 Jahren. Allein von den Kindern in der besonders belasteten Region Gomel in Weißrussland, die zur Zeit der Reaktorkatastrophe höchstens vier Jahre alt waren, wird nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO jedes dritte im Laufe seines Lebens an Schilddrüsenkrebs erkranken. In der Ukraine sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Kiew etwa 3,5 Millionen Menschen infolge der Katastrophe vor 14 Jahren an Krebs erkrankt. Wie zuverlässig diese Angaben sind, ist schwer einzuschätzen; hier spielen auch materielle Interessen eine Rolle. Aber die Zahl belegt zumindest eine Tendenz. 1991 hatte die IAEA als Ergebnis ihrer Untersuchungen der staunenden Welt mitgeteilt: "Es gab keine Gesundheitsstörungen, die direkt einer Strahlenbelastung zugeordnet werden konnten." Noch immer laufen an drei Standorten in Russland elf Blöcke von Atommeilern des Tschernobyl-Typs. Wenn man nur die Lecks in den Erdöl-Pipelines des Landes abdichten würde, könnte man sie wohl getrost abschalten. (SZ)

28.4.00

... 23 Prozent des weißrussischen Territoriums mit rund zwei Millionen Einwohnern (seien) kontaminiert. Der Gesundheitszustand der betroffenen Menschen verschlechtere sich dramatisch. So sei bislang bei 1100 Personen Schilddrüsenkrebs diagnostiziert worden. Demgegenüber wolle die Regierung die finanziellen Zuwendungen von umgerechnet 10 Millionen Dollar 1996 auf 24.000 Dollar in diesem Jahr zurückfahren. ... (taz)

6.6.00

Das ukrainische Kernkraftwerk Tschernobyl wird mehr als 14 Jahre nach der Atomkatastrophe im Dezember dieses Jahres endgültig geschlossen. "Wir werden Tschernobyl bis zum 15. des Monats abschalten", kündigte Präsident Leonid Kutschma ... an. ... (SZ)

7.6.00

Die EU will die Stilllegung des Atomkraftwerks in Tschernobyl mit 3,1 Milliarden Mark belohnen. Denn mit der Abschaltung erfüllt die Ukraine ihren Teil der 1995 in dem "Memorandum of Understanding" ... eingegangenen Verpflichtungen. Über das Geld kann die Regierung in Kiew frei verfügen – auch für den Bau von Kernkraftwerken. ... (taz)

13.6.00

Ein neuer Bericht des UN Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR) enthält eine Beurteilung der Folgen des Tschernobyl-Unfalls im Jahr 1986. Als Schlussfolgerung heißt es, dass es 14 Jahre nach dem Unfall abgesehen von einem hohen Anteil an Schilddrüsenkrebs bei Kindern keinen Beweis für eine größere Auswirkung auf die Gesundheit der Bevölkerung gebe, die auf die Strahlung infolge des Unfalls zurückzuführen sei. ... (IAEA) ... Zwar bestreitet UNSCEAR nicht, dass zahlreiche Untersuchungen eine Zunahme sehr unterschiedlicher Gesundheitsbeschwerden festgestellt haben. Doch der Ausschuss bemängelt "methodologische Schwächen", die einen Zusammenhang mit der Strahlung wissenschaftlich nur schwer begründen ließen. ... (taz)

6.7.00

Nach der Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 baute die Sowjetmacht in Panik einen riesigen Schutzmantel aus 250.000 Tonnen Beton und Stahl um den Reaktor. Seitdem setzen dem Provisorium, das eigentlich 30 Jahre halten sollte, Regen, Frost, Sturm und Strahlen zu. Die Schutzhülle hat mehr als 100 Risse. Tragende Wände drohen einzustürzen. Die Brandgefahr steigt. Im Inneren liegen 2500 Tonnen brennbares Material wie Holz und Linoleum. Im zerstörten Zentralsaal über dem explodierten Reaktorblock ist die Strahlung am stärksten. In den weniger belasteten Ecken des Sarkophags arbeiten 100 und mehr Ukrainer täglich. Sie stabilisieren das Gebäude oder erforschen die Strahlungsfolgen. Bricht der Sarkophag ein, droht zwar keine zweite europaweite Strahlenkatastrophe, trotzdem wird eine Verseuchung mindestens der näheren Umgebung mit radioaktivem Staub befürchtet. Experten favorisieren den Neubau einer stabileren Schutzhülle für die nächsten 100 Jahre. Das Projekt kostet 768 Millionen Dollar. (taz)

6.7.00

Die Sanierung des Beton-Sarkophags um den Katastrophenreaktor von Tschernobyl ist so gut wie gesichert. Die Vertreter von fast 40 Staaten sagten auf der zweiten Geberkonferenz in Berlin weitere Hilfe in Höhe von etwa 320 Millionen US-Dollar zu. Damit sind 715 Millionen von den insgesamt benötigten 768 Millionen Dollar erbracht. Der Rest soll nach Angaben von Außenminister Joschka Fischer auf einer weiteren Geberkonferenz gesammelt werden. Deutschland trägt etwa 100 Millionen Dollar zur Sanierung bei. ... (SZ)

11.7.00

Der letzte noch arbeitende Reaktor im Atomkraftwerk Tschernobyl ist ... wegen Hochwassers abgeschaltet worden. ... ein für den sicheren Betrieb des Reaktors wichtiger Dieselgenerator sei überflutet worden. Den Überschwemmungen ging ein heftiger Regensturm voraus. ... (SZ)

14.7.00

... Die Folgekosten der unmittelbar von der Katastrophe betroffenen Länder sind extrem hoch: Zwischen 1986 und 1991 stellte die UdSSR 5,7 Milliarden Dollar für die Schadensbekämpfung zur Verfügung. Die Ukraine, Weißrussland und Russland investierten 20 Milliarden Dollar. Die Folgen von Tschernobyl verschlingen über 20 Prozent des weißrussischen und bis zu 10 Prozent des ukrainischen Jahresbudgets. In den drei Staaten leben 7 bis 9 Millionen Menschen in verstrahlten Gebieten, die etwa 155.000 km2 umfassen. Weißrussland hat etwa 70 Prozent des radioaktiven Niederschlages abbekommen. In der Ukraine wurden die Bewohner im Umkreis von 30 km um Tschernobyl evakuiert, und das Gebiet wurde zur Sperrzone erklärt, etwa 400.000 Menschen wurden umgesiedelt. 60.000 bis 80.000 Personen waren in die Aufräumarbeiten in der Unglückszone involviert. Die Gesamtfolgekosten werden für einen Zeitraum von 30 Jahren auf mehrere hundert Milliarden Dollar geschätzt. ... am 5. Juni hat der ukrainische Präsident Leonid Kutschma versprochen, den Reaktor Nr. 3 am 15. Dezember 2000 definitiv abzuschalten. Zum ersten Mal hat er die Schließung nicht von der internationalen Finanzierung der Fertigstellung der beiden Kernreaktoren K2/R4 in Chmelnitzky und Rowno abhängig gemacht, die den Produktionsausfall von Tschernobyl ausgleichen sollten. Die Ukraine hatte aus mindestens zwei Gründen keine andere Wahl: 1.) Sicherheitserfordernisse gebieten die Schließung des Reaktors. Zu Jahresbeginn beschränkten die ukrainischen Sicherheitsbehörden seinen Betrieb auf 200 Tage und bestimmten seine Schließung für den 15. November 2000. 2.) Die westliche Finanzierung von K2/R4 (1,5 Milliarden Dollar) scheint nicht mehr gesichert. Vor allem Deutschland gibt sich reserviert. ... Außerdem hat die ukrainische Regierung zunehmend größere Schwierigkeiten, die Notwendigkeit der Reaktoren K2/R4 zu rechtfertigen: Statt der offiziellen 3 bis 5 Prozent erzeugte der Tschernobyl-Reaktor Nr. 3 1999 nur 1,7 Prozent der staatlichen Energieproduktion. ... (taz)

9/2000

Auf der zweiten Geberkonferenz am 5. Juli 2000 in Berlin zugunsten des Chernobyl Shelter Fund wurden über 320 Millionen US-Dollar zugesagt. Damit steigen die im Fonds verfügbaren Mittel auf etwa 720 Millionen US-$. ... Mit den jetzt zugesagten Mitteln ist die planmäßige Fortsetzung der Arbeiten zu einem umweltsicheren Einschluss der Reaktorruine in Tschernobyl sichergestellt. Die erste Projektphase, die Untersuchungen zur Situation im Sarkophag sowie eilige Notreparaturen umfasste, wurde vor wenigen Wochen abgeschlossen. Im nun beginnenden Projektabschnitt, für den die zusätzlichen Mittel erforderlich waren, werden Stabilisierungsarbeiten durchgeführt, bevor dann der sichere Einschluss realisiert werden kann. Mit dem Abschluss der Arbeiten wird für 2007 gerechnet. ... (Umwelt)

5.10.00

Noch vierzehn Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl haben neu gesetzte Pflanzen in der Nähe des Reaktors vermehrt Erbgutveränderungen. Die Mutationsrate sei bei Weizenpflanzen um das Sechsfache erhöht im Vergleich zu 30 Kilometer entfernten Pflanzen, ... . Alle Schäden erscheinen in der Keimbahn, das heißt, sie werden an die nächste Generation weitergegeben. Eine chronische Strahlenbelastung ... verursacht offenbar bislang unbekannte Effekte. (taz)

28./29.10.00

Das Reaktorunglück von Tschernobyl im Jahr 1986 fordert noch immer Opfer. Die Krebserkrankungen bei Kindern nehmen weiter zu, ... (taz)

7.11.00

Der Präsident der Europäischen Kommission, Prodi, hat der Ukraine ... zugesichert, dass das Land nach der Schließung des Atomkraftwerkes Tschernobyl von der EU eine Finanzhilfe von 25 Millionen Euro erhalten wird. Das Geld ist als Ausgleich für den Energieverlust gedacht, der der Ukraine durch die Schließung entsteht. Der ukrainische Präsident Kutschma bestätigte daraufhin, dass die Ukraine den Reaktor am 15. Dezember abschalten werde. Zuvor hatte die Ukraine damit gedroht, die vereinbarte Schließung werde bis zum April 2001 verschoben, wenn die internationale Gemeinschaft ihre finanziellen Versprechen nicht halte. (FAZ)

14.12.00

Vor dem endgültigen Aus ist das AKW Tschernobyl noch mal am Netz. Der Nachbar des GAU-Reaktors war vorige Woche wegen Rissen im Kühlsystem abgeschaltet worden. ... (taz)

15.12.00

Um die mit der Stilllegung von Tschernobyl entstehende Energielücke schließen zu können, um nicht weiter von Moskau abhängig zu werden, setzt Kiew auf die Fertigstellung der beiden Atomkraftwerke Chmelnizki-2 und Rowno-4, mit deren Bau noch zu Sowjetzeiten begonnen worden war. Die westlichen Staaten unterstützten dieses Konzept, wenn auch nicht bedenkenlos. So mussten die Atomreaktoren dem westlichen Sicherheitsstandard angenähert werden. Die vom Westen finanzierte Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung hat einen Kredit über 215 Millionen Dollar freigegeben; die EU-Kommission bewilligte in der Folge 585 Millionen Dollar. Diese Kredite sind namentlich in Berlin umstritten. ... Doch einerseits hat sich der Westen und somit auch die Bundesregierung vertraglich dazu verpflichtet – als Gegenleistung für die Schließung von Tschernobyl. ... (SZ)

15.12.00

... in Osteuropa (existieren) noch vier aktive Atomkraftwerke des russischen Tschernobyl-Typs mit 13 Reaktoren. ... (taz)

 

Der letzte macht das Licht aus. Fast 15 Jahre nach der Kathastrophe nimmt Chefingenieur Sergej Baschrowi den Unglücksreaktor für immer vom Netz.
Foto: SZ vom 16.12.00

16./17.12.00

Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie ist am Freitag das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl vom Netz genommen worden. ... Damit ist die Führung in Kiew nach Jahren des Tauziehens den Forderungen westlicher Regierungen nachgekommen, das nach sowjetischem Sicherheitsstandard erbaute Kraftwerk völlig zu schließen. ... Nach Schätzungen westlicher Experten sind bisher etwa 30.000 Personen unmittelbar an den Folgen der hohen Strahlendosis gestorben. ... Etwa die Hälfte (der 6000 Beschäftigten des Atomkraftwerks) verliert den Arbeitsplatz. Die ukrainische Regierung hat zwar einen Sozialplan aufgestellt, doch orientiert dieser sich nach Aussagen von Betroffenen an den Mindestlöhnen; sie fürchten nun den Absturz in die Armut. ... Das Parlament in Kiew hatte noch Anfang der Woche an Kutschma appelliert, die Schließung zu verschieben. Genauso sahen es die Teilnehmer einer Telefonumfrage des staatlichen Fernsehens: 70 Prozent sprachen sich dafür aus, erst die Fertigstellung der beiden neuen Atomkraftwerke abzuwarten, nur 25 Prozent unterstützen die jetzige Schließung. Tschernobyl lieferte rund fünf Prozent des ukrainischen Energiebedarfs. ... (SZ)

20.12.00

... "... Was sich heute in unserem Land tut, ist für die Kinder eine Katastrophe". (Larissa Borodina, Chefärztin vom Republikskinderkrankenhaus in Kiew) meint nicht nur die Tschernobyl-Kinder aus den verstrahlten Bezirken, die alle von den Behörden Anfang der neunziger Jahre den "Tschernobyl-Ausweis" bekommen haben. Dieses Papier soll freie Heilfürsorge garantieren. In der Praxis ist dies aber längst nicht so, wie auch der Plan nicht einzuhalten ist, diese Kinder einmal im Jahr zu eintägigen Untersuchung in die Republiksklinik zu bringen. Denn es sind zu viele. ... Landesweit werde beobachtet, wie das Immunsystem von Kindern und Heranwachsenden schwächer wird. ... (SZ)

7.3.01

Die hessische Nukem Nuklear GmbH wird für das AKW Tschernobyl eine Anlage zur Behandlung radioaktiver Abfälle bauen. Der Bauauftrag mit einem Vertragswert von 33 Millionen Euro wurde ... von der ukrainischen Betreiberbehörde Energoatom ... erteilt. (taz)

25.4.01

Die Internationale Atom-Energie-Agentur IAEA gewährt Unterstützung bei der Behandlung von Schilddrüsenkrebs in der Ukraine, indem sie die Patienten mit radioaktivem Jod versorgt. Gemäß dem Report 2000 vom United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR) ist die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle unter den Menschen, die 1986 Kinder waren, auf 1800 angestiegen, weitere Fälle würden in der Zukunft erwartet. Bedeutsam ist, dass UNSCEAR keinen wissenschaftlichen Beweis für einen Anstieg von anderen Krankheitseffekten gefunden hat, die auf die radioaktive Strahlung zurückzuführen wäre. Der sozio-ökonomische Einfluss bliebe ein ernst zu nehmender Faktor. Da landwirtschaftliche Gemeinschaften in Weißrussland und der Ukraine sehr unter der radioaktiven Belastung aufgrund des Tschernobyl-Unfalls leiden, helfen die IAEA zusammen mit der FAO landwirtschaftlich genutzten Boden wieder brauchbar zu machen, indem auf 50.000 Hektar kontaminiertem Land in Weißrussland Rapssamenpflanzen angebaut werden. Der Samen nimmt die Radionuklide von der Erde im Halm und der Samenschale auf und speichert sie dort, nicht aber im Samen selbst. Die Samen können dann für ökonomisch rentable Produkte, wie Schmiermittel, Öl oder protein-haltiges Viehfutter verwendet werden. (IAEA, übersetzt aus dem Englischen, die Red.)

27.4.01

Bis heute nennen die Behörden in Kiew offiziell die Zahl von 31 Toten. Inoffiziellen Schätzungen zufolge starben jedoch an den Folgen der Katastrophe zwischen 15.000 und 30.000 Menschen. (SZ)

5.6.01

Mehr als 15 Jahre ist es her, dass in Tschernobyl der Reaktorblock 4 explodierte. Und noch immer entdecken Strahlenforscher neue Auswirkungen der Katastrophe. Wissenschaftler aus Israel und der Ukraine konnten jetzt zeigen, dass selbst vergleichsweise niedrige Strahlendosen die Keimzellen in Mitleidenschaft ziehen, sodass sich die Schäden vererben: Im Erbgut ukrainischer Kinder, die erst nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gezeugt worden waren, fanden die Forscher bis zu siebenmal mehr Mutationen als bei Vergleichsgruppen. Die Väter der untersuchten Kinder hatten 1986 zu den so genannten Liquidatoren gehört, die bei den Aufräumarbeiten nach dem Unfall eingesetzt worden waren. Im Erbgut der älteren Geschwister, die bereits vor dem Atomunfall geboren worden waren, fanden sie dagegen nicht so häufige Genveränderungen. Auch tragen die Nachkommen ukrainischer und russischer Familien aus wenig kontaminierten Landstrichen nicht so viele Mutationen in sich. Die Autoren gehen davon aus, dass bereits viel niedrigere Dosen als bislang vermutet eine Verdoppelung der Häufigkeit von Genveränderungen bewirken. (SZ)

25.4.01

Der Unglücksreaktor Tschernobyl soll eine neue Stahlhülle erhalten. Sie soll eine Spannweite von 260 Metern, eine Höhe von 100 und einen Durchmesser von 120 Metern haben. Die Hülle soll neben dem 1986 explodierten Atomkraftwerk gebaut und dann auf Schienen über den ausgebrannten Reaktor geschoben werden. Der Betonmantel, der in den Monaten nach dem Unglück gebaut wurde, ist an vielen Stellen von Rissen durchzogen, Wasser dringt in ihn ein. Das Projekt haben die Regierung in Kiew und die von westlichen Ländern finanzierte Osteuropabank vereinbart. Nur: die Einzelheiten stehen noch längst nicht fest. (SZ)

31.5.01

BSE ist nach Ansicht des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter „mit größter Wahrscheinlichkeit“ eine Spätfolge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Das gehäufte Auftreten des Rinderwahns in Süddeutschland decke sich exakt mit der Strahlenbelastung nach dem GAU von 1986, sagte Vorstandsmitglied Georg Wallner. Unter Wissenschaftlern ist die Tschernobyl-Theorie zu BSE schon vor längerer Zeit diskutiert und verworfen worden, weil es keinerlei nachprüfbare Belege für sie gibt. (SZ)

6.9.01

Die Operation des missgebildeten siebenjährigen Wladimir aus der Region Tschernobyl ist erfolgreich verlaufen. Ärzte der Uniklinik hatten unter anderem den missgebildeten Hirnschädel und die Augenhöhlen des Siebenjährigen korrigiert. Wladimir war wegen der hohen Strahlung nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl missgebildet zur Welt gekommen. (SZ)

17.1.02

Die Bundesregierung will weitere 28,3 Millionen Euro zur Sicherung des so genannten Sarkophags im Atomkraftwerk Tschernobyl zahlen. Damit erhöhte sich der deutsche Anteil an der AKW-Absicherung auf 56,6 Millionen Euro. (taz)

30.1.02

Am 2. Mai 1986 wurde in Moskau am grünen Tisch abgeschätzt, dass nur 3,5 Prozent des radioaktiven Inventars des Tschernobyl-Reaktors in die Umgebung gelangt sei und etwa 95 Prozent des Kernbrennstoffs sich noch im Reaktorschacht befände. Damals gab es noch keine Messungen, keiner der hochkarätigen Fachleute hat damals den zerstörten Reaktor gesehen. Der Atomphysiker Konstantin Tschetscherov hat sich in mehr als 100 Publikationen allein mit dem zerstörten Reaktor auseinandergesetzt. Er ist dreimal persönlich in den Reaktorschacht geklettert. Tschetscherov hat festgestellt und dokumentiert, dass der Reaktorschacht praktisch leer ist, die bisherigen Annahmen über den Verbleib des Kernbrennstoffs also falsch sind. Er zieht nach den gefährlichen Exkursionen in den Sarkophag und umfangreichen Berechnungen den Schluss, dass bis zu 95 Prozent des Kernbrennstoffs freigesetzt wären und nur rund 5 Prozent sich noch irgendwo im Sarkophag befänden. (Gesellschaft für Strahlenschutz)

8.2.02

Fast 16 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl benötigen noch Millionen Menschen in der Region internationale Hilfe und leben in einem Zustand „chronischer Abhängigkeit“. Gemäß einer Studie des UN-Büros für Koordinierung Humanitärer Angelegenheit kämpfen Teile der Bevölkerung von Weißrussland, der Ukraine und der Russischen Föderation weiterhin mit Gesundheits- und Umweltproblemen und der hohen Arbeitslosigkeit in der Region. Schätzungsweise sieben Millionen Menschen leiden unter den Folgen der schwersten Atomkatastrophe in der Menschheitsgeschichte. (taz)

26.4.02

Die westlichen Regierungen geben in den kommenden Jahren 768 Millionen Dollar für einen zweiten Sarkophag in der Ukraine aus. Die Stahlkonstruktion namens „Shelter Implementation Plan“ soll den gesamten Reaktorblock überspannen und für 100 Jahre das Austreten von radioaktiven Wolken verhindern. (taz)

29.4.02

16 Jahre nach der Kernkraftwerk-Katastrophe wird in der Ukraine die Frage diskutiert, inwieweit Tschernobyl als Ausflugsort für Touristen taugt. Tatsächlich bieten Reisebüros bereits seit geraumer Zeit eintägige Touren in das verseuchte Gebiet um den Unglücksreaktor an. Die Nachfrage ist aber nicht groß. Die Idee ist nicht neu: Bereits seit sieben Jahren bietet das Kiewer Reisebüro Sputnik Reisen nach Tschernobyl an – ohne auf rege Nachfrage zu stoßen. Im vergangenen Jahr meldeten sich 50 Touristen. Auch das Reisebüro Sam, einer der ukrainischen Marktführer, hat die Tschernobyl-Ausflüge in sein Programm aufgenommen und sie im vergangenen November auf der Londoner Reisemesse erstmals vorgestellt. Nach Sam-Angaben fallen sie wie Bärenjagd und Fischfang in die Kategorie Extremreisen, also für Leute, die das Abenteuer suchen. Allerdings konnte Sam bisher nur zehn Touristen, ausgestattet mit Geigerzähler, weißen Masken und Gummistiefeln, den Adrenalinkick organisieren. Die Kosten belaufen sich für zwei Personen jeweils auf 105 Dollar. Sam und Sputnik garantieren einen Aufenthalt „ohne radioaktives Risiko“. Trotzdem, Familienausflüge mit Kind und Kegel wird es so bald nicht geben. Schwangeren und Minderjährigen ist der Zutritt in die Sperrzone, die sich im Radius von 30 Kilometern um Tschernobyl zieht, untersagt. (Neue Zürcher Zeitung)

29.4.02

Ohne den Störfaktor Mensch hat sich die Zone zu einem Naturpark entwickelt, der seinesgleichen sucht. Wie Experten schwärmen, haben sich neue Pflanzenarten entwickelt und vom Aussterben bedrohte Tiere erholt. Seeadler, Luchse, graue Wölfe, Wildpferde haben das Gebiet erobert, für die Wissenschaft ein einzigartiges Laboratorium. Dutzende Firmen haben sich eingerichtet, um die Auswirkungen atomarer Strahlung auf die Umwelt über Generationen hinweg zu beobachten. Seit 1987 haben 7500 Ausländer Tschernobyl besucht, außer Journalisten und staatlichen Delegationen waren die meisten von ihnen Wissenschaftler. Ein lukratives Geschäft hat sich dabei nicht entwickelt. Doch die Reiseveranstalter wie auch das staatliche Tourismuskomitee hegen keine Zweifel, dass in den kommenden Jahren der Besucherstrom anschwellen wird. (NZZ)

6.5.02

Vom Gelände des abgeschalteten Katastrophenreaktors Tschernobyl wollten Diebe erneut verstrahlten Nuklearschrott stehlen. Drei Männer seien erwischt worden, als sie Buntmetall aus der AKW-Schutzzone schaffen wollten. (taz)

16.7.02

Zehntausende von Menschen, die nach der Tschernobylkatastrophe mit Sanierungsarbeiten an der strahlenden Atomreaktorruine beschäftigt waren, sind mittlerweile nicht nur von Krebserkrankungen befallen. Bei vielen haben sich bis dato auch unerwartete Auswirkungen herausgestellt. So klagen sie über vermindertes Sprechvermögen, Depressionen, Gedächtnisstörungen und Konzentrationsprobleme. Die Erkrankungen seien in ihrer Häufigkeit signifikant höher als bei der restlichen Bevölkerung. 48 Prozent der mittlerweile gestorbenen und obduzierten SanierungsarbeiterInnen seien aufgrund von Blutgerinnseln oder Problemen mit der Blutzirkulation verstorben. Krebs komme als Todesursache mit 28 Prozent an zweiter Stelle. Von den zu den Auf-räumarbeiten meist zwangsrekrutierten Soldaten der Roten Armee sind knapp 20.000 in Behandlungs- und Forschungsprogramme einbezogen. Den meisten gehe es psychisch wie physisch ausgesprochen schlecht, sie hätten es schwer, ihre traumatischen Erinnerungen zu verarbeiten, und oft Probleme, eine Arbeit zu finden. Sie vermissen auch Anerkennung und Unterstützung des Staates und fühlten sich um ihr Leben betrogen. Bei den Krebserkrankungen dominierten mit weitem Abstand solche der Lungen und Luftwege. (taz)

April 2003

In Weißrussland wurden 7000 km2 zur Sperrzone und Zone strikter Kontrolle erklärt; in der Ukraine waren es 1000 km2 und in Russland 2000 km2. Erst 1991/1992 wurde ein Gebiet so groß wie Baden-Württemberg, rund 140 km von Tschernobyl entfernt, evakuiert. (greenpeace)

23.4.03

Die Betonhülle um das AKW im ukrainischen Tschernobyl droht nach Ansicht des russischen Energieministers Rumjanzew einzustürzen. Die Gefahr, dass die nach der Atomkatastrophe von 1986 errichtete Schutzhülle einstürze, sei durchaus real, sagte er ... (taz)

28.4.03

Dr. Sebastian Pflugbeil, Physiker in der DDR, in der Sendung "Der GAU" auf arte im April 2003: "Der normale Wissenschaftsbetrieb im Westen ist so korrupt wie in der DDR. Die Leute, die danach gelogen haben, lügen auch heute und die Öffentlichkeit nimmt es nicht zur Kenntnis". Also macht sich Pflugbeil auf den Weg nach Tschernobyl, um gemeinsam mit einem russischen Kollegen, Konstantin Tschetscherow, den demolierten Reaktor zu inspizieren, begleitet von einem TV-Team. Er geht in das Innere des "Sarkophags", stellt fest, dass er undicht ist, eine "dünne Abdeckung voller Risse und Löcher", unter der es dampft und zischt. ... Es geht um die Frage, ob nur drei Prozent der radioaktiven Strahlung entwichen und 97 % im Reaktor geblieben sind oder umgekehrt. Da gehen die Ansichten der Experten auseinander, ... . ... zum Ende hin kommt Dr. Pflugbeil zu einer unerwarteten und überraschenden Erkenntnis: "Für uns in Westeuropa geht von diesem Ding keine Gefahr aus." Worin liegt also der Skandal? Beim Geld natürlich. Ein Berater des ukrainischen Präsidenten sagt: "Der Sarkophag ist eine Geldwaschanlage", 565 Millionen Dollar wurden bis jetzt von der EU für die "atomare Sicherheit" des durchgebrannten Reaktors ausgegeben, es wurden viele Gutachten und Expertisen geschrieben, weitere 770 Millionen Dollar sollen für den Bau eines zweiten, viel größeren "Sarkophags" ausgegeben werden. Der aber sei, sagt Pflugbeil, nicht nötig, wichtiger wäre es, die 13 noch laufenden Reaktoren vom Typ Tschernobyl abzuschalten. ... (Spiegel online)

11.7.03

... 2004 wird mit dem Bau der "Arche" (einem eine Milliarde Euro teuren Projekt) begonnen, dem zweiten Betonmantel für den 1986 explodierten Atomreaktor von Tschernobyl. ... In unmittelbarer Nachbarschaft entsteht derzeit eine Anlage zur Wiederaufbereitung sowie das weltweit größte Lager für Brennelemente. Die geplante Konstruktion erinnert an einen Flugzeughangar. Allerdings wird sie nicht über dem havarierten Reaktor errichtet, sondern in mehreren hundert Metern Abstand. Grund: die radioaktive Strahlung, die nach wie vor von ihm ausgeht. Die ganze Konstruktion, bei der mehr als 20.000 Tonnen Stahl verbaut werden, muss dann auf einer gewaltigen Schienenanlage über den Reaktor gezogen werden. Die Arbeiten sollen nach dem Willen der Planer in fünf Jahren abgeschlossen sein, die neue "Arche", wie die Hülle in Anspielung auf ihre äußere Form von den Fachleuten genannt wird, soll ein Jahrhundert Schutz vor Strahlung bieten. ... Der Bau der neuen Schutzhülle ist nötig, weil der "Sarkophag", der in großer Hektik in den Monaten nach der Explosion hochgezogene erste Betonmantel um den Reaktor, brüchig geworden ist und Risse aufweist. Auch wird dessen Dach nur von zwei Trägern gehalten, die wiederum auf alten Ventilationsschächten stehen, eine äußerst instabile Konstruktion, die vermutlich einem Orkan und mit Sicherheit einem mittleren Erdbeben nicht standhalten würde. Sollten Teile des Betonmantels in das Innere stürzen, könnten sie eine radioaktive Staubwolke aufwirbeln. Eindringendes Wasser könnte eine Explosion des in dem Reaktor verbliebenen radioaktiven Magmas bewirken. Schon 1995 erklärten sich die westlichen Industriestaaten bereit, den Löwenanteil der Finanzierung zu leisten. Nicht beteiligt ist die russische Regierung. Moskau sieht sich zwar als Rechtsnachfolger der Sowjetunion, doch bei der Finanzierung der Beseitigung der Tschernobyl-Folgeschäden hält man sich zurück. ... (SZ)

20.8.03

... die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung ... will ... der Ukraine für 2004 85 Millionen USD geben, um das Leck in der alten Schutzhülle vom 4. Reaktor zu beseitigen. ... 26 westliche Länder, die Europäische Union und die Ukraine hatten sich bereit erklärt, für die Schutzhülle 768 Millionen US Dollar zur Verfügung zu stellen. ... Vorgesehen ist eine rund 100 Meter hohe und 269 Meter weite Stahlkonstruktion. ... (chernobyl-info)

 


18 Jahre danach: Kontrollpunkt zur "Toten Zone" um Tschernobyl.

22.8.03

Die Ukrainische Regierung hat ein Gesetz entworfen, das bis zu 1500 Familien erlauben soll, in die Sperrzone zurückzukehren, um dort zu leben. ... Bis jetzt war die 30-km Zone so stark kontaminiert, dass ein Leben dort unmöglich war. ... Gemäß den Vereinten Nationen leben derzeit 450 - 600 Menschen, zumeist Rentner, illegal in dieser Region. Bis zu 4600 Menschen von insgesamt 350.400, die zwischen 1986 und 2000 evakuiert wurden, warten noch darauf, wieder in die Ukraine umgesiedelt zu werden. ... Die beabsichtigten Änderungen in der Klassifizierung der Sperrzone werden den Bau von Straßen und Häusern zulassen, um die Menschen, die in dieses Gebiet zurück wollen, unterzubringen. ... (WISE, Übersetzung aus dem Englischen: Ch. Hacker)

30.1.04

Behörden haben eine Konservenfabrik in Nord-Ukraine geschlossen nachdem bekannt wurde, dass dort radioaktiv belastete Pilze und Beeren verkauft wurden. Die Produkte wurden auf regionalen Märkten angeboten und vermutlich auch in der Hauptstadt Kiew. Die Polizei entdeckte mehr als zwei Tonnen von kontaminierten Pilzen und 1800 Liter Beerensaft. (WISE, Übersetzung aus dem Englischen: Ch. Hacker)

20.2.04

Die EU-Kommission hat im Januar den dritten Teilbetrag für den Fonds zur Ummantelung des Tschernobyl-Reaktors in Höhe von 18 Mio. Euro freigegeben, ... In den letzten beiden Jahren waren bereits 60 Mio. Euro ausgezahlt worden (2001: 40 Mio., 2002: 20 Mio.), bis 2000 waren insgesamt 90,5 Mio. Euro bereitgestellt worden. Der Fonds wurde 1997 gegründet, um den so genannten "Sarkophag" in ein sichereres System umzuwandeln. ... Mehr als 800.000 "Liquidatoren" waren eingesetzt worden, ... Nach unterschiedlichen Schätzungen sind bis jetzt bis zu 250.000 Menschen an den Folgen des Unglücks gestorben. ... (DNR)

1.3.04

... Weil unabhängige Wissenschaftler der GUS und aus dem Westen weiterhin vom Anstieg beim Schilddrüsenkrebs berichteten, während Wissenschaftler, die für die IAEA, UNSCEAR und die Regierungen der USA und Europa arbeiteten, dies verneinten, sandte die WHO den britischen Schilddrüsenpathologen D. Williams, den Strahlenbiologen K. Baverstock und einige andere Experten in die Tschernobyl-Region. Sie bestätigten die Befunde über die gestiegene Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle und stellten eine mögliche Verbindung zur Belastung durch Radiojod aus dem Tschernobyl-Unfall her. Die BBC stellte später fest, dass der Widerstand gegen diese These in den USA am größten war. Die US-Regierung hat spezielle Gründe, auf der Hut zu sein. In den fünfziger Jahren setzte das Energieministerium absichtlich eine Wolke mit radioaktivem Jod-131 frei, um zu testen, wie gut man die Spur einer solchen Wolke verfolgen könne. Dazu kamen weitere Kontaminationen aus den Atomwaffentests und der jahrelangen Freisetzungen großer Mengen von Radiojod aus der Nuklearanlage in Hanford. Der Schilddrüsenpathologe Williams bestätigte, dass große Gebiete der USA einer leicht erhöhten Belastung mit Radiojod ausgesetzt waren. Natürlich fürchtet die US-Regierung den Vorwurf, sie habe damit Schilddrüsenkrebs verursacht und könne deshalb zur Zahlung von Schadenersatz verpflichtet werden. Nach BBC ist zu vermuten, dass die US-Regierung den starken Wunsch hatte, dass Radiojod als Ursache für Schilddrüsenkrebs nicht nachgewiesen werden kann. Aus ähnlichen Interessen wurde auch im Westen der Zusammenhang von Radiojod und Schilddrüsenkrebs verdreht dargestellt. Gemäß Dr. Williams haben die Furcht vor lähmenden Regressforderungen, eingefahrene Ansichten von Wissenschaftlern und die Befürchtung der Atomindustrie, ihr Ruf könnte Schaden nehmen, dazu geführt, dass Untersuchungen unterdrückt wurden. Nach den Gesetzen in den USA könnten die Regressforderungen der amerikanischen Bürger, die nach den Freisetzungen Schilddrüsenkrebs entwickelt haben, sich auf viele Milliarden Dollar aufsummieren, deren Zahlung die Regierung vermeiden will. ... (Zeitfragen)

28.6.04

... Die verschiedenen Angaben zur Anzahl von Schilddrüsenkrebsfällen in Belarus seit der Tschernobyl-Katastrophe liegen zwischen 1200 und etwa 10.000 Fällen. Diese Zahlen unterliegen dem Einfluss des jeweils angewendeten Risikoabschätzungsmodells, der Einteilung der Patienten in verschiedene Gruppen, der rekonstruierten Strahlendosis für die Organe und dem Glauben einiger Wissenschaftler, dass eine niedrigere Strahlendosis durch Radiojod keinen Krebs auslösen könne. Vor kurzem haben (E. Lengfelder, H. Rabes, H. Scherb, Ch. Frenzel) ... eine Untersuchung der jährlichen alters- und geschlechtsspezifischen Inzidenz von Schilddrüsenkrebs in der Tschechischen Republik für den Zeitraum von 1976 bis 1999 abgeschlossen. Die Studie ... umfasst 247 Millionen Personenjahre. Von 1978 bis 1999 ist ein altersabhängiger jährlicher Anstieg beim Schilddrüsenkrebsverhältnis von 2,1% pro Jahr festzustellen. Die Studie ergab, dass ab 1988 ein zusätzlicher hoch signifikanter Anstieg bei der Schilddrüsenkrebsinzidenz von 2,3% pro Jahr zu verzeichnen ist. Die tschechische Bevölkerung war durch die Tschernobyl-Katastrophe einer relevanten kollektiven Schilddrüsendosis ausgesetzt, obwohl die Kontamination des Gebietes der Tschechischen Republik durch Tschernobyl-Fallout und Radiojod, und damit die individuelle Schilddrüsen-Organdosis, viel niedriger war als in Belarus, der Ukraine und Russland. Da in der Tschechischen Republik eine gesteigerte medizinische Beobachtungsintensität nach dem Tschernobyl-Unfall als Ursache für den beobachteten Anstieg der Schilddrüsenkrebsinzidenz unwahrscheinlich ist, scheint das radioaktive Jod aus Tschernobyl die Ursache für die gehäuften Erkrankungen zu sein. ... (Sonderdruck aus Zeit-Fragen, Nr. 8)

9.11.04

Nach jahrelangen Verfahren um eine staatliche Pension vor ukrainischen Gerichten hat ein Opfer des Unfalls im Atomkraftwerk Tschernobyl jetzt in Straßburg einen Sieg errungen. Der Europäische Gerichtshof verurteilte die Ukraine ... zu einer Entschädigungszahlung von 20.000 Euro. Das Land habe gegen die in der Menschenrechtskonvention verankerten Rechte auf Eigentumschutz und auf einen fairen Prozess verstoßen. Die Klägerin hatte 1986 bei den Aufräumarbeiten nach dem Kraftwerksunglück geholfen und war danach schwer erkrankt, Nach dem Gang durch mehrere Instanzen wurde ihr aber erst im Mai 2004 eine Invaliditätsrente zugesprochen, rückwirkend zum September 1996. In Anbetracht der finanziellen und gesundheitlichen Situation der Klägerin seien diese Gelder viel zu spät bezahlt worden, urteilten die Straßburger Richter. ... (dpa)

22.11.04

... Fünf Prozent des strahlenden Cäsiums 137, das durch den (Tschernobyl-)Unfall freigesetzt worden war, gelangten nach Schweden. Infolgedessen, so sind sich jetzt ForscherInnen der Universitäten Linköping und Örebro sicher, erkrankten 849 SchwedInnen an Krebs. In einigen Regionen stieg die Krebsrate um satte 20 Prozent. ... Bislang sei gängige Forschermeinung gewesen, dass die in Schweden relativ "schwachen" Cäsium-Mengen kaum zu statistisch nachweisbaren gesundheitlichen Auswirkungen führen würden. Doch haben die Wissenschaftler von 1988 bis 1996 1,14 Millionen EinwohnerInnen der sieben nördlichsten Provinzen Schwedens untersucht. Von ihnen erkrankten in dieser Zeit 22.400 an Krebs. ... In den Gebieten mit relativ hoher Belastung lag die Erkrankungsrate bis zu einem Fünftel höher als in den schwach betroffenen Vergleichsregionen. "Eigentlich sollte man diese Resultate bei den allgemein niedrigen Dosen nicht bekommen", sagt Strahlenexperte (Leif) Moberg mit deutlicher Skepsis. "Außerdem entwickelt sich Krebs langsamer. Bis man Ergebnisse sieht, dauert es sonst mehrere Jahrzehnte". Das Strahlenschutzinstitut SSI war von allenfalls 300 zusätzlichen Krebserkrankungen in 50 Jahren nach Tschernobyl ausgegangen. ... In dem am schlimmsten von Cäsium betroffenen Gebiet um die Stadt Gävle habe es mit 386 Krebsfällen 68 mehr gegeben als nach der allgemeinen Statistik zu erwarten. Im Durchschnitt ist das Krebsrisiko im untersuchten Gebiet um 11 Prozent gestiegen. Die VerfasserInnen der Studie legen ... ihre Ergebnisse so aus, dass eine bereits vorhandene Anlage zur Krebsentwicklung durch die zusätzliche Tschernobyl-Strahlenmenge verstärkt worden sei. Leif Moberg bleibt dennoch skeptisch: "Dann müsste man eigentlich Unterschiede bei Tumorformen sehen, von denen wir wissen, dass sie eher von radioaktiver Strahlung verursacht werden als andere" - Leukämie oder Schilddrüsenkrebs etwa. Diese Unterschiede gebe es aber seltsamerweise nicht. ... (taz)

5.5.05

In Großbritannien gelten ... auch 19 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wegen der anhaltenden radioaktiven Verseuchung immer noch restriktive Maßnahmen für 379 landwirtschaftliche Betriebe, die insgesamt eine Fläche von 74.000 Hektar und 200.000 Schafe umfassen. Das bestätigte die EU-Kommission auf eine Anfrage .... Im Juni 1986 hatten die britischen Behörden Einschränkungen für den Transport, den Verkauf sowie das Schlachten der Schafe in den Regionen Englands, Wales, Schottlands und Nordirlands angeordnet, die von den Auswirkungen des Tschernobyl-Unfalls am stärksten beeinträchtigt waren. ... 19 Jahre nach dem Unfall von Tschernobyl gelten sie weiterhin für zahlreiche Viehzuchtbetriebe, insbesondere im Norden von Wales. Dass es notwendig ist, in Großbritannien solche restriktiven Maßnahmen zu verhängen, liegt ... insbesondere (daran) ..., dass zahlreiche Weideflächen in mittlerer Höhenlage aus naturnahem Grasland bestehen, heißt es in der Erklärung der EU-Kommission (P-1234/05DE vom 21.4.2005). Dort befänden sich Pflanzen, die das radioaktive Cäsium akkumulieren und verwerten. Und die Böden förderten zudem die Mobilität und die Verfügbarkeit des radioaktiven Cäsiums. Das selbe Phänomen werde in kleinerem Umfang auch bei den In-vivo-Überwachungskampagnen für Schafe beobachtet, die die zuständigen Behörden der Republik Irland durchgeführt haben, heißt es weiter. Ähnliche Situationen bestünden auch in bestimmten Regionen anderer Mitgliedstaaten, so in Schweden und Finnland, für die Rentiere in natürlicher und naturnaher Umgebung.
Aufgrund der seit dem Tschernobyl-Unfall gewonnenen Erfahrungen ist die EU-Kommission der erklärten Ansicht, dass in den Regionen der Mitgliedstaaten, die erheblich von den Folgen dieses Unfalls betroffen waren, in den kommenden Jahrzehnten mit keinen nennenswerten Veränderungen bei der Verseuchung ... bestimmter Produkte aus natürlichen und naturnahen Umgebungen mit radioaktivem Cäsium zu rechnen ist. ... Im Rahmen einer Umfrage bei den EU-Mitgliedstaaten im Jahre 2002 wurde der Kommission bestätigt, dass zum Beispiel in Wildbret ..., in Wildpilzen und wild wachsenden Beeren sowie in Fleisch fressendem Fisch aus Seen in bestimmten Regionen in Deutschland, Österreich, Italien, Schweden, Finnland, Litauen und Polen Werte einer Belastung mit Cäsium-137 in Höhe von zuweilen mehreren Tausend Becquerel pro Kilogramm erreicht werden können.
In ihrem "Bemühen um die Sensibilisierung der Bevölkerung für die anhaltende Kontamination bestimmter wild vorkommender Erzeugnisse" habe die EU-Kommission ... 2003 eine Empfehlung über den Schutz und die Unterrichtung der Bevölkerung verabschiedet, .... Der Empfehlung zufolge sollten die Mitgliedstaaten ... der EU-Kommission über das Schnellwarnsystem der Gemeinschaft ... nachgewiesene Fälle solcher in der Gemeinschaft in Verkehr gebrachter Erzeugnisse melden, die die zulässigen Höchstwerte überschreiten. Bislang seien bei der Kommission jedoch nur wenige Meldungen der Mitgliedstaaten eingegangen. Sie hätten insbesondere Produkte aus Deutschland und Polen betroffen. ... (Strahlentelex)