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14.10.2021

Wiederzulassung von Glyphosat stoppen – Kilometerweite Verbreitung über die Luft bestätigt

Berlin/Brüssel. Die Annahme der EU-Behörden, Glyphosat würde sich nicht über die Luft verbreiten, ist widerlegt. Die 2020 erschienene, erste bundesweite Studie zur Pestizid-Belastung der Luft wurde von unabhängigen Wissenschaftlern im Peer-Review-Verfahren begutachtet und ist jetzt im renommierten Fachmagazin „Environmental Sciences Europe“ erschienen. Die Studie im Auftrag des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und des Umweltinstituts München belegt, dass sich Glyphosat sowie Dutzende andere Pestizide über die Luft kilometerweit bis in Nationalparks und Städte hinein verbreiten. Im EU-Zulassungsverfahren für die Anwendung von Glyphosat wird ein Lufttransport jedoch bislang ausgeschlossen.

Boris Frank, Vorsitzender des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft: „Das EU-Zulassungsverfahren für Glyphosat baut auf falschen Tatsachen auf. Unsere nunmehr von einem unabhängigen Wissenschaftsgremium überprüfte Studie zeigt, dass sich das Ackergift an Staubpartikel bindet und über die Luft kilometerweit ins Land getragen wird. Glyphosat landet in schützenswerten Naturräumen, auf Bio-Äckern und in unserer Atemluft. Die EU-Kommission muss umgehend handeln und Mensch und Natur besser schützen. Glyphosat darf auf keinen Fall erneut zugelassen werden.“ 

Im Rahmen der begutachteten Studie „Pesticides and pesticide-related products in ambient air in Germany“ konnte an jedem einzelnen von insgesamt 69 in ganz Deutschland verteilten Messstellen das Ackergift Glyphosat nachgewiesen werden. Es fand sich weit abseits von potenziellen Ursprungs-Äckern, so etwa im Bayerischen Wald oder auf dem Harzer Brocken. Glyphosat ist von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft und hat eine verheerende Wirkung auf Insekten und ihre Lebensräume. 

Christine Vogt, Agrarexpertin beim Umweltinstitut München: „Es ist nun klar bewiesen, dass sich Ackergifte weiter verbreiten, als von den Zulassungsbehörden bislang angenommen. Wir fordern die EU-Behörden auf, diese wissenschaftlich bestätigten Erkenntnisse in die Neubewertung von Glyphosat einfließen zu lassen. Alles andere wäre grob fahrlässig.“ Derzeit läuft die Öffentlichkeitsbeteiligung zur Wiederzulassung von Glyphosat ab 2022. Das Bündnis und das Umweltinstitut reichen die Studienergebnisse von „Pesticides and pesticide-related products in ambient air in Germany“ dafür bei den entsprechenden Behörden ein.

Neben Glyphosat wurden durch die Studie noch Dutzende weitere Pestizide in der Luft nachgewiesen. „Wir haben insgesamt 109 verschiedene Pestizide gefunden, darunter 28 Substanzen, die in Deutschland gar nicht zugelassen sind“, sagt Dr. Maren Kruse-Plaß, Erstautorin der Studie und Wissenschaftlerin bei dem Forschungsbüro TIEM Integrierte Umweltüberwachung, das die Studie durchgeführt hat. „In jeder Probe war mindestens ein Pestizid nachweisbar, in den meisten mehrere Wirkstoffe und an einem Standort gab es sogar 36 verschiedene Substanzen. Wir haben einen Chemie-Cocktail in der Luft, dessen Wirkungen auf Menschen und Tiere gänzlich unbekannt ist.“   

Das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und das Umweltinstitut München stellen sich hinter die Forderung der Europäischen Bürgerinitiative „Bienen und Bauern retten!“, bis zum Jahr 2035 in der EU schrittweise alle chemisch-synthetischen Pestizide zu verbieten. Im europäischen Pestizid-Zulassungsverfahren muss bis dahin der Ferntransport und die Kombinationswirkung unterschiedlicher Wirkstoffe unbedingt berücksichtigt werden. Das Verfahren zur Zulassung von Glyphosat nach 2022 ist dafür ein guter Anfang.   

Weitere Informationen

Die wissenschaftliche Veröffentlichung (offen zugänglich): Maren Kruse-Plaß; Frieder Hofmann; Werner Wosniok; Ulrich Schlechtriemen; Niels Kohlschütter: Pesticides and pesticide-related products in ambient air in Germany, Environmental Sciences Europe, Oktober 2021, DOI: https://doi.org/10.1186/s12302-021-00553-4 

Zur Studie „Pestizid-Belastung der Luft“:
Die Studie wurde von dem Forschungsbüro „TIEM Integrierte Umweltüberwachung“ durchgeführt, im Auftrag des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft sowie des Umweltinstituts München. Für die Studie wurden von März bis November 2019 über die gesamte Bundesrepublik verteilt Pestizide in der Luft gemessen. Untersucht wurden 69 Standorte im Umkreis von weniger als 100 bis hin zu mehr als 1000 Metern Entfernung von potenziellen Quellen – in Städten und auf dem Land, in konventionellen und Bio-Agrarlandschaften sowie in Schutzgebieten. Die Daten wurden mit Hilfe von neu entwickelten technischen Passivsammelgeräten und aus Filtermatten in Be- und Entlüftungsanlagen von Gebäuden erhoben. In die Gesamtstudie von 2020 flossen zudem Resultate der Analyse von Bienenstöcken ein sowie die Ergebnisse einer Untersuchung, bei der zwischen 2014 und 2019 Baumrinden auf Pestizide geprüft wurden. Die Ergebnisse der Analysen der Baumrinden- und Bienenstock-Proben wurden aufgrund der Komplexität der Daten für die Veröffentlichung im Magazin nicht herangezogen.

Kurz- und Langfassung der Studie „Pestizid-Belastung der Luft“ von 2020: https://www.enkeltauglich.bio/studie-pestizid-belastung-der-luft/

Kontakte für Presseanfragen:

• Johanna Bär, Geschäftsführerin, Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft,
Tel.: +49 170 7756656, E-Mail: Johanna.baer@enkeltauglich.bio, www.enkeltauglich.bio

• Christine Vogt, Expertin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz am Umweltinstitut München,
Tel.: +49 89 307749-27, E-Mail: cv@umweltinstitut.org, www.umweltinstitut.org

• Dr. Maren Kruse-Plaß, Dipl. Biologin bei TIEM Integrierte Umweltüberwachung und Erstautorin der Studie „Pestizid-Belastung der Luft”
Tel.: +49 160 99498980, E-Mail: mkp@tieminfo.de, www.tieminfo.de 

Zum Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft:
Das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft ist ein Zusammenschluss von namhaften Bio-Unternehmen, von denen viele zu den Pionieren des ökologischen Landbaus zählen, sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen. Die Akteurinnen und Akteure wollen basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und im Dialog dazu beitragen, die Lebensgrundlagen der kommenden Generationen zu erhalten und sie dort, wo sie bereits beschädigt sind, wieder aufzubauen. Mehr unter www.enkeltauglich.bio.

Zum Umweltinstitut München:
Das Umweltinstitut München ist eine deutsche Umweltschutzorganisation, die sich nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl als unabhängige Messstelle für Radioaktivität gründete. Inzwischen arbeitet der spendenfinanzierte, gemeinnützige Verein unter anderem auch zu den Auswirkungen der industriellen Landwirtschaft auf Mensch und Natur. Das Umweltinstitut informiert kritisch durch eigene Messungen, Studien sowie Kampagnen und Protestaktionen. Mehr unter: www.umweltinstitut.org.