22 Jahre nach Tschernobyl:
Atomkraftwerke gefährden die Gesundheit
Der weltweite Ausstieg aus der Atomenergie wird immer dringlicher
München, 24. April - Auch 22
Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erkranken und sterben
Menschen durch den Betrieb von Atomkraftwerken. Denn unser
Verständnis über die Wirkung radioaktiver Strahlung ist
völlig veraltet. Trotzdem wird die Forschung weiter
zurückgefahren.
Vor 22 Jahren ereignete sich der bislang folgenschwerste Unfall in der
Geschichte der so genannten friedlichen Nutzung der Atomenergie: Am 26.
April 1986 explodierte das Atomkraftwerk Tschernobyl.
Schilddrüsenkrebserkrankungen nahmen in der Folge in den
hochbelasteten Gebieten um Tschernobyl dramatisch zu. Überlebende
Aufräumarbeiter, so genannte Liquidatoren, leiden bis heute unter
den gesundheitlichen Folgen. Eine jüngste Analyse von Dr. Alfred
Körblein, ehemaliger Mitarbeiter des Umweltinstituts München,
belegt für das Jahr 1987 eine signifikante Erhöhung der
Leukämierate bei Jungen in den an den Unglücksreaktor
angrenzenden Gebieten. Der Zusammenhang zwischen einer erhöhten
Rate dieser Krebserkrankung und der Katastrophe von Tschernobyl war
bislang stets verneint worden.
Aber auch der Normalbetrieb von Atomkraftwerken birgt
Gesundheitsgefahren, wie die im Dezember 2007 veröffentlichte
Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Atomkraftwerken, kurz
KiKK-Studie, aufgezeigt hat. Die Ergebnisse bestätigten
frühere Analysen des Umweltinstituts München: In Deutschland
erkranken Kinder unter fünf Jahren häufiger an Krebs,
insbesondere an Leukämie, je näher sie an einem Atomkraftwerk
wohnen. Die Fachwelt lobt diese Studie als die umfangreichste und
fundierteste, die bislang zu diesem Thema durchgeführt wurde.
Nach derzeitigem Kenntnisstand ist die Strahlenbelastung der
Bevölkerung durch den Normalbetrieb der Atomkraftwerke zu gering,
um die Erkrankungen erklären zu können.
Deshalb fordert Karin Wurzbacher, Physikerin am Umweltinstitut
München: "Die Forschung ist nun gefordert. Sie muss klären,
ob die im Strahlenschutz verwendeten Berechnungsgrundlagen korrekt sind
und ob unser Wissen über die Wirkung niedriger Strahlendosen
Lücken aufweist - insbesondere bei Kleinkindern und ungeborenem
Leben." Denn schließlich beruhe unser heutiges Verständnis
über die Strahlenwirkung vor allem auf den Daten von Erwachsenen
aus Hiroshima und Nagasaki, die mit den Abgaben eines Atomkraftwerks im
Normalbetrieb nicht verglichen werden könnten.
Seit Veröffentlichung der KiKK-Studie hat die Politik keine
Konsequenzen gezogen, lediglich Prüfungen der Studie sind
angeordnet worden. Christina Hacker, Vorstand im Umweltinstitut
München: "Die betroffenen Kinder und Eltern fragen, und sie haben
ein Recht auf unverzügliche Antworten." Die Hinweise auf einen
ursächlichen Zusammenhang seien so deutlich, dass unser
strahlenbiologisches Wissen auf den Prüfstand gehöre, "und
zwar schleunigst".
Stattdessen werden deutschlandweit Lehrstühle in der
Strahlenbiologie nicht mehr besetzt und Institute dicht gemacht, wie
zum Beispiel das Strahlenbiologische Institut der
Ludwigs-Maximilians-Universität München. Um die KiKK-Studie
erklären zu können, wird aber gerade diese Forschung
gebraucht. Sie muss intensiviert werden und nicht abgeschafft.
Ungeachtet weiterer Studien, die zur Klärung notwendig sind,
fordert das Umweltinstitut München als sofortige Konsequenzen aus
der Kinderkrebsstudie:
die Umkehr der Beweislast: Nicht die betroffenen Eltern und Kinder
müssen beweisen, dass radioaktive Strahlung die Ursache der
Erkrankung ist, sondern die Betreiber müssen beweisen, dass die
Emissionen nicht als Ursache infrage kommen
keine Laufzeitverlängerungen für ältere Atomkraftwerke
keine Neubauten von AKW
den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Atomkraftnutzung, weltweit
Informationen über das Umweltinstitut München finden Sie unter:
www.umweltinstitut.org/selbstdarstellung
Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an das:
Umweltinstitut München e.V.
Christina Hacker und Karin Wurzbacher
Tel. (089) 30 77 49-11
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