Säuglingssterblichkeit nach Tschernobyl in
skandinavischen Ländern
Zusammenfassung
Nach Tschernobyl war die Säuglingssterblichkeit in Schweden
wie auch in Finnland und Norwegen hochsignifikant um 15,8%
gegenüber dem Trend der Jahre 1976-2006 erhöht.
Für 1987-1992 errechnen sich insgesamt 1209
zusätzlich gestorbene Säuglinge (95%
Vertrauensbereich: 875-1556).
Hintergrund
Im Jahr 1987, dem Jahr nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl am 26.
April 1986, war die Perinatalsterblichkeit in Deutschland und in Polen
signifikant erhöht [1]. Die skandinavischen Länder
Finnland, Schweden und Norwegen befanden sich unter den vom
Tschernobylfallout am höchsten belasteten Ländern
Europas. Dazu kommt, dass dort viel Rentierfleisch gegessen wird.
Rentiere ernähren sich von Flechten und nehmen dabei extrem
viel Cäsium auf. So musste in der ersten Zeit nach Tschernobyl
eine große Zahl von Rentieren als radioaktiver Abfall
getötet und entsorgt werden. Man kann sich leicht vorstellen,
dass nach einigen Jahren Abstinenz wieder Rentierfleisch gegessen
wurde. Dies könnte zu Schädigungen bei Neugeborenen
geführt haben.
Im Folgenden wird die Säuglingssterblichkeit in Schweden,
Finnland und Norwegen in den Jahren nach Tschernobyl verglichen mit den
Werten, die aufgrund des langjährigen Verlaufs der Daten
erwartet werden.
Daten und Methoden
Die Jahreszahlen der Lebendgeborenen und der gestorbenen
Säuglinge unter einem Jahr, 1976-2006, wurden von den
Homepages der statistischen Ämter dieser Länder
bezogen (http://tilastokeskus.fi/, http://www.scb.se/,
http://www.ssb.no).
Es wird ein lineares logistisches Regressionsmodell verwendet, das
neben der Zeitvariablen eine Dummyvariable für die
Zusatzsterblichkeit ab dem Jahr 1987 enthält, und welches ein
Zeitfenster variabler Länge kennzeichnet. Das Modell hat die
Form p = G(y), wo G(y) die logistische Funktion exp(y)/(1+exp(y)) ist,
mit der Variablen y=ß0+ß1*t+ß2*d. Die
Zeitvariable t ist Kalenderjahr minus 1980. Für die
Prüfung der Signifikanz der Parameterschätzer wird
ein t-Test verwendet.
Bei der Bestimmung der Signifikanz des Tschernobyleffekts muss
allerdings berücksichtigt werden, dass nicht nur die
Größe des Effekts, sondern auch die Länge
des Zeitfensters aus den Daten geschätzt wird, wofür
ein weiterer Parameter benötigt wird. Deshalb wird ein F-Test
mit zwei Freiheitsgraden verwendet, wobei F folgendermaßen
definiert ist:
F=(SSE0-SSE1)/(DF0—DF1)/(SSE1/DF1)
Hier sind SSE0 and SSE1 die Summen der Fehlerquadrate aus Regressionen
mit und ohne den Tschernobylterm, und DF0 and DF1 die jeweils
zugehörige Zahl von Freiheitsgraden. Der Freiheitsgrad ist
definiert als die Zahl der Beobachtungen (Datenpunkte)
abzüglich der Zahl der Modellparameter (DF=N-P).
Ergebnisse
In jedem der drei Ländern zeigt sich ab 1987 eine deutliche
Erhöhung der Säuglingssterblichkeit. Die beste Wahl
für die Dauer des Zeitfensters ist ein Zeitraum von sechs
Jahren, also 1987 bis 1992. Die Ergebnisse der einzelnen Regressionen
enthalten die Tabellen 1 bis 3. In allen Datensätzen ist der
„Tschernobyleffekt“ hochsignifikant. Die
Jahresdaten der Säuglinssterblichkeit und deren Abweichungen
vom langjährigen Trend (Residuen) zeigen die Abbildungen 1 und
2.
Werden die Daten aus Schweden, Finnland und Norwegen aufsummiert, so
ergibt die Regressionsanalyse eine extrem signifikante 15,8%-ige
Erhöhung im oben genannten Zeitfenster (siehe Tabelle 4). Die
Abbildungen 3 und 4 zeigen den zeitlichen Verlauf der
Säuglingssterblichkeit und der Residuen.
Mit SSE0=201 und SSE1=62, DF0=28 und DF1=26 ergibt sich ein F-Wert von
29,1, und daraus ein p-Wert von 2,3E-7. Aus der Erhöhung der
Sterblichkeit errechnet sich eine Zahl von 1209 zusätzlich in
den Jahren 1987-92 gestorbenen Säuglingen in Finnland,
Schweden und Norwegen zusammengenommen (95% Vertrauensbereich:
875-1556).
Eine deutliche Verbesserung der Signifikanz der Ergebnisse
lässt sich durch eine gemeinsame Analyse der 3
Datensätze erzielen. Dabei werden die langjährigen
Trends für jeden der drei Datensätze individuell
bestimmt, aber nur ein Parameter für den Tschernobylterm
verwendet. Bei diesem Verfahren wird die Wahrscheinlichkeit berechnet,
dass die erhöhte Säuglingssterblichkeit gleichzeitig
in drei unabhängigen Datensätzen beobachtet wird. Der
p-Wert errechnet sich nun zu 5,5E-12 (F-Test) und ist damit um mehrere
Größenordnungen kleiner als der p-Wert von 2,3E-7,
der sich bei bloßer Addition der Fallzahlen aus den drei
Ländern ergibt.
Alfred Körblein, 28. März 2008
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[1] Körblein A, Küchenhoff H. Perinatal mortality in
Germany following the Chernobyl accident. Radiat Environ Biophys. 1997
Feb;36(1):3-7.
Tabelle 1:
Ergebnisse für Schweden
|
Parameter
|
Schätzer
|
SE
|
t-Wert
|
p-Wert
|
|
ß0
|
-4,9097
|
0,0150
|
-328,4
|
<0,0001
|
|
ß1
|
-0,0374
|
0,0012
|
-31,17
|
<0,0001
|
|
ß2
|
0,1325
|
0,0233
|
5,693
|
<0,0001
|
Tabelle 2: Ergebnisse für Finnland
|
Parameter
|
Schätzer
|
SE
|
t-Wert
|
p-Wert
|
|
ß0
|
-4,8917
|
0,0180
|
-272,2
|
<0,0001
|
|
ß1
|
-0,0379
|
0,0015
|
-25,24
|
<0,0001
|
|
ß2
|
0,1105
|
0,0308
|
3,585
|
0,0013
|
|