Sustainable Development -

dauerhaft - umweltgerecht - nachhaltig -

tragfähig - zukunftsfähig oder verträglich ?

Eines gleich vorweg: Bereits mit dem Begriff fangen die Schwierigkeiten an. Eine einheitliche bzw. allseits akzeptierte Übersetzung des in Institutionen mit englischem Sprachgebrauch entwickelten Konzepts Sustainable Development (SD) gibt es nicht. Das ist bereits die erste Schwierigkeit, mit der wir Agenda Akteure zu tun haben. Dennoch war es lange überfällig, dass sich die Münchner Stadtgespräche mit dem Thema beschäftigen.

Ich möchte an dieser Stelle einen kleinen Einstieg geben in die Thematik und versuchen, ein wenig von der Faszination, die in diesem Begriff steckt, rüber zu bringen.
Eine Annäherung an das, was unter "Nachhaltiger Entwicklung" verstanden werden soll, erfolgt in der Regel aus ganz bestimmten Blickwinkeln. Aus der Sicht des Historikers wird auf die Deutsche Forstwirtschaft des frühen 18. Jahrhunderts verwiesen, denn die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung ist einfach ein einleuchtendes Bild. Die Politikwissenschaftler vermögen den Weg des Begriffs in seiner Anwendung auf den Umweltkonferenzen der Vereinten Nationen und über die Brundtland-Kommission bis zur "Weltstrategie für die Erhaltung der Natur" von 1980 zurück verfolgen. Schließlich gibt es die Umweltwissenschaftler, die der Meinung sind, der Begriff gehöre in ihre Disziplin und die Sozialwissenschaftler, die den Versuch unternehmen, das Wortpaar auf ihr Gesellschaftsmodell anzupassen.
Ich möchte, um diese klassischen Annäherungen zu umgehen, mit einigen teilweise provokativen Thesen einsteigen.

These 1: SD ist heute ein Begriff der Entwicklungspolitik. (Aber was ist denn nun eigentlich Entwicklungspolitik?) SD ist ein politisches Konzept. Es ist in seiner heute gebräuchlichen Form aus der Kritik an der globalen Entwicklungspolitik der 70er Jahre entstanden, als die Unzulänglichkeiten unseres Entwicklungsmodells erstmalig Gegenstand des öffentlichen Diskurses wurden (Stichwort: Grenzen des Wachstums)

These 2: SD ist ein Begriff der Wirtschaftswissenschaften (und nicht z.B. der Ökologie). Gegenstand jeglicher SD-Betrachtung ist der Umgang des Menschen mit dem ihm anvertrauten Kapital: die Bewirtschaftung der Meere, der Gebirgsregionen; der bewusste Umgang mit Natur- und Humankapital, das effiziente Management von Flächen und Energieressourcen, die Vorsorge gegenüber kommenden Generationen. Nicht zuletzt die Unfähigkeit bzw. die Unmöglichkeit, aus der neoklassischen Ökonomie heraus mit dem Begriff zurechtzukommen, hat dann auch zur Entstehung der "Ökologischen Ökonomie" als Forschungsrichtung geführt.

These 3: SD ist ein erkenntnistheoretisches akademisch-abstraktes Konstrukt. Die Segmentierung und Spezialisierung der Wissenschaften; die "Verantwortungslosigkeit" der Politik; das Desinteresse bzw. die Frustration der BürgerInnen verlangten nach einem Konzept, einer Vision, nach einer Utopie, die es zu verfolgen lohnt. Nachhaltigkeit ist das Vakuum aus der Integration von Zukunftsgestaltung.

Wer den umfangreichsten Versuch einer Operationalisierung von SD studiert - die Agenda 21 der Vereinten Nationen - der wird Folgendes feststellen:

Unsere Aufgabe im Münchner Agenda 21 Prozess liegt aber darin, das Konzept "SD" vor Ort zu operationalisieren. Im Tagesgeschäft sind diese philosophischen Betrachtungen nicht gefragt. Was ist denn "Nachhaltige Entwicklung" in unserem Arbeitsverständnis? Zusammenfassend lässt sich die Definition aus dem Brundtland-Report wiedergeben: " Eine Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht befriedigen können".

Für eine "Lokale Agenda 21" sind in München in den letzten Jahren verschiedenste Diskurse, Strategien, Elemente, Projekte, schlicht Bausteine in Angriff genommen worden, um die Nachhaltigkeit dieses Gemeinwesens vor der globalen Verantwortung weiter zu entwickeln. Dazu zählen die Aktivitäten der Erwachsenenbildungsträger in ihren Jahresprogrammen, die Maßnahmen der Kammern und Unternehmensverbände (z.B. aktuell die von future e.V. erarbeiteten "Kriterien für nachhaltiges Wirtschaften"), die im Stadtentwicklungsplan verankerten Leitlinien; die in verschiedensten Hochschul- und Forschungsinstituten untersuchten Fragestellungen (z.B. MOBINET; ZAE), die in den Stadtbezirken und den Bezirksausschüssen laufenden institutionellen Veränderungen (z.B. in Freimann), die in Bürgerinitiativen und Vereinen verfolgten Projekte (LETS, Mehr Demokratie e.V.).

In diesem Heft sollen einige Merkmale von Nachhaltiger Entwicklung in unserer Region dargestellt werden. Die Redaktion der Münchner Stadtgespräche hat dazu einige Personen gebeten, ob sie sich zu ihren Aktivitäten äußern wollen. Die Bausteine reichen von konkreten Projekten bis zu allgemeinen aber auch kritischen Reflexionen. Sie behandeln die aktuelle Lebensstil - Kampagne, die Erarbeitung von Indikatoren und den aktuellen Stand bei der Bürgerstiftung. Die Erfahrungen bei Radio Feierwerk und von Wohnen ohne Auto sowie ein Blick auf das Ökologische Bildungszentrum runden den bunten Strauß an Beiträgen ab.

Nachhaltigkeit lebt vom qualifizierten Diskurs. Ich möchte alle Leser an dieser Stelle auch noch einmal dazu aufrufen, diesen Diskurs zu führen: in ihrer Nachbarschaft, im Stadtrat, in der Presse, ob abstrakt und theoretisch, ob konkret und projektbezogen. Die Zukunft setzt auf Ihren Beitrag.

Ramón Arndt,
Stadtökologe in der Stadtentwicklungsplanung, Agenda Beauftragter,
e-mail: ramon.arndt@muenchen.de

Umweltinstitut München e.V.