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Agrartreibstoffe

Agrokraftstoffe im Flugverkehr

Agro-Kerosin: Der Irrsinn bekommt Flügel

Seit 1. Juli 2011 dürfen Fluglinien Agrokerosin tanken und so ihre fliegenden Klimakiller grün waschen. Obwohl die EU längst einsehen musste, dass ihre Agrosprit-Politik den Klimawandel anheizt und den Welthunger verschärft, unterstützt das Bundeswirtschaftsministerium Lufthansas Agrosprit-Pläne mit 2,5 Millionen Euro.

Der Flugverkehr wächst, laut Internationaler Luftfahrtsorganisation IATA jedes Jahr um fünf Prozent. Dadurch nehmen die Emissionen in diesem Sektor stärker zu als in jedem anderen Wirtschaftszweig der EU. Schon jetzt macht der Flugverkehr sieben Prozent der weltweiten Treibhausgase aus.

Daher wurde die Luftfahrtbranche verpflichtet, den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern. Bis 2050 sollen Flugzeuge nur noch halb so viel CO2 erzeugen wie im Jahr 2005. Ab 2012 müssen alle in Europa landenden Fluglinien am Emissionshandel (Emissions Trading Scheme, ETS) teilnehmen. Dabei wird den Fluglinien eine bestimmte Menge an Verschmutzungsrechten zugeteilt. Fluglinien, die mehr CO2 emittieren, als ihnen erlaubt ist, müssen Strafe zahlen.

Das bringt die Luftfahrtunternehmen in eine Zwickmühle: Wie können sie die konkurrierenden Ziele "mehr Flüge" und "weniger Emissionen" unter einen Hut bringen?

Die Lüge von der Klimaneutralität

Agrokraftstoffe gelten im Emissionshandelssystem als klimaneutral. Wer mit Agrotreibstoffen fliegt, verursacht also angeblich null Emissionen. Dies ist für die Fluglinien ein großer Anreiz, sehr schnell sehr viele ihrer Flieger mit Derivaten aus Pflanzen- oder Tierfetten zu betanken.

Agrotreibstoffe sind Klimakiller

© Andreas Zörb / pixelio.de

Doch Agrotreibstoffe sind alles andere als klimaneutral. Für den Anbau werden riesige zusätzliche Ackerflächen benötigt. Wälder werden zerstört, was den Klimawandel weiter anheizt. Die industriell betriebene Landwirtschaft verursacht große Klima- und Umweltschäden. Die Preise für Nahrungsmittel und Ackerflächen steigen, so dass eine wachsende Zahl Armer für die Business- und Ferienflüge einer "jetsettenden" Minderheit mit dem Leben bezahlt. Immer mehr Menschen werden von ihrem Land vertrieben, auf dem große Konzerne und Investmentfonds dann im Rahmen einer umweltschädlichen Industrielandwirtschaft Agrarrohstoffe anbauen.

EU handelt gegen besseres Wissen

Gerade sickerten vier neue Expertenstudien der EU durch, die bestätigen sollen, dass Biotreibstoffe mehr negative als positive Effekte haben. Diese Studien wurden der Nachrichtenagentur Reuters zugespielt. Leider sind sie nicht öffentlich zugänglich, die Europäische Kommission wies eine Anfrage von Reuters auf Offenlegung "aufgrund mangelnden öffentlichen Interesses" zurück. Doch statt des mangelnden öffentlichen Interesses dürften eher die wirtschaftlichen Interessen der immer potenteren europäischen "Bio"-Kraftstoffindustrie, sowie der Auto- und Fluglobby eine Rolle spielen. Denn die bestehende Verordnungslage ermöglicht es den Fluglinien, den falschen Weg des "immer schneller, immer größer, immer weiter" beizubehalten.

Nachhaltiges Flugbenzin aus Schlachtabfällen?

Bisher wird die Beimischung von Agrokerosin erst von der niederländischen Fluglinie KLM, der britischen Thomson Airways und der deutschen Lufthansa getestet. Doch weitere europäische und amerikanische Airlines wollen bald nachziehen.

Das in der Testphase von Lufthansa eingesetzte Kerosin wird angeblich aus Jatropha, Leindotteröl und finnischen Schlachtabfällen gewonnen. Der Agrosprit von KLM und Thomson Airways wird vom US-Hersteller Dynamic Source aus gebrauchtem Speiseöl raffiniert.

Bis 2050 soll dem Flugbenzin mindestens 40 Prozent Agrotreibstoff beigemischt werden - bei einem wachsenden Flugaufkommen. Woher der enorme Nachschub an organischen Rohstoffen in Zukunft kommen soll, wird nicht erklärt. Sicherlich nicht aus amerikanischen Fritteusen und finnischen Schlachthäusern. Die großen Mengen an Agrokerosin werden aus Zuckerrohr, Rüben, Mais oder Soja hergestellt - so wie dies bereits bei Ethanol und Diesel der Fall ist.

Algensprit statt Agrosprit?

Da die negativen Auswirkungen der "Bio"-Kraftstoffpolitik unübersehbar sind, propagieren die Airlines den baldigen Einsatz der so genannten "3. Generation von Agrokraftstoffen", die aus Algen gewonnen werden. Der Ertrag pro Hektar sei im Algenreaktor wesentlich höher als bei landwirtschaftlich produzierter Biomasse, der Flächenverbrauch sei also geringer, zudem würden keine Lebensmittel mehr für die "Bio"-Spritproduktion verschwendet.

Ob diese Verfahren jemals wirtschaftlich zur Anwendung kommen ist jedoch zweifelhaft. Laut Umweltbundesamt würde ein Liter Biodiesel aus Algen derzeit 50 Euro kosten. Zudem ist sowohl der Dünger- als auch der Energiebedarf der Algenkulturen groß. Ob eine positive Energiebilanz erreicht werden kann, ist nicht geklärt. Laut Ulrich Steiner von Bayer Technology Services würden "mit behaupteten Produktivitäten" und geschönten Energiebilanzen [..] Algen-Perpetuum-Mobiles versprochen, die Energie aus dem Nichts erzeugen können".

Klimaschutz oder Flugverkehr!

Wir müssen uns entscheiden: Entweder schützen wir das Klima ODER die Fluglinien. Beides geht nicht. Weder das jetzige Ausmaß des Flugverkehrs, noch viel weniger ein weiteres Wachstum können klimafreundlich gestaltet werden. Wenn Klimaschutz und damit auch der Schutz unserer Zukunft ernst gemeint ist, muss ein neues Mobilitätsverhalten her. Und das heißt weniger Verkehr und vor allem weniger Flugverkehr.

Autor: Antje Wagner, aw@umweltinstitut.REMOVE-THIS.org

Juli 2011

Circa 500 Gramm CO2-Äquivalente bläst ein Flugzeug pro Kilometer und Passagier in die Atmosphäre. Zum Vergleich: Bei PKWs rechnet man mit einem Durchschnittswert von circa 160 Gramm pro Kilometer, bei einem vollbesetzten Auto wären das also nur noch circa 30 Gramm pro Person und Kilometer. Zudem wirken sich die Emissionen eines Flugzeuges in 9000 bis 13.000 Meter Flughöhe zwei bis fünfmal stärker aus als auf dem Boden.

Weitere Informationen zum Download

Agrospritflyer

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