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Agrarenergie

Energiepflanzen und Gentechnik

Ja, wir sind ein Paar!

© Harleqin, Carol Mc Sweeney / pixelio.de

Der Boom beim Anbau von Energiepflanzen lässt die Hoffnungen der Gentechnik-industrie wachsen, endlich auch das sperrige Europa von ihren manipulierten Pflanzen zu überzeugen. Transgene Energiepflanzen sollen zu der Akzeptanz bei Landwirten und Verbrauchern führen, an der es der Agro-Gentechnik bislang mangelt.

Forscher und Firmen spielen mittlerweile virtuos auf der Klaviatur der Ängste der Industrienationen, zunehmender Energieverknappung und -verteuerung, dem Ende des Ölzeitalters und dem Klimawandel. Einziger Ausweg aus der Misere sei demnach die schnelle gentechnische "Optimierung" von Pflanzen und Bäumen. Nachdem Gentechnik zuerst den Hunger aus der Welt zaubern sollte, soll sie nun durch "klimafreundlichen Anbau" den ökologischen Fußabdruck der Menschheit reduzieren.

Festzuhalten ist: Die Verheißungen der Industrie sind erfolgreich. Auch Umweltminister Gabriel zeigte sich im Jahr 2006 überzeugt: Einerseits müsse man die Ängste vor der Gentechnik sehr ernst nehmen. Andererseits dürfe man nicht deren Chancen verschweigen, etwa bei der Gewinnung von Energie und Rohstoffen. Umfragen zeigen, dass auch Verbraucher weniger kritisch gegenüber der Gentechnik sind, wenn sie nicht auf dem Teller, sondern im Tank landet. Das Meinungsforschungsinstitut Allensbach hat ermittelt, dass knapp 70 Prozent der Deutschen sich für den Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen aussprechen, wenn diese der Erzeugung von Sprit oder Energie dienen. Und schließlich macht sich auch der Deutsche Bauernverband für den Anbau von genmanipulierten Pflanzen im Bereich der nachwachsenden Rohstoffe stark. Verbandspräsident Sonnleitner tönte bereits im Jahr 2004: "Mit dem Herzen stehe ich dafür, dass wir die Option Gentechnik brauchen." Laut Bauernverband wird in der öffentlichen und politischen Debatte um die Gentechnik "häufig übersehen, welche Optionen die Grüne Gentechnik enthalten kann (...). Dies gilt auch für den Bereich der nachwachsenden Rohstoffe, deren Marktbedeutung für die Landwirtschaft immer entscheidender wird."

Gentechnik im Tank

Bereits heute wird deutschen Kraftstoffen Sprit aus Energiepflanzen beigemischt. Was Autofahrer nicht wissen: Dadurch gelangt auch transgener Raps aus Kanada als "Bio"-Diesel in deutsche PKW. Allein 2007 wurden nach Angaben der Umweltorganisation Greenpeace rund 500.000 Tonnen transgenes Rapsöl importiert.

Raps, Soja und Mais sind (neben Baumwolle) global die einzigen großflächig angebauten genmanipulierten Pflanzen. Für die Gentechnikfirmen ausgesprochen praktisch, denn neben Ölpalmen und Zuckerrohr sind es ausgerechnet diese drei Pflanzenarten, die derzeit auch den Markt der Agrosprit- Pflanzen dominieren. So wird in den USA im großen Stil Gen-Mais für die Ethanol- Produktion angebaut, in Brasilien Gen- Soja zu Dieselkraftstoff verarbeitet.

Zusätzlich kommt Gentechnikfirmen wie Syngenta, Bayer oder Monsanto zupass, dass der Anbau von Spritpflanzen auf Monokulturen und industriellem Anbau basiert. Die aktuell verfügbaren Gen-Pflanzen bilden entweder selber Insektizide oder sind resistent gegen Totalherbizide, die ansonsten unterschiedslos alle Pflanzen abtöten. Beide Formen von Gen-Pflanzen sind daher wie geschaffen für Agro-Sprit- Monokulturen.

Schnelle Sorten für schnelles Geld

Alle großen Gentechnikfirmen arbeiten daneben an der Entwicklung manipulierter Pflanzen, die speziell an die Bedürfnisse des heraufziehenden Energiepflanzen-Zeitalters angepasst sind. Dabei setzt auch eine neue Welle der Patentierung von Pflanzen ein, die bislang als kommerziell nicht interessant galten.

An vielen Entwicklungen ist der Gentechnik-Riese Monsanto beteiligt, dessen genmanipulierte Pflanzen, vor allem Soja und Mais, schon auf 90 Millionen Hektar weltweit angebaut werden. So plant der Konzern, besonders schnell wachsende Getreidesorten zu entwickeln. Die Firma Mendel Biotechnology, an der Monsanto Anteile hält, experimentiert mit transgenem Chinaschilf. In Brasilien soll schon 2009 herbizidresistentes Zuckerrohr auf den Markt kommen, das gegen Monsantos Universalpestizid Roundup resistent ist. Cargill, eines der weltgrößten Unternehmen im Bereich Getreidehandel, arbeitet gemeinsam mit Monsanto an Gen- Mais, der sowohl als Treibstoff als auch als Tierfutter genutzt werden kann.

Schon lange versucht die Industrie, genmanipulierte Bäume auf dem Markt zu etablieren. Der Agro-Sprit-Wahn könnte sie ihrem Ziel näher bringen.
© Harleqin, Carol Mc Sweeney / pixelio.de

Aber auch die restlichen großen Genkonzerne forschen intensiv an Energie- und Spritpflanzen. Der Schweizer Agrarkonzern Syngenta entwickelt zum Beispiel eine Maislinie mit dem implantierten Enzym Alpha- Amylase. Amylasen werden bei der Ethanolproduktion benötigt, um Maisstärke in Zucker umzuwandeln. Die Firma hofft, durch den Anbau des Gen-Mais die Produktionskosten für Ethanol senken zu können.

Big Oil mischt mit

Neben den Firmen des Agrar-Business steigen nun auch Ölfirmen in das Geschäft mit den transgenen Pflanzen ein. So drängt Steven Koonin, ein führender Berater von British Petroleum (BP), auf "genetische Verbesserungen von Energiepflanzen". Die Palette an Pflanzensorten müsse verbreitert, die Erträge erhöht sowie die Stresstoleranz verbessert werden. Dass BP nicht nur als Zaungast an der Entwicklung transgener Energiepflanzen teilnehmen will, beweist das Unternehmen auch tatkräftig. BP forscht gemeinsam mit dem US-Gentechnik- und Chemiekonzern Dupont an einem Projekt, zu dem Dupont eine neue Form von Gen-Mais beisteuern soll. Mit einer Universität in Kalifornien wurde im November 2007 ein 500 Millionen Dollar schweres Forschungsprogramm zur Erforschung neuer Energiepflanzen vereinbart – Gentechnik ausdrücklich eingeschlossen.

Optimierte Bäume

Auch die Entwicklung genmanipulierter Bäume, die der Spritproduktion dienen sollen, wird durch die Ausdehnung des Agro- Kraftstoff-Sektors gefördert. Eine Reduzierung des Holz- bzw. Ligninanteils in entsprechend "optimierten" genmanipulierten Bäumen soll in Zukunft zum Beispiel die Gewinnung von Ethanol erleichtern. Denn ohne das störende Lignin, das den Bäumen Halt gibt, könnte die im Baum enthaltene Zellulose leichter erschlossen werden. So plant die US-Firma ArborGen – Geschäftsführerin ist eine langjährige Monsanto- Managerin – einen großflächigen Einsatz von Gen-Eukalyptus mit einem verringerten Ligningehalt in Südamerika.

Energiepflanzen fördern Monokulturen, Monokulturen fördern Gentechnik

Dass durch die Ausweitung der Flächen für den Anbau von Energiepflanzen die Agro- Gentechnik auch hierzulande gefördert wird, lässt sich absehen. Schon jetzt wird vor allem in den neuen Bundesländern ein zunehmender Teil des Gen-Mais, der dort von großen Agrargenossenschaften angebaut wird, zur Energiegewinnung genutzt. Die Förderpolitik der EU gestattet es Landwirten dabei, intensive Maisproduktion auf Stilllegungsflächen zu betreiben. Einzige Einschränkung: Das Feld darf nicht gepflügt werden. Bei der pfluglosen Bodenbearbeitung ohne Fruchtfolge verbleiben jedoch große Mengen Erntereste und Maisstoppeln auf dem Feld. Diese bieten ein ideales Biotop für Schadinsekten, insbesondere den Maiszünsler. Praktisch für den Gentechnikkonzern Monsanto, dessen genmanipulierter Bt-Mais ein Insektizid gegen den Zünsler bildet. Bei hohem Schaddruck und ohne die Möglichkeit einer Bodenbearbeitung wird mit dieser agrarpolitischen Entwicklung ein Szenario geschaffen, das sowohl das massenhafte Auftreten des Zünslers als auch das massenhafte Auftreten zusätzlicher Gentechnikfelder geradezu herausfordert.

Ein industrieller Anbau genmanipulierter Sprit- Pflanzen indes ist hochproblematisch. Denn ob Gen-Pflanzen als Lebens- bzw. Futtermittel oder als nachwachsender Rohstoff auf den Acker gelangen, spielt in Bezug auf ihre Umweltauswirkungen keine Rolle. Schon bei Bt-Mais oder herbizidresistenten Gen- Pflanzen, die heute Autotanks zu füllen helfen, sind zum Beispiel negative Auswirkungen auf Böden oder nützliche Insekten sowie die gesamte biologische Vielfalt nachgewiesen. Besonders drastisch sind diese bei herbizidresistenten Gen-Pflanzen. Nach dem Spritzen der Totalherbizide finden sich auf den klinisch reinen Feldern kaum mehr Ackerkräuter und Insekten. Aufgrund der Auskreuzungsproblematik wären zukünftige genveränderte Pflanzen wie Syngentas Amylose-Mais sogar noch problematischer. Obwohl solche Pflanzen ausdrücklich der industriellen Verarbeitung dienen sollen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Verunreinigung von Produkten aus konventioneller und biologischer Landwirtschaft kommt, genauso groß. Südafrika hat aus diesem Grund den Anbau von Syngentas Sprit-Mais verboten.

Höchst bedenklich sind auch Bestrebungen, Sicherheitsbestimmungen für den Anbau solcher Gen-Pflanzen außer Kraft zu setzen, die als Energiepflanzen genutzt werden sollen. In einem Erstentwurf der Novelle des deutschen Gentechnikgesetzes wird zum Beispiel vorgeschlagen, Sicherheitsvorkehrungen für Gen-Pflanzen zu streichen, wenn sie nicht der Lebensmittel-, sondern der Energieerzeugung dienen. Denn für transgene Pflanzen, die im Tank oder der Biogasanlage landen, gibt es keine Kennzeichnungspflicht. Auch so kann einer kritischen Bevölkerung die Risikotechnologie Gentechnik untergejubelt werden.

Autor: Andreas Bauer, Umweltinstitut München

Dezember 2007
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Münchner Stadtgespräche zum Thema Agrokraftstoffe

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Infoflyer Agrokraftstoffe

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