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Landnutzung

Koloniale Muster

Die Agro-Kraftstoffe und das große Geld

© Börse Stuttgart

Das Ölzeitalter nähert sich seinem Ende, die Suche nach Alternativen für alle Bereiche der Energiegewinnung läuft auf Hochtouren, insbesondere im Bereich der Agro-Kraftstoffe. Allein im Jahr 2006 kletterte im Vergleich zum Vorjahr der Verbrauch von Agrarsprit aus Pflanzen wie Mais, Soja oder Raps weltweit um 28 Prozent auf insgesamt 44 Milliarden Liter. Die Produktion von Ethanol stieg um 22 Prozent, von aus Pflanzen gewonnenem Dieselkraftstoff um 80 Prozent.

Die wesentlichen Motoren dieser Entwicklung sind dabei die Konzerne der Erdöl und Automobilindustrie, des globalen Nahrungsmittelhandels und große Gentechnikfirmen wie Monsanto. Gerade den Ölkonzernen beschert der Boom von Agro-Kraftstoffen ein doppeltes Geschäft. Einerseits können sie in die "Zukunftsbranche" Agrarsprit investieren, andererseits ihre bisherigen Geschäfte weiterführen, weil auch die Nachfrage nach fossilen Rohstoffen, ungeachtet der knapper werdenden Vorräte, nach wie vor steigt. So können die Konzerne weiter Gewinne einstreichen, während sie sich gleichzeitig durch die Verwendung von Agro-Sprit ein "grünes" Profil geben.

Für die Automobilindustrie ist der Boom der Agrar-Kraftstoffe zudem die perfekte Ablenkung von Forderungen, endlich spritarme Autos zu produzieren. Unterstützt und gefördert wird die Industrie dabei aus mehreren Richtungen. Zum einen kommen potente Geldgeber aus dem Bereich der Finanzwelt. Global operierende Banken wie Goldmann-Sachs oder Barclays und Aktienfonds wie die Carlyle Group wittern das große Geschäft und tätigen weltweit Milliardeninvestitionen, um die Branche mit ausreichend Kapital zu füttern.

Gigantische Fördermittel

Zudem haben auch Milliardäre wie Microsoft- Gründer Bill Gates oder der Hedge Fonds-Guru George Soros das Geschäft mit dem Agro-Sprit entdeckt. Während Soros vor allem in Ländern wie Brasilien Ethanolfirmen und große Ländereien aufkauft, hat Gates erst kürzlich eine der größten Ethanolfabriken der USA erworben.

Für alle bedeuten die Investitionen zunächst eines: ein gutes Geschäft, da auch die politischen Rahmenbedingungen ausgesprochen günstig sind. Viele Regierungen bewilligen derzeit Subventionen und andere Fördermittel in gigantischer Höhe. Die Global Subsidies Initiative fand heraus, dass Agrartreibstoff-Subventionen in den USA jährlich zwischen 5,5 und 7,3 Milliarden Dollar betragen, Tendenz stark steigend. Allein 2006 wurden über neun Milliarden US-Dollar in die brasilianische Ethanolindustrie gepumpt. Dank der für lange Zeiträume festgeschriebenen Unterstützung werden Investitionen in Agro- Kraftstoffe für Konzerne und Anleger nun sicherer. Damit kommt eine Lawine in Gang, die kaum mehr zu kontrollieren ist und mit einer enormen Geschwindigkeit die Landwirtschaft und die Landschaft auf dem Planeten verändert.

Konzentration von Grundbesitz

Die strukturellen Auswirkungen spüren dabei vor allem die Entwicklungsländer. Sie besitzen oftmals für den Anbau von Sprit-Pflanzen ideale klimatische Bedingungen, die beispielsweise mehrere Ernten pro Jahr ermöglichen. Die milliardenschweren Geldgeber übernehmen daher zunehmend die Kontrolle über Anbauflächen in diesen Ländern. Es wiederholt sich das alte koloniale Muster: Die armen Länder liefern die Rohstoffe für die reichen. Problematisch sind dabei unter anderem die gravierenden Umwälzungen der Besitzverhältnisse. Dass diese Entwicklung bedenklich ist, wurde auch von der Umweltabteilung der Vereinten Nationen erkannt. Agrosprit-Programme in armen Ländern, so die Organisation, könnten "zu einer Konzentration von Grundbesitz führen und die ärmsten Bauern der Welt von ihrem Land und in noch tiefere Armut treiben."

Vornehmlich betroffen werden in Zukunft einzelne Länder in Afrika sein. Korrupte Regimes machen es für Investoren besonders leicht, Landrechte an sich zu reißen. Abermillionen Hektar afrikanischer Ländereien gehen zur Zeit schon in die Hände ausländischer Unternehmen. So investieren zum Beispiel britische Ölfirmen in Afrika, um dort Ethanolfabriken zu errichten. Der "Mittlere Osten" der Agrar-Treibstoffe soll nach Angaben aus Branchenkreisen Südafrika werden. Afrikanische Bauern müssen zukünftig also mit multinationalen Unternehmen um Land, Wasser und Märkte konkurrieren – ein ungleicher Kampf.

Auch in Deutschland wird sich der Einfluss der Großkonzerne auf die Ackerflächen zunehmend bemerkbar machen. Andreas Schütte, Geschäftsführer der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe, prognostiziert für die so genannte zweite Generation der Agro-Kraftstoffe, dass es zu völlig neuen wirtschaftlichen Konstellationen kommt: "Die Landwirtschaft muss eng mit der Großindustrie zusammenarbeiten."

Autor: Andreas Bauer, Umweltinstitut München e.V.

Dezember 2007
1 / n

Münchner Stadtgespräche zum Thema Agrokraftstoffe

Download (PDF, 0.9 MB)

Infoflyer Agrokraftstoffe

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