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Gentechnik

Freisetzungen genmanipulierter Organismen

Die Natur als Experimentierfeld - Freisetzungen

Petunienblüte

Hinter dem juristisch-technokratischen Begriff Freisetzung verbirgt sich nichts anderes als das Ausbringen gentechnisch veränderter Pflanzen oder Bakterien in die Umwelt, genauer ins Freiland, also auf den Acker. Die aller ersten Freisetzungen von Laborpflanzen fanden 1986 in den USA und in Frankreich statt. Es handelte sich um gentechnisch veränderte Tabakpflanzen. Nur vier Jahre später zog Deutschland nach. 1990 erfolgte in Köln die erste Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) in der Bundesrepublik. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts (MPI) untersuchten etwa 40.000 genmanipulierte Petunien. In die Zierpflanzen war ein Mais-Gen eingeschleust worden. Durch diese Manipulation sollten die Petunien ein lachsrotes Pigment ausprägen und rot anstatt weiß blühen. So lauteten zumindest die Prognosen der Forscher und die ersten Tests im Gewächshaus schienen die Hypothese zu bestätigen. Die Überraschung zeigte sich im Juli 1990 im Freiland: die Hälfte der Blüten wurde weiß, einige Petunien blühten wie erwartet rot und wieder andere wurden rosa. Damit nicht genug. Die Petunien wiesen ganz neue, von der Farbprägung unabhängige Eigenschaften auf: Die Pflanzen hatten mehr Blätter und Triebe und waren gegenüber krankheitserregenden Pilzen widerstandsfähiger als ihre unmanipulierten Verwandten. Neben einem überraschend bunten Blütenmeer zeigten die Freilandversuche eines eindeutig: Sichere - im Sinne von wissenschaftlich zuverlässige - Prognosen über das Verhalten von transgenen Organismen im Freiland sind nicht möglich.

Unbeeindruckt von diesem zur Vorsicht mahnenden Versuch, begann in Deutschland ein wahrer Freisetzungsboom mit Zuckerrüben, Kartoffeln, Mais, Raps ja sogar Bakterien und Weinreben. Um dem Wirtschaftsstandort Deutschland und der zur Zukunftstechnologie erklärten Gentechnik Vorschub zu leisten, wurden 1993 die gesetzlich vorgeschriebenen öffentlichen Erörterungen bei Freisetzungsvorhaben abgeschafft. Die Bürgerbeteiligung wurde auf die Möglichkeit der schriftlichen Einwendungen reduziert. Mittlerweile wird die Mehrzahl der Freisetzungsversuche sogar nach dem vereinfachten Verfahren zugelassen, d.h. die Versuche müssen der zuständigen Behörde nur noch gemeldet werden und sind genehmigt, sofern innerhalb von 14 Tagen kein Einwand der Behörde erfolgt.

Weder die Beschneidung des Mitspracherechts der Bevölkerung, noch die Tatsache, dass die zuständige Genehmigungsbehörde für Freisetzungen, das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, alle Freisetzungsanträge trotz begründeter, schriftlicher Einwendungen und weiterer juristischer Schritte genehmigte, konnte der umstrittenen Technologie zum Durchbruch verhelfen. Das Gegenteil war der Fall. Die berechtigte Skepsis gegen die Freisetzung genmanipulierter Pflanzen nahm europaweit zu. Immer mehr Versuche unabhängiger Wissenschaftler belegten, dass die Risiken, vor denen die Kritiker seit Jahren warnen, nicht unterschätzt werden dürfen. Ein Risiko ist, dass transgene Pflanzen ihre neuen Eigenschaften - beispielsweise Widerstandsfähigkeit gegen Pflanzenvernichtungsmittel - an verwandte Wildkräuter und Wildpflanzen weitergeben können. Diese Auskreuzung haben bereits mehrere Forschungsgruppen bei Raps nachgewiesen. Nachdem dieser Vorgang nicht mehr als Hirngespinst abgetan werden kann, wird über die ökologischen Konsequenzen und die Folgen für die Landwirtschaft gestritten. Oder über die Erkenntnis, dass insektenresistenter Mais nicht nur Fraßschädlinge tangiert, sondern auch Nützlinge wie beispielsweise die Florfliege schädigen kann.

Die Befunde alarmierten und sensibilisierten gleichzeitig für die grundlegenden Probleme von Freisetzungen. Viele biologische Vorgänge entwickeln sich nur sehr langsam. Teilweise liegen Jahrzehnte, ja sogar Jahrhunderte zwischen dem Anbau und dem Auftreten der ersten erkennbaren Schäden. Hinzu kommt, dass lebendige, vermehrungsfähige Organismen wie Pflanzen sich nicht wieder einsammeln lassen. Was einmal in unsere Umwelt freigesetzt wurde, lässt sich nicht mehr zurück holen - dies wissen wir nicht erst seitdem wir uns mit gentechnisch manipulierten Pflanzen und Bakterien beschäftigen müssen.

Seit 1998 scheint das Vorsorgeprinzip (precautionary principle) bei Freisetzungen und Anbau transgener Pflanzen verstärkt Anwendung zu finden. Immer mehr europäische Staaten haben die Freisetzung und den Anbau der Risikopflanzen verboten. Beim Treffen der EU-Umweltminister Ende Juni 1999 wurde ein de facto Moratorium für die Zulassung weiterer transgener Pflanzen in Europa beschlossen. Auch Behörden wie das Berliner Umweltbundesamt (UBA) halten den Nutzen der Gentechnologie in der Landwirtschaft für fragwürdig: "Die derzeitige Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft kann nicht als nachhaltig angesehen werden."

Einen Überblick, welche Pflanzen bis heute in Deutschland freigesetzt wurden, finden Sie unter:

www.bvl.bund.de

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