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Tschernobyl-Berichterstattung

Das Chaos hat System

Tschenobyl

© Mit freundlicher Genehmigung der Europäischen Kommission entnommen aus: ATLAS OF CAESIUM DEPOSITION ON EUROPE AFTER THE CHERNOBYL ACCIDENT, EUR report Nr. 16733

Das Umweltinstitut München e.V. hat die Pressemeldungen zum Tschernobylunfall und seinen Folgen von Beginn an verfolgt und dokumentiert. Den gesamten von uns erfassten Pressespiegel können Sie unter diesem Menüpunkt auf unserer homepage nachlesen. Widersprüchlichkeiten in der Berichterstattung ziehen sich wie ein roter Faden durch die Chronologie. Die große Diskrepanz zwischen Meldungen von offizieller Seite und unabhängiger Experten ist auffällig, insbesondere bei Angaben zur Menge der Opfer. Neben unterschiedlichen Ansätzen bei der Erfassung der Auswirkungen des Unfalls und der dadurch fehlenden Vergleichsmöglichkeit, aber vor allem aufgrund der Datengeheimhaltung können auch heute noch keine statistisch gesicherten Aussagen zu den Folgen getroffen werden mit Ausnahme zum Anstieg von Schilddrüsenkrebs.

Erst knapp 3 Tage nach dem Unfall, am 28. April '86 abends um 19.32 Uhr, setzte eine "Eil"-Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) unter Berufung auf die sowjetische Nachrichtenagentur TASS die Berichterstattung in der Bundesrepublik in Gang. Die erste Meldung über die Katastrophe lautete: Im AKW Tschernobyl in der Ukraine "sei ein Schaden an einem Atomreaktor aufgetreten". Im Nachhinein eine ziemlich lapidare Aussage zur bislang größten nuklearen Katastrophe weltweit.

Zum Chaos und damit zur Verwirrung der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland trugen bei:

  • konträre Expertenmeinungen und entsprechende Bewertungen der völlig unklaren Faktenlage, und das auf internationaler Ebene,

  • verwirrende Strahlenmesswerte, einmal unglaublich hoch, dann unbedeutend niedrig,

  • für den Laien unverständliche Begriffe und Einheiten und schließlich

  • ein Kompetenzwirrwarr zwischen Bund und Ländern.

Einige Beispiele zur Erinnerung:

  • Ein Sprecher des Wetterdienstes am 2.5.86: Die leichte Erhöhung der Strahlung würde bei uns in Bayern noch anhalten. Besondere Verhaltensmaßregeln seien aber nicht erforderlich. Zwar werde ein Teil der Radioaktivität bei Regen ausgewaschen. Es wäre aber "unsinnig, wegen ein paar Regentropfen sofort zu duschen oder die Kleider zu wechseln."

  • Der damalige bayerische Umweltminister Alfred Dick am 7.5.86: Er kritisierte die Strahlenschutzkommission, die den "für ihn unverständlichen Grenzwert" von 250 Bq/kg Gemüse festgelegt hatte, ohne dies mit den Ländern abzustimmen. Er frage sich, ob der hessische Grenzwert für Milch von 20 Bq/kg "praktikabel" sei und gibt zu bedenken: "Wenn wir jetzt auch noch mit Cäsium anfangen, können wir bald kein Fleisch mehr essen." Er esse jedenfalls seinen Salat noch. Denn "schließlich isst ja niemand ein Kilo Schnittlauch am Tag!"

  • Ebenfalls unser damaliger Minister Dick brachte es auch fertig, vor laufenden Kameras hochverstrahlte Molke zu essen. Damit wollte er beweisen, dass dies völlig ungefährlich und für Kinder selbstverständlich zum Verzehr geeignet sei.

Die Bürgerinnen und Bürger waren einem Hin und Her zwischen Beschwichtigung und Panikmache ausgesetzt. Die nicht für möglich gehaltene aber erfolgte Katastrophe mit all ihren grenzüberschreitenden Auswirkungen durfte schließlich keinesfalls das Konzept der "sauberen Atomenergie" in Frage stellen. Eine Gefahr für die Bundesbürger wurde von offizieller Seite immer vehement verneint.

Im Folgenden greifen wir stichpunktartig drei Themen der Berichterstattung heraus: die extrem differierenden Angaben zu den Zahlen der Opfer, das Hin und Her zwischen Evakuierung und Wiederansiedlung in der Sperrzone und das politische Pokerspiel um die Festsetzung des endgültigen Abschalttermins der gesamten Tschernobyl-Anlage.

pripjat
© national nuclear security administration

Der Unglücksreaktor. Im Vordergrund: das evakuierte Pripjat.

Der Reaktor

2.5.86 Unfallreaktor zum Stillstand gebracht, Kettenreaktion findet nicht mehr statt (ständige Vertretung der UdSSR bei der IAEA in Wien)

10.5.86 Brand im Reaktor sei zwar gelöscht, die Temperatur im Reaktor sei aber noch ziemlich hoch (IAEA)dagegen: die Löscharbeiten würden fortgesetzt und der Brand sei noch nicht gelöscht (ukrainischer Regierungsbeamter)

13.5.86 Gefahr für Kernschmelze scheint gebannt (sowjetische Behörden)

27.5.86 Die Gefahr ist auch einen Monat nach der Explosion noch nicht gebannt, Reaktor soll mit Betonfundament versehen werden, die Sarkophag-Idee war geboren

10.7.86 Die schwierigste Phase ist jetzt vorbei, Hauptproblem nicht mehr Strahlung, sondern Lebensmittelversorgung

21.4.87 Block 3 in Tschernobyl wurde wieder ans Netz genommen

5./6.12.87 Noch immer Probleme mit austretender Strahlung

29.8.91 (5 Jahre nach dem Unfall) Ganz oben auf Prioritätenliste der unabhängigen Ukraine steht das Abschalten von Tschernobyl

21.10.91 Geplanter Termin des Abschaltens: 1995, möglicherweise schon vorher

18.11.91 Das AKW Tschernobyl wird 1993 endgültig stillgelegt

11.8.92 Aus dem stillgelegten Block in Tschernobyl tritt Radioaktivität aus, der Betonmantel sei von Anfang an undicht gewesen

15.10.92 Block 3 in Tschernobyl wird aktiviert, Block 2 soll Ende des Monats folgen

22.10.93 Tschernobyl wird wegen akuten Energiemangels nicht stillgelegt

9./10.7.94 Stilllegung Tschernobyls frühestens 1996

15.4.95 Die Ukraine will das AKW bis zum Jahr 2000 stilllegen

22.12.95 Memorandum zwischen G7-Staaten und der Ukraine: Stilllegung bis zum Ende des Jahres 2000

14.12.98 (erstmals Bedingungen) Schließung in 2000, wenn die internationale Staatengemeinschaft genügend Geld zur Fertigstellung zweier Ersatz-Reaktoren zur Verfügung stellt

Ostern 2000 Bundesregierung hat 60 Staats- und Regierungschefs zu "Geberkonferenz" nach Berlin geladen, Betonmantel soll erneuert werden

26.4.00 Letzter laufender Block 3 wird alle paar Wochen an- und ausgeschaltet: Nach jedem Anfahren gibt es technische Probleme

6.6.00 Leonid Kutschma: "Wir werden Tschernobyl bis zum 15. Dezember dieses Jahres endgültig abschalten"

6.7.00 Die Schutzhülle hat mehr als 100 Risse. Tragende Wände drohen einzustürzen. Ca. 100 Ukrainer arbeiten im havarierten Reaktor. Sie stabilisieren das Gebäude oder erforschen die Strahlungsfolgen. 715 Millionen von den insgesamt benötigten 768 Millionen Dollar für die Sanierung des Beton-Sarkophags sind erbracht

9/2000 Mit dem Abschluss der Arbeiten zu einem umweltsicheren Einschluss der Reaktorruine wird für 2007 gerechnet

15.12.00 Tschernobyl wird tatsächlich endgültig abgeschaltet

Die Sperrzone

3.5.86 Errichtung einer Sperrzone um Tschernobyl mit 30-km Radius

6.5.86 49.000 evakuierte Bewohner der 4 umliegenden Ortschaften

5.6.86 Sicherheitszone um Tschernobyl im weißrussischen Verwaltungsgebiet

Gomel wurde erweitert; zusätzlich zu den 26.000 Evakuierten seien in diesem Gebiet weitere Evakuierungen notwendig

10.7.86 48 Dörfer im Gebiet Gomel evakuiert;
- insgesamt sind rund 100.000 Menschen aus 30-km Umkreis evakuiert;
- 52.000 Einwohner von Pripjat werden nie wieder zurückkehren dürfen

16.12.86 Die UdSSR will 1987 mit Wiederansiedlung der 30-km-Zone beginnen; 14 Dörfer sollen in einer ersten Phase wieder besiedelt werden

27.4.87 135.000 Menschen wurden evakuiert, 16 der geräumten Dörfer sind inzwischen wieder besiedelt

10.8.89 Weitere Dörfer in der Sowjetunion müssen evakuiert werden

19.4.91 188.000 Personen sind umgesiedelt worden, jeden Monat würden weitere folgen

20.9.99 Im Umkreis von 15 km darf niemand ständig leben;
aber: - Anfang der 90er Jahre begannen ältere Leute, in ihre Häuser in der Zone zurückzukehren; laut Behördenangaben 1500, zu 2/3 Frauen; rund 4 Dutzend ließen sich in Tschernobyl selbst nieder; die Besiedelungen werden von den Behörden geduldet

20.9.99 Erste Geburt in Tschernobyl nach Reaktorunglück wird gemeldet

13.1.00 Ukrainische Regierung gibt Konzept in Auftrag: Teil des Gebietes um Tschernobyl soll rekultiviert werden; Konzept soll bis 2005 vorliegen; Studien über möglichen Anbau von Kartoffeln in rund 20 km entferntem Gebietsstreifen (strahlenresistente Kartoffeln) sind eingeschlossen

Am 26.4.00 gibt Präsident Lukaschenko (Weißrussland) bei einem Besuch in der Todeszone seine Besiedelungspläne bekannt: "Wer aus anderen GUS-Staaten in diese Region umsiedele, solle binnen einer Woche die weißrussische Staatsangehörigkeit erhalten können"

Die Opfer

2.5.86 2 Tote, 197 Verletzte, davon 18 in "kritischem Zustand"

6.5.86 2 Tote, 154 in Krankenhäusern

7.5.86 2 Tote, 100 Verstrahlte, 18 davon in kritischem Zustand

14.5.86 6 Tote

17.5.86 13 Tote

28.5.86 19 Tote

31.5.86 23 Tote, 35 schweben in Lebensgefahr

5.6.86 25 Tote, 30 in Lebensgefahr, 18.000 für zwei bis drei Tage in Krankenhäusern

18.8.86 31 Tote, die Zahl, die sich bis heute offiziell gehalten hat. 31 Menschen, bei denen der direkte Zusammenhang zum Reaktor-Unfall nicht geleugnet werden kann

15.4.91 31 Tote, dagegen steht erstmals eine Schätzung einer sowjetischen Selbsthilfeorganisation: 7000 von insgesamt 600.000 Liquidatoren seien gestorben

19.4.91 jetzt auch offiziell: 576.000 haben Strahlenschäden erlitten

14.1.93 Mehr als 600.000 Liquidatoren leiden überdurchschnittlich häufig an Nervenkrankheiten und Schädigungen des Immunsystems, die Selbstmordrate liegt bei 18%, das 20fache über dem Landesdurchschnitt

26.4.93 80 Fälle von Schilddrüsenkrebs bei 1 Mio. Kindern unter 15 Jahren in Gomel, normal wäre 1 Fall bei 1 Mio. pro Jahr

15.10.93 Rund 800.000 Kinder in Weißrussland sind direkt durch Tschernobyl geschädigt worden, die Zahl von Schilddrüsenkrebs bei Kindern sei um das 50fache gestiegen

26.8.94 Weißrussland ist mit der Bewältigung der Folgelasten völlig überfordert; bei Kindern habe sich die Krebshäufigkeit stark erhöht, steigende Tendenz gebe es auch bei Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen, bei Herz- und Gefäßkrankheiten und bei Krankheiten des Verdauungssystems, bei Kindern trete häufiger Anämie auf, bei Erwachsenen sei das Immunsystem gestört

11.1.96 Schilddrüsenkrebs bei Kindern in Ukraine, Weißrussland und Russland um rund 200% höher als in den 80er Jahren; WHO schätzt, dass in den drei Ländern etwa 4 Mio. Menschen von dem Atom-Unfall betroffen waren; 1 Mio. Menschen wegen Folgeschäden in medizinischer Behandlung

31.3.00 Mindestens 8000 Liquidatoren sind gestorben

25.4.00 Mehr als 15.000 Tote, etwa 50.000 Menschen arbeitsunfähig, Zahl der Invaliden habe sich seit 1991 verzwölffacht (Präsident der Tschernobyl-Liga)

25.4.00 30 Menschen starben sofort, zehntausende wurden evakuiert; ca. 5 Mio. Menschen waren in der Ukraine, Weißrussland und Russland der Radioaktivität ausgesetzt; Genaue Opferzahlen wurden von den Behörden nie angegeben

Die folgenden drei Meldungen kamen alle am selben Tag, dem 26.4.00:
- (Reuters) 30 Tote sofort; tausende Menschen kamen in der Folge ums Leben, Millionen erkrankten; etwa 3,5 Mio. erlitten Behinderungen - (dpa) von 86.000 Liquidatoren seien 55.000 gestorben, davon allein 15.000 Russen; davon mehr als ein Drittel Selbstmorde (russ. Vizeregierungschef) - (n-tv) Allein in Russland starben rund 30.000 Liquidatoren, mehr als ein Drittel durch Selbstmord

27.4.00 Nach Schätzungen der WHO wird jedes dritte Kind, das zur Zeit der Reaktorkatastrophe höchstens vier Jahre alt war, im Laufe seines Lebens an Schilddrüsenkrebs erkranken.

27.4.00 Etwa 3,5 Mio. Menschen sind infolge der Katastrophe an Krebs erkrankt (Ukrainisches Gesundheitsministerium)

Die IAEA, die sich satzungsgemäß der Förderung der zivilen Atomtechnik verschrieben hat, hält auch im Jahr 2000 an ihrer Aussage fest: 13.6.00 Abgesehen von einem hohen Anteil an Schilddrüsenkrebs bei Kindern gebe es keinen Beweis für eine größere Auswirkung auf die Gesundheit der Bevölkerung, die auf die Strahlung infolge des Unfalls zurückzuführen sei

16./17.12.00 Nach Schätzungen westlicher Experten sind bisher etwa 30.000 Personen unmittelbar an den Folgen der hohen Strahlendosis gestorben.

Differenzen bei der Angabe der Opferzahlen klaffen aber nicht nur zwischen offiziellen und unabhängigen Berichten auseinander. Selbst die offiziellen Berichte differieren zum Teil extrem, je nachdem welche Adressaten die Botschaft erreichen soll: Den sog. Geberländern werden eher hohe Opfer- bzw. Invalidenzahlen präsentiert, im eigenen Land wird die Zahl dagegen möglichst klein gehalten. Nur so können von den reichen, mitleidigen West-Ländern Gelder akquiriert werden, die dann aber meist nicht gemäß den offiziellen Planungen verwendet werden, sondern im Staatsapparat versiegen. Innerhalb des Landes muss die anerkannte Opferzahl gering bleiben, da sonst zu große finanzielle Ansprüche von Betroffenen und Angehörigen geltend gemacht würden, die von den Staaten nicht geleistet werden können und/oder wollen.

Das Umweltinstitut München e.V. wird die Tschernobyl-Berichterstattung weiter verfolgen, insbesondere den Anstieg verschiedener Krankheiten vor Ort. Wir werden auch über den Umgang bezüglich der gesperrten Zone berichten, seien es Wiederansiedlungen oder weitere Evakuierungen, wie auch über Ergebnisse von Forschungen, die dort mit Pflanzen, Tieren oder dem Anbau von Lebensmitteln betrieben werden.

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