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Natalia Manzurova, Liquidatorin in Tschernobyl:

„Wir waren da, als das Land uns brauchte“

Natalia Manzurova in Pripia

Sommer 1988: Natalia Manzurova in Pripiat
© Manzurova

Natalia Manzurova ist eine der so genannten LiquidatorInnen, die nach dem Reaktorunfall aus der gesamten Sowjetunion zusammengezogen wurden – freiwillig oder zwangsverpflichtet. Sie führten u.a. Dekontaminierungsarbeiten aus, bauten Atommülldeponien und errichteten den Sarkophag, der die Strahlung aus dem Reaktorblock seither abschirmt. Die Zahl der eingesetzten LiquidatorInnen schwankt je nach Angabe zwischen 600.000 und einer Million.

Die Radiobiologin und alleinerziehende Mutter war von Sommer 1987 bis Weihnachten 1991 in Tschernobyl eingesetzt. Sie hatte gerade ihre Doktorarbeit als Radiobiologin beendet, als der Reaktor explodierte. Ihr Doktorvater war einer der ersten Wissenschaftler, der zu dem Ort der Katastrophe gerufen wurde. Er starb innerhalb weniger Monate. Natalia Manzurova war damals Mitte 30, hatte eine kleine Tochter und hätte es deshalb ablehnen können, nach Tschernobyl zu gehen. Auf meine Frage, warum sie trotzdem und in Kenntnis der Gefahren hingegangen sei, erklärt sie mir, dass es dafür viele Gründe gegeben habe. Einer sei gewesen, dass sie genau dafür ja ausgebildet worden sei. „Es gab nicht viele Menschen mit unseren Kenntnissen. Wir wurden gebraucht, um zu entscheiden, was passiert ist und wie die verstrahlte Region abzugrenzen und zu säubern ist. Entscheidungen, die Leben retten konnten. Niemand kannte zu dem Zeitpunkt das Ausmaß der Zerstörung und deren Konsequenzen.“

Ein „kleines Problem“

Ihr Büro war in Pripjat, einer blühenden Stadt mit damals 50000 EinwohnerInnen. Direkt nach der Katastrophe war die Regierung der Sowjetunion vor allem damit beschäftigt, den Unfall vor der Welt geheim zu halten. So wurde Pripjat erst evakuiert, als der Reaktor schon eineinhalb Tage brannte. Und selbst da wurde den Menschen nur gesagt, dass es ein kleines Problem gäbe und dass sie nur für eine drei Tage dauernde Evakuierung Sachen mitzunehmen bräuchten. Sie haben ihre Heimat verlassen, ohne zu realisieren, dass sie niemals wiederkehren würden.
Natalia Manzurovas Arbeit bestand darin, alles zu katalogisieren und zu vernichten oder zu vergraben, was die Leute zurückgelassen hatten. Sie konfiszierte verstrahltes Kinderspielzeug ebenso wie Möbel, Kleidung, Bücher, Haushaltsgeräte – ja sogar ganze Häuser. Es war eine zermürbende, seelisch extrem belastende Arbeit, diese sehr privaten und geschätzten Sachen der Menschen zu entsorgen. „Auf dem Weg zur Arbeit, im Bus, haben jeden Morgen viele geweint“, sagt die ehemalige Liquidatorin. Um das Erlebte in der Nacht zu vergessen, wurde abends viel getrunken. Nach einiger Zeit sei sie emotional so abgestumpft gewesen, dass sie noch nicht mal zusammengezuckt sei, als sie die Leichen von Kindern in einem verlassenen Dorf fand.

Mit den Krankheiten befreundet

Bald nachdem Natalia Manzurova Tschernobyl verlassen hatte, begannen die Leiden, die sie für drei Jahre ans Bett fesselten. Auch heute wird sie noch von Kopfschmerzen und Müdigkeit geplagt. Und ihr Immunsystem ist so geschwächt, dass sie an kalten Tagen nicht vor die Tür gehen kann oder krank wird, sobald sie mit Leuten in Kontakt kommt, die auch nur eine Erkältung haben. „Ein normales Leben ist so nicht möglich.“ Auf ihrem Hals sehe man eine dünne Narbe, beschreibt sie mir. Das sei das „Tschernobyl-Kollier“, wie es die überlebenden LiquidatorInnen nennen; Zeichen einer Schilddrüsenoperation. Viele LiquidatorInnen haben Schilddrüsenkrankheiten und Schilddrüsenkrebs bekommen, weil sie radioaktivem Jod ausgesetzt waren. „Mit vielen meiner Krankheiten bin ich inzwischen ‚befreundet’, ich habe mit ihnen einen ‚Kontrakt’ geschlossen, dass sie mich nicht zu sehr zerstören“, sagt sie. Wahrscheinlich sei die Situation nur mit einer gehörigen Portion Humor zu überleben. Oft habe sie aber auch Depressionen, nicht zuletzt, weil sie befürchtet, den ihr nahe Stehenden zu viele Probleme zu bereiten.
„Weißt du, was ein posttraumatisches Syndrom bedeutet?“, fragt mich Natalia Manzurova, „die Ärzte hier haben es inzwischen gelernt. Viele Menschen, die großem oder lang anhaltendem Stress ausgesetzt waren, leiden darunter. Du versteckst all deine Erinnerungen und Gefühle ganz tief in dir selbst – bis du irgendein entsprechendes Programm im Fernsehen siehst oder einen Zeitungsartikel liest. Dann kommen die Emotionen aus ihrem Versteck und verletzen dich sehr.“ Besonders schlimm war es im ersten Jahr, nachdem sie aus der Tschernobyl-Zone zurück kam. Die Leute haben sie nicht verstanden, manchmal wurde sie sogar verhöhnt. Die meisten ihrer Ärzte hielten ihre Krankheiten für Einbildung und wollten sie in ein psychiatrisches Krankenhaus überweisen. Einer erklärte ihr, dass sie „Tschernobyl-AIDS“ habe, eine Immunschwäche-Krankheit als Folge der Verstrahlung.
1993, sieben Jahre nach der Katastrophe, wurde Natalia Manzurova als Invalidin eingestuft. Damals war sie 42 Jahre alt, glaubte, ihr Leben sei vorbei, dachte mehr als ein Mal über Selbstmord nach. Schließlich rappelte sie sich aber immer wieder auf, dank Medikamenten, einer vertrauenswürdigen Psychiaterin und einer ehemaligen Klassenkameradin, die ihr Yoga beibrachte. Viele Jahre habe sie gar nicht über Tschernobyl sprechen können, bis sie eine Psychotherapie gemacht habe. Auch das, was sie mir beschreibt, sei immer noch nur ein kleines Bruchstück dessen, was sie in Tschernobyl gesehen und erlebt habe. Aber die Tatsache, dass sie überhaupt darüber reden könne, sei ein großer Fortschritt für sie. Niemand in Russland interessiere sich dafür, alle hätten gerade harte Zeiten zu überstehen.

Leiden und kämpfen
Natalia Manzurova im Jahr 2005

Natalia Manzurova im Jahr 2005
© Manzurova

1999 gründete sie den „Verband der Tschernobyl-Invaliden“, den sie seither auch leitet. Die Nichtregierungsorganisation berät Tschernobyl-Liquidatoren, deren verwitwete Ehefrauen und deren Kinder. Ob sie denn wenigstens gut versorgt sei, frage ich sie. „Nein“, antwortet sie, „wir waren da, als unser Land uns brauchte, mit unseren Händen und unseren Köpfen. Aber jetzt, wo wir krank sind, interessiert das niemanden. Die Politiker würden uns am liebsten tot sehen. Aber vielleicht ist es ja gerade diese Situation, die uns am Leben erhält, die uns kämpfen lässt zwischen unseren Leidensattacken.“ Natalia Manzurova lebt von einer Berufsunfähigkeitzahlung, einer Arbeitspension und einem kleinen Nahrungsmittelzuschuss. Alles in allem 6300 Rubel im Monat, weniger als 180 Euro. Die finanzielle Situation sieht für alle LiquidatorInnen, für AktivistInnen und Überlebende ähnlich mager aus.
Viele damalige Kollegen und Kolleginnen von Natalia Manzurova sind schon tot. Der „Verband der Tschernobyl-Invaliden“ will eine Dokumentation über die verstorbenen LiquidatorInnen machen und ein Denkmal bauen, das an all die Menschen erinnert, die durch radioaktive Strahlung bei Unfällen und Katastrophen getötet wurden. „Es ist schlecht, wenn die Menschen ihre Helden vergessen. Die jungen Leute wissen heute gar nicht mehr, vor welchen tief greifenden Problemen diese Menschen sie gerettet haben. Sie begreifen gar nicht, dass hier direkt in ihrer Nähe Geschichte geschrieben wurde.“
Zum Abschluss unseres Interviews betont Natalia Manzurova, dass sie auf Einladung gern nach Deutschland kommt. Sie kann Filme zeigen, Fotos und natürlich über ihre Erfahrungen berichten. „Ich weiß nicht, wie viele Jahre mir noch bleiben werden, aber ich möchte den Menschen von Tschernobyl berichten, mein Leben lang! Das ist nicht nur mein Leben und meine Lebensgeschichte, sondern die Geschichte unseres ganzen Landes.“

Der Beitrag basiert auf einem schriftlich mit Natalia Manzurova geführten Interview, ergänzt mit Informationen, die sie uns schickte. Ich danke Tatiana Dereviago / Women in Europe for a Common Future (WECF) für ihre Unterstützung und die Übersetzung des Interviews und des weiteren Materials vom Russischen ins Englische.

Leicht geänderter Vorabdruck aus:

genanet/Ulrike Röhr (Hg.): Frauen aktiv gegen Atomenergie – wenn aus Wut Visionen werden. 20 Jahre Tschernobyl. BoD Norderstedt, ISBN 3-8334-4592-0, 196 Seiten. Paperback,19,90 Euro
Natalia Manzurova hat eine Broschüre über ihre Arbeit in Tschernobyl und die Folgen der Reaktorkatastrophe geschrieben „Unangenehme Pflicht: Die Erfahrungen einer Frau in Tschernobyl“. Leider gibt es die Broschüre bislang nur in russischer Sprache. Eine englische Übersetzung und eine Veröffentlichung in den USA sind in Planung.

Ulrike Röhr
aus den Münchner Stadtgesprächen, Heft 40/41, April 2006
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