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Die gesundheitlichen Folgen des GAUs

Eine düstere Prognose

Kindergarten in Pripjat

Im Mai 1986: Ein Kindergarten in Pripjat. Der "Schnee" auf dem Foto kommt durch die Reaktion des Films auf die intensive Strahlung zustande.
© Salmygin

In den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 ereignete sich die folgenschwerste Katastrophe in der Geschichte der Atomenergie: Der Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl explodierte. Bereits 36 Stunden nach der Explosion wurden in Skandinavien stark erhöhte Radioaktivitätswerte in der Außenluft gemessen. Am 29. April 1986 gegen 18 Uhr überquerten die ersten radioaktiven Luftmassen die Grenze zwischen Tschechien und Bayern.

Zehn Tage lang setzte der explodierte Reaktor Radioaktivität frei – mit sich ständig ändernden Windrichtungen und Wetterverhältnissen. Die radioaktive Ablagerung verteilte sich zu 70 Prozent in Belarus (Weißrussland) und je 15 Prozent in der Ukraine und in Russland – und in den betroffenen Gebieten auf Grund der lokalen Regenfälle sehr unterschiedlich. In Belarus wurden 7000 Quadratkilometer zur Sperrzone und Zone strikter Kontrolle erklärt, in der Ukraine waren es 1000 und in Russland 2000 Quadratkilometer. Sogar noch in einer Entfernung von 400 Kilometern Luftlinie zum Reaktor mussten im Rajon (Landkreis) Woloschin nordwestlich von Minsk einige Dörfer evakuiert werden, während weite Gebiete zwischen diesem Rajon und Tschernobyl weniger kontaminiert wurden als einige Regionen in Bayern. Zuverlässige Kartierungen der verseuchten Landflächen gab es erst ab 1989, allerdings nur für das so genannte Leitnuklid Cäsium-137. Im Oblast Gomel (einem weißrussischen Verwaltungsgebiet, das an die Ukraine grenzt) wurde erst in den Jahren 1991/92 ein Gebiet ca. 140 km von Tschernobyl entfernt evakuiert und zur Sperrzone erklärt. Bis dahin waren die Menschen dort der vollen Strahlenbelastung ausgesetzt. Ihr Krebsrisiko haben sie bei der Umsiedlung „mitgenommen“.

Die Liquidatoren

Nach der Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt die Zahl der Liquidatoren bei 800.000. Liquidatoren werden die Menschen genannt, die für Aufräumarbeiten am Reaktor, die Evakuierung von Bevölkerung und Vieh, für den Bau des Sarkophags, das Waschen von Ortschaften und anderes mehr eingesetzt waren. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden sind in der Ukraine mindestens 15.000 Liquidatoren gestorben – eingerechnet ist die überdurchschnittlich hohe Zahl von Menschen, die Selbstmord begangen haben. Erheblich über den offiziellen Angaben liegen die Schätzungen der Liquidatorenverbände in den drei Republiken. Wägt man die Quellen ab, dann sind bis heute 50.000 bis 100.000 Liquidatoren seit dem Tschernobyl-Unfall gestorben. Nach russischen Angaben ist heute ein großer Teil der Liquidatoren invalid und leidet unter anderem an Herz-Kreislauf-Problemen, Lungenkrebs, Entzündungen des Magen-Darm-Bereichs, Tumoren und Leukämie.

Anstieg von Schilddrüsenkrebs in Belarus 1976 bis 2004
Krankheiten dramatisch angestiegen
Blutabnahme bei einem weißrussischen Mädchen

Blutabnahme bei einem weißrussischen Mädchen.
© Lengfelder, Frenzel

In Belarus waren bereits Ende 1990 über dreißigmal mehr Kinder neu an Schilddrüsenkrebs erkrankt als vor der Katastrophe. Am stärksten war der Anstieg im Oblast Gomel, dem am höchsten radioaktiv belasteten Gebiet von Belarus. Die überwiegende Zahl der betroffenen Kinder war zum Zeitpunkt des Unfalls jünger als sechs, mehr als die Hälfte jünger als vier Jahre. Im Jahr 1995 erreichte die Rate der neu an Schilddrüsenkrebs erkrankten Kindern zwischen 0 und 14 Jahren in Belarus ihren Höchststand. Bereits frühzeitig hatte man das aggressive Wachstum und die rasche Metastasierungsneigung in andere Organe (vor allem in die Lunge) festgestellt. Die Gewebeuntersuchungen ergaben fast ausschließlich den Befund: papilläres Schilddrüsenkarzinom – ein bösartiger Schilddrüsentumor.
Die für Strahlenforschung zuständige Abteilung der WHO hat aus dem zeitlichen Verlauf der bis 1998 aufgetretenen Fälle von Schilddrüsenkarzinomen eine düstere Prognose entwickelt: Von allen Kindern aus dem Oblast Gomel, die zum Zeitpunkt der Reaktorkatastrophe zwischen 0 und 4 Jahre alt waren, wird jedes dritte im Laufe seines Lebens an Schilddrüsenkrebs erkranken. Das sind allein in dieser Region mehr als 50.000 Menschen! Erweitert man diese Prognose auf alle Altersgruppen der zum Zeitpunkt der Reaktorkatastrophe lebenden Menschen im Gebiet Gomel, muss man für die Zukunft alleine dort mit weit über 100.000 Fällen von Schilddrüsenkrebs rechnen.

Ultraschall-Untersuchung der Schilddrüse

Ultraschall-Untersuchung der Schilddrüse.
© Lengfelder, Frenzel

Die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe von Tschernobyl spiegeln sich nicht alleine in den vielen Fällen von Schilddrüsenkrebs wider. Massiv ist auch der Anstieg bei anderen Tumorarten und vielen nicht bösartigen Erkrankungen. Im Oblast Gomel hat zwischen 1989 und 1999 die Häufigkeit aller Krebserkrankungen deutlich zugenommen. In dieser Zeit stiegen die Krebsfälle von 240,8 auf 346,0 pro 100.000 Menschen – vom niedrigsten auf das höchste Niveau in der Republik Belarus. Der größte Anstieg bei Krebserkrankungen ist genau in denjenigen Landkreisen aufgetreten, die am stärksten strahlenbelastet sind. Männer erkranken dabei am häufigsten an Tumoren in Lunge, Magen, Haut und Prostata. Bei den Frauen sind es vor allem Tumoren von Brust, Gebärmutter, Magen und Haut. Im Oblast Gomel hat sich im Vergleich zum Zeitraum vor 1988 die Zahl der jährlich neu an Brustkrebs erkrankten Frauen bis 2005 verdoppelt – und die Krankheit betrifft zunehmend jüngere Frauen.
Dramatisch ist auch der Anstieg von Leukämiefällen: Er liegt, im Vergleich zum Zeitraum vor der Explosion des Reaktors, bei etwa 50 Prozent. Und das sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen.
Schon kurz nach dem GAU fiel in der Ukraine eine starke Zunahme von Pathologien auf, die mit der Fortpflanzung des Menschen zusammenhängen. In einem Bericht über die Entwicklung des Gesundheitswesens von 1986 bis 1988 wies das ukrainische Gesundheitsministerium auf den deutlichen Geburtenrückgang, die erhöhte Rate an Schwangerschaftsunterbrechungen und auf die erhöhte Anzahl verschiedener Gesundheitsstörungen bei Föten und Schwangeren hin.
Deutlich zugenommen haben allgemeine Schilddrüsenerkrankungen, Herz- und Kreislauferkrankungen sowie Augenerkrankungen, und da insbesondere der graue Star. Jugenddiabetes hat sich im Gebiet Gomel im Vergleich zur Zeit vor der Katastrophe verdreifacht.

Keine Sicherheit
Ein Friedhof in der Sperrzone.

Ein Friedhof in der Sperrzone.
© Salmygin

Ein Super-GAU ist in Europa jederzeit möglich. Atomkraftwerke sind komplizierte High-Tech-Systeme. Gerät ein solches System außer Kontrolle, sind schlagartig Millionen von Menschen in ihrer Existenz und in ihrer Gesundheit bedroht. Die Erfahrungen aus Tschernobyl haben gezeigt, dass nach einer Katastrophe in einem Atomkraftwerk je nach Katastrophenszenario und Wetterlage das Evakuierungsgebiet auch 400 Kilometer weit reichen kann. Übertragen wir die Situation von Belarus zum Beispiel auf Deutschland, dann wäre auf Grund der sieben- bis zehnmal höheren Besiedlungsdichte die Räumung eines Gebiets mit etwa drei bis sechs Millionen Bewohner notwendig. Eine geordnete Evakuierung so vieler Menschen ist aber nicht möglich.

Verlassene Autoscooter-Bahn

Verlassene Autoscooter-Bahn in Pripjat in der Sperrzone.
Foto: Körblein

20 Jahre nach Tschernobyl müssen wir endlich die Lehren ziehen und handeln. Denn es gibt weder Sicherheit gegen technisches Versagen noch gegen menschliches Fehlverhalten oder gar einen zielgerichteten terroristischen Angriff. Die politische Klugheit und Verantwortung gebieten jetzt, das Bedrohungspotential durch Atomkraftwerke für die Gesundheit und die wirtschaftlichen Lebensgrundlagen der Bevölkerung unverzüglich zu eliminieren.
Am 26. April 1986 ereignete sich der GAU, der Größt-Anzunehmende-Unfall im Block IV des Atomkraftwerks Tschernobyl. Im Laufe der Jahre wurden die Auswirkungen bei der von der Strahlenbelastung betroffenen Bevölkerung zwar immer deutlicher. Eine abschließende Beurteilung über das gesamte Ausmaß der Katastrophe ist aber heute noch immer nicht möglich.

Edmund Lengfelder, Christine Frenzel
aus den Münchner Stadtgesprächen, Heft 40/41, April 2006

Die Autor/innen

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Edmund Lengfelder ist Arzt und Strahlenbiologe am Strahlenbiologischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München, Vorsitzender des Otto Hug Strahleninstitut – MHM und Vorsitzender des Deutschen Verbands für Tschernobyl-Hilfe e.V.

Dr. h. c. Christine Frenzel ist Laborleiterin für Radioökologie am Strahlenbiologischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München, Vorstandsmitglied des Otto Hug Strahleninstitut – MHM und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Verbands für Tschernobyl-Hilfe e.V.

Das Otto Hug
Strahleninstitut – MHM


Das Otto Hug Strahleninstitut – MHM führt in Belarus Projekte im Bereich Diagnostik und Therapie von Pathologien einschließlich Krebs der Schilddrüse durch, ferner Ausbildungsprogramme im Strahlenschutz, in Labormedizin sowie im Technologietransfer im Bereich erneuerbare Energien – zum Beispiel bei der Errichtung eines 300 kVA Blockheizkraftwerks mit reinem Rapsöl als Treibstoff am Rand der Tschernobyl-Sperrzone.

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