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Strahlenbelastung von Pfifferlingen in Osteuropa

Pilze auf dem Großmarkt

Im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl passierte am 26. April 1986 der bislang größte Unfall seit der Nutzung der Atomenergie. Die freigesetzte Radioaktivität wurde sowohl in der näheren Umgebung als auch mit dem Wind weiträumig in verschiedene Richtungen verteilt. Regen und heftige Gewitter wuschen die Radionuklide aus der Atmosphäre aus und deponierten sie auf der Erde. Je nach Verteilung der Regenschauer kam es zu unterschiedlichen Bodenbelastungen.

Die Gebiete mit den höchsten radioaktiven Belastungen befinden sich in Weißrussland, der Ukraine und Russland. Aber auch Regionen in Schweden, Österreich und Süddeutschland wurden nicht verschont. Einen guten Überblick über die Verteilung der Bodenkontamination mit Cäsium-137 im Jahr 1986 gibt ein Atlas der Europäischen Union /1/. Das Radionuklid Cäsium-137 ist leicht nachweisbar und für die anhaltende radioaktive Belastung verantwortlich. Die physikalische Halbwertszeit beträgt rund 30 Jahre, d.h. von der ursprünglich deponierten Menge wird 2016 erst die Hälfte zerfallen sein. In Bezug auf andere freigesetzte Radionuklide dient Cäsium-137 als Leitnuklid.

Die Europäische Union (EU) reagierte auf den Unfall von Tschernobyl und setzte maximale Grenzwerte für Nahrungsmittel fest /2/. Diese sollten die Verbraucher in der EU vor radioaktiv kontaminierten Lebensmitteln aus Drittländern schützen. Wegen der frühzeitigen Entwarnung offizieller Stellen und dementsprechend nachlässig gehandhabter Kontrollen gab es in den Jahren 1997 und 1998 wiederholte Fälle von Nichteinhaltung der Höchstwerte, insbesondere bei einigen Pilzarten aus osteuropäischen Ländern.

Dies führte damals dazu, dass die Einfuhrbedingungen  ergänzt und für Pilze verschärft wurden. Erst im Jahr 2003 sprach die EU eine Empfehlung /3/ aus, die auch bei heimischen Produkten die Einhaltung der Höchstwerte forderte. Dies erfolgte nur, weil sonst mit dem Beitritt einer Reihe „verdächtiger“ osteuropäischer Länder zum 1. Mai 2004 hoch belastete Nahrungsmittel ganz legal in der gesamten EU hätten verkauft werden dürfen. Kontrollen können weder an den Grenzen noch innerhalb der einzelnen Mitgliedsländer lückenlos durchgeführt werden. So finden letztendlich nur Stichproben-Kontrollen statt. Der Höchstwert für die Cäsiumbelastung ist in der EU auf 600 Bq/kg für Nahrungsmittel und 370 Bq/kg für Milch und Säuglingsnahrung festgelegt. Die Aktivität eines Stoffes wird in Becquerel (Bq) ausgedrückt, wobei „Bq“ als „radioaktiver Zerfall pro Sekunde“ definiert ist.

Für die Strahlenbelastung von Waldprodukten ist das Verhalten von Radiocäsium in Waldböden ursächlich. Im unbearbeiteten Waldboden verbleibt der größte Teil des Cäsiums in der mehrere Zentimeter dicken Schicht der Humusauflage und kann in dieser leicht sauren Bodenschicht gut von Pflanzen und Pilzen aufgenommen werden. Außerdem bildet der Wald einen geschlossenen Stoffkreislauf: Die durch Zersetzung von Bewuchs und herabfallenden Nadeln, Laub oder Ästen frei gewordenen Nährstoffe, wie auch das Cäsium, werden gleich wieder aufgenommen.

Dies erfolgt je nach Pflanzen- oder Pilzart unterschiedlich stark. So gelten Maronenröhrling und Semmelstoppelpilz als ausgesprochene Cäsiumsammler, während Arten wie der Schirmling Cäsium nur in geringen Mengen aufnehmen. Die beliebten Speisepilze Pfifferling und Steinpilz nehmen eine mittlere Position ein. Gemäß Messungen des Umweltinstitut München wiesen Pfifferlinge aus dem Bayerischen Wald, der in Teilen hoch kontaminiert ist, in den letzten Jahren im Mittel eine Cäsiumbelastung von etwa 200 Bq/kg auf. Erklärungen für die Unterschiede innerhalb einer Gattung gibt es bisher nicht.

Das Umweltinstitut München bestimmt auch den Cäsiumgehalt von im Handel angebotenen Pilzen. Es handelt sich meist um Pfifferlinge aus osteuropäischen Ländern, wie Litauen, Weißrussland, Russland, Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Tschechien und den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Abbildung 1 zeigt die zugehörige Verteilung der ermittelten Werte. Bei etwa drei Viertel der untersuchten osteuropäischen Pfifferlinge wurde eine radioaktive Belastung von weniger als 100 Bq/kg festgestellt, allein die Hälfte davon wies weniger als 20 Bq/kg auf. Nur drei Prozent der untersuchten Proben lagen über bzw. deutlich über dem zulässigen Höchstwert von 600 Bq/kg.

Darunter waren auch zwei Ausreißer, die das Umweltinstitut 1997 entdeckt hat: Pfifferlinge, deren Herkunft mit Makedonien angegeben war, wiesen etwa 7000 Bq/kg auf und Pfifferlinge, die angeblich aus Ungarn stammten, waren mit mehr als 10.000 Bq/kg belastet. Diese Ware hätte nicht in den Handel gebracht werden dürfen. Recherchen ergaben, dass die angeblich makedonischen Pilze von einem österreichischen Zwischenhändler umdeklariert auf den Münchner Markt gebracht worden waren. Diese und vermutlich auch die als ungarisch deklarierten Pfifferlinge stammten höchst wahrscheinlich aus der Ukraine. Auch 2009 wurde ein Ausreißer entdeckt: Pfifferlinge mit der Herkunftsangabe „Karpaten“ wiesen etwa 1400 Bq/kg auf. Der Höchstwert für Cäsium war damit überschritten.

Abbildung 2 zeigt die mittlere Cäsiumbelastung von osteuropäischen Pfifferlingen ab 1997. Die Jahresmittelwerte beruhen auf insgesamt 183 Messungen. Für das Jahr 2003 liegen keine Messwerte vor. Die Überschreitungen der Höchstwerte 1997 sind deutlich erkennbar. Auch fällt auf, dass der Jahresmittelwert für 2009 im Vergleich zu den Vorjahren angestiegen ist. Es gibt Aussagen, dass zum Beispiel Pfifferlinge aus Weißrussland im gering belasteten Litauen abgepackt werden und dann als Pfifferlinge aus Litauen auf den Markt kommen. Auch soll es üblich sein, dass beim Abpacken hoch und gering belastete Pilze zur sicheren Unterschreitung des Höchstwertes gemischt werden. Solche Umstände könnten erklären, warum die Belastung der osteuropäischen Pfifferlinge mehr als 20 Jahre nach Tschernobyl im Vergleich zu den Vorjahren tendenziell nicht weiter abgenommen hat, sondern angestiegen ist. 

Abb. 1: Häufigkeitsverteilung der ermittelten Cäsiumgehalte

 Abb. 1: Häufigkeitsverteilung der ermittelten Cäsiumgehalte

Abb. 2: Trendverlauf der mittleren Cäsiumbelastung

Literatur

/1/  Atlas of  Caesium Deposition on Europe after the Chernobyl Accident, Office for Official Publications of the European Communities 1998, ISBN 92-828-3140-X
/2/ Verordnung (EG) Nr. 1048/2009 des Rates vom 23. Oktober 2009 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 733/2008 über die Einfuhrbedingungen für landwirtschaftliche Erzeugnisse mit Ursprung in Drittländern nach dem Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl, Amtsblatt der Europäischen Union Nr. L 290 vom 06.11.2009
/3/ Empfehlung der Kommission vom 14. April 2003 über den Schutz und die Unterrichtung der Bevölkerung in Bezug auf die Exposition durch die anhaltende Kontamination bestimmter wild vorkommender Nahrungsmittel mit radioaktivem Cäsium als Folge des Unfalls im Kernkraftwerk Tschernobyl, Amtsblatt der Europäischen Union Nr. L 99

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in: internistische praxis, Hans Marseille Verlag GmbH, München, 3. Quartal 2010, Jahrgang 50, Heft 3, S. 674-677

Die Fragestellung des Marseille Verlags war:

Wie hoch ist die Strahlenbelastung von Pfifferlingen aus Osteuropa und dem Bayerischen Wald 23 Jahre nach Tschernobyl? Wie verlässlich sind die Herkunftsbezeichnungen?

September 2010
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