Insektengifte? Nicht schon wieder!

Kaum sind drei besonders gefährliche Pestizide im Freiland verboten worden, will die Agrarindustrie neue Gifte auf den Markt bringen, die kaum weniger gefährlich für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge sind.

Schreiben Sie jetzt Landwirtschaftsministerin Klöckner und Umweltministerin Schulze - sie müssen den neuen Insektengiften die Zulassung verweigern!

 

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Keine neuen Bienengifte!

Durch die intensive Landwirtschaft, mit der ein hoher Einsatz von Pestiziden und die Verödung unserer Kulturlandschaften verbunden ist, sind in den letzten Jahrzehnten die Insektenpopulationen in Agrarlandschaften massiv unter Druck geraten. In Deutschland gibt es heute im Durchschnitt 76 Prozent weniger Fluginsekten als noch 1989. Der Rückgang der Insekten wirkt sich auch auf andere Arten aus. So sind durch das Insektensterben ganze Ökosysteme gefährdet und nicht zuletzt auch unsere eigenen Lebensgrundlagen. Denn Insekten sind für die Bestäubung der allermeisten Blütenpflanzen, darunter auch viele unserer Nutzpflanzen, unentbehrlich.  

Vor einigen Jahren wurde die Gefahr, die für Insekten von bestimmten Pestiziden, den sogenannten Neonicotinoiden ausgeht, erkannt. Nach viel zu langem Zögern und dank anhaltender Proteste aus der Zivilgesellschaft wurde im April dieses Jahres endlich der Einsatz von drei besonders schädlichen Neonicotinoiden im Freiland EU-weit verboten.  

Doch anstatt nun aus den Fehlern, die mit der Zulassung dieser Pestizide gemacht wurden, zu lernen, sollen schon bald neue Insektengifte auf den Markt kommen, die eine ähnlich verheerende Wirkung haben.

Neue Insektengifte? Geheimsache!
Foto: hpgruesen/Pixabay

Foto: hpgruesen/Pixabay

Ginge es nach dem zuständigen Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sollten wir das eigentlich gar nicht wissen. Denn schon allein die Information, ob neue Pestizide auf den Markt kommen sollen, hält die Behörde für ein Geschäftsgeheimnis der Herstellerkonzerne. Diese Geheimniskrämerei wollten wir nicht hinnehmen und haben dagegen geklagt. Mit Erfolg: Die Behörde muss uns Auskunft geben, ob Zulassungsanträge für Pestizide mit neuen Insektengiften vorliegen und wie weit der Zulassung-Prozess fortgeschritten ist.

Diese Auskunft haben wir nun erhalten und unsere Befürchtungen wurden bestätigt: Schon im August könnten erste Pestizidmischungen mit dem Wirkstoff Flupyradifuron auf den Markt kommen. Weil sich die Regierung bei der Beantwortung von Fragen im Bundestag verplappert hat, wissen wir auch, dass für die beiden anderen neuen Wirkstoffe Sulfoxaflor und Cyantraniliprol mehrere Zulassungsanträge gestellt wurden.

Wie gefährlich sind die drei neuen Insektengifte?

Die drei neuen Insektengifte bergen eine erhebliche Gefahr nicht nur für Honigbienen, sondern auch für wildlebende Insekten wie Schmetterlinge und Hummeln. Sie sind für Insekten aber nicht nur hochgiftig, sondern wirken zusätzlich auch noch systemisch. Das bedeutet, dass sie von Pflanzen aufgenommen werden und in allen Teilen der Pflanzen verteilt werden. So werden nicht nur Stängel und Blätter von behandelten Pflanzen giftig, sondern auch die Blüten und sogar das Wasser, das Pflanzen über ihre Blätter ausscheiden (Guttation). So kann zum Beispiel eine Rapsblüte noch zur Gefahr für Bestäuber werden, wenn das Rapskorn vor der Aussaat mit Cyantraniliprol behandelt wurde.

Eine verbreitete Messgröße für die Giftigkeit einer Substanz ist der Wert „LD50“. Er beschreibt die Dosis, ab der die Hälfte aller untersuchten Individuen in einem Fütterungsversuch sterben. Je niedriger der Wert, desto giftiger ist ein Wirkstoff für den untersuchten Organismus. Im europäischen Genehmigungsverfahren für Pestizid-Wirkstoffe, das jeder Wirkstoff durchlaufen muss, bevor fertige Pestizidmischungen in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten zugelassen werden dürfen, wird der LD50 Wert für Honigbienen standardmäßig ermittelt und veröffentlicht. Unsere Tabelle zeigt den Wert für die drei Neonicotinoide, die im April von den Äckern verbannt wurden (Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin), die drei neuen Insektengifte Sulfoxaflor, Cyantraniliprol und Flupyradiforun sowie zum Vergleich das seit den 1970er Jahren international geächtete DDT.

Wirkstoff LD50 in Nanogramm
pro Biene
Imidacloprid 3,7
Thiamethoxam 5
Clothianidin 3,8
Sulfoxaflor 146
Cyantraniliprol 400
Flupyradifuron 1200
DDT 27000

Die neuen Wirkstoffe sind also deutlich weniger giftig für Bienen als die Neonicotinoide. Trotzdem sind sie immer noch in extrem geringen Mengen tödlich: Ein einziger Teelöffel mit nur 5 Gramm des Wirkstoffs Cyantraniliprol enthält die LD50-Dosis für 12,5 Millionen Bienen.

Fehlende Daten, Notfallzulassungen und Ausnahmen für Saatgut

Obwohl viel gegen die neuen Insektengifte spricht, wurden sie auf EU-Ebene genehmigt und auch in einigen EU-Staaten sind bereits Pestizidmischungen mit den Wirkstoffen Sulfoxaflor und Cyantraniliprol auf dem Markt.

  • Sulfoxaflor, das vom US-amerikanischen Chemiekonzern DowAgroSciences entwickelt wurde, wurde auf EU-Ebene zugelassen, obwohl wichtige Daten zur Auswirkung auf Honigbienen und andere so genannte Nichtzielorganismen (Organismen, die mit dem Gift nicht bekämpft werden sollen) fehlten. Zwar wurden diese Daten inzwischen nachgereicht, doch eine offizielle Einschätzung der zuständigen Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gibt es dazu bisher nicht. Die EFSA stellte außerdem fest, dass von Sulfoxaflor bei bestimmten Anwendungen ein hohes Risiko für Honigbienen und Langzeitrisiken für kleine pflanzenfressende Säugetiere ausgeht. Trotzdem sind Pestizidmischungen mit Sulfoxaflor inzwischen in mehreren Mitgliedstaaten zugelassen.

    In Frankreich wurde die Zulassung auf eine Klage der Umweltschutzorganisation Générations Futures hin gerichtlich ausgesetzt. Die Begründung: Von dem Insektengift geht ein hohes Risiko für die menschliche Gesundheit und für die Gesundheit von Honigbienen aus. In Deutschland liegen mindestens drei Zulassungsanträge für sulfoxaflorhaltige Pestizide vor. Sulfoxaflor hat den selben Wirkmechanismus wie die kürzlich verbotenen Neonicotinoide.

    Deshalb überrascht es nicht, dass eine neue unabhängige Studie gravierende Auswirkungen von Sulfoxaflor auch für die Dunkle Erdhummel nachweisen konnte. Hummelvölker, die dem Gift in solchen Mengen ausgesetzt waren, wie sie nach dem Ausbringen auf Feldern zu finden sind, hatten weniger als halb so viele Nachkommen wie Völker, die damit nicht in Kontakt kamen.
  • Cyantraniliprol stammt aus dem Hause des ebenfalls US-amerikanischen Konzerns DuPont, der inzwischen mit DowAgroSciences fusioniert hat. Obwohl kein Pestizid mit diesem Wirkstoff in Deutschland genehmigt ist, kommt Cyantraniliprol trotzdem schon zum Einsatz. Möglich machen es sogenannte Notfallzulassungen, die das Ausbringen von Pestizidmischungen erlauben, ohne dass sie das reguläre nationale Zulassungsverfahren durchlaufen haben. Außerdem darf mit Cyantraniliprol behandeltes Saatgut aus EU-Staaten importiert werden, in denen Pestizide mit dem Wirkstoff bereits zugelassen sind. Denn für Saatgut gelten ganz eigene Regeln. In Deutschland liegen mindestens sieben Zulassungsanträge für cyantraniliprolhaltige Pestizide vor.

  • Flupyradifuron wurde vom deutschen Bayer-Konzern entwickelt. Es wurden in noch keinem Mitgliedstaat Zulassungen für Pestizidmischungen mit diesem Wirkstoff erteilt. In Deutschland liegen mindestens fünf Zulassungsanträge für flupyradifuronhaltige Pestizide vor. Auch Flupyradifuron hat den selben Wirkmechanismus wie die kürzlich verbotenen Neonicotinoide.
Keine neuen Insektengifte!

Die Bundesregierung muss jetzt aus den Fehlern lernen, die mit der Genehmigung der Neonicotinoide gemacht wurden. Angesichts des alarmierenden Insektensterbens wäre es völlig verantwortungslos, diese neuen Gifte auf den Markt zu bringen!

Wir fordern deshalb von Umweltministerin Schulze und Agrarministerin Klöckner, Insektengiften mit den Wirkstoffen Sulfoxaflor, Flupyradifuron und Cyantraniliprol die Zulassung in der Bundesrepublik zu verweigern, Notfallzulassungen zu beenden und den Import sowie die Aussaat von Saatgut, das mit den neuen Wirkstoffen gebeizt wurde, zu stoppen.

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