Kein Antibiotika-Missbrauch im Stall!

Reserve-Antibiotika sind Medikamente, die in der Regel auch dann noch wirken, wenn Bakterien gegen herkömmliche Antibiotika Resistenzen entwickelt haben. Obwohl sie eigentlich für human-medizinische Notfälle vorbehalten sein sollten, wird ihre Wirksamkeit durch den massenhafen Einsatz in der Tiermast gefährdet.

Ein neues Gesetz sollte diesen Medikamentenmissbrauch im Stall eigentlich beenden. Doch nun droht eine Aufweichung der Verordnung, mit der die Gabe von Reserve-Antibiotika in der Tierhaltung auch in Zukunft möglich wäre. Fordern Sie deshalb jetzt vom Landwirtschafts- und Gesundheitsministerium, Reserve-Antibiotika endlich wirksam aus den Ställen zu verbannen!

 

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Kein Antibiotika-Missbrauch im Stall!

Puten in der Massentierhaltung (PublicDomainImages /Pixabay)

Puten in der Massentierhaltung (PublicDomainImages /Pixabay)

Die Corona-Krise hat gezeigt, wie verletzlich unser Gesundheitssystem ist und welche Gefahren von einzelnen Viren für uns Menschen ausgehen. Gegen Bakterien, die ebenfalls schwere Krankheiten verursachen können, sind Antibiotika bisher eine wirksame Waffe. Doch diese Waffe droht zu einem stumpfen Schwert zu werden, da immer mehr Bakterien unempfindlich gegenüber Antibiotika werden.

In Europa sterben nach Angaben der Europäischen Seuchenbehörde ECDC jedes Jahr mehr als 33.000 Menschen an Infektionen mit resistenten Keimen, gegen die kein Antibiotikum mehr wirkt. Um diese höchst beunruhigende Entwicklung zu stoppen, ist es wichtig, Antibiotika nur dort einzusetzen, wo es wirklich nötig ist.

Massiver Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung
In der Massentierhaltung werden zahlreiche Antibiotika eingesetzt (Foto: StockSnap / Pixabay)

In der Massentierhaltung werden zahlreiche Antibiotika eingesetzt (Foto: StockSnap / Pixabay)

Was dabei untergeht: Der oft sorglose Umgang mit Antibiotika in der Humanmedizin ist nur die Spitze des Eisberges. Der mit Abstand größte Einsatz von Antibiotika findet in Deutschland in der Tierhaltung statt. Mit 670 Tonnen im Jahr 2019 wurde dort fast doppelt so viel Antibiotika verabreicht wie in der Humanmedizin. Zwar hat sich der Einsatz von Antibiotika bei Masttieren innerhalb der letzten 20 Jahre deutlich reduziert, doch die Mengen sind nach wie vor viel zu hoch.

Besonders problematisch ist der Einsatz von sogenannten Reserve-Antibiotika. Das sind Medikamente, die eigentlich für humanmedizinische Notfälle vorbehalten sein sollten, wenn gegen eine bakterielle Erkrankung kein herkömmliches Antibiotikum mehr hilft. Trotzdem werden diese wichtigen Wirkstoffe auch in der Nutztierhaltung eingesetzt. Bei Masthühnern und -puten liegt der Anteil an Reserve-Antibiotika bei rund 40 Prozent der jeweiligen Verbrauchsmenge.

Dass in der Tierhaltung so große Mengen Antibiotika benötigt werden, liegt an den katastrophalen Haltungsbedingungen: Viel zu viele Tiere werden auf viel zu engem Raum gehalten. Die meisten Tiere haben ihr Leben lang keinen Auslauf an der frischen Luft, sehen kein natürliches Tageslicht, haben keine Beschäftigungsmöglichkeiten, können ihre arteigenen Verhaltensweisen nicht ausüben und erhalten kein artspezifisches Futter. Eine hohe Erkrankungsrate der Tiere ist die Folge.

Auf Hähnchenfleisch finden sich häufig resistente Keime (Foto: Alexas_Fotos / Pixabay)

Auf Hähnchenfleisch finden sich häufig resistente Keime (Foto: Alexas_Fotos / Pixabay)

Da in der Massentierhaltung, vor allem bei Geflügel, die gezielte Behandlung einzelner erkrankter Tiere schwierig bis unmöglich ist, werden Antibiotika und andere Medikamente in der Regel dem gesamten Tierbestand im Stall verabreicht. Die Bildung von resistenten Keimen wird dadurch begünstigt. Diese werden nicht nur direkt vom Tier auf den Menschen und umgekehrt übertragen, sondern gelangen auch über Gülle und Fleisch in die Umwelt. Bei einer kürzlich veröffentlichten Studie der Organisation Germanwatch war mehr als jede zweite untersuchte Probe von Hähnchenfleisch mit Keimen belastet, die gegen Reserve-Antibiotika resistent sind.

Verordnung mit Schlupflöchern

Die Politik ist sich der ernsthaften Gefahr, die von multiresistenten Keimen aus Tierställen ausgeht, durchaus bewusst. Um diese einzudämmen wurde 2018 eine neue Tierarzneimittelverordnung auf den Weg gebracht, die 2022 in Kraft treten soll. Sie sieht ein Verbot von Reserve-Antibiotika in der Tierhaltung vor. Doch der Entwurf für die Umsetzung im Detail enthält Ausnahmen: Der Einsatz soll gestattet sein, wenn ein Tier von einer ernsthaften Erkrankung oder dem Tod bedroht ist. Begründet wird das mit dem Tierwohl und damit, dass kranke Tiere ein Recht auf eine bestmögliche medizinische Versorgung haben. Unter normalen Umständen wäre eine solche Argumentation vernünftig und richtig. Vor dem Hintergrund des massenhaften Leids in der industriellen Tierhaltung, die nur durch den Missbrauch von Medikamenten aufrechterhalten werden kann, ist sie jedoch nur als zynisch zu bezeichnen. Eine artgerechte Haltung ist der Schlüssel für mehr Tierwohl und würde den Einsatz von Medikamenten, die eigentlich für Notfälle in der Humanmedizin vorbehalten sein sollten, weitgehend überflüssig machen. In der Realität wird diese Ausnahme also zum Schlupfloch für den weiteren massenhaften Einsatz von Reserve-Antibiotika in der Tiermast.

Petrischalen (Foto: WikiImages | Pixabay)

Petrischalen (Foto: WikiImages | Pixabay)

Derzeit berät die EU-Kommission gemeinsam mit den Mitgliedstaaten über die Durchführungsverordnung zur Tierarzneimittelverordnung. Wir fordern von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, sich gegen den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tierhaltung auszusprechen und sich für einen Wandel hin zu einer artgerechten Tierhaltung einzusetzen.

Auch Gesundheitsminister Jens Spahn sollte sich dringend in die Beratungen einbringen, da der Kampf gegen resistente Keime entscheidend für die Humanmedizin ist und damit nicht allein in der Verantwortung des landwirtschaftlichen Sektors liegen sollte. Schreiben Sie jetzt an Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und Gesundheitsminister Jens Spahn, damit der Einsatz von Reserve-Antibiotika in der Tierhaltung beendet wird und unsere Nutztiere endlich artgerechter gehalten werden!

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