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Hoher Einsatz von Tierarzneimitteln fördert multiresistente Keime

Antibiotika im Stall

Keine Massentierhaltung ohne Medikamente
Sehr viele Hühner in Bodenhaltung

In der Bodenhaltung leben tausende Hühner dicht an dicht in einem geschlossenen Gebäude. Ansteckungsgefahr: Sehr groß.
© branex / Fotolia

In der industriellen Tierhaltung werden die Tiere an die Haltungsform angepasst. Auf möglichst wenig Platz, in möglichst kurzer Zeit und mit möglichst wenig menschlicher Arbeitskraft sollen sie wachsen, Milch geben oder Eier legen. Schnelle und hohe Leistung ist das wichtigste Kriterium für die Zucht und darauf ist die Fütterung ausgelegt. Dazu kommen die enge Haltung vieler Tiere in einem Stall und die hygienischen Zustände. Diese Haltung macht die Tiere krank.

Diese Form der Tierhaltung funktioniert nicht ohne Medikamente. Antibiotika, Mittel gegen Parasiten, Hormone, Psychopharmaka und Schmerzmittel sind Alltag in den Ställen. Ohne sie würden die Tiere in dem System nicht "funktionieren". Wer dagegen Tiere gesund und tiergerecht hält, kommt mit sehr viel weniger Medikamenten aus. Die Auseinandersetzung um Tierarzneimitteln ist daher eine Auseinandersetzung um das System der Tierhaltung insgesamt. Und sie ist dringend notwendig, denn der massive Einsatz von Arzneimitteln in den Ställen bedroht zunehmend auch die Gesundheit der Menschen.

Uns droht eine Welt ohne wirksame Antibiotika
Bakterien

Ohne wirksame Antibiotika fehlt uns das wichtigste Mittel zur Bekämpfung bakterieller Krankheitserreger.
© Sebastian Kaulitzki / Fotolia

Antibiotika sind Medikamente, die Bakterien und andere Mikroorganismen hemmen oder töten. Ihre Entdeckung und Nutzung war einer der wichtigsten Fortschritte in der Medizin und führte zum Sieg über viele zuvor tödliche Krankheiten. Doch die Lebensdauer eines Antibiotikums ist begrenzt: Die Mikroorganismen passen sich mit der Zeit an die Wirkstoffe an und werden so resistent. Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind, werden ein immer größeres Problem. Wer sich mit multiresistenten Keimen infiziert, gegen die kein gängiges Antibiotikum mehr hilft, kann sogar an einfachen Infektionen sterben. Uns droht ein post-antibiotisches Zeitalter.

Neben der zu laxen Vergabe von Antibiotika durch Ärzte und Ärztinnen ist der hohe Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung der wichtigste Grund für die Zunahme multiresistenter Keime. Der Antibiotikaeinsatz in den Ställen ist besonders geeignet, Resistenzen entstehen zu lassen. Denn Medikamente werden dort weniger gezielt vergeben als in der Humanmedizin. Oft werden auch Tiere mitbehandelt, die nicht krank sind, wenn sie den Stall wechseln oder mit kranken Tieren in einer Gruppe leben (Metaphylaxe). Antibiotika werden auch zur Krankheitsvorbeugung pauschal an gesunde Tiere vergeben (Prophylaxe). Insgesamt werden so mehr Antibiotika an gesunde Tiere vergeben als an kranke Menschen.

In Deutschland wurden 2011 über 1.700t Antibiotika an Tiere verabreicht. Das ist die dreifache Menge wie in der Humanmedizin. In den Jahren darauf ging die reine Menge auf fast 1.250t zurück. Doch zugleich stieg der Einsatz von besonders wirksamen Reserveantibiotika in der Tierhaltung deutlich an. Diese sollten für die Behandlung bestimmter Krankheiten bei Menschen vorbehalten sein.

Das Problem besteht international: In den USA werden ca. 80% aller Antibiotika an Tiere vergeben und nur 20% an Menschen. Anders als in der EU ist dort auch der Einsatz von Antibiotika zur Wachstumsförderung zugelassen. In Europa haben die Niederlande in den letzten Jahren erste Maßnahmen ergriffen, um den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung besser zu kontrollieren. In Dänemark besteht bereits seit längerem ein großes Bewußtsein für das Problem. Gerade diese beiden Länder haben eine sehr hohe Tierdichte und trotz einiger sinnvoller Regeln nach wie vor Probleme mit resistenten Keimen in den Ställen.

Die Dealer im Stall

Während in der Humanmedizin die Ärztinnen und Ärzte keine Medikamente verkaufen, sondern ihre PatientInnen dafür in die Apotheke schicken, können TierärztInnen am Verkauf von Tierarzneimitteln verdienen. Je nach Region und Tierart macht das einen signifikanten Anteil des Einkommens aus. So verdienen zum Beispiel in den Niederlanden TierärztInnen bei Hühnern 25% ihres Einkommens durch Antibiotikabehandlungen. So entsteht ein Anreiz, möglichst viele Medikamente zu verschreiben. Daran sind jedoch nicht die Tierärzte und Tierärztinnen schuld, sondern die Politik, die diesen Fehlanreiz schafft.

Schwarze Schafe unter den VeterinärInnen nutzen das als Möglichkeit, sehr viel Geld zu verdienen und betreiben eher einen Versandhandel mit Medikamenten als eine Tierarztpraxis. Diese Dealer im Stall "behandeln" Tiere deutschlandweit mit kiloweise Antibiotika. Sie sind die idealen PartnerInnen einer Landwirtschaft, die von den Produkten der pharmazeutischen und chemischen Industrie abhängig geworden ist.

Weil in den Ställen multiresistente Keime herangezüchtet werden, zählen LandwirtInnen und TierärztInnen heute in den Krankenhäusern als Risikofälle. Sie tragen häufig mutliresistente Keime auf der Haut oder im Körper und können sie in die Kliniken einschleppen.

Neue Europäische Regeln für Tierarzneimittel

© Henner Damke / Fotolia

Die EU-Kommission hat Ende 2014 Vorschläge für ein neues europäisches Tierarzneimittelrecht präsentiert. Da Tiere, tierische Produkte und sogar Gülle im europäischen Binnenmarkt grenzüberschreitend gehandelt werden, ist es sinnvoll, die Zulassung und den Einsatz von Tierarzneimitteln auf europäischer Ebene zu regeln.

Doch die Kommission möchte die Verfügbarkeit von Tierarzneimitteln verbessern und den Vertrieb erleichtern. Mehr und nicht weniger Medikamente im Stall sind das Ziel ihrer Verordnungsvorschläge, die somit in die völlig falsche Richtung gehen.

Tierarzneimittel und ihre Abbauprodukte geraten aus den Ställen auch in den Boden und ins Wasser. Lesen Sie hier, wie die industrielle Tierhaltung unser Trinkwasser verschmutzt.

Die Haltungsbedingungen sind der Hauptgrund für den hohen Arzneimitteleinsatz in den Ställen. Lesen Sie hier, wie diese organisierte Tierquälerei bei den verschiedenen Tierarten aussieht.

Oktober 2015
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Die Aufkleber zur Kampagne für eine giftfreie Landwirtschaft.

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Ökolandbau - Naturschutz und gesunde Lebensmittel

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Agrarindustrie - welchen Preis zahlt unser Essen?

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