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Atommüll

Ein ungelöstes Problem

Nach mir die Sintflut

Zu Beginn der Atomenergienutzung vor 60 Jahren träumte man von unendlich viel und billigem Strom. Das bisschen Atommüll, das dabei anfällt, könnte man ins Weltall schießen oder im Meer versenken. Bis heute ist tonnenweise radioaktiver Atommüll angefallen, der sicher gelagert und zum Teil über eine Million Jahre von der Biosphäre abgeschirmt werden muss. Ein geeignetes Endlager dafür gibt es bis heute weltweit nicht.  

Tatsächlich war die Entsorgung von Atommüll ins Meer jahrzehntelange Praxis. Erst 1994 wurde die Verklappung von Feststoffen verboten. Staaten, darunter auch Deutschland, versenkten im Nordostatlantik etwa 115.000 Tonnen Atommüll. Auch im Ärmelkanal, vor der portugiesischen und der süditalienischen Küste, in der Adria und dem Tyrrhenischen Meer liegt Atommüll auf dem Grund. Die Fässer rosten, viele sind leck, Radioaktivität entweicht ins Meer.

Atommüllproduktion fängt beim Uranabbau an

© africa / Fotolia.de

Atommüll fällt bereits beim Uranabbau an. Für eine Tonne Brennelemente sind 133.000 Tonnen Uranerz nötig, wovon etwa 90 Prozent als strahlender Mülls vor Ort auf Halden verbleibt und Flüsse, Grundwasser und letztlich die Menschen verseucht.  

Meist findet in der Nähe des Bergwerks die Uranaufbereitung statt, wo aus dem Erz das Uran extrahiert und zu so genanntem Yellowcake verarbeitet wird. Zurück bleiben giftige Schlämme, die noch bis zu 85 Prozent der ursprünglichen Radioaktivität enthalten, dazu noch Schwermetalle, Arsen und chemische Zusatzstoffe. Die giftigen Stäube verteilen sich mit dem Wind und tragen zur Kontamination von Mensch und Umwelt bei.  

Im nächsten Schritt, der Urananreicherung, wird das Yellowcake in das hochgiftige, chemisch aggressive Uranhexafluorid (UF6) umgewandelt. Bei der Anreicherung entsteht als Reststoff abgereichertes Uran (DU, depleted uranium), das als panzerbrechende Munition für militärische Zwecke missbraucht werden kann. In den Golfkriegen wie auch im Balkan, vermutlich auch in Afghanistan und Libyen, wurde DU eingesetzt.

Atommüllproduktion im AKW

Hochradioaktive Abfälle

Im Mittel produziert ein AKW pro Jahr gut 30 Tonnen hoch radioaktiven Abfall. In Deutschland sind bis Ende 2012 knapp 14.700 Tonnen Schwermetall in Form von bestrahlten Brennelementen angefallen, laut Angaben des Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) 6670 Tonnen. Davon sind  6230 Tonnen in die Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) nach La Hague in Frankreich und Sellafield in Großbritannien gegangen, die restlichen 440 Tonnen wurden in „sonstige Anlagen“ im europäischen Ausland, z.B. Belgien, Schweden oder Ungarn, "entsorgt". Bisher sind also mehr als 8000 Tonnen abgebrannter Brennelemente endzulagern.

Dazu kommt noch eine prognostizierte Menge von weiteren 2550 Tonnen aus dem Betrieb der noch laufenden AKWs. Insgesamt muss Deutschland also 10.550 Tonnen Schwermetall aus Brennelementen endlagern. Zählt man die Abfälle, die noch aus der Wiederaufarbeitung zurück kommen, aus den Forschungsreaktoren, den Konditionierungsanlagen, den Versuchsreaktoren Hamm/Uentrop und Jülich dazu, ergibt sich eine Gesamtmenge von gut 14.300 Tonnen Schwermetall, das entspricht einer Volumenmenge von 28.100 Kubikmetern.  

Schwach- und mittelaktive Abfälle

Der Anteil der schwach- und mittelaktiven Abfälle am Gesamtanteil ist mit etwa 90 Prozent deutlich größer als die hoch aktiven Abfälle. Das Bundesamt für Strahlenschutz gibt die Menge an schwach und mittelaktiven Abfällen hochgerechnet bis zum Jahr 2050 mit gut 300.000 Kubikmetern an, für die vor allem das geplante Endlager Schacht Konrad vorgesehen ist.

Bayerischer Anteil

© Hacker / AKW Gundremmingen

In Bayern sind noch vier AKWs von insgesamt neun in Deutschland am Netz: Grafenrheinfeld, das 2015 vom Netz geht, Gundremmingen mit zwei Blöcken, wovon Block B 2017 und Block C 2021 abgeschaltet werden, und Isar 2, das bis 2022 am Netz bleiben wird. Dazu kommt das nach Fukushima stillgelegte AKW Isar 1, wo noch immer der gesamte entladene Kern mit 1734 Brennelementen im Abklingbecken lagert. Dieses liegt wie in Fukushima außerhalb des Containments unter dem Dach und ist damit völlig unzureichend vor Flugzeugabsturz oder Terrorattacken geschützt.

Bis Ende 2012 sind in Bayern insgesamt 3753 Tonnen Schwermetall, resultierend aus 16.269 Brennelementen angefallen. Dies geht aus der Antwort des bayerischen Umweltministeriums auf eine SPD-Anfrage im Mai 2013 hervor. Bekanntlich hält die Stadt München 25 Prozent Anteile am AKW Isar 2, d.h. München ist also für ein Viertel aller radioaktiven Abfälle aus Isar 2 mitverantwortlich.

Bayerns kritischer Sondermüll

Brisant sind die Abfälle des Forschungsreaktors FRM-II in Garching bei München, der entgegen internationaler Vereinbarungen mit hochangereichertem und damit waffenfähigem Uran gefahren wird. Zu Menge und Lagerort der abgebrannten Brennelemente aus dem FRM-II werden vom Umweltministerium aufgrund des waffenfähigen Brennstoffs keine Angaben gemacht.

Der deutsche Entsorgungsweg

© tiero / Fotolia.de

AKW-Betreiber in Deutschland müssen gemäß Atomgesetz einen "Entsorgungsnachweis" vorlegen, der eine "schadlose Verwertung" oder "geordnete Beseitigung radioaktiver Abfälle" garantiert. Bis 2005 hat dafür der Weg in die Wiederaufarbeitung gegolten. Dahinter stand die "Recycling-Idee": Uran und Plutonium werden separiert, aber nur ein kleiner Teil wird zu Mischoxid-Brennstoff (MOX) verarbeitet und in Reaktoren wieder eingesetzt. Der Rest ist giftiger Abfall, der nicht wiederverwertet werden kann und endgelagert werden muss.

Nach Ausstieg aus der Wiederaufarbeitung wurden die AKW-Betreiber gesetzlich verpflichtet, an jedem AKW-Standort ein Zwischenlager für die abgebrannten Brennelemente zu errichten, die nach einer Abklingzeit direkt endgelagert werden sollen.

Atommülllager in Deutschland

© Hacker / Demo Grafenrheinfeld 2013

„Geerbt“ hat die Bundesrepublik das Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben in Sachsen-Anhalt, wo seit Anfang des Jahrtausends kein weiterer Abfall mehr eingelagert wird, nachdem Teile der Grube einstürzten. Schließlich gibt es noch das „Versuchsendlager“ Asse II in Niedersachsen, das durch Laugenzuflüsse und fehlende Standsicherheit für radioaktive Abfälle völlig ungeeignet ist und äußerst schlampig betrieben wurde. Geplant ist, alle darin gelagerten Fässer zurückzuholen, was ein schwieriges Unterfangen wird.  

Für die Endlagerung schwach- und mittelaktiver Abfälle ist das ehemalige Erzbergwerk Schacht Konrad in Niedersachsen geplant. Ursprünglich sollte das Lager 2013 fertig sein, inzwischen heißt es frühestens in 2021. Klar ist, dass dort weder Abfälle aus der Asse noch aus Gronau eingelagert werden können.  

Weiter gibt es drei zentrale Zwischenlager in Deutschland: In Gorleben, ein Transportbehälterlager, wo u.a. die rückgeführten Castoren aus La Hague lagern, und ein Fasslager mit Abfällen aus allen deutschen AKWs; weiter das Transportbehälterlager in Ahaus und das Zwischenlager Nord in Mecklenburg-Vorpommern.  

Es gibt noch eine Reihe von kleineren Zwischenlagern von Nuklear-Firmen, wovon zwei in Wohngebieten liegen: eines in Duisburg, und eines in Braunschweig, das nicht nur in einem Wohngebiet, sondern auch noch neben einem Schulzentrum und in der Einflugschneise des nur drei Kilometer entfernten Flughafens angesiedelt ist.  

Weiter gibt es das Zwischenlager Mitterteich in Bayern, das zugleich die Landessammelstelle Süd ist, und verschiedene kleinere Landessammelstellen, u.a. in Neuherberg bei München. Dazu kommen sämtliche Standort-Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente, die jeweils an den AKW-Standorten errichtet wurden.

Atommüll auf Hausmülldeponien

Mit dem Rückbau der AKWs fallen Unmengen von radioaktiv verseuchtem Bauschutt an: Acht Millionen Tonnen radioaktiv belasteter Abfälle, wobei der größte Teil auf Deponien, zum Teil aber auch im Straßenunterbau oder als Metallschrott in alltäglichen Produkten landen können. Dafür sind in der Strahlenschutzverordnung von 2001 bereits "Freigabewerte" festgelegt worden, die vorsorglich deutlich erhöht wurden. Bürgerinnen und Bürger aus dem Neckar-Odenwaldkreis protestieren seit Herbst 2013 gegen die Einlagerung von 2400 Tonnen Bauschutt aus dem AKW Obrigheim in einer Hausmülldeponie. Auch wenn der Schutt „freigemessen“ wurde und die Radioaktivität unter den (teils hohen) Grenzwerten liegt, wollen Bürger und Kommunen das Material nicht in normalen Deponien haben. Verständlich.

Endlager – wo bist du?

© Jean-marc RICHARD / Fotolia.de

Für hochaktive Abfälle war bislang Gorleben in Niedersachsen als Endlager vorgesehen. Aufgrund jahrzehntelanger Proteste gegen diese politische Entscheidung wurde nun ein neuer Endlagersuchprozess gestartet. Einigkeit besteht, dass der Müll in tiefen geologischen Formationen eingelagert werden muss. Infrage kommen grundsätzlich Steinsalz, Tongestein und kristallines Gestein wie Granit. In Deutschland sucht man vorrangig in Salz oder Ton.

Im Norden Deutschlands gibt es eine Reihe von möglichen Salz- und Tongestein-Formationen. Als möglicher Standort im Süden kommt ein Gebiet mit Tongestein zwischen Baden-Württemberg und Bayern infrage. Es ist nicht klar, ob ein Endlager ausreichen wird. Dagegen ist heute schon klar, dass die Zwischenlager an den AKW-Standorten zu „Langzeit-Zwischenlagern“ werden. Die Lager wurden für 40 Jahre genehmigt, doch die Frist wird nicht reichen, eine Verlängerung der Genehmigung wird nicht ausbleiben. Als Dauerlösung sind die Zwischenlager ungeeignet, da die hoch aktiven Abfälle oberirdisch in ungenügend geschützten Hallen lagern.  

Die Endlagersuche ist brisant. Niemand will das strahlende Erbe vor der Haustür haben. Deshalb muss die Atommüllproduktion unverzüglich gestoppt werden. Denn mit jedem Tag Atomstromproduktion vergrößert sich der für Jahrtausende strahlende Müllberg.

Münchner Stadtgespräche Nr. 67 "Atommüll - Ein ungelöstes Problem", Dez. 2013,
aktualisiert Sept. 2014
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